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Grimes – Miss Anthropocene

Die Kunstfigur Grimes von Musikerin, Produzentin und Künstlerin Claire Boucher war schon immer schwer zu greifen. Das ändert sich mit dem neuen Konzeptalbum Miss Anthropocene nicht. Als Klimawandel-Göttin hält Grimes den Menschen hier mit futuristischen Sounds zwischen Electro, Art Pop und Industrial einen Spiegel vors Gesicht. Der Titel nimmt Bezug auf die Anthropozän-Epoche, in der der Mensch als wichtigster Einflussfaktor auf die Prozesse der Erde gilt.

Grimes – Miss Anthropocene

Und das hört sich bei Grimes oft düster an, wie auf dem Track Darkseid. Hier nimmt sie mit Trap-Beat, effektbeladener Stimme und Sprachsamples und den Worten „unrest is in the soul, we don’t move our bodies anymore“ Stellung und spricht eine allgemeine Müdigkeit und Lethargie der Gesellschaft an. Der Song klingt durch die spacige Atmosphäre und futuristische Produktion außerweltlich. Die Sounds erinnern an große Räume, die durch Grimes säuselnde, wortlose Passagen anschwellen und wieder abklingen. Sie lässt den Titel reduziert enden und eine Akustik-Gitarre setzt ein.

Damit beginnt der Song Delete Forever und das Riff kommt einem bekannt vor, weil es an Oasis’ Wonderwall erinnert. Grimes singt hier mit voller, tiefer Stimme über die menschliche Selbstzerstörung durch Opiate. Durch die Akustik-Gitarre wirkt das Lied fast poppig und Grimes Gesangsmelodie ist simpel und wiederholt sich. Im Musikvideo, bei dem sie Regie führte, sieht man die Künstlerin mit leuchtend gelb-blauen Haaren auf einem Thron sitzend. Dass sie kein Avatar und ihr Gesicht menschlich ist, macht sie nahbarer als sonst. Doch auch im humanen und analogen Gewand wird Grimes Musik nicht langweilig. Das Lied baut sich immer weiter auf – hört man am Anfang die bekannte Akustikgitarren-Akkordfolge, mischen sich zuletzt Geigen- und Banjo-Klänge unter die gesampelte Brit-Rock Hymne. Obwohl das nach einer Country-Besetzung klingt, schwingt auch hier etwas Überweltliches mit. Seien es kurze Effekte, verzerrte Drumschläge oder die wenigen, gesampelte Singschleifen. Dass Grimes nicht von dieser Welt und dem Pop-Zirkus immer einen Schritt voraus ist, beweist sie auch mit ihrem fünften Album.

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Pearl Jam – Gigaton

Pearl Jam - Gigaton

Pearl Jam gehören zu den wenigen Grunge- und Hardrock-Bands aus Seattle, die seit 30 Jahren live auftreten und aktiv sind. Zuletzt veröffentlichten sie ihr elftes Studioalbum Gigaton, das in Teilen ungewohnt genreübergreifend ist. Sieben Jahren nach ihrem letzten Album überraschen die Musiker mit elektronischen Einflüssen, die sie mit der Singleauskopplung von Dance of the Clairvoyants betonen. Hier bauen sie Assoziationen zu New Wave, Dance und Funk auf und die Musik ist für Pearl Jam-Verhältnisse ungewohnt heruntergeschraubt . Ein hartes Gitarrenriff und ausschweifende Drumpassagen wären aber auch fehl am Platz. Dance of the Clairvoyants überzeugt durch seine minimalistischen Strukturen, einen groovigen Bass und den im Vordergrund stehenden Gesang von Frontmann Eddie Vedder.

Auch wenn Fans der Band in sozialen Netzwerken darüber streiten und behaupten, Pearl Jam würde hier zu modern klingen: Dass sich eine Band, die 30 Jahre mehr oder weniger einen Musikstil verfolgte, nun an neue Richtungen heranwagt, ist nicht verwerflich. Der neue Einfluss, das „Bunter-Gefächerte“ kommt dem Album vielmehr zugute. Traditionellere Fans sollten gleichwohl nicht enttäuscht sein, denn es gibt genügend Hardrock im Sinne der „alten“ Pearl Jam auf Gigaton.

Der Song Superblood Wolfmoon schraubt das Energielevel zum Beispiel hoch, indem er mit einem treibenden Schlagzeugbeat anfängt, auf den eine rockige Gitarre folgt und Fedder schließlich in Staccato mit seiner röhrenden Stimme einsetzt. Die Passagen, in dem er lediglich „na na na“ singt, lockern das aufbrausende Stück auf. Das Highlight der Rock-Hymne ist ein fulminantes Gitarrensolo, in dem Gitarrist Mike McCready die Saiten bis aufs äußere in die Länge zieht und verzerrt aufjaulen lässt. Hier beweisen Pearl Jam, dass sie ihr Gefühl für Rock noch lange nicht verloren haben. Man kann sich also auf die Europa-Tour freuen, die durch die Pandemie ins nächste Jahr verschoben wurde. Live wird das Ganze dann bestimmt noch besser.

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The Strokes – The New Abnormal

The Strokes - The new Abnormal

Nach sieben Jahren haben The Strokes wieder ein Album auf den Markt gebracht. Das Cover des Künstlers Jean-Michel Basquiat ist eine Hommage an die New Yorker Heimat der Rocker und der Titel The New Abnormal wurde noch vor der Coronavirus-Krise gewählt – er könnte inmitten der Pandemie aber nicht passender sein. Die Musik aus mechanischen Drums, spielerischen Gitarrenpassagen und einem soft-spoken Julian Casablancas am Mikrofon trifft weniger den Zeitgeist, aber man kann ihr einiges abgewinnen. Die Platte beginnt mit dem ruhigen The Adults Are Talking, bei dem es mit minimalistischen Drums vor sich hinplätschert und die Band erst gen Ende aufdreht. Hier übertragen sich mit Snare-Wirbeln im Schlagzeug und einer plötzlich verzerrten Stimme die eigentlich trotzigen Worte des Sängers auch auf die Musik – Casablancas singt nämlich von verlogenen Stockholders, der Business-Welt und einer Gesellschaftsschicht, der er nicht traut.

Auch im zweiten Song Selfless verspürt man eher die Tendenz, dass The Strokes sich in ihrer verträumten Soundwolke musikalisch wohl fühlen und die aggressiveren Effekte der Vorgänger-Alben hinter sich gelassen haben. Vielleicht liegt es am Älter-Werden (Casablanca singt hier „Life is too short“), aber es scheint, dass die Strokes auch gar nicht die Intention haben, eine musikalische Revolution mit dem Album zu starten. Der Song Why are Sundays so Depressing bricht durch seinen ungewöhnlichen Songverlauf etwas heraus und klingt unerwartet. Die Strophe unterscheidet sich deutlich vom Chorus und man vermisst zuerst das Einheitliche der anderen Songs. Hört man das Lied aber öfter, lernt man die Passagen immer mehr zu schätzen, in denen die Strokes mit einem laufenden Bass und zwei typischen Strokes-Gitarren überzeugen, die über beide Lautsprecher mit akzentuierten Akkorden Ping Pong spielen zu scheinen.

Wenn man durch den überraschenden Durchbruch der Band Anfang der 2000er-Jahre und das damit verursachte Revival des Garage Rock in der Musikszene hohe Erwartungen an das neue Album hatte, wird man vielleicht enttäuscht. Hört man die Songs aber ohne diese Hintergedanken, kann man Gefallen an der spielerischen Sorglosigkeit finden, die sich hier musikalisch überträgt.

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