Plattenkritik: Good Flying Birds | Rosalia | Sharp Pins
Eingängig eigenständig
von Lorina Speder
Good Flying Birds – Talulah’s Tape
Noisy Gitarrenpop aus dem mittleren Westen der USA kann so erfrischend klingen: Auf dem Debütalbum Talulah’s Tape der Good Flying Birds mischen sich fetzige Riffs mit säuseligem Gesang und belebten Instrumentensoli. Kellen Baker, Frontman der Band, nahm die Songs zwischen 2021 und 2024 per Tape Recording auf. Mit seiner Band gewann die Musik von Talulah’s Tape live dabei immer mehr Fans. Dass das Album nach dem Release auf Kassette Anfang des Jahres nun auch offiziell als Album auf allen Plattformen veröffentlicht wurde, verbreiterte die Fanbase der Band nochmals.
Los geht das Album mit dem beschwingten „Down on Me“. Hier mischen sich fuzzy Gitarren, ein laufender Bass und Gesang, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Der Song endet mit einem flotten Gitarrensolo, das an die Anfangszeit der Beatles erinnert. Dass zwischen den Songs gesprochen wird, die Tracks manchmal erst nach zwei Anläufen beginnen – all das gibt der Platte genau jene DIY-Attitüde, die bei den Good Flying Birds durschimmert und die Stärke der Band ist.
Bei „I Care For You“ beginnt erst ein Solo-Drum-Beat, dann bricht dieser ab und der Song geht mit etwas langsameren Tempo los. Hier klingen die unverzerrten Gitarren besonders glasig – die höhenlastigen Akkorde und die Riffs bleiben so im Ohr. Weil der Gesang simpel strukturiert ist, gibt das den Gitarren noch mehr Energie.
Auch in Songs wie „Eric’s Eyes“ überzeugt das Gitarrenspiel. Neben einer Solo-Gitarre, die durchgehend melodiös spielt, hört man verzerrte Akkorde einer weiteren E-Gitarren. Das Schlagzeug wirbelt auf der Snare und vermittelt dem Song gefühlt immer wieder einen Schubser nach vorne. Die Stimme, hier mit einem leichten Megafon-Effekt belegt, integriert sich in die Soundwelt und lässt den Instrumenten durch längere Pausen Platz zum Glänzen. Gen Ende gibt es wieder ein Gitarrensolo, doch diesmal steht dieses nicht im Vordergrund und reiht sich in den noisy Sound des Songs ein. Für Liebhaber der 90s Jahre und DIY-Aufnahmen ist das Album ein wahrer Genuss!
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Rosalia – LUX
13 verschiedene Sprachen in den Lyrics, klassische Instrumente und poppige Melodien – der spanische Star Rosalia hat mit dem neuen Album LUX alle überrascht. Was vorher beatlastige Hits im Reggaeton-Stil waren, sind auf der neuen Platte opernartige Stücke, die mit Flamenco-, Rumba- und Pop-Einflüssen trotz komplexeren Melodien im Ohr bleiben.
Das knapp 50-minütige Album beginnt mit sanften Klaviertönen. Dabei benutzt das Intro „Sexo, Violencia y Llantas“ den Akkord, mit dem Rosalias Vorgängeralbum Motomami endete. Wie in einer Overtüre werden in dem Intro die Themen des Albums mit Pathos, tiefen Streichertönen, zartem Gesang und später einem Chor beschrieben. Dabei stellt Rosalia die offene Frage, „wer zwischen den beiden leben“ könne. Dass es auf dem Album um Beziehungsthemen geht, ist hier schnell erkannt.
Das beschwingte darauffolgende Stück „Reliquia“ überzeugt mit einer poppigen Gesangsmelodie, tänzelnden Violinen und später einsetzenden Electro-Bass-Akzenten. Hier vermischen sich Pop, Klassik, Beats und zum Ende Synthies auf so natürliche Weise, dass man sich Rosalias Musik gar nicht anders vorstellen kann.
Die erste Single „Berghain“ ist ein weiteres Beispiel für Rosalias Stilmix: Hier zeigen die Musikerinnen und Musiker vom London Symphony Orchestra, was sie können. In einer mächtigen musikalischen Darbietung, bei der Pauken, Streicher und Bläser auf Hochtouren spielen und an Vivaldi erinnern, singt Rosalia mal wie eine Opernsängerin, mal poppig. Der Chor zitiert einen deutschen Text und die dazu passenden Streicher-Akzente lassen das Stück besonders dramatisch wirken – auch die lange Pause vor dem Gastauftritt von Björk trägt weiterhin zur Dramatik bei. Am Ende erklingt die verzerrte Stimme von Yves Tumor, was den Song furchtlos und experimentell abrundet.
Dass Rosalia mit ihrem Album Grenzen sprengt, so schöne wie ungewöhnliche Melodien singt, den Pop unserer Zeit ausweitet in die Klassik und dabei ein großes Publikum erreicht, deutet bereits darauf hin, was für ein Meisterwerk „Lux“ ist – unbedingt reinhören.
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Sharp Pins – Balloon Balloon Balloon
Mit Balloon Balloon Balloon von Sharp Pins kommen neue Melodien in die Welt. Die Platte ist ein nostalgischer Ritt in den Power-Pop der 60er Jahre, der gute Laune versprüht. Kai Slater, der hinter dem Projekt steckt, ist teil der Chicago Musikszene, in der er sich mit Sharp Pins neben Bands wie Horsegirl einen Namen machte. Seine Musik erinnern jedoch eher an die britische Musikszene vor gut 60 Jahren mit einem interessanten Twist.
Die eingängigen Melodien seiner neuen Platte ziehen sich durch die Songs der Platte und klingen wie beste Jingle-Musik – ganze 21 Tracks werden geboten. Dazwischen gibt es aber auch einige experimentelle Interludes – betitelt als drei „Balloons“ erklären sie auch den Album-Namen: In „Balloon 1“ ertönt schriller Noise, der dann in ein Blubbern übergeht. Auch die nächste Single „I Don’t Adore-Youo“ übernimmt etwas von diesen Sounds, die in Verbindung mit Melodien wie ein Radio-Rauschen anmuten. Die Gitarre schrammelt im Vordergrund, der Gesang bereichert den Song mit viel Reverb und einer poppigen Melodie. Das Schlagzeug hält den Beat ebenfalls simpel, wird aber immer wieder mit Tom-Schlägen durchbrochen, die wie dumpf platzende Ballons klingen. Das schreiende Gitarrensolo mit viel Distortion und Wah-Wah-Effekt ist ein krönender Abschluss.
Der nächste Song „All The Prefabs“ klingt nicht minder fuzzy wie ein Radio-Sender und thematisiert das sogar im Songtext: „Ich wurde klein, stieg in ein Radio ein“ singt Slater hier. Doch lange hält er sich da nicht auf – nach 1:13 Minuten endet das kurze melodiöse Stück mit einem Rauschen und geht in die längere Nummer „Talking In Your Sleep“ über. Hier hört man die 60er-Jahre ganz deutlich: poppige Melodien, Arpeggio-Gitarren, ein blechiges Schlagzeug und eine nostalgische Produktion ertönen hier. Es ist genau diese Mischung aus Experimental Interludes, nahtlosen Übergängen und solch gefühlten Song-Klassikern, die „Balloon Balloon Balloon“ zu einem tollen Hörerlebnis macht.
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