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Engelrausch – Fröhliche Stille Nacht

Ging es auf der letzten hier vorgestellten Weihnachtsplatte stellenweise nachgerade karibisch zu, sorgt auch der eine unserer diesjährigen Must-Have-X-Mas-Soundtracks für Sommergefühle im Winter, während Fans nordländischen Understatements mit dem anderen auf ihre Kosten kommen. Gemein ist beiden Alben, dass sie sich traditionellen deutschen Liedguts angenommen haben. Doch während das von der norwegischen Presse als „Celtic-Scandinavian Dream-Team“ gefeierte Duo Kelpie unseren althergebrachten Weihnachtsliedern eine nordische Seele einzuhauchen sucht, ist es dem Frankfurter Trio Engelrausch um ihre Befreiung von der über die Jahrhunderte gereiften Kitschschicht zu tun.

Engelrausch – Fröhliche Stille Nacht

Auch wenn mit Martin Wagners tonangebendem Akkordeon im strammen Tangotakt in die Fröhliche Stille Nacht gestartet wird, ergeht man sich hier nicht lange im argentinischen Melodram, sondern ruft schon bald mit überbordender latino-karibischer Fröhlichkeit zur Fiesta: mit dem ohne Blick aufs Tracklisting nur schwerlich wiedererkennbaren „Ihr Kinderlein, kommet“ und einem ausnehmend improvisationsfreudigen „Joseph, lieber Joseph mein“, in dem dann doch wieder ein Hauch Tango mitschwingt. Das liegt nicht nur am bandoneonverwandten Akkordeonton, sondern vor allem wohl daran, dass Engelrausch das Nebenprojekt von Tango Transit ist, mit dem das Trio quasi inkognito seiner Weihnachtslust frönt.

Einen Aha-Effekt zeitigt das prägnante Lustig-Lustig-Trala-Lala-La-Refrainversatzstück von „Lasst uns froh und munter sein“: Hier ist klares Wiedererkennen angesagt. Wem das Stück ob seiner aufgesetzten Fröhlichkeit schon im Kindergarten zum Hals raushing, kann nun seine zum Mitgrooven animierende Seite entdecken, ganz zu schweigen von einem umwerfenden, mittels Phaser modifizierten Akkordeonklang.

An die Inbrunst des Vorgängeralbums, die dazu angetan war, auch den eingefleischtesten Atheisten auf der Stelle gläubig werden zu lassen, knüpft das Intro von „Auf dem Berge, da gehet der Wind“ an, bis auch dieser irgendwo zwischen alpinem Schuhplattler und afrokaribischer Guateque seine Heimat findet und nicht einmal vor einer kleinen Marsch-Einlage – die durchaus auch die Promenade eines Salontangos sein könnte – zurückschreckt. Ebenso munter wie mit den Genres spielt das Trio mit allerlei Takt- und Tempowechseln, die zuletzt etwas zu viel des Guten für die Wohnzimmerboxen, live aber sicherlich die Gaudi schlechthin sein dürften. Das Bierzelt gleich aufgebaut lassen kann man für „Was bringt der Weihnachtsmann Mathildchen?“, welches das folkloristische Element bis an die Grenze der Parodie ausreizt, bis es dann doch noch die Kurve zum Jazz nimmt. Im Vergleich nahezu gemütlich lässt sich’s kopfwippend-fußtappend-hüftwackelnd „Zwischen Ochs und Eselein“ einrichten.

Engelrausch Cover Vorgängeralbum

Apropos gemütlich: Auch das österreichische Krippenlied „Es wird scho glei dumpa“ besticht mit einem schleppenden Groove, der noch zu faul zum Jodeln scheint und sich erstmal reckt und streckt, bevor er langsam aber sicher hellwach wird, nur, um sich gleich wieder schlafenzulegen. Verdammt aufgeweckt dagegen das tanzflächenfüllende „Caribbean Cling Clong“, hinter dem sich nichts anderes verbirgt als das unter dem Titel „Christkindchens Einlass“ 1854 verfasste „Kling, Glöckchen, klingelingeling“. Mit „O du fröhliche“ wird ein weiterer von tausenden Altenheimchören, Domspatzen und Werbejingles totgenudelter Klassiker mit allerlei avantgardistischem Klopfgeräusch wiederbelebt, bevor man hier wagt, sich dem Schwelgen im von Shakern konterkarierten Hymnus ganz hinzugeben – die orgelähnliche Anmutung des Tasteninstruments dürfte kein Zufall sein! Irgendwo sind sie eben doch heilig, unsere alten Lieder.

Kaum ausgesprochen, muss man auch schon mit anhören, wie dem Humperdinck’schen Abendsegen samt seiner charakteristischen Chromatik eine zunehmend broadwayeske Seite abgetrotzt wird, bis „Ich steh an deiner Krippen hier“ wieder das ehrfurchtgebietende Bild des winzigen Menschen vor der übergroßen Orgel evoziert, bevor der schäumend-sprudelnde Rhythmus jegliche Demut zunichtemacht und pures Wohlbehagen hinterlässt. Das gilt auch für „Leise rieselt der Schnee“, der hier zunächst in Peter-und-der-Wolf-artigen Soloakkordeonmelodieflocken fällt, während die Harmonik erst anderthalb Minuten später dank einer „Rhythmusgruppe“, die dieser Bezeichnung spottet, mit Wucht einsetzt – und dann ist sie auch schon da, diese immerschöne Volksweise im Sechsachteltakt, die nach den Schlagzeugbesen regelrecht schreit, würde an diesem Stück überhaupt etwas schreien, was es natürlich nicht tut, denn es wispert und flüstert, bedeckt von einer schalldämpfenden Puderzuckerhaube, dass erstmals auf diesem Album so etwas wie authentisches Weihnachtsflair aufkommt, woran so gar nichts spießig oder langweilig oder verstaubt ist.

Engelrausch 2.2

Dem Schunkelrhythmus treu bleibt die „Stille Nacht“, deren Dreiertakt das Trio derart (über-)betont, dass sie einen ungehörten, Traditionalisten mögen meinen: unerhörten Dreh kriegt. Würde so etwas landauf, landab auf den Weihnachtsmärkten erschallen, der Glühweinabsatz stiege enorm! Eine ungewohnte Seite legt das Trio auch beim Wiegenlied „Still Still Still“ offen, das hier keine Bitte um Ruhe für den ungestörten kindlichen Schlaf ist, sondern eher ein Aufspielen zum ausgelassenen Tanz der Eltern um den Küchentisch, auf ebenjenem das Kindlein im Körbchen liegt. Und weil es indiskret wäre, diese innige Familienszene weiter zu stören, stehlen sich Engelrausch mit freundlich nachhallendem Wapwap sanft aus dem Album, das damit viel zu schnell zu Ende ist.

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Kelpie – Schneetreiben

Wo es die Frankfurter fröhlich brodeln lassen, setzen Kelpie ganz auf nordisch-eleganten Minimalismus. Schneetreiben nennen Kerstin Blodig und Ian Melrose den Nachfolger ihres preisgekrönten 2011er-Albums Desembermåne, das insbesondere dank zweier deutschsprachiger Weihnachtslieder für positive Publikumsresonanz sorgte. Warum dem deutschen Liedgut nicht gleich ein ganzes Album widmen? Gesagt, getan.

Kelpie – Schneetreiben

Gleich zu Beginn nehmen sich die norwegisch-deutsche Sängerin und der schottische Fingerstyle-Gitarrist eines unserer wohl schönsten Weihnachtslieder vor. „Es ist ein Ros entsprungen“ entführt mit Akustikgitarrenklängen, Seljefløte, Bodhrán sowie nicht unbedingt originalgetreuer Melodik und Harmonik in die Welt nordischer Tänze. Gesetzter geht es auf „Ach bittrer Winter/Leise rieselt der Schnee“ zu. Insbesondere Letztgenanntes ist dank des warmen Akustikgitarrengrundes, dem so gar nichts von Kirchenchorprobe eignet, dazu angetan, die eigentliche Lieblichkeit der Komposition (wieder) zu entdecken.

Natürlich darf im Lutherjahr auch das Neuarrangement von Luther-Hymnus „Nun komm, der Heiden Heiland“ nicht fehlen. Auch wenn die ursprüngliche Melodie auf eine Handschrift des Benediktinerklosters Einsiedeln aus dem Jahr 1120 zurückgeht, die ihrerseits aus St. Gallen um 900 stammen könnte und im ersten Kirchenton komponiert ist, erinnert sie hier an den archaisierenden Celtic Folk einer Loreena McKennitt. „Still“, bei dem sich Blodig selbst an der Gitarre begleitet, kommt dagegen über zwei Minuten ganz ohne Text aus und transportiert seine in den Schlaf wiegende Botschaft dennoch überzeugend, während der Tannenbaum auf dem keine Minute dauernden „Abies Nobilies – Nobilistanne“ nur angedeutet wird. Vielmehr bahnt sein düstrer Chorsatz den Weg zu meinem persönlichen Weihnachtsfavoriten: dem schwermütig-mächtigen „Es kommt ein Schiff, geladen“, dem weder Slip-Jig-Form noch Fiddletöne etwas von seiner ehrfurchtgebietenden Heiligkeit nehmen können.

Kelpie 1.1

Unter fröhlichem Schlittengeläut erklingt die Hoffmann-von-Fallersleben-Vertonung und -Fortdichtung „Der Reif“, die mit Low Whistle und Violine eher im Irish Pub denn im Adventskonzert zu verorten ist, gefolgt von einem weiteren Lieblingsstück: der suggestiven Eigenkomposition „Schneetreiben“. Aus gutem Grund wurde das Album nach dieser inbrünstigen Beschwörung benannt, getragen von einem Gesang, dessen natürliches Vibrato nie aufdringlich, nie zu viel ist, dafür aber umso nachhaltiger wirkt. Der sich diesmal im Gewand der „Pseudosuga menziesii – Douglastanne“ nähernde Tannenbaum gibt den Auftakt zu „Weihnachten 1914“ – dem einzigen Lied der Platte, das die Puderzuckerträume stört, wahrscheinlich heute aber aktueller denn je und deshalb unverzichtbar ist.

Dem adventlichen Eskapismus weiter lässt sich mit „Oh Heiland, reiß die Himmel auf“ frönen, das – insbesondere während der Du schöner Stern-Coda – dem adventlichen Choral vom schwerbeladenen Schiff in Sachen sakraler Ehrfurcht in nichts nachsteht. Weitaus weniger respekteinflößend präsentiert sich „Macht hoch die Tür“, das hier als folkloristischer Jig auf der Bouzouki daherkommt, während Gottfried Kellers „Winternacht“ Blodig als Storytellerin zeigt, wie man sie sich in den Märchenhütten der allerorten aus dem Boden schießenden skandinavischen Weihnachtsmärkte wünschen würde.

Kelpie 1.2

Nach einem weiteren versteckten Oh Tannenbaum in „Abies Nordmanniana – Nordmanntanne“ lassen Kelpie eine derart verfremdete „Stille Nacht“ erklingen, an der selbst jene, die sich an diesem wohl populärsten aller Weihnachtslieder längst überhört haben, ihre Freude haben könnten – vorausgesetzt, sie schätzen jazzaffines Fingerstyle-Gitarrenspiel. Im Ohr aber bleibt vor allem der Close-Harmony-Refrain Sulla-di dulla-di dullan-dei/Sulla-di dulla di då aus Kelpies Eigenvertonung von Carl Theodor Casparis Gedicht „Stille um den See“, der noch lange nachhallt, selbst, nachdem der CD-Player schweigt. Da kann nicht einmal das an sich schon wunderbare „Maria durch ein‘ Dornwald ging“, mit dem dieses intime Album abgerundet wird, mithalten. In diesem Sinne: Wohlklingende Weihnachten, liebe Leser!

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