Plattenkritik: Emily D'Angelo | Louis Philippson | Lucienne Renaudin Vary
Viktors Klassik
von Viktor Lau
Thomas Gottschalk kalauert sich orientierungslos mit dem Humor von fehlsozialisierten Berufsschullehrern durch den Abend. Désirée Nosbusch zelebriert polyglott und ostentativ ihre Weltgewandtheit. Und Lang Lang bekommt einen Preis. Oder zwei. Das ist? Richtig! Die Preisverleihung des Opus Klassik. Eine Trophäe in Form einer Artemide-Tischleuchte, die nie in Serie gegangen ist.
Das Format wird zusehends zu einer kruden Mischung aus Elternabend, musikalischer Leistungsschau und bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung. Klingt behäbig? Ja, ist es. Aber eben auch – irgendwie jedenfalls – Pflichtprogramm für einen Klassik-Rezensenten.
Emily D’Angelo – freezing
Diesmal allerdings war eine Mezzosopranistin dabei, die mir bislang nicht aufgefallen war, zwischen Desiree Nosbusch und Lang Lang aber umso mehr auffallen musste: Emily D’Angelo, die, anders als es der Name vermuten lässt, nicht aus dem romanischen Sprachraum stammt, sondern aus Kanada. Prämiert wurde ihr aktuelles Album freezing, verlegt bei der Deutschen Grammophon.
Unmittelbar eingängig ist dieses Werk nicht. Die Jury hat also einigen Mut bewiesen. Die Auswahl umfasst vokale Partien aus dem Barock, aus dem Dunstkreis der Minimal Music und weitere aufs existentielle Substrat reduzierte Kompositionen. Kargheit ist der vorherrschende Eindruck. Und zugleich das enorme Momentum dieser Sammlung. Hier geht es um den Kern. Nicht um Eitelkeiten, Ornamente, Plüsch oder Arabesken.
Die Stimme von Emily D’Angelo hat ein ungewöhnlich dunkles Timbre, wird aber getragen von einer ebenso ungewöhnlichen Klangschönheit. Das ist sehr unüblich für stark gedeckte Mezzosopran-Stimmen. Zumeist wirken die gaumig, teigig, mit muffiger Patina. Nicht so bei Emily D’Angelo. Die Assoziation mit dem eleganten Mezzosopran von Elina Garanča liegt nahe, aber die Stimme der kanadischen Künstlerin ist dunkler, fundamentaler, tiefer. Hinzu kommt ein faszinierendes Charisma, das die Stimme trägt – oder von ihr getragen wird.
Die Stücke auf diesem Album sind langsam, von einer ganz eigenwilligen musischen Stille, bisweilen düstern, bisweilen verhangen, stets aber von sängerischer Intimität und Intensität. Berührend, aber nie aufdringlich, emotional, aber nicht theatralisch, dezent, aber nicht schüchtern. Minimalismus im Ausdruck, stoische Zurückhaltung in der Intonation – ohne orchestrales Pathos, ohne kammermusikalische Entrückung.
Dafür ist die Instrumentierung einerseits zu spartanisch, andererseits zu rigoros. Hier geht es nicht um Effekt, hier geht es um Essenz. Und dann darf Equipment aufgefahren werden, das im strengen Sinne nicht mit der Klassik assoziiert wird, Synthesizer etwa, die beängstigend tief in den Frequenzkeller hinabreichen.
Ist das noch klassische Musik? Vielleicht nicht im konservierten Sinne. Klassizität steht aber für die Reduktion auf den ästhetisch artikulierten Ausdruck. Und dann, ja, dann ist dieses Album klassische Musik in ihrer reinsten Form.
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Louis Philippson – My Way
Wenn im Klassik-Betrieb allerdings junge Solo-Instrumentalisten in Motorrad-Jacken und Destroyed Jeans auftreten, lässt das nicht viel Gutes erwarten: Rasch werden daraus medial omnipräsente Narzissten in der anbiedernden Axl-Rose-Optik von Berufsjugendlichen.
Mehr sag ich nicht; Sie wissen, von wem ich rede, lieber Leser! Und Sie wissen ebenfalls, mit welcher Beharrlichkeit derlei Figuren das Image von der vermeintlichen Coolness der Klassischen Musik prägen können. Das Bild, das dabei regelmäßig entsteht, ist einigermaßen verstörend: wankend zwischen Carmen-Nebeliger Schlagerseligkeit und dumpfbackig grölender Mallorca-Folklore. Aber auch hier finden Generationenwechsel statt. Eben noch Metallica-Gefiedel, jetzt Sinatra-Geklimper. Das jedenfalls lässt die aktuelle Publikation von Louis Philippson erahnen oder befürchten.
Mal hören, ob es ganz so schlimm kommt. Die diesjährige Verleihung der Opus-Trophäe darf man zunächst als indifferentes Faktum betrachten. Auch die Tatsache, dass das Album My Way Beethoven- und Vivaldi-Variationen enthält, Anleihen bei der Filmmusik und Populäres von Abba, Ray Charles und anderen. Also kein Konzeptalbum. Das sagt aber nichts über die musikalische Qualität.
Hören wir näher hin. Neben dem Solisten treten an: das MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Ben Palmer. Letztgenannter ist ein ausgewiesener Experte für Filmmusik. Und das hört man der ganzen Produktion an: Hier wird in Breitwand musiziert. Der mächtige Eindruck scheint nicht ganz ohne digitale Postproduktion entstanden zu sein, denn trotz einer insgesamt recht ordentlichen Aufnahmequalität sind hier und da digitale Artefakte zu hören. Eine Nachbesserung mit feiner Körnung hätte dem Ganzen gutgetan.
Louis Philippson indes lässt es dezent angehen, eher defensiv, zurückhaltend, ohne großen Aplomb. Aber auch ohne Elan. Sein Klavierspiel klingt sanft, geschmeidig, nicht betulich, aber ohne deutliche Artikulation oder Kontur. Die Schüchternheit im Spiel korreliert dabei nicht mit der sonst von ihm mit viel jugendlich-forscher Attitüde vorgebrachten Vernarrtheit in die klassische Musik. Größer könnte der Kontrast zwischen boulevardesker Übervermarktung und der musikalischen Exposition in Pastell-Tönen nicht sein.
Die filmmusikalische Sättigung aller Stücke durch die Sinfoniker vom MDR schafft ein Assoziationsspektrum irgendwo zwischen „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und „Star Wars“. Philippson sekundiert. Und favorisiert dabei allzu offensichtlich die kitschig-esoterische Ästhetik von Ludovico Einaudis Neo-Klassik. Die Möglichkeiten seines Instruments nutzt er lediglich zur Untermalung der cineastischen Ästhetik. Ein wenig „Love Story“, ein wenig „Superman“. Das sind die Komponenten von „My Way“.
Den Stücken von Beethoven und Vivaldi fehlen innere Spannung, Sprödigkeit und Textur; die pop- und filmmusikalischen Einspieler klingen eintönig bekannt: so wie man es nicht anders erwartet hätte. Das gilt für die Abba-Adaption wie für das Motiv von „Interstellar“. Und die anderen radiotauglichen Partien.
Immerhin darf man Phillipson zugutehalten, dass er es mit der Anbiederung nicht so weit treibt wie etwas ältere „Rockstars der Klassik“ – eine E-Gitarre ist erst auf dem achten Stück des Albums zu hören, und dann auch ohne großen Eindruck.
Philippson arbeitet und arrangiert im Wesentlichen mit den Mitteln der Filmmusik. Im Ergebnis macht aber auch das keinen großen Eindruck. Das Album und die einzelnen Stücke darauf sind nach dem Verklingen der letzten Note schon vergessen. Sie fügen sich völlig bruchlos in den Wahrnehmungsraum von Dudelfunk und funktionaler Warenhausmusik und fallen nicht weiter auf. Wirklich nicht! (Und „My Way“, nur fürs Protokoll, ist gar nicht auf dem Album enthalten.)
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Lucienne Renaudin Vary – Jardins d’Hiver
Und noch eine Preisträgerin des diesjährigen Opus Klassic: Lucienne Renaudin Vary. Das ist eine junge Französin, die Trompete spielt. Vorwiegend klassische Musik, aber auch „gehobene Unterhaltungsmusik“. Schreibt jedenfalls Wikipedia. Wussten Sie, lieber Leser, dass das ein eigenes Genre ist? (Ich nicht!) Es gibt dazu sogar diverse Publikationen. Und natürlich einen Wikipedia-Eintrag.
Sei es drum. Das aktuelle Album Jardins d’Hiver („Winter Gardens“) der jungen Französin enthält – wie Philippsons „My Way“ – eine bunte, eine knallbunte Mischung an Kompositionen unterschiedlichster Epochen und Herkunftsorte. „Have Yourself a Merry Little Christmas“ ist auch dabei. Begleitet wird Lucienne Renaudin Vary vom Orchestre de Chambre de Paris unter der Leitung von Sascha Goetzel.
Das Instrument von Lucienne Renaudin Vary ist warm abgestimmt, etwas erdig, etwas rauchig, mit schönem Legato – ohne trompetentypische Spitzen, ohne tonale Exzesse. Der Vortrag der jungen Französin gerät zusehends zum diametralen Gegenbild von Philippsons Auslegung: Obwohl alles andere als aufdringlich oder exaltiert, hat das Spiel von Renaudin Vary Selbstbewusstsein, Statur und Fundament. Während Philippson zaghaft und schüchtern anschlägt, bringt die Französin Klarheit und Selbstvertrauen ins Spiel, während Philippson auf pastellfarbenen Kitsch setzt, investiert Renaudin Vary Farben, Kontraste, Stil und Sinn.
Passend dazu musiziert das Kammerorchester aus Paris mit viel Sensibilität und Kontur, schön leichtfüßig und unbeschwert, akkurat in der Melodie-Spur, pointiert, mit feinen Mikro-Schattierungen und überragender Klangkultur in den Streicher-Partien. Klanglich ist das alles exzellent, audiophil, herrlich luftig, frisch und transparent. Der noble Orchesterklang hält das etwas erratische Konzept zusammen, überraschend gut sogar. Auch der Ersatz von Singstimmen, wie in Bachs „Erbarme Dich“, durch die Trompete gelingt gut. Und zwischendurch setzt sich die Französin selbst ans Mikrofon und singt. Charmant!
Sicher, konzeptionell ist man hier kein Wagnis eingegangen: In der Auswahl der sehr unterschiedlichen Stücke haben die Repertoire-Verantwortlichen auf Melodie und Tonalität, auf Zugängliches und Bewährtes gesetzt. Aber gut, das schafft Raum und Zeit für die Wahrnehmung der sehr gelungenen Interaktion von Kammerorchester und Solo-Trompete. Dafür einen Opus Klassik? Ja, das geht in Ordnung. Ohne Frage!
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