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David Gilmour – The Luck and Strange Concerts

Manche Dirigenten werden in einem Alter, in dem viele andere längst im Ruhestand sind, immer besser. Man hat den Eindruck, als fließe unter ihren Händen die Musik ungehindert mit entwaffnender Selbstverständlichkeit. So als könne es gar nicht anders gehen. Ein wenig verhält es sich so auch bei David Gilmour, dem stilprägenden Gitarristen von Pink Floyd. Beim Hören der Live-Doppel-CD The Luck and Strange Concerts stellt sich der Eindruck ein, die Songs seiner Solokarriere und frühere Floyd-Klassiker strömen noch lässiger, schöner, entspannter und seelenvoller dahin, als man sie im Ohr hat.

David Glamour - The Luck and Strange Concerts

Ohne Zweifel: Die Jahre haben in Gilmours Stimme ein paar Spuren hinterlassen. Sobald er allerdings die Gitarrensaiten anschlägt und die Töne mit viel Gefühl biegt, zieht und melodisch formt, dann ist da sofort dieser unvergleichliche, legendäre Gilmour-Sound. Der Engländer beherrscht sein Handwerk und ohne jeglichen Druck lässt er den Songs freien Lauf, um zu strahlender Schönheit zu finden.

Die Nummern der letzten Soloplatte Luck and Strange, die sich glänzend verkauft hat (was eher am Musikkonsum und Kaufverhalten der Gilmour-Fans liegt als an der musikalischen Qualität), haben es neben den Monumenten von Pink Floyd natürlich schwer. Aber durch ausgefeilte Arrangements, die das gesamte zehnköpfige instrumentale und vokale Personal (mit drei Backgroundsängerinnen) auf der Bühne einbeziehen, bekommen auch die Nummern aus Gilmours Solokarriere Tiefe und Strahlkraft. Überhaupt: Gilmour hat eine schlichtweg grandiose Band an der Seite, deren kraftvoller und farbiger Sound exzellent abgemischt und aufgenommen wurde. Auch das ist ein Zeichen der Reife: Gilmour produziert selbst mit und hat eine Liveplatte herausgebracht, deren Klang schwer zu toppen ist. Die Balance zwischen akustischer Hintergrundkulisse und fokussiertem Vordergrund ist perfekt und trägt die sukzessive Spannungsentwicklung, etwa im Klassiker „Time“.

David Gilmour

© Polly Samson

Nach den 23 Songs dieser Live-Platte bleibt der Eindruck: Erstaunlich, dass Gilmour neben einigen Floyd-Klassikern (u. a. auch aus der Zeit, als Roger Waters eigene Wege ging), doch viele eigene Songs in der Setlist hat. Und man muss sagen, dass sie sich in der beherzten Präsentation auf der Bühne neben den Monolithen wacker schlagen, vor allem der entspannte Shuffle „Luck and Strange“ und das atmosphärische „Between Two Points“ mit Gilmours Tochter Romany als fragil und schlicht, dabei aber umso eindringlicher agierenden Sängerin.

Ginge es in diesem Lauf von Höhepunkt zu Höhepunkt um eine Favoritenauswahl, hätte „High Hopes“ große Chancen, „Sorrow“ oder auch der gut gealterte Song „Fat Old Sun“ mit krachendem Schub, den die Band inmitten der Nummer unvermittelt entwickelt. Aber wahrscheinlich wird jeder Fan andere Juwelen in diesem Schatzkästchen entdecken. Es gibt davon einfach sehr viele auf The Luck and Strange Concerts.

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Big Daddy Wilson – Smiling All Day Long

Mit jeder Scheibe auch jenseits der 60 immer besser zu werden, gelingt auch Big Daddy Wilson. Man muss dazu sagen: Die musikalische Karriere von Adam Wilson Blount, des in North Carolina geborenen und lange Jahre als Soldat in Deutschland stationierten Bluessängers, begann allerdings auch erst relativ spät. Die nun erstmals von ihm selbst produzierte Platte Smiling All Day Long, erschienen bei Continental Blue Heaven, ist Balsam für Ohren und Seele – und bislang seine beste Scheibe. Im Booklet verspricht Big Daddy Wilson, die 14 Songs seien ein „soundtrack for the soul“. Das stimmt. Dieses Album ist, was Big Daddy Wilson verspricht: „A journey filled with love and light“. Klingt für kritische Ohren erst einmal kitschig, strahlt aber aus jeder Note.

Big Daddy Wilson - Smiling All Day Long

Big Daddy Wilson ist mit einer warmen, runden, voluminösen Baritonstimme gesegnet, die das gesamte Album trägt. Jede einzelne Silbe singt er genüsslich aus, verschluckt nichts, lässt sich Zeit, damit alles wirklich klingt.

Das erinnert an den ebenfalls im Folkblues mit viel Gospel- und Souleinschlag beheimateten Eric Bibb. Kein Wunder, dass der US-Amerikaner auch hier mit von der Partie ist, wie zum Beispiel auch Hans Theessink. Big Daddy Wilson hat für einzelne Songs Freunde hinzugeladen, die den hochindividuell arrangierten Nummern eine eigene Farbe geben.

Welcher Art Reise ist es denn nun, die den Hörer auf Smiling All Day Long erwartet? Auf jeden Fall eine mit stets wechselnden Szenerien. Thematisch geht es auf und ab in der Gefühlsskala, wie für Bluesscheiben üblich, doch stets getragen von großer Zuversicht, unerschütterlichem Glauben und großer Dankbarkeit. Big Daddy Wilson spricht in seinen Texten mit einer zugewandten Menschenfreundlichkeit und auch seine Stimme klingt so, als wolle er die Welt umarmen.

Big Daddy Wilson

Am ehesten lässt sich die musikalische Reise des Albums als Entwicklung von primär akustischem Folkblues hin zu elektrisch verstärkten Arrangements beschreiben. Mit feinen mehrstimmigen Vokalsätzen untermalt, macht „Smiling All Day Long“ einen gutgelaunten Einstieg. Da surren die Stahlsaiten, die in dem lyrischen „Lulabelle“ durch Slidegitarre und Dobro noch angereichert werden – ein Zirpen und Rascheln, das in „Way Down South“ in schwere Ketten gelegt wird. Nähert sich das Album mit „Trying to Find My Way Home“ langsam dem Ende, sind akustische Gitarre und elektrische Schwester vereint und die Musik wird dichter.

Bis dahin gibt es manch Überraschendes mit dem soulpoppigen „Still Counting Down“ und der recht pathetischen klavierbegleiteten Ballade „Can We Live in Peace?“. So richtig daheim klingt Big Daddy Wilsons Samtstimme in den gospeligen Bluesnummern. Da strahlt er mit warmer Stimme eine Hoffnung und Zuversicht aus, die grundehrlich, authentisch und ansteckend wirkt. Eigentlich sollte es diesen „soundtrack for the soul“ in dunklen Tagen auf Rezept geben.

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Mark Lettieri – Mark Lettieri Group meets WDR Big Band at Studio 4

Feuerlöscher bereitstellen! Das steht zwar so nicht explizit auf der in diesem Herbst erschienenen Scheibe Mark Lettieri Group meets WDR Big Band at Studio 4. Der Warnhinweis wäre indes angebracht. Denn was einem hier entgegen tönt, kann – zumindest symbolisch – einiges in Brand zu setzen: die Hörer und ihre Anlage. Um was genau handelt es sich bei diesem brandgefährlichen Stoff? Mark Lettieri, Gitarrist und Gründungsmitglied des genresprengenden Kollektivs Snarky Puppy, war in den letzten Jahren auch mit eigener Band erfolgreich. Eine feine Auswahl dessen, was da alles zwischen Fusion, Jazzrock und Funk entstanden ist, hat der gebürtige Kalifornier Mark Lettieri mit seiner Band nach Köln zur WDR Big Band gebracht. Keiner Geringerer als Michael Abene hat das Material für die Big Band arrangiert und unter der Leitung von Jörg Achim Keller hat man zehn brandheiße Nummern eingespielt.

Mark Lettieri Group meets WDR Big Band at Studio 4

Das Ergebnis ist der Knaller, ein musikalisches und klangliches Feuerwerk. Lettieris Gitarrenstil sorgt mit kurzen, rhythmisch klar umrissenen Figuren stets für Drive und Groove. Er konzentriert sich durchweg mehr auf rhythmische Power als auf Melodie. Der funky zupackende Bass seines Bandmitglieds Wes Stephenson und Jason „JT“ Thomas als Wucht hinter den Trommeln sorgen für zusätzliche Energie, während Daniel Porter an den Keyboards reichlich Flirren, Surren und synthetische Sounds der 80er einmischt. Das klingt im Quartett schon famos, wird aber mit dem farbenreichen und dynamischen Sound der WDR Big Band auf eine ganz neue Ebene gehoben.

Mark Lettieri

© Simin Kianmehr

Michael Abene hat in seinen Arrangements der Lettieri-Songs der Big Band ganz unterschiedliche Aufgaben gegeben und lässt ihre famosen Fähigkeiten als Kollektiv und der großartigen Solisten in glänzendem Licht erstrahlen. In „Goonsquad“ beschränkt sie sich, neben einem in höchste Regionen führenden Solo von Andy Haderer an der Trompete, vor allem auf rhythmische Einwürfe. Doch mit jeder Nummer werden die Aufgaben vielfältiger, der Sound farbiger und reicher. Lettieris Musik hat bei allem überbordendem Groove oft einen kauzigen Humor in der Erfindung der Motive und diese Qualität gewinnt im Zusammenspiel mit den Bläsern genauso an Tiefe wie die (wenigen) zurückgenommenen, lyrischen Nummern an Intensität („Extraspecial“ und „Slide Rule“).

Auch klanglich ist die Scheibe eine Wucht. Die heikle Balance zwischen dem Vierer der Mark Lettieri Band und der WDR Big Band ist ideal, der helle und wo nötig auch spitze Sound der Big Band stets grundiert von einer kräftig zupackenden Basis von Bass und Schlagzeug. Und darüber legen sich die federleicht hingeworfenen Fingerspiele von Mark Lettieri. Das klingt voluminös und transparent in einer Ausgeglichenheit, der man selten begegnet. Dieser messerscharfe Sound ist das I-Tüpfelchen einer Ausnahmeproduktion. Dieses Zusammentreffen verdient eine Fortsetzung.

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