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David Fray – Klavierkonzerte J. S. Bach – Bwv 1052, 55, 56, 58

 

August 2011 / Ariane

Der junge französische Pianist David Fray, ein regelrechter Shootingstar, hat mit der Kammerphilharmonie Bremen, dessen Leitung er bei dieser Aufnahme ebenfalls übernommen hat, Johann Sebastian Bachs Konzerte für Cembalo-Solo BWV 1052,1055,1056 und 1058 eingespielt – und geschah dies auch schon vor länger Zeit, so ist das Ganze doch nach wir vor höchst besprechenswert.

Angesichts des heute üblichen PR-Rummels kann man beim Wort „Shootingstar“ ja durchaus etwas skeptisch werden. Zudem haben, was Bachinterpretationen angeht, die Größen der Vergangenheit die eigenen Ohren doch ziemlich verwöhnt. Bei Bach + Piano denkt man bis heute erst mal natürlich an Glenn Gould. Ein für meine Begriffe bis heute unerreichtes Genie, mit dem man David Fray gerne vergleicht. Interessanterweise (und sympathischerweise) lehnt Fray diesen Vergleich, der eigentlich auch völlig unbegründet ist, ab. Vielleicht sollte man sich derartige Vergleiche sowieso sparen – denn ganz unabhängig von alledem lässt diese Aufnahme unbedingt aufhorchen und kann einen nur begeistern.

david frayDie Cembalo-Konzerte sind allesamt Bearbeitungen von ehemaligen Werken für Melodieinstrumente wie Violine oder Oboe, deren Originalfassungen nicht mehr vollständig erhalten sind. Mit dem 1. Konzert in d-Moll BWV 1052 wird man gleich hineinkatapultiert in das jugendlich-frische, kraftvolle Fließen dieser Aufnahme. Den 1. Satz gehen Solist und Orchester sehr warm und leidenschaftlich an. Eine kraftvolle Einleitung.

Jedoch heißt Kraft bei Fray immer noch ein hochsensibles, feines Spiel, das selbst bei kräftigem Anschlag nie seinen Belcanto-Ton verliert. Er kann seinen Ton bis ins Allerfeinste abstufen und zurücknehmen, ohne dass er dünn wird und besitzt dann bis hin zum Kraftvollen viele Schattierungen, um auch beim Kräftigsten nie grob zu werden. Das Forte kommt aus dem Piano und das Piano hat die innere Fülle des Forte. Dies ist nur bei Künstlern mit echter innerer Präsenz zu finden.

Im hoch konzentriert gespielten Mittelteil beeindruckt David Fray dann mit seiner hochsensiblen Feinheit, mit subtilen feinsten Abstufungen. Diese werden dann wieder mit in die kraftvolleren Passagen hinübergenommen und somit auch in den Schlussteil.

Was bei dieser Aufnahme durchweg schade ist, und sich gleich im 1. Teil bemerkbar macht, ist, dass das Verhältnis von Solist zu Orchester an vielen Stellen etwas unausgewogen abgemischt worden ist. Dann bleibt das Orchester fast durchweg zu blass im Hintergrund, selbst wenn es eigentlich die Hauptstimme hat. Nur in den Tuttis ist es auf Augenhöhe mit dem Solisten. Doch das ist zu wenig.

Dieses Kammerorchester hat einen sehr geeigneten Ton für Bach, aber dies wird nicht genügend herausgearbeitet. Es findet zu wenig Dialog statt. Der Solist steht mit seinem Farbenreichtum zu sehr im Vordergrund. Es wäre vielleicht alles noch abgerundeter und spannender, wenn die Kammerphilharmonie Bremen die Chance bekommen hätte, mittels besserer Abmischung mehr von ihrem Potenzial zu offenbaren, sprich Bachs Genialität genügender zur Geltung zu bringen.

Im 2. Stück in a-Dur BWV 1055 reißt einen die jugendliche Frische wieder gleich mit. Wunderbar wie bei Fray aus den schnellen virtuosendavid fray Läufen nie „Hackepeterchen“ gemacht wird, wie leider ansonsten manchmal der Fall. Er hat stets überall eine fein gesponnene Linie, die sich wie ein feinsinniger Faden durch die Aufnahme zieht. Dieser Faden ist sehr innig gesponnen, von diesem ausgehend entsteht alles organisch. Überaus deutlich wird dies dann auch im Larghetto des 2. Stücks. Nach der kurzen vom Orchester gespielten Einleitung kann man wieder diese ganz sensiblen feinen Farbnuancierungen, diese Präsenz und Innigkeit erleben. Der Schlussteil wird mit viel Energie und Lebensfreude differenziert gestaltet.

Das 3. Konzert in f-Moll BWV 1056 beginnen Solist und Orchester sehr warm und füllig im Klang. Es ist insgesamt mit einer direkteren, sehr schönen Artikulation gespielt, hier erzählt David Fray uns eingehüllt in warm-feinen, deutlichen Ton geradezu eine Geschichte. Das Largo wird dadurch sehr intim und im Presto wird das Stück leidenschaftlich und furios abgerundet und beendet.

Der 1. Teil des 4. und letzten Konzerts der CD in g-Moll BWV 1058 wird wieder mit viel Leidenschaft, Fülle und noch mehr Wärmedavid fray und Tiefe angegangen. Das Andante geht mit seinen warmen und breit ausgestalteten Farben dann „direkt in den Bauch“. Das Allegro assai gibt einen schönen, kraftvollen Abschluss mit tiefgründiger Artikulation, frischen Farben und ein angenehmes Selbstbewusstsein ausstrahlend. Doch auch hier gibt es feine Abstufungen, viel Innigkeit, auch Sehnsucht und farbenreiche Stimmungswechsel. Überhaupt ist es spannend, wie Fray es schafft, manchmal fast übergangslos in die verschiedenen Stimmungen und Farbnuancierungen, die ihm zu Gebote stehen, zu gleiten. Eins entwickelt sich völlig aus dem anderen und entsteht und wächst aus dem Moment heraus, selbst bei abrupten Stimmungswechseln.

Er ist kein Künstler, der von intellektueller hoher Warte aus mit Abstand interpretiert (Gott sei Dank…!), Fray ist immer selber „mittendrin“, ohne aber jemals den großen Bogen aus den Augen zu verlieren.

Freunde der historischen Aufführungspraxis werden mit dieser Aufnahme unter Umständen nicht glücklich werden. Ich finde jedoch, dass der eher romantische gesangliche Ton von David Fray seinem Bach nicht „schadet“, ganz im Gegenteil, er verschönt und besitzt trotzdem genügend Tiefe und bringt „die Dinge auf den Bach‘schen Punkt“. Man darf gespannt sein, wie es mit diesem jungen Künstler weitergeht.

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