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Fishhead
Demnächst im Test:

Chon – Chon

Das inzwischen dritte Album der progessiven Math-Rocker Chon kommt mit dem Bandnamen als Titel aus. Der Sound auf der Platte aus zwei unverzerrten, glasklaren Gitarren und einem dynamischen Schlagzeug überzeugt auf ganzer Linie. Das kalifornische Trio gibt es seit 2008 und es tourte schon mit Coheed and Cambria und gehört zum Zirkel von Circa Survive oder Animals As Leaders. In der Szene sind Chon keine Unbekannten mehr – das zeigen auch die über 40 Millionen Streams bei Spotify.

Chon Chon

Das instrumentale Werk beginnt mit einem kurzen getappten Riff, das schnell wieder verstummt und dann umso virtuoser mit Solo-Charakter, flankiert von jazzigen, stotternden Drums erneut auf den Plan tritt. Obwohl die Math-Elemente und Takte ständig wechseln, kann man den poppigen Melodien stets folgen. Chon verliert sich nicht in komplizierten Strukturen, sondern glättet kopflastige Passagen mit lieblichen Sounds. Besonders der Song „Visit“ zeigt, dass ungewöhnliche Betonungen mit jazzigen Akkorden und elektronischen Effekten ausbalanciert werden können. Die Solo-Passage der Gitarre und schnellen Zwischenspiele bringen trotzdem den notwendigen Schwung in das Stück und schließen den Song ab.

Etwas härter geht es im nächsten Stück „Petal“ zu. Eine Solo-Gitarren-Stimme, die auf und ab geht, leitet das Lied mit begleitenden ausschweifenden Drums ein und bildet den Chorus. Das Motiv wird minimiert und variiert wiederholt, bis es nach zwei Minuten als rockige Akkord- und Rifffolge übernommen wird. Hier zeigt sich, wie virtuos Chon mit einer Melodie umgehen können. Die Variationen der Anfangsdudelei sind kaum zählbar, zeigen aber exemplarisch den Reichtum an Ideen, den das Trio auf der Platte mitbringt. Auf der anstehenden Welttour durch Amerika, Asien und Europa werden sie mit den Songs garantiert Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

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Weyes Blood – Titanic Rising

weyes blood titanic rising

Der erste Song auf Weyes Blood Album Titanic Rising klingt so dramatisch und theatralisch, wie die Band Queen es sein könnte. „A Lot’s Gonna Change“ wird durch die Bandbesetzung mit Streichern zum herrlich melancholischen Popsong. Bloods bluesige Stimme erschafft letztlich ein zeitloses Stück, das doch zurückschaut. Denn der melancholische Gesang der Musikerin überträgt eine Sentimentalität, die man von italienischen Sängerinnen von früher kennt. Neben Queen erinnern ihre Songs durch die Synthesizer-Elemente außerdem an die 70er Jahre und an Musiker wie David Bowie oder Joni Mitchell, die genauso großartigen und epischen Pop kreierten.

Die verträumte Underground-Atmosphäre der Platte ist in großen Zügen der sorgfältigen und großartigen Produktion von Jonathan Rado und Weyes Blood selbst zu verdanken. So bilden die Songs wie in einem Soundtrack zu einem Film eine ganze Welt in einer Mischung aus Folk, Pop und Indie ab. „Everyday“ beginnt zum Beispiel mit einem poppigen Klaviermotiv, das durch wenige Synthie-Sounds an Fahrt gewinnt und mit Weyes Gesang Hit-Charakter besitzt.

Dass Bloods aber immer etwas Edge und Dunkelheit in ihrer Stimme und Musik transportiert, trennt ihre Musik vom oberflächigem Pop- und Hollywood-Glitzer. Seit 2006 ist sie als Solo-Musikerin bekannt. Zuvor spielte sie Bass in der Noise- und Experimental-Rock-Szene Portlands – eine Zeit, die ihre Solo-Karriere garantiert beeinflusst hat. Denn auch in ihren Texten herrscht ein herrlicher Realismus. Wenn Weyes Blood in „Everyday“ „True love is making a comeback“, singt, dann ist das noch lange nicht so romantisch gemeint, wie man vielleicht denken würde. Sie schiebt nämlich schnell noch „For only half of us, the rest just feel bad“ hinterher. Die Songstelle und auch der paradoxe Titel des Albums sind perfekte Beispiele für die komplexe Stimmung des Albums, das in feierlicher Manier auf dem Boden der Tatsachen steht.

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Ann Vriend – EP Flame

Ann Vriend EP Flame

In der Soul & Blues Szene sollte man Ann Vriend nicht aus den Augen lassen. Die kanadische Sängerin überzeugt mit ihrer neuen EP Flames mit sechs neuen Songs und Melodien, die man nicht vergisst. Die EP ist ein Vorbote für das neue Album, das im Herbst ansteht. Es wird ihr siebtes Studioalbum werden. Denn Ann Vriend ist schon lange keine Newcomerin mehr. Die Künstlerin brachte 2003 ihr erstes Album auf den Markt und hat als Independent-Künstlerin zahlreiche Preise für ihre Musik gewonnen. Ihre Stimme, die gewaltig ist und Höhen mit Leichtigkeit erreicht, hat ihr schon einige Vergleiche zu Aretha Franklin gebracht.

Im Vergleich mit anderen Kolleginnen wie Norah Jones ist Ann Vriend expressiver, experimentiert aber genau so gerne mit Pop-Einflüssen. Der Songs It’s Happening durchbricht zum Beispiel mit grooviger Hammond-Orgel und poppiger Melodie die Grenzen zwischen Soul und Pop. In Flame hingegen wird es soulig – es beginnt nur mit einer Orgel, die Akkorde anschlägt und Vriends starker Stimme. Später wird sie von einem Chor unterstützt, der auf den Songs immer mal wieder auftaucht und ein Gospel-Feeling in die Musik bringt. Genau das gibt Ann Vriend den Freiraum, gesanglich zu improvisieren und zu zeigen, was sie kann. Flame wird so zu einem Vorzeigebeispiel für ihren Gesang, der sich frei über den Chorstimmen, der Orgel und der Band entfalten kann.

Hurt People Hurt People, die Single, die es als Radio-Mix bereits in die deutschen Charts geschafft hat, ist wiederum ein Beispiel für Ann Vriend als Pop-Sängerin. Hier betont sie mit eingängiger Gesangsmelodie und radio-tauglicher Songstruktur ihre kommerziellere Seite. Auch, wenn der Neo-Soul der restlichen Songs ihr besser steht, im poppigen Bereich kann sie sich ebenso sehen lassen.

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