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CD-Besprechung: Josete Ordoñez | Annett Louisan | Taraf de Haïdouks & Kocani Orkestar | Marla Glen – fairaudio

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 CD-Besprechung: Josete Ordoñez | Annett Louisan | Taraf de Haïdouks & Kocani Orkestar | Marla Glen - fairaudio

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: VA: Bossa Nova Just Smells Funky | Yael Naim & David Donatien | Danger Mouse & Daniele Luppi | VA: Wave Music Vol. 16 | Josete Ordoñez | Annett Louisan | Taraf de Haïdouks & Kocani Orkestar | Marla Glen

Josete Ordoñez / Por El Mar

Weiterträumen vom Tag am Meer lässt sich vortrefflich mit Por El Mar des Spaniers Josete Ordoñez. Der studierte Jazz- und Flamenco-Gitarrist versteht es wie kein anderer, den gemeinen Mitteleuropäer allein durch seine Musik in eine Stimmung zu versetzen, die diesen ansonsten allenfalls an lauen Urlaubsabenden am Meer, losgelöst von seinem Alltag, befällt. Müsste man Por El Mar mit einem Wort beschreiben, es würde lauten: tiefenentspannt. Und dabei auf eine leise Art lebensfroh, zufrieden. Etwas, wofür zwischen Arbeit, Einkaufen und Kinderabholen viel zu wenig Zeit bleibt.

Josete Ordoñez erweckt mit seiner Gitarre Sehnsüchte, belebt Phantasien und malt imaginäre Bilder vom Blau des Meeres, vom Klang des Windes und der Unendlichkeit des Horizonts, irgendwo zwischen Flamenco, Pop, Jazz und Chill Out. Hier geht es um weitaus mehr als den Traum des kleinen Mannes von der Insel in der Südsee, dem süßen Leben unter Palmen und der klassischen Aussteigerphantasie, in der ein Lottogewinn dazu ermächtigt, dem Boss endlich zu sagen, was man von ihm hält, um sich fortan die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Por El Mar, das ist eine Liebeserklärung ans Meer – und daran, was es aus dem Menschen macht. So gesehen ein Aufruf zu mehr Gelassenheit, „Entschleunigung“, ja, Meditation.

Por El Mar ist Slow Music im besten Sinne, Downtempo wird hier wörtlich genommen. Der Anschlag Ordoñez‘ ist weicher als für einen Flamenco-Gitarristen üblich, der prägnante Rhythmus des Genres weicht hier relaxten Grooves. Ein Kritiker beschrieb den Klang von Josete Ordoñez nicht zu Unrecht als imaginäres Ergebnis der Fusion zwischen der US-amerikanischen Jazzgitarristenlegende Pat Metheny und der Flamenco-Electro-Combo Chambao, Schöpfer des Flamenco-Chill-Stils.

Mit seinen musikalischen Traumwelten bleibt der Gitarrist jedoch nicht dem Klischee des in seinem eigenen Saft schmorenden mediterranen Südländers verhaftet: All die Zupfinstrumente, die er während seiner zahlreichen Reisen von der Mittelmeerküste bis zum Chinesischen Meer gesammelt hat, von der vietnamesischen Dantú bis zur mexikanischen Vihuela, kommen auf Por El Mar zum Einsatz. Unterstützt wird Ordoñez von den Flamenco-Sängerinnen Ana Salazar und Monica Molina, deren raue und eindringliche Stimmen einen Hauch der Ursprünglichkeit des Flamenco erahnen lassen, die der Gitarrist in seinen träumerisch-süßen Ambient-Klangwelten zu verbergen weiß. Mein persönlicher Favorit auf Por El Mar aber ist Hanoi, eine Zusammenarbeit mit der vietnamesischen Sängerin Nsut Song Tao. Das ist entspannend und anregend zugleich, zusammengeführt von Ordoñez‘ Spiel, das den Hörer an jenen geheimen Ort geleitet, an dem sich alles findet.

Por El Mar ist zwar schon im Sommer 2009 erstmals erschienen, jetzt aber wieder zu haben. Wer damals diese unglaublich entspannte Platte verpasst hat, sollte wenigstens ab jetzt keinen Sommer mehr ohne sie verbringen (müssen).

Annett Louisan / In meiner Mitte


Als 2004 Annett Louisans Debüt Bohème mit seinen Popchansons erschien, fanden das viele doof. Diese Kleinmädchenstimme, dieses Lolitaklischee, diese Ich-will-doch-nur-spielen-Texte, kurz: dieses musikalische Kindchenschema! Ich hingegen, ich fand es furchtbar. Furchtbar großartig. Diese Stimme, dieses Gehabe, diese Texte – toll! Annett Louisan passte damals perfekt in mein Leben, die von Echo- und Fred-Jay-Preisträger Frank Ramond geschriebenen Kurzgeschichten (ich sage nur: Fettnäpfchenwetthüpfen …) trafen einen Nerv. Nicht nur meinen, übrigens, denn Bohème geriet zu einem der sich am schnellsten verkaufenden Debütalben Deutschlands. Auch die Nachfolger Unausgesprochen (2005), Das optimale Leben (2007) und Teilzeithippie (2008), die allesamt eine bis dahin nicht besetzte Nische zwischen Barjazz, Chanson, Musette-Walzer und Bossa ausloteten, standen dem Debüt in nichts nach.

Und obwohl ja per Merkspruch eindringlich davor gewarnt wird, ein Winning team zu changen, tat Annett Louisan nach drei Jahren Studioabstinenz genau das. Frank Ramonds Texte sucht man auf In meiner Mitte vergeblich, und auch die langjährigen musikalischen Mitstreiter Hardy Kayser und Matthias Haß, die zusammen für mich den Annett-Louisan-Sound ausmachten, sind auf ihrem fünften Studioalbum nirgendwo zu entdecken. In meiner Mitte ist keine Fortsetzung der bisherigen Erfolgs-Quadrologie, dafür steht schon Louisans neuer musikalischer Partner Danny Dziuk, der bislang vor allem durch seine Filmmusiken zum Münsteraner und Kölner Tatort auffiel, ebenso durch Kompositionen für Künstler wie Ulla Meinecke oder Wiglaf Droste. Deren Texte wiederum haben Eingang auf In meiner Mitte gefunden, ob als Schlaf beziehungsweise Schöner starker Tag (Meinecke) oder Von der Liebe (Droste). Ich weiß nicht, ob das wirklich die Lousian ist, die ich hören will. Verstehen Sie mich nicht falsch: Gerade Schlaf ist ein genialer Song – nur eben kein Annett-Louisan-Song.

Vermutlich kann man nichts dagegen machen, dass sich auch die „lolitösesten“(Kulturnews) Künstler irgendwann weiterentwickeln und reifen. Und vermutlich ist es für die betreffenden Künstler sehr schön, dass sie endlich „ihre Mitte“ gefunden haben. In meiner Mitte ist von musikalisch durchweg hoher Qualität, dafür verbürgen sich schon allein die prominenten Mitstreiter. Neben den weiter oben Genannten wäre da beispielsweise noch die zurzeit allgegenwärtige Annette Humpe, die nicht nur Zeit gefunden hat, einen Echo für ihr Lebenswerk entgegenzunehmen und Max Raabe das Küssen beizubringen, sondern auch Annett Louisan das Erwachsenwerden. Ihr Beitrag Pärchenallergie ist mit der von Markus Voigt gespielten Posaune schon fast eine Balkan-Brass-Nummer und auf jeden Fall sehr lustig. Doch erst mit Zweite Chance, dem immerhin schon zehnten von dreizehn Liedern, gelingt Annett Louisan wieder ein Stück, wie man es von den ersten Alben kennt. Verrückt eigentlich, denn Zweite Chance ist kein originärer Louisan-Song, sondern ein Cover des in Kanada geborenen Singer/Songwriters Martin Gallop, der die Louisan schon mehrfach auf ihren Tourneen und zeitweilig auch im Leben begleitete.


Vielleicht haben wir uns auch einfach nur auseinander gelebt, die Musik von Annett Louisan und ich. Ich vermisse den früheren Texter, seine Spitzen und Sticheleien. Zu den In-meiner-Mitte-Texten will so recht keine Verbindung entstehen, und auch musikalisch macht mich das Album nur stellenweise glücklich. Denn seien wir doch ehrlich: Wenn irgendwo Snickers oder KitKat draufsteht, erwarte ich auch Snickers oder KitKat in der Originalrezeptur. Und keine neuen Zutaten. Wenn ich einen Cosmopolitan bestelle, will ich keinen Wodka Sling. Oder umgekehrt. Wer sich mit vier Alben gewissermaßen zur unverwechselbaren Marke gemacht hat, der darf sich nicht wundern, wenn man sich mit seinem „Relaunch“ etwas schwer tut. Die Fotos von Jim Rakete allerdings sind sehr hübsch.

Taraf de Haïdouks & Ko?ani Orkestar / Band of Gypsies 2


Wem die Fastbalkanbasstubanummer Pärchenallergie von Annett Louisan gefällt, der kann hier noch einmal aus dem Vollen schöpfen: Die treibende Lebensfreude dieses Sounds nämlich beherrscht wohl kaum jemand besser als die beiden Balkan-Gypsy-Bands Taraf de Haïdouks und Ko?ani Orkestar. Nach dem großen Erfolg von Band of Gypsies 1 haben sich die beiden Gruppen, die zu den Großen ihres Genres gehören, nun wieder zusammen getan, um an einer Fortsetzung ihrer gemeinsamen Story zu schreiben. Oder um zu feiern, denn darum geht es bei dieser Musik ja schließlich.

Und zu feiern gibt es einiges, allem voran das zwanzigjährige Bestehen der rumänischen Gyspy-Combo Taraf de Haïdouks (= Heiduckenorchster). Feiern indessen wollen die dreizehn Musiker, die alle demselben Dreitausendseelendorf in der Walachei entstammen, natürlich nicht alleine, weshalb sie sich die ebenfalls dreizehn Mitglieder vom mazedonischen Ko?ani Orkestar einluden. Was dabei herausgekommen ist? Eine Feier des Lebens. Und damit die perfekte Platte für den Frühling, der ja auch nichts anderes tut, als das Leben zu feiern.


Die geballte Kraft von 26 Musikern produziert eine Wall of Sound, von der man sich schon leicht erschlagen wähnen kann. Nicht nur die verschiedenen Instrumente von Taraf de Haïdouks, Streicher, Zymbal und Akkordeon, flirren, wirren und tänzeln umeinander herum, um dann auf die groß aufgestellte Brass Front und die unbezwingbaren Percussions des Ko?ani Orkestar zu treffen, auch die verschiedenen Quellen ihrer Musik, ob traditionelle rumänische Volksmusik, Balkan-Pop, mittelalterliche Balladen, orientalisch-türkische Einflüsse und sogar Bollywood-Elemente, umgarnen einander, bilden mal schwer verdauliche Spannungsbögen, mal die perfekteste Harmonie. Begegnung, Austausch und Kommunikation sind die Schlüsselwörter, zwischen Musikstilen, Generationen – in beiden Orchestern vollzog sich in den letzten Jahren ein Generationsaustausch – und nicht zuletzt zwischen den Kulturen. Zwar setzen sich beide Gruppen aus Roma-Musikern zusammen, doch sprechen die Mitglieder von Taraf de Haïdouks Rumänisch und sind Christen, während das Ko?ani Orkestar Mazedonisch und einen alten türkischen Dialekt spricht und muslimisch ist. Als Verständigungmittel dienen beiden Bands verschiedene Roma-Dialekte – und natürlich die Musik.

Das beim renommierten Brüsseler Indie-Electronic-World-Label „Crammed Discs“ herausgebrachte Album Band of Gypsies 2, atemberaubend wie es sein mag, ist jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf die furiosen Live-Auftritte, deren Atmosphäre dieser höchst lebendigen Musik einfach gerechter wird als ein wie auch immer geartetes Eingedostsein. Um diesen Umstand weiß man auch im Hause Crammed und hat die CD gleichzeitig als Doppelpack mit DVD herausgebracht. Hier muss man hören und gucken – und am besten selbst hingehen, wenn die Wall-of-Gyspy-Sound im nächsten Jahr auch Deutschland überrollt.

Marla Glen / Humanology

Noch nicht ganz, aber auch schon fast zwanzig Jahre ist es her, seitdem Marla Glen mit ihrem ganz unbescheiden This Is Marla Glen betitelten Debütalbum 1993 für Aufsehen sorgte. Die bluesige Single Believer, und vor allem diese Stimme, bei der man nie so recht wusste, ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte, und die noch am ehesten klang wie eine Mischung aus Tina Turner, Nina Simone und Louis Armstrong, ließ aufhorchen. Nicht zuletzt, weil der Song auch von einem großen Modehaus in seinen Werbesports verwendet wurde. 1995 legte sie mit Love and Respect nach, und auch, wenn danach noch einige Alben folgen sollten, verschwand Marla Glen weitestgehend aus dem öffentlichen musikalischen Bewusstsein. Zwischendurch gab es noch das James-Brown-Cover It’s a Man’s World, ebenfalls dank des Fernseh- und Kinowerbespots für einen Herrenduft rauf und runter gespielt, doch zumindest ich persönlich habe Marla Glen erst einmal aus den Augen oder vielmehr Ohren verloren.

Doch schon die ersten Takte ihres neuen Studioalbums Humanology machen klar, dass diese Stimme und diese Musik nie so richtig verschwunden waren und zumindest im Unterbewusstsein als angenehme Erinnerung ein Eigenleben geführt hatten. Humanology ist wie ein musikalisches Nachhausekommen: Kaum klingen die ersten bluesigen Takte des Openers Garden of Desire samt dem typischen Hall des Marla Glen-Sounds an, wird eine Erinnerung an etwas zwar lange nicht mehr, aber damals gern Gehörtes wach.

Richtig gut allerdings wird das Album meiner Meinung nach erst ab Track 3, Maddy & Johnny. Davor ist mir das zu rockig-synthetisch, Glen erinnert hier in der Tat nicht nur an die Stimme von Tina Turner, sondern auch an deren Sound. Den muss man mögen – oder eben auch nicht. Maddy & Johnny jedenfalls beginnt mit einem Fink’schen Biscuits-For-Breakfast-Beat, das ist Süden und Blues und auch Gospel, der sich vollends im Chor vom Folgetrack Child entfaltet.

Doch nicht nur die neuen Songs auf dem 14-Track-Album Humanology sorgen für eine angenehme Überraschung: Es ist vor allem das Remake ihres größten Hits Believer. Okay, es ist ein Duett mit Xavier Naidoo. Den hassen viele. Ich gebe zu, eine heimliche Schwäche für den „singenden Pilgerpfad“ zu hegen: Sieh mir noch einmal in die Augen Baby, bevor du gehst – toller Song! Wie auch immer Sie zu Herrn Naidoo stehen – die Stimme des Sohnes Mannheims passt perfekt zu der von Glen, beiden wohnt diese gospelgeprägte Inbrünstigkeit inne. Believer wird hier zu einer puren Zelebration und kommt damit schon fast Leonard Cohens Hallelujah gleich, welches ich immer mehr als Gebet denn als Lied empfunden habe.

Auf Believer folgt mit White Roses For My Mother eine Zelebration anderer Art. Dieser wohl persönlichste Song des Albums verarbeitet den Tod von Glens vor wenigen Jahren verstorbener Mutter. Ohnehin musste Marla Glen so einiges an Schicksalsschlägen einstecken: Vom Rechtsstreit mit ihrer ehemaligen Plattenfirma und dem damaligen Management bis zu ihrer Scheidung von Ehefrau Sabrina. Blues wird in der Interpretation Marla Glens authentisch, denn sie hat durchgemacht, wovon sie singt. Vielleicht liegt es an diesen Erfahrungen, dass Humanology so sehr auf den Punkt kommt wie keines ihrer vorherigen Alben.

Eigentlich wäre hiermit alles gesagt. Doch legt die Glen selbst mit zwei Bonus-Tracks nach, und diese überraschen wirklich. Da wäre zunächst die Elvis-Nummer Fever, oft gehört, oft gesungen. Ich will mich nicht dazu versteigen, dass Marla Glen es schafft, diesem Evergreen neue Seiten abzutrotzen – doch hörenswert ist ihre Interpretation allemal. Und dann ist da noch Your Song. Diese 1970 von Elton John geschriebene Folk-Jazz-Liebeserklärung berührt durch Marla Glens Interpretation mehr denn je, geht unter die Haut und stimmt gleichzeitig versöhnlich.

Wenn Humanology so etwas wie die Essenz der Karriere von Marla Glen darstellt – denn ich möchte hier weder von einem Comeback noch von einem Alterswerk sprechen -, dann entlässt es uns mit einem positiven Ausblick auf alles, was noch folgen soll. Oder, um es mit den Worten der Glen zu sagen: Don’t keep me from going on.

Plattenkritik: VA: Bossa Nova Just Smells Funky | Yael Naim & David Donatien | Danger Mouse & Daniele Luppi | VA: Wave Music Vol. 16 | Josete Ordoñez | Annett Louisan | Taraf de Haïdouks & Kocani Orkestar | Marla Glen

  1. 2 CD-Besprechung: Josete Ordoñez | Annett Louisan | Taraf de Haïdouks & Kocani Orkestar | Marla Glen - fairaudio

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