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CD-Besprechung: Nikola Materne & Bossanoire | Nils Wogram Nostalgica | Fattigfolket | Roger Matura – fairaudio

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Fink / Perfect Darkness

    Fink_Cover

    Was kann nach so einer CD schon noch kommen? Die Antwort ist: Fink beziehungsweise Finian Paul Greenall, dessen Debütalbum Biscuits For Breatfast von 2006 allein durch das unglaubliche Alison-Moyet-Cover All Cried Out aufhorchen ließ: Wie kann ein so schmales Jüngelchen aus Brighton nur dermaßen den Mississippi-Delta-Blues haben? Der Zweitling Distance and Time (2007) stand den Frühstückskeksen in nichts nach, ebenso wenig Sort of Revolution (2009); und mit Perfect Darkness beweist Fink endgültig, dass er zu den wohl unterschätztesten Singer-Songwritern unserer Tage gehört. Dabei setzten Größen wie John Legend oder die kürzliche verstorbene Amy Winehouse doch schon lange auf seine Songwriterqualitäten, und durch sein dezentes Elektrogefrickel hat er sich auch als Remixer einen Namen gemacht, beispielsweise für Nina Simone, Ryuchi Sakamoto oder Elbow.

    Der Blues ist auf Perfect Darkness allerdings weitestgehend verschwunden und musste stattdessen weichen Elektrobeats weichen, die aber nicht in künstlichem Kontrast mit der klassisch-akustischen Singersongwriterinstrumentierung stehen, sondern vielmehr eine organische Einheit bilden. Finks Songs sind keine Lagerfeuerlieder, die jeder Hobbygitarrist spielen kann, vielmehr benötigen sie die Beats - ganz so, wie die Beats die Songs benötigen. Eine ähnliche Herangehensweise habe ich vor elf Jahren auf dem Debüt How to Steal the World von Helicopter Girl gehört, und in letzter Zeit vielleicht noch bei Martina Topley-Bird oder Massive Attack. Und dennoch ist Perfect Darkness weit entfernt davon, eine elektronische Platte aus der Clubecke zu sein, sondern eher ein konsequentes Hinüberführen des Singersongwriter-Gedankens in eine auf dem technisch neuesten Stand befindliche Musik, in einer Zeit, wo sich kein akustikgitarrenbegleiteter Sänger mehr ohne MacBook und Loop-Station auf die Bühne traut.

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    Bei Fink indessen ist dies mehr als eine dem Zeitgeist geschuldete Spielerei, denn schließlich blickt er auf eine lange Vergangenheit als DJ zurück, bevor er sich entschloss, die Plattenteller gegen eine Gitarre einzutauschen. Seine sparsam instrumentierten, akustischen Stücke zwischen Folk und Blues können ihre DJ-Vergangenheit insofern nicht verhehlen, als über - oder unter, je nachdem, wie man es betrachten möchte - ihnen allen ein seltsam-schöner Beat liegt. Fink verbindet das Beste aus beiden Welten, er verleiht der Akustikgitarre eine DJ-Attitüde und erdet seine Beats gleichzeitig durch die organische Instrumentierung. So eröffnet Perfekt Darkness mit hypnotischen Beats, zu denen sich bald Finks Akustikgitarre gesellt. Würde es 2011 noch TripHop geben, er würde so klingen.

    Der zweite Song fährt eine volle Bandbesetzung auf und ist eher Rock’n’Roll als Elekrogeschnassel, ein bisschen Everlast vielleicht, aber durch die leicht quäkende Gesangsstimme schon bei den ersten Takten der Strophe unverkennbar Fink. Wheels ähnelt endlich wieder dem Fink von Biscuits For Breakfast; der Song atmet puren Delta Blues und man könnte glauben, es mit einer männlichen Cassandra Wilson zu tun zu haben, die die Reduktion ja ebenfalls zu ihrem Markenzeichen erhoben hat. Ein perfekter Song, und die Zeile I left Bristol City könnte auch als Maxime für Finks künstlerische Entwicklung stehen: Weg vom - wenngleich unleugbar als Grundton präsenten - Bristoler TripHop à la Massive Attack, hin zu akustischem Folk-Blues. Kein Wunder, dass Fink von der einschlägigen Fachpresse mittlerweile als „Ninja Tune’s Folk-Troubadour“ (motor.de) geführt wird. Warm Shadow ist eine selten schöne Nummer, nervös einerseits und dennoch getragen. So muss sich Schweben anfühlen. Das gilt selbst noch ab dem Moment, wo eine durchdringende Bassdrum dazukommt. Finks Beats stören nie, sie wissen vielmehr in ihren Bann zu ziehen, Widerstand zwecklos.

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    Save It For Somebody Else verströmt schon fast Country-Flair, und hier ist der ehemalige DJ wirklich nicht mehr zu hören, womit Fink einmal mehr den Beweis antritt, dass er auch ohne seine Tontechnikkünste Songs zu schreiben vermag, die von zeitloser Schönheit, ja: Eleganz sind und nicht zuletzt durch ihr minimalistisches Arrangement bestechen. Persönlich empfinde ich diesen Song aber nicht als „typisch Fink“, mir fehlt der alles verzaubernde Beat. Den gibt es aber schon wieder bei Who Says, einer ätherisch schönen Nummer mit vertrackten Chören à la Jimi Tenor, die sich in ein nachgerade psychedelisches Finale steigert. Das behutsame Foot In The Door versöhnt den Hörer und tröstet ihn auf seltsame Weise. Berlin Sunrise beschließt das Album so, wie der besungene Sonnenaufgang der Hauptstadt: Müde, etwas verkatert, aber sehr sehr glücklich und schlichtweg - verzaubert.

    Café del Mar Vol. 17

  2. 3 CD-Besprechung: Nikola Materne & Bossanoire | Nils Wogram Nostalgica | Fattigfolket | Roger Matura - fairaudio

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: VA: Summer of Girls | King Oliver´s Revolver | Fink | Café del Mar Vol. 17 | Nikola Materne & Bossanoire | Nils Wogram & Nostalgica | Fattigfolket | Roger Matura

Nikola Materne & Bossanoire / Wunderbar allein

Nikola Materne & Bossanoire / Wunderbar allein_Cover

Über den inflationären Gebrauch moderner Bossa-Nova-Rhythmen kann man denken, was man will – und auch ich habe mich an dieser Stelle schon so einige Male darüber mokiert (beispielsweise hier) -; wahr bleibt aber auch: kein Sommer ohne Bossa. Kam die Bossa-Nova-Platte des letzten Sommers mit Rückwärts Weltrekord von b-ebene, gebührt der Titel dieses Jahr Nikola Materne und Bossanoire mit Wunderbar allein. Nach der Gehirnwäsche und anschließendem Weichspülgang durch 28 Café-del-Mar-Titel ist es in erster Linie überaus erfrischend, eine Sommerplatte ganz ohne Wellenrauschen und Mövengefiepe in den Händen zu halten.

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Die Akustikgitarren dominieren zwar auch hier, aber das scheint das Schicksal der aktuellen Ausgabe von Victoriah’s Music zu sein. Jede Jahreszeit hat ihr Instrument, und der Sommer, selbst ein derart verregneter wie dieser, wird nun einmal von der Akustikgitarre bestimmt. Was gleichzeitig die Marschrichtung von Wunderbar allein vorgibt, denn glücklicherweise setzen Materne und ihre Mannen nicht auf halbgaren Electro-Bossa, sondern auf handgemachte, elegant arrangierte Bossa-Nummern aus der Jazz-Ecke, die auch mal ein bisschen Samba- oder gar Walzer-Flair ausweisen können, dabei aber immer poppig-eingängig bleiben. Wunderbar allein ist ein herrlich unaufdringliches Album, nicht zuletzt geschuldet den virtuosen, aber sich stets im Hintergrund haltenden Bossanoire-Jungs: Jost Ziegner an Klavier, Saxofon und Flöte, Axel Zinowsky an der Gitarre, Caspar van Meel am Bass und Jochen Welle am Schlagzeug, die der silbrig-leichten Stimme Nicola Maternes und ihren mal melancholischen, mal ironischen Texten einen sommerlich-beschwingten Grund bereiten.

Anspieltipp: das wunderbare Schlaflos, das als Duett zwischen Stimme und Kontrabass beginnt, bevor sich die anderen behutsam dazugesellen.

Nils Wogram & Nostalgica / Sturm und Drang

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Als weitaus weniger leicht verdaulich – und damit nicht unbedingt sommergerecht – erweist sich indessen Sturm und Drang. Das ist wieder eine Platte, die von ersten Schlagzeugrumpeln an „Achtung, hier wird ernsthafter Jazz gemacht“ schreit und mich vom Anspruch sowie der ganzen Attitüde an [Em] erinnert. So haben sich beide Formationen spannenden Trio-Jazz auf die Fahnen geschrieben, sowohl das Dreiergebilde um Eva Kruse, als auch im vorliegenden Falle Nils Wogram an der Posaune, Florian Ross an der Hammond und Dejan Terzic, der zwischen Drums und Percussion hin und her oszilliert. Nichtsdestotrotz geht es hier nicht um verstaubten Altherren-Jazz, der jenseits der einschlägigen Clubs und eines sich für die handverlesene Avantgarde haltenden Publikums keine Hörer findet, sondern vielmehr um eine Musik, die sich anschickt, die Dancefloors zu erobern. Lounge trifft hier auf klassisches Jazz-Set, Blue Notes auf urbane Grooves, improvisierter Free Style auf Ambient-Klänge. Und dabei benötigen Wogram und Nostalgica für subversiven DJ-Underground noch nicht einmal einen DJ.

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Soweit die Eindrücke des Openers Funky Neighbourhood. Das zweite Stück, Fundamentals, sticht aus der Platte nicht nur allein aufgrund seiner Länge von gut zehn Minuten heraus; auch kommt Wograms Posaunenspiel auf diesem musikalischen Geburtstagsgeschenk für seine Mutter dem Trompetenklang von Miles Davis recht nah und konterkariert den Titel Sturm und Drang durch eine atmosphärisch dichte Wiedergeburt des Cool Jazz – Rebirth of the Cool, wenn Sie so wollen.

Ansonsten aber bleibt Sturm und Drang wie der Titel verspricht: heißblütig. Wogram und seinen Mitstreitern gelingt es, trotz des musikalischen Anspruchs die Freude an der Sache nie aus den Augen zu verlieren, und diese überträgt sich auf den Zuhörer. Schon der dritte, titelgebende Track groovt wieder wie Hund und scheint aus jeder Pore zu rufen „Ja, auch Jazz muss nicht nur verstandesmäßig zu erfassen sein!“ und: „Ja, Jazz darf in der Tat auch Spaß machen!“ An intellektueller Grundlage indessen fehlt es dem Album trotzdem nicht, schließlich bezeichnet der historische Sturm-und-Drang-Begriff doch nichts weniger als den „Grundstein für die Überwindung der Vernunftherrschaft und eine Entfesselung des Gefühlsüberschwangs“, kurz: Intellekt schafft sich mittels eines intellektuellen Konzepts selber ab, um ungefilterte Emotion zuzulassen. Oder so ähnlich.

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Persönlich mag ich den Country Rain am liebsten, eine von hypnotischen Bässen beherrschte Nummer, unheimlich, melancholisch und von immenser Sogwirkung; und auch der Beat von Copenhagen hat es in sich. Anstrengend – und damit das, was Nicht-Jazz-Heads am Jazz nicht mögen – wird es allein auf dem vorletzten Track Friday The 13th, aber wer sagt auch, dass ein Freitag, der Dreizehnte, immer vollkommen entspannt verläuft? Eben. Zudem versöhnt Track zehn, eine der zwei Nicht-Wogram-Kompositionen des Albums, den Hörer wieder und swingt einen angenehm und mit dezentem Reggae-Beat nach Hause, womit Sturm und Drang dann doch irgendwie ganz gut zum Sommer passt.

Fattigfolket / Park

Fattigfolket / Park_Cover

Vom Posaunentrio zum Trompetenquartett begeben wir uns mit Fattigfolket, einem aus Trompeter Gunnar Halle, Saxophonist und Klarinettist Hallvard Godal, Bassist Putte Johander und Schlagzeuger Ole Morten Sommer zusammengesetzten, schwedisch-norwegischen Vierergespann. Park lautet der Titel ihres neuen Albums nicht von ungefähr, denn Parks stellen für Fattigfolket Fluchtpunkte dar, lebensnotwendige Oasen der Ruhe im urbanen Treiben. So nutze man während der letzten Tournee jede sich bietende Minute, um in den Parks vor Ort den Tourstress zu kompensieren und die Batterien wieder aufzuladen. Jedem Park, in welchem es verweilte, widmete das Quartett einen Song. Kein Wunder, dass die ins Studio hinübergeretteten Kopfbilder dominiert werden von friedvollen Momenten und Ruhe, ja: Beschaulichkeit. Die Aufgeregtheit einer Sturm und Drang wird man auf Park vergebens suchen, insofern bildet dieses Album den idealen Kontrapunkt zum Letztbesprochenen. Und tatsächlich erscheinen beide Alben, wenngleich auf unterschiedlichen Labels, am 2. September, sodass nicht einmal logistische Gründe gegen den Doppelkauf sprechen.

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Berliner Parks dominieren auf dem Elf-Track-Konzeptalbum, sei es der Pfaueninsel Park, der Mauerpark, der Tierpark oder der Park im Grunewald. Auch im von Godal zum Klingen gebrachten Barnim Park lässt es sich vortrefflich relaxen, ebenso im Hesperides Park – was man vom Brentanopark nicht unbedingt behaupten kann, mit seinem ewig solierenden Bass. Ganz wunderbar ätherisch wiederum Innocentia Park; und Godals Bassklarinette auf Marienberg Park, ohnehin mein aktuelles Lieblingsinstrument, lädt zum Loslassen und Wegdriften ein. Traumschön nennt man das; und es muss ein Traum sein, tickt doch im Hintergrund der Wecker unaufhaltsam – und erinnert daran, dass die Wirklichkeit woanders stattfindet, leider.

Grunewald, eine der wenigen Kompositionen, die nicht aus der Feder Godals stammen, sondern vom Bassisten Putte Johander, mutet preußisch-martialisch an, während der Agra Park, eine Kollaboration Johanders mit Godal, das Album angenehm verträumt beschließt, doch auch mit leicht bedrohlichem Unterton. Nur schön sind die Parks von Fattigfolket nicht!

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In jedem Falle aber macht das Album Lust, all diese Parks selbst der Reihe nach zu bereisen, um das von Fattigfolket kreierte Klangbild einer Wirklichkeitsüberprüfung zu unterziehen. Aber eigentlich geht es darum ja gar nicht. So beispielsweise bietet Tierpark perfekten Quartett-Jazz, träumerisch fast, und alles andere, als ich allmorgendlich beim Durchqueren des Besungenen oder vielmehr Bespielten im Sinne habe. Wobei die für Berlin – und da nehme ich die Berliner Parks nicht aus – so typischen Kontraste auch von Fattigfolket nachgezeichnet werden, allerdings derart subtil, dass man schon genau zuhören muss. Und im Zuhören gelangen durch das Zusammenspiel der Musiker Details an die Oberfläche des Bewusstseins, die einem das bloße Hinschauen bei einem eigenmächtigen Streifzug durch den Park verwehren würde. Insofern ist Parks eine Art Vergrößerungs-, wenn nicht gar Brennglas, das seinen Fokus auf all die verborgenen Dinge legt, die dem oberflächlichen Betrachter entgehen.

Roger Matura / World Gone Wrong

Roger Matura / World Gone Wrong_Cover

Ebenfalls auf Ozella, und dort in der Linie Songways, erschienen ist World Gone Wrong. Eigentlich zeichnet sich Songways durch so charmante Acts wie Stephan Scheuss, Mara & David und bald auch Jeanette Hubert aus, doch bei dem neuen Album von Roger Matura wird schnell klar, dass auch ein ansonsten so stil- und geschmackssicheres Label wie Ozella mal daneben greift.

„Der heisere Dichter erhebt wieder seine Stimme“, kündet der Waschzettel zur CD. Man wünschte, er hätte es gelassen. Eigentlich schade, denn vom rein musikalischen Standpunkt spricht wenig gegen World Gone Wrong – vorausgesetzt, man mag mit Mundharmonika und Bandoneon versetztes Folkiges. Aber diese Stimme! Ich kann sie einfach nicht ohne Atembeklemmungen hören, denn man muss permanent befürchten, dass der Dichter vergisst, Luft zu holen, sich verschluckt und erbärmlich erstickt.

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Mag sein, nicht alle teilen mein Missfallen. Immerhin hat es der produktive Gelsenkirchener samt dieser Stimme schon auf 16 Folkrock-Alben gebracht, die ihm die Bewunderung beispielsweise des Folkways-Gründers Moses Asch einbrachten; und auch der renommierte Melody Maker ist bekennender Matura-Fan. Mag alles sein. Aber zweiundzwanzig Songs auf einem Album und dann noch mit dieser Stimme – das ist gelinge gesagt ein bisschen viel. Und das ist doppelt schade, denn der als „Bob Dylan des Ruhrgebiets“ Bekannte schreibt gute Songs. Hätte er sie einem anderen Sänger überlassen, World Gone Wrong könnte ein schönes Album sein. Beispielsweise der Slidegitarren-Titel Trapped, dessen Instrumentalpassagen mehr als hörbar sind, und auch Soulful ist an sich ein schöner Titel. So aber verursacht es mir Klaustrophobie.

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Nicht zuletzt entsetzt World Gone Wrong durch die unansprechendsten Liner Notes, die mir in den letzten Jahren begegnet sind, mit einem nahezu unleserlichen Blocksatz. Schön ist anders. Von der fragwürdigen Bat- und Spiderman-Ästhetik der Pressefotos, die so absolut gar nicht zu der Musik, den Inhalten der Lieder, ja: nicht einmal Maturas Stimme passen, wollen wir erst gar nicht reden.

Natürlich war Folk schon immer dominiert von gitarrespielenden Nicht-Sängern mit Message. Niemand, der alle seine Sinne halbwegs beisammen hat, käme auf die Idee, Dylan & Co. als große Sänger zu bezeichnen. Allein, die Geräusche, die Matura produziert, lassen sich meiner Meinung nach schon nicht mehr zum Stilmittel erheben. Und dabei geht es mir keineswegs um den blutleeren Fetisch Schönklang. Folk darf gern Gebrochen klingen, ja muss es sogar, heiser und unfertig. Folk ist das Gegenteil von klanglicher Perfektion. Aber deshalb muss er auch nicht gleich richtiggehend hässlich klingen.

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Plattenkritik: VA: Summer of Girls | King Oliver´s Revolver | Fink | VA: Café del Mar Vol. 17 | Nikola Materne & Bossanoire | Nils Wogram Nostalgica | Fattigfolket | Roger Matura

  1. 2 Fink / Perfect Darkness

    Fink_Cover

    Was kann nach so einer CD schon noch kommen? Die Antwort ist: Fink beziehungsweise Finian Paul Greenall, dessen Debütalbum Biscuits For Breatfast von 2006 allein durch das unglaubliche Alison-Moyet-Cover All Cried Out aufhorchen ließ: Wie kann ein so schmales Jüngelchen aus Brighton nur dermaßen den Mississippi-Delta-Blues haben? Der Zweitling Distance and Time (2007) stand den Frühstückskeksen in nichts nach, ebenso wenig Sort of Revolution (2009); und mit Perfect Darkness beweist Fink endgültig, dass er zu den wohl unterschätztesten Singer-Songwritern unserer Tage gehört. Dabei setzten Größen wie John Legend oder die kürzliche verstorbene Amy Winehouse doch schon lange auf seine Songwriterqualitäten, und durch sein dezentes Elektrogefrickel hat er sich auch als Remixer einen Namen gemacht, beispielsweise für Nina Simone, Ryuchi Sakamoto oder Elbow.

    Der Blues ist auf Perfect Darkness allerdings weitestgehend verschwunden und musste stattdessen weichen Elektrobeats weichen, die aber nicht in künstlichem Kontrast mit der klassisch-akustischen Singersongwriterinstrumentierung stehen, sondern vielmehr eine organische Einheit bilden. Finks Songs sind keine Lagerfeuerlieder, die jeder Hobbygitarrist spielen kann, vielmehr benötigen sie die Beats - ganz so, wie die Beats die Songs benötigen. Eine ähnliche Herangehensweise habe ich vor elf Jahren auf dem Debüt How to Steal the World von Helicopter Girl gehört, und in letzter Zeit vielleicht noch bei Martina Topley-Bird oder Massive Attack. Und dennoch ist Perfect Darkness weit entfernt davon, eine elektronische Platte aus der Clubecke zu sein, sondern eher ein konsequentes Hinüberführen des Singersongwriter-Gedankens in eine auf dem technisch neuesten Stand befindliche Musik, in einer Zeit, wo sich kein akustikgitarrenbegleiteter Sänger mehr ohne MacBook und Loop-Station auf die Bühne traut.

    Fink_1

    Bei Fink indessen ist dies mehr als eine dem Zeitgeist geschuldete Spielerei, denn schließlich blickt er auf eine lange Vergangenheit als DJ zurück, bevor er sich entschloss, die Plattenteller gegen eine Gitarre einzutauschen. Seine sparsam instrumentierten, akustischen Stücke zwischen Folk und Blues können ihre DJ-Vergangenheit insofern nicht verhehlen, als über - oder unter, je nachdem, wie man es betrachten möchte - ihnen allen ein seltsam-schöner Beat liegt. Fink verbindet das Beste aus beiden Welten, er verleiht der Akustikgitarre eine DJ-Attitüde und erdet seine Beats gleichzeitig durch die organische Instrumentierung. So eröffnet Perfekt Darkness mit hypnotischen Beats, zu denen sich bald Finks Akustikgitarre gesellt. Würde es 2011 noch TripHop geben, er würde so klingen.

    Der zweite Song fährt eine volle Bandbesetzung auf und ist eher Rock’n’Roll als Elekrogeschnassel, ein bisschen Everlast vielleicht, aber durch die leicht quäkende Gesangsstimme schon bei den ersten Takten der Strophe unverkennbar Fink. Wheels ähnelt endlich wieder dem Fink von Biscuits For Breakfast; der Song atmet puren Delta Blues und man könnte glauben, es mit einer männlichen Cassandra Wilson zu tun zu haben, die die Reduktion ja ebenfalls zu ihrem Markenzeichen erhoben hat. Ein perfekter Song, und die Zeile I left Bristol City könnte auch als Maxime für Finks künstlerische Entwicklung stehen: Weg vom - wenngleich unleugbar als Grundton präsenten - Bristoler TripHop à la Massive Attack, hin zu akustischem Folk-Blues. Kein Wunder, dass Fink von der einschlägigen Fachpresse mittlerweile als „Ninja Tune’s Folk-Troubadour“ (motor.de) geführt wird. Warm Shadow ist eine selten schöne Nummer, nervös einerseits und dennoch getragen. So muss sich Schweben anfühlen. Das gilt selbst noch ab dem Moment, wo eine durchdringende Bassdrum dazukommt. Finks Beats stören nie, sie wissen vielmehr in ihren Bann zu ziehen, Widerstand zwecklos.

    Fink_2

    Save It For Somebody Else verströmt schon fast Country-Flair, und hier ist der ehemalige DJ wirklich nicht mehr zu hören, womit Fink einmal mehr den Beweis antritt, dass er auch ohne seine Tontechnikkünste Songs zu schreiben vermag, die von zeitloser Schönheit, ja: Eleganz sind und nicht zuletzt durch ihr minimalistisches Arrangement bestechen. Persönlich empfinde ich diesen Song aber nicht als „typisch Fink“, mir fehlt der alles verzaubernde Beat. Den gibt es aber schon wieder bei Who Says, einer ätherisch schönen Nummer mit vertrackten Chören à la Jimi Tenor, die sich in ein nachgerade psychedelisches Finale steigert. Das behutsame Foot In The Door versöhnt den Hörer und tröstet ihn auf seltsame Weise. Berlin Sunrise beschließt das Album so, wie der besungene Sonnenaufgang der Hauptstadt: Müde, etwas verkatert, aber sehr sehr glücklich und schlichtweg - verzaubert.

    Café del Mar Vol. 17

  2. 3 CD-Besprechung: Nikola Materne & Bossanoire | Nils Wogram Nostalgica | Fattigfolket | Roger Matura - fairaudio

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