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Various Artists – The Magic & the Mystery of the Piano Trio

August 2015 / Victoriah Szirmai

The Magic & the Mystery – wer denkt bei diesem Titel nicht an Alltagsfluchten, ob nun klösterliches Retreat oder relaxter Urlaubsabend vor exotischer Kulisse! Und tatsächlich ist eine CD, die Magie und Mysterium im Namen trägt, dazu angetan, das Gefühl unwirklich schöner Sommertage akustisch zu verlängern und gleichzeitig sanft auf die anstehende Herbsttristesse vorzubereiten.

Various Artists | The Magic & the Mystery of the Piano Trio

Schließlich verspricht die Compilation aus dem Hause Ozella im Untertitel Ballads & Lullabies – also Sanftes, Träumerisches, Alltagsfernes. Erschienen bereits letzten November, ist das ursprünglich „für die besinnlichen Momente der Wintermonate“ gedachte Album, das Künstler wie den Kasseler Volkslied-Veredler Edgar Knecht und das norwegische Helge Lien Trio vereint, im Grunde seines Herzens eine verhinderte Goodbye-Sommer-Platte – sieht man einmal von Stefan Aebys „Es schneit doch hüt“ ab. Denn bei allem An-der-Tür-Gekratze von Nebel, Dämmerung und feucht-kühler Luft – so weit ist es dann doch noch nicht.

Helge Lien Trio
Helge Lien Trio

The Magic & the Mystery of the Piano Trio ist eine Platte für Übergänge aller Art – nicht nur für jenen von der heißen zur kälteren Jahreszeit, sondern auch für den zwischen Nacht und Tag, zwischen Schlaf und Wachsein. Ausgangsbasis ist ein tiefenentspanntes Feriengefühl, losgelöst von allen Pflichten, allem Müssen und Wollen. Perlend tropft sich das Eivind Austad Trio mit „Life On Mars“ in die Gehörgänge, zwingt dazu, einen weiteren Gang herunterzuschalten, kündet von der überirdischen Schönheit vollendeter Trägheit. Etwas mehr Tempo – wobei wir uns hier im Bereich eines µ bewegen – bringt Edgar Knecht in die Sache. „Schlaf“ glänzt mit einem grandiosen Basssolo, das es versteht, den Titel kongenial in tiefe Töne umzusetzen: Der Hörer fühlt sich wie in der Aufwachphase, in der man noch nicht weiß, wo geschweige denn wer man eigentlich ist, in der alle Glieder wie gelähmt sind und sich das Bewusstsein erst aus scheinbar unermesslichen Tiefen emporkämpfen muss. Perfekt in den Flow passt „It Is What It Is, But It Is“ vom Helge Lien Trio mit seinem mit dem Vorgängerstück korrespondierenden Basssolo. Hier ist alles ganz watteweich, um nicht zu sagen fluffig, wie ein für die Nacht aufgeschlagenes Federbett in einem Luxushotel, welches nur darauf wartet, dass man sich hineinsinken lässt. Erst das Stefan Aeby Trio unterbricht den Sanftklangfluss mit leisem Geräusch, das aufhorchen lässt.

Edgar Knecht
Edgar Knecht Trio

Stefan Aeby Trio
Stefan Aeby Trio

Derart geweckt, richtet sich jede Zelle auf „Septentrional“ vom Kari Ikonen Trio aus: Welch herrlicher Torch Song! Der allerdings hat es ganz schön in sich und entwickelt sich während seiner gut neunminütigen Spielzeit zu einem komplexen Gebilde, das wünschen macht, einem Live Set der impressiven Finnen beiwohnen zu dürfen. Zurück zum Fluffigen geht’s mit dem auch formal konventionelleren „Mor“ vom Helge Lien Trio, um mit „Mindarai“ vom Stefan Aeby Trio die nächste Ebene der Langsamkeit zu erreichen: Das hier sind die Sounds of Slow in Reinform, während der hypnotische, zunehmend zwingender werdende Rhythmus das Stück als Zeitlupenbolero auszeichnet. Mit dem wieder etwas experimentelleren „Pacific“ bestätigt das Kari Ikonen Trio den ersten Höreindruck, den es auf der Compilation hinterlassen hat: Gern würde man diese surrealen Traumweltenklänge live erleben!

Kari Ikonen
Kari Ikonen Trio

Doch dann ist es wieder Helge Lien, dessen (Solo-)Piano es mit „Øy“ gelingt, die an Spiritualität grenzende Magie der gesamten Compilation einzufangen und den Weg für Edgar Knecht zu ebnen, der im Duett mit Rolf Deneckes gestrichenem Kontrabass auf „Tiefe Wasser“ dem Ganzen endgültig eine sakrale Atmosphäre zu verleihen weiß. „Badger’s Lullaby“ vom Helge Lien Trio täuscht avantgardistisch an, wird aber schon bald sehr, sehr meditativ, während das bislang unveröffentlichte „Ehtoolla“ vom Kari Ikonen Trio ein derart cooles und dabei noch tiefes Stück ist, dass ich geneigt bin, es für das Highlight der Compilation zu erklären. Auf der ist von der trägen Fluffigkeit des Beginns ohnehin nicht mehr viel übrig: The Magic & the Mystery of the Piano Trio hat sich zu einem anspruchsvollen, wenn nicht gar fordernden Hörerlebnis ausgewachsen. Wieder etwas konventioneller, aber weit entfernt von wohlig, beschließt das Helge Lien Trio mit „Natsukashii“ dieses auch auf Vinyl erschienene Album, das mit fortschreitender Spielzeit hellwach macht und auch in diesem Sinne die perfekte Urlaubstraum-zu-Alltagstrott-Übergangsscheibe ist.

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