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Thomas Dybdahl

September 2013 / Victoriah Szirmai

Treuen fairaudio-Lesern ist Thomas Dybdahl nicht unbekannt. Als sich der „rasend gut aussehende Norweger“ vor etwas mehr als zwei Jahren anschickte, mit einer schlicht Songs genannten Kompilation seiner bisherigen Stücke ein Publikum auch jenseits der skandinavischen Welt zu erobern, war Victoriah’s Music an vorderster Front mit dabei. Ach, geben wir es ruhig zu: Sie war dem smarten Musiker von Anfang an verfallen, und das lag mitnichten nur an seiner Optik.

Thomas Dybdahl | What's Left Is Forever | Cover

Vor allem seine fragile Stimme, aufgrund derer er sich öfter mal Vergleiche mit Nick Drake, James Blake & Co. gefallen lassen muss, hatte es ihr angetan. Wie diese beiden ist Dybdahl pure Seele, ohne Soul zu sein.

Eigentlich kaum zu glauben, dass der Singer/Songwriter hierzulande immer noch als Geheimtipp gilt. Dies zu ändern, ist er mit seinem am 13. September 2013 auf Strange Cargo/Universal veröffentlichten Album What’s Left Is Forever angetreten. Der Titel ist Programm: Dybdahl ist es hier um nichts weniger als die radikale Lebenskurskorrektur zu tun. Was danach bleibt, ist für immer.

Ein Gespräch über die Wegscheiden des Lebens, weshalb sich Gefühle nicht vortäuschen lassen und die emotionale Seite der Audiophilie.

fairaudio: Lass uns mit einer eher philosophischen Frage beginnen. Dein neues Album heißt What’s Left Is Forever. Was ist es denn, was für immer bleibt, wenn wir nicht mehr hier sind?

Thomas Dybdahl: Ich habe das eher von der Seite betrachtet, dass ich kürzlich das Gefühl hatte, einige Entscheidungen bezüglich meines weiteren Lebens, meiner Ziele treffen zu müssen. Sind die Dinge, die mir mein Leben bringt, diejenigen, welche ich auch weiterhin machen oder haben oder sehen will? Ich habe das Gefühl, an einer Art Wegscheide-Zeit des Lebens zu stehen. Weißt du, ich bin jetzt vierunddreißig Jahre alt, ich bin also noch nicht alt – aber ich bin auch nicht mehr jung!

Es ist eine Art Zwischenalter, welches einem einige Entscheidungen abverlangt bezüglich der Dinge oder Menschen, mit denen man seine Zeit verbringt, denn die Zeit wird mit zunehmendem Alter immer kostbarer. Der Titel drückt einfach nur meine Hoffnung aus, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. Das Leben, das ich im Moment lebe, gefällt mir, und auch wenn einige meiner Entscheidungen in der Vergangenheit offenkundig die falschen waren, haben sie mein Leben zu dem gemacht, was es jetzt ist, worüber ich wirklich froh bin. Außerdem ist es eine Variation des alten Themas „Wenn sich der Staub legt“, du weißt schon, was man sieht, wenn die große Schlacht vorüber ist.

Dein letztes Album Songs war eine Zusammenstellung aus deinen vorangegangenen Veröffentlichungen. What’s Left Is Forever ist also dein erstes Soloalbum, das auch außerhalb von Skandinavien veröffentlicht wird – was hat sich seit Songs geändert und was erwartest du dir von der Veröffentlichung?

Um ehrlich zu sein, hoffe ich einfach nur sehr, mir ein Publikum in jenen Teilen der Welt erschließen zu können, in denen ich bislang keins habe. Zum Beispiel in Deutschland. Ich habe hier zwar ein kleines Publikum, was bedeutet, dass ich auf Club-Tour gehen kann und da auch Leute hinkommen, aber da geht noch mehr! Ich glaube nämlich, dass wenn die Menschen die Gelegenheit bekommen, mein neues Album zu hören, sie es mögen könnten. Ich hoffe einfach, die Leute geben ihm eine Chance.

Zudem ist es mein erstes Album seit langem, das wieder aus scharf geschnittenen Songs besteht. Ich habe davor viel Filmmusiken, Soundtracks und so gemacht, weshalb es ein gutes Gefühl war, wieder zum Format des traditionellen Songwritings zurückzufinden. Der Vier-Minuten-Pop-Song ist so eine kleine Sache, aber es ist so schwer, die richtigen Zutaten hineinzugeben, ihn nicht zu überladen oder zu kompliziert zu machen.

Außerdem habe ich mit einem großartigen Produzenten, Larry Klein, zusammengearbeitet, der schon Joni Mitchell, Herbie Hancock oder Tracy Chapman produziert hat, alles Künstler, die ich früher viel gehört habe! Für mich war das außerdem darum eine gute Sache, weil ich etwas Kontrolle abgeben musste. Wenn man einen Produzenten hat, macht es keinen Sinn, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, da muss man ihm schon vertrauen.

Wie ist es denn zu der Zusammenarbeit mit Larry Klein gekommen?

Wie zu allen anderen Dingen in meinem Leben auch – durch eine lange Verkettung von Zufällen, die sich zu dem, was es ist, materialisiert hat. Larry hat einen Song von mir vor ungefähr vier Jahren von einem Freund geschickt bekommen. Dieser hatte ihn wiederum von einem anderen Freund und so weiter. Das Stück, „Love Story“, wanderte also durch eine Reihe von Freunden, bevor es auf Larrys Desktop landete. Er wusste zwar nicht, was er damit machen sollte, aber es gefiel ihm, und so hob er es auf.

Irgendwann dann bekam er die Chance, sein eigenes kleines Label Strange Cargo unter dem Dach von Universal Music zu gründen. Sie sagten ihm, arbeite mit den Leuten, mit denen du arbeiten willst, und veröffentliche die Platten, die du veröffentlichen willst, und da fiel ihm als erstes der Song ein, den er noch auf seinem Desktop hatte. Er kam nach Norwegen, sah sich eine meiner Shows an – und dann begannen wir, zusammenzuarbeiten.

Thomas Dybdahl | What's Left Is Forever 2

Lass uns über ein paar der Songs auf deinem neuen Album reden. Der Opener „Love Is Here To Stay“ klingt in meinen Ohren wie eine Prince-macht-einen-auf-Curtis-Mayfield-Nummer. Welchen Einfluss haben Soul-Sänger auf dich?

Nun, ich bin mit Prince aufgewachsen. Meiner beiden älteren Brüder waren enorme Fans von ihm, weshalb ich schon mit sieben oder so viel Prince gehört habe. Er war immer Bestandteil meines musikalischen Lebens. Außerdem habe ich mich immer von großartigen Soul-Sängern angezogen gefühlt. So halte ich beispielsweise Voodoo von D’Angelo für eine der grandiosesten Platten der Zweitausender! An Soul-Sängern finde ich besonders attraktiv, dass sie, egal, wie laut die Band und egal, wie groß die Produktion im Hintergrund auch sein mag, immer noch ein Quäntchen drauflegen können, aber so vollkommen unangestrengt. Ich selbst habe eine von den Stimmen, die kleiner werden, je mehr man bewusst versucht, sie größer zu machen. Dieses Unangestrengte, Absichtslose, Zurückhaltende passt darum auch gut zu mir.

Und egal, wie bewusst auch der Rest meiner Musik produziert ist – die Vocals sind immer der heikle Part im Ganzen, denn hier kann man nicht einfach so tun, als ob. Es gibt keine Möglichkeit, ein Gefühl vorzutäuschen! Das funktioniert entweder – oder eben nicht. Und jeder Sänger würde wohl alles tun, damit es funktioniert. Dass seine Vocals so klingen, als wären sie ein Teil des Ganzen und nicht etwas, was man zum Schluss angeklebt oder aufgesetzt hat.

Abgesehen von der Herangehensweise großer Soul-Sänger – wer hat deinen Stil noch beeinflusst?

Oh, wahrscheinlich eine Million verschiedener Dinge, aber ich müsste lügen, würde ich hier nicht an vorderster Stelle die klassischen Songwriter nennen. Bob Dylan, Neil Young, Tim Buckley, Jimmy Webb, Paul Simon – all jene, die die Sixties und Seventies geprägt haben. Serge Gainsbourg ist ein wichtiger Einfluss in Bezug darauf, eine Melodie eher als grobe Richtlinie zu betrachten und drum herum zu mäandern. Außerdem Milton Nascimento und auch neuere Bands wie Beach House, Dirty Projectors oder White Denim – all jene, die neue Sounds mit der alten Art, Melodie zu denken, mixen. Manchmal klingt das erst einmal recht gewöhnlich, aber wenn man genau hinhört, kann man einen kleinen Störimpuls in der Matrix wahrnehmen, etwas, das einen innehalten lässt. Ich mag diese subtilen Kleinigkeiten.

Auf deinem Album gibt es auch Songs wie „Easy Tiger“, die schon sehr folkig sind. Wie würdest du deine Musik eigentlich beschreiben? MTV hat sie als „Widescreen Folk“ oder sogar „After-Hours Folk“ bezeichnet …

In erster Linie würde ich sagen, es ist Popmusik. Dann steht sie in einer Singer/Songwriter-Tradition, aber mit Elementen, die manche als „Art Folk“ bezeichnen würden – also Folk-Einflüsse mit einem kleinen Extra-Dreh. Ich versuche, die Arrangements immer so vielschichtig zu gestalten, dass man bei jedem Hören eine weitere Kleinigkeit in ihnen entdecken kann, einfach, um das Ganze interessant zu machen.

Thomas Dybdahl | What's Left Is Forever 3

Deine musikalische Karriere hast du als Gitarrist bei den eher Jazz-orientierten Quadrophonics begonnen. Spielt Jazz in deinem aktuellen musikalischen Schaffen überhaupt noch eine Rolle?

Nein, eigentlich nicht. Vielleicht kommt mein improvisatorischer Ansatz noch daher, aber davon abgesehen ist Jazz nichts, was ich höre. Es gibt mir einfach keinen Kick, heutzutage traditionellen Jazz zu hören, das ist für mich etwas, das „durch“ ist. Was mir dagegen sehr wohl einen Kick gibt, sind Leute, die das Genre so viel weiter bringen.

Bleiben wir noch einmal bei den Quadrophonics. Der Begriff „Quadrophonie“ steht ja auch für etwas, was man heute als 4.0-Surround bezeichnen könnte. Spielt der audiophile Aspekt von Musik für dich eine Rolle?

Das tut er ganz offensichtlich! Allerdings nicht so sehr, was Ausstattung und Equipment anbelangt, sondern eher von der Seite der Produktion her betrachtet. Es geht darum sicherzustellen, jeden noch so geringen Aspekt zu nutzen, um eine fast Einhundertachtzig-Grad-Klangvision zu erreichen. Das ist nicht leicht, denn beim Recording spielt der Zufall oft eine Rolle. Wenn man dann aber genau das auf Band hat, was man sich vorgestellt hat, dann ist das ein großartiges Gefühl. Die Produktion ist für mich der Moment, wo man die Gelegenheit hat, die Musik zum Leben zu erwecken, interessant zu machen und ihr genau diese kleine Zusatzdimension zu verleihen, die ich so mag. Insofern bin ich nicht von der technischen Seite gesehen audiophil, aber von der emotionalen Seite.

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