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Susanne Sundfør – The Brothel

Mai 2011 / Victoriah Szirmai

Bewusst wahrgenommen habe ich Susanne Sundførs Stimme zum ersten Mal auf dem im Februar bei Warner Norway erschienenen Album First Night On Earth (Haben Sie nicht? Brauchen Sie unbedingt! Super Platte!) des norwegischen Folk-Pop-Quintetts Real Ones.

Dass die Sängerin und Pianistin schon 2007 mit ihrem selbstbetitelten Debüt und 2008 mit Take One zwei Achtungserfolge vorgelegt hatte, war mir vollkommen entgangen. Dabei gab es damals ja diesen Skandal, der von der Musikpresse auch jenseits der Landesgrenzen aufgegriffen wurde: Für ihr Debüt Susanne Sundfør gewann die damals 21-Jährige den Norwegischen Grammy „Spellemanprisen“ in der Kategorie „bester weiblicher Künstler“. Mit der Rede, in der sie den Preis verweigerte, löste sie eine landesweite Diskussion aus, indem sie betonte, sie sei in erster Linie Künstler und erst in zweiter Linie weiblich.

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Nun legt sie mit The Brothel nach – ihrer ersten Platte, die auch außerhalb Skandinaviens veröffentlicht wird. Und trotz aller Streitbarkeit möchte Sundfør das Album keinesfalls als politisches verstanden wissen. Es gehe ihr in The Brothel nicht darum, die dunklen Seiten der Menschheit aufzuzeigen, um ihnen mehr soziale Anerkennung zu verschaffen. Vielmehr sei sie fasziniert gewesen von dem Gedanken, die als hässlich, unmoralisch, falsch und tabu betrachteten Dinge auf eine schöne Art und Weise zu beschreiben. Und wunderschön ist es tatsächlich, was bei dabei herausgekommen ist, ungeachtet – oder gerade wegen? – der Tatsache, dass der thematische Kosmos der Platte um die unheimlichsten Mythen der Menschheit, wie den der Kindsmörderin Lilith, der männermordenden Schwarze Witwe oder des Dunklen Ritters kreist. Das Spektrum reicht vom beklemmenden Wiegenlied (Lullaby) über den Seufzer der geschundenen Kreatur von der Abhängigkeit eines Allmachtsinhabers (O Master) bis hin zu einer gehörigen Prise Gotteshadern beziehungsweise eigentlich eher das Hadern des Individuums, welches im Begriff zu sündigen ist, mit sich selbst (Father Father). Große Themen, die man auf einer Pop-Platte so nicht unbedingt erwartet.

Auf The Brothel werden ganz selbstverständlich die allerweltlichsten Dinge (hier in Form der Parfümmarke „Joy“ des französischen Modeschöpfers Jean Patou) neben die allerheiligsten (das Tal der Könige, die Sieben Weltmeere) gestellt. Eigentlich sollte man diese Platte nur in Kombination mit einem Mythen-Lexikon verkaufen, denn das Meiste aus Sundførs lyrischem Kosmos geht weit über eine gehobene Allgemeinbildung heraus.

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Nun kann man sicher einwenden, dass die meisten jungen Frauen, die sensibel, klug und romantisch sind, einen irgendwie gearteten Hang zu düsteren Themen haben. Und so ist es auch nicht ihr Sujet, das diese Platte zu einer Sensation macht, sondern ihre Musik. Ich kann mit Fug und Recht behaupten, eine Platte wie diese noch nie gehört zu haben. Da gibt es vertrackte A-Cappella-Chöre (Black Widow Spider), die von verhauchten Woodwinds (As I Walked Out One Evening) behutsam aufgefangen werden, schmutzige Elektrobeats (Lilith) und kammermusikalische Streicherarrangements, sich mit Industrial-Samples paarende Klavierläufe, arabische Harmonien (Turkish Delight) und hymnische Kirchenchoräle (Father Father) – wohl nicht grundlos gab die Künstlerin den vor allem für seine sakralen Chorwerke bekannten norwegischen Komponisten Knut Nystedt als einen ihrer wichtigsten Einflüsse an. Knights of Noir könnte Filmmusik aus der Feder Craig Armstrongs sein, It’s All Gone Tomorrow Schöneberg’sches Streichquartett. Und so ist The Brothel mal Jazz, mal Disco, mal Klassik, mal Electropop und mal Choral, ohne von einer alle Stile nivellierenden Einheits-Ambient-Soße erstickt zu werden. Schließlich ist The Brothel kein Strandbar-Soundtrack, sondern … ein Kunstwerk.

Allein wie sich die Rhodes beim Opener und Titeltrack The Brothel anschleichen, hat etwas von Kirchenmusik – Bach’sche Orgeln, die sich zum Händel’schen Hallelujah steigern. Gekrönt wird das Ganze von der unglaublich ausdrucksstarken und facettenreichen Stimme Sundførs, die das einzige Element auf dieser Platte ist, welches das jugendliche Alter ihrer Schöpferin verrät. Mit 25 kann man solche Platten eigentlich gar nicht machen. Die setzen normalerweise ein jahrzehntelanges Kompositions- und Philosophiestudium voraus, denn die selbstreferenzielle, verzauberte Klangwelt Sundførs ist ebensowenig typisch für eine Mittzwanzigerin wie die makaber-versponnenen Lyrics. Ein entfernter Vergleich bietet sich eventuell – nein, nicht mit Björk, auch wenn der von den Kollegen gern herbeigeschrieben wird – an mit Soap&Skin.

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Zwar ist die Sundfør zarter und zurückhaltender als die Österreicherin, und es schwingt auch nicht in jeder Silbe und jedem Takt der komplette Wahnsinn mit, aber an der Sopa&Skin’schen Intensität und einer gewissen Portion Wahnsinn mangelt es auch The Brothel nicht. Vielleicht, würde man Soap&Skin mit Agnes Obel paaren und das Ganze mit einem guten Schuss der elisabethanischen Strophenlieder John Dowlands versehen … dann bekäme man eine Ahnung davon, wie Susanne Sundfør klingt.

Und die ist keine zerbrechliche Pop-Elfe à la Fiona Apple oder Ani DiFranco, sondern verfügt eher über die Stärke, Eigenwilligkeit und esoterische Strahlkraft einer Kate Bush oder Tori Amos. Ganz deutlich wird das in den von massiven Drumlines dominierten Dirty-Electro-Stücken wie Lilith. Das erinnert mich stellenweise an das 1995 erschienene Album Babywoman des Top-Models Naomi Campbell oder an Taja Sevelles Toys of Vanity – und auch bei No Doubt-Frontfrau Gwen Stefani fände man ähnlichen Electropop – wenn man ihn der Stefani’schen Fröhlichkeit beraubte. Denn fröhlich ist nicht das erste Attribut, das einem zur Beschreibung von The Brothel in den Sinn kommt. Diese Platte ist tiefgründig, vielschichtig, spannungsreich, stratosphärisch, überirdisch, unwirklich und sehr sehr schön.

Zu verdanken haben wir diese Platte aber auch dem Vater Sundførs, der seine kleine Tochter mit selbst zusammengestellten Mixtapes, auf denen neben den damaligen norwegischen Helden a-ha die Beatles und Cat Stevens zu hören waren, gewissermaßen zum Singer-Songwritertum erzog. Mit diesen Tapes zog sich Sundfør in die Hütte der Familie zurück, wenn sie nicht die örtliche Bibliothek durchstöberte. Als sie ihrer Klavierlehrerin stolz ihr erstes selbstgeschriebenes Stück präsentierte, meinte diese nur lakonisch, sie solle erst einmal richtig Klavier spielen lernen. Das tat sie; und fortan sorgte Susanne Sundfør in Skandinavien als Pianistin und Komponistin für Aufsehen. Nicht zu Unrecht schrieb das renommierte Dagbladet über sie: „Norwegens andere junge Künstler müssen weinen, wenn sie Susanne Sundfør hören – so weit ist sie ihnen voraus“. Mit The Brothel tritt Susanne Sundfør den neuerlichen Beweis dieser Behauptung an.

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