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Various Artists – Soundtrack Wild

März 2015 / Victoriah Szirmai

Ich habe den Film nicht gesehen. Soviel gleich vorweg. Ich möchte ihn auch nicht sehen. Das liegt nicht nur an meinem gestörten Verhältnis zum Bewegtbild an sich, sondern auch daran, dass die Inhaltsangabe Schweres verspricht. Und das, obwohl High-Fidelity-Sunnyboy Nick Hornby als Drehbuchschreiber für die Wild genannte Verfilmung der Autobiographie von Cheryl Strayed angeheuert werden konnte. Strayed führt einen Kampf gegen ihre Heroinabhängigkeit und wird mit dem Zusammenbruch ihrer Ehe sowie dem Tod der Mutter konfrontiert, woraufhin sie beschließt, den Pacific Crest Trail, einen über eintausend Kilometer langen Wanderweg, im Alleingang zu meistern. Der Soundtrack zu Wild macht sich auch auf eine Reise – und zwar durch die Popgeschichte des letzten Jahrhunderts.

Various Artists | Wild (Soundtrack) Cover

Los geht’s mit dem 1970er-Gassenhauer „El Cóndor Pasa (If I Could)“ von Simon & Garfunkel. Vor etwa einem Jahr habe ich hier schon einmal meine heimliche und von vielen nicht nachvollziehbare Liebe zu dem amerikanischen Folk-Duo gestanden, wobei ich an dieser Stelle einräumen muss, dass, wäre ich den beiden nicht so rettungslos verfallen, mich dieser Song mit seinen penetranten Flöten und dem typischen Huayno-Rhythmus ziemlich nerven würde. Erschwerend kommt hinzu, dass man das Stück, das auf eine peruanische Volksweise des achtzehnten Jahrhunderts zurückgeht, schon zehntausende Male in den Fußgängerzonen der Großstädte dieser Welt gehört hat. Sehen wir es als Klassiker, den man kennen, aber nicht mögen muss. Ganz anders sieht es da schon mit dem zweiten Track aus. Die Musik von First Aid Kit habe ich in diesem Magazin einmal als Indie-Folk für die Seele bezeichnet. Auf Wild überraschen die schwedischen Schwestern bei ihrer Interpretation des R.E.M.-Songs „Walk Unafraid“ mit einer großangelegten, nachgerade pathetischen Produktion, über die sie ihren lieblichen Zwiegesang ertönen lassen.

Die First-Aid-Kid-Sängerinnen waren noch nicht einmal geboren, als der mittlerweile zum Ritter geschlagene Ex-Beatle Paul McCartney 1976 mit seinem Bandprojekt The Wings den Hit „Let Em In“ feierte. Den zu hören macht fast vergessen, dass McCartney, der jüngst als Duettpartner von Kim-Kardashian-Ehemann Kanye West in Erscheinung trat, in der Internet-Community für einige Lacher sorgte, als popgeschichtlich (und grammatikalisch) völlig unbeleckte User den Song mit Statements wie „Who TF is Paul McCartney? This why I love Kanye West. He always giving new upcoming artist a chance!” kommentierten. Wer Ähnliches bei seinen Kindern verhindern möchte, sollte ihnen vielleicht Wild zu hören geben, das zunehmend zu einem Lehrstück in Sachen Popmusik wird.

Various Artists | Wild (Soundtrack) 1.2

Dazu gehört nicht zuletzt, die Originale jener Songs zu entdecken, die einem nur noch als Coverversion präsent sind. Wie zum Beispiel „I Can Never Go Home Anymore“ von den Shangri-Las. Ich selbst kannte das Stück gar nicht mehr von dem Sechzigerjahremädchengesangsquartett, sondern durch das vom nordirischen Filmmusiker David Holmes verwendete Sample auf dem Song „Gone“, gesungen von der wunderbaren Saint-Etienne-Vokalistin Sarah Cracknell. Ein All-Time-Favorite! Mit einem solchen geht es auch auf Wild weiter: Ach, Suzanne! Sirenengleich nimmt sie uns immer noch mit zu ihrem place near the river, und immer noch gibt die berühmte Zeile „Jesus was a sailor/when he walked upon the water” Rätsel auf, wobei sich die Exegeten Leonard Cohens mittlerweile darauf verständigt haben, dass die Referenz auf Christus in diesem über den Hafen von Montreal geschriebenen Stück ein Kommentar zur bis zu ihrem Tod in ihrer physischen Manifestation gefangenen menschlichen Seele ist. Der Segler als Metapher der Seele, von der See begraben, im Moment des Todes befreit und erst jetzt als reines Selbst in der Lage, wahre Liebe zu empfangen. Oder so ähnlich. Ach, Leonard. Ach, Suzanne!

Die mystische Atmosphäre behutsam aufzulösen ist Billy Swans Version von „Don’t Be Cruel“ angetreten, die den wilden Rockabilly-Charakter des 1956er-Elvis-Hits in den Hintergrund treten lässt und stattdessen einen amtlichen Blues daraus zaubert. Gut! Ungewohnt zurückhaltend und introspektiv dagegen gibt sich die englische Rockband Free mit „Be My Friend“. Das im September 1970 von Andy Fraser und Paul Rodgers in Eile aufgenommene Album erhielt nur lauwarme Kritiken, was letztlich die Trennung der Band auslösen sollte. Dabei ist der Sound zeitlos: Ein Gitarrensolo wie das von Paul Kossoff könnte auch heutzutage auf einem spätnächtlichen Konzert erklingen. Bei „Something About What Happens When We Talk“ wiederum könnte man glauben, hier pirschte sich ein weiteres „Knockin‘ On Heaven’s Door“-Cover an – dabei handelt es sich um eine Originalkomposition von Country-Rockerin Lucinda Williams aus dem Jahr 1992.

Ebenfalls in den Neunzigerjahren feierten die britischen TripHopper von Portishead mit ihrem Album Dummy einen derart großen Erfolg, dass es vom Rolling Stone auf der Liste der fünfhundert besten Alben aller Zeiten geführt wird. „Glory Box“, dem letzten Stück des Albums, liegt – wie unzähligen anderen Genre-verwandten Songs auch, beispielsweise „Hell is Round The Corner“ von TripHop-Kollege Tricky oder „Don’t Say Nothin‘“ von Retroswing-Prinzessin Lina – ein Streicher-Sample aus Isaac Hayes’s „Ike’s Rap II“ zugrunde, erstmals erschienen auf dem Album Black Moses, das Hayes als Nachfolger seines Shaft-Soundtracks 1971 veröffentlicht hat. Dass man aufs Isaac-Hayes-Sample verzichten kann, wenn man Gitarrist David Sick an seiner Seite weiß, zeigt die akustische „Glory Box“-Interpretation von Mara & David, mit der uns das Duo Ende 2013 erfreute.

Various Artists | Wild (Soundtrack) 1.1

In diese mitternächtlich-psychedelische Stimmung, bei der Wild jetzt angekommen ist, bratzt der Boss mit seinem synthiehallenden „Tougher Than The Rest“ herein. Muss man mögen, um es zu mögen. Ich persönlich konnte mit Springsteen noch nie besonders viel anfangen. Umso mehr aber mit der Pat Metheny Group! Auf „Are You Going With Me?“ verzichtet der amerikanische Jazzgitarrist erstmal aufs freejazzige Solospiel, sondern nähert sich dem Thema vielmehr in der Rolle des stoischen Rhythmusgitarristen nahezu bossanovaleicht, indem er Keyboarder Lyle Mays Rahmen und Ruhm überlässt, nur um das Ruder nach knapp vier Minuten mit einem fast fünfminütigen Gitarrensolo umso ausufernder wieder an sich zu reißen. Anschleichen, anspringen, zupacken und nicht mehr loslassen at it’s best! Wem das jetzt zu anstrengend war: Konventioneller wird es wieder mit den Hollies, einer Popband aus Manchester, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren ihr Wesen trieb, beispielsweise mit ihrer berühmten Interpretation von „The Air I Breathe“. Ursprünglich wurde das Stück von Phil Everly von den Everly Brothers aufgenommen – und die waren es auch, die den dreistimmigen Harmoniegesang der Hollies, der ihnen mithin zum Markenzeichen geworden ist, maßgeblich beeinflusst haben. Auf dem 1974 aufgenommenen „The Air I Breathe“ jedoch gibt es nicht nur Harmonien satt, sondern schlicht zu viel von allem: Da trifft ein unglaublich pathetischer Hippie-Refrain auf eine amtliche Gniedelgitarre auf eine Phil-Spector’sche Streicherwand. Uff.

Gut, dass direkt im Anschluss Simon & Garfunkel mit „Homeward Bound“ ohne jeglichen Produktionsballast zeigen, warum oder vielmehr wofür ich sie so mag. Zarte Akustikgitarren, zauberhafter Close-Harmony-Gesang und ein Gute-Laune-Schlagzeug. Der Song ist auf dem 1966er-Album Parsley, Sage, Rosemary and Thyme erschienen, das laut Rolling Stone ebenfalls zu den fünfhundert besten Alben aller Zeiten gehört. Auf dieser Liste steht auch die 1970er-Veröffentlichung American Beauty von Grateful Dead, die den Song „Ripple“ enthält. Auf Wild versuchen sich Dusted, das Soloprojekt von Faithless-Mastermind Rollo Armstrong, und Eric D. Johnson, seines Zeichens Bandleader der Chicagoer Folk-Rocker Fruit Bats, an einer Live Performance des Songs – und die kann sich hören lassen! Wild schließt mit „Red River Valley“, einem vielinterpretierten Traditional aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, um dessen genaue Herkunft sich so manche Kontroverse entzündet hat. Mit ist das Stück zuletzt in der Version von Cassandra Wilson begegnet, aber auch Leonard Cohen hat es als bekennender Country-Enthusiast schon auf Konzerten gespielt. Hier hören wir Nachwuchsschauspieler Evan O’Toole a cappella – und das ist der wohl einzige Moment der CD, der die Kenntnis des Films zwingend verlangt, um goutiert zu werden. Auf der Leinwand hat die Protagonistin während ihrer Wanderung gerade eine Großmutter und ihren Enkel getroffen, der ihr, nachdem er von ihren Problemen erfahren hat, spontan dieses Lied vorsingt.

Various Artists | Wild (Soundtrack) 1.3

Was bleibt zu sagen? Wild schließt mit seinem Mix aus Klassikern, Coverversionen, Interpretationen und Sampeln so manche popgeschichtliche Wissenslücke. Es eignet sich aber ebenso für Roadtrips, wenn man sich beim Durchqueren verschiedener Sendegebiete nicht auf die wechselnden Radioprogramme verlassen möchte. Man braucht nur ein winzigkleines Faible mit Folkrockcountrybluesschwerpunkt für die Popmusik vergangener Dekaden – und zumindest heimlich hegt das doch fast jeder, oder?

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