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Qluster – Tasten | Conrad Schnitzler & Pyrolator – Con-Struct | Duke Ellington – The Conny Plank Session

Juli 2015 / Thomas Winkler

Der Brite hat bekanntlich ein eher dissonantes Verhältnis zum Deutschen. Das liegt an dem einen oder anderen Elfmeterschießen, an einem allzu verschiedenen Verständnis von Humor und nicht zuletzt daran, dass der Brite das Gefühl hat, der Deutsche habe ihm zumindest wirtschaftlich den Rang als Weltmacht abgelaufen. Einen großen Vorsprung, darauf ist der Brite stolz, besitzt er allerdings immer noch auf dem Feld der Popmusik. Auf dem macht dem Briten keiner was vor, erst recht nicht ein Deutscher. So erklärt es sich, dass es ausgerechnet Briten waren, die definiert haben, dass ein in Deutschland selbst eher marginalisiertes Genre mittlerweile als bedeutendster deutscher Beitrag zur Popkultur gilt.

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Die Rede ist natürlich vom sogenannten Krautrock, den der Radio-DJ John Peel mit großer Leidenschaft in Großbritannien popularisierte und später der Musiker Julian Cope in seinem Buch „Krautrocksampler“ kanonisierte. Tatsächlich kann man bei diesem Begriff, der seine seltsame Karriere als Schimpfwort begann, gar nicht von einem musikalischen Genre sprechen, wurden doch eine Vielzahl an unterschiedlichen Bands und verschiedenen Stilen unter dem griffigen Label zusammengefasst. Krautrock, das reichte vom Frühwerk von Kraftwerk über die elektronischen Exkursionen von Tangerine Dream oder die polyrhythmischen Rock-Experimente von Can bis zu den romantischen Etüden eines Hans-Joachim Roedelius.

Vor allem der 1934 in Berlin geborene Roedelius lehnte die Schublade Krautrock für sich immer ab, entzog sich ihr auch musikalisch und entzieht ihr sich bis heute. Als Solist und in immer wieder anderen personellen Konstellationen, unter Namen wie Harmonia, Aquarello und natürlich dem sich ständig modifizierenden Kluster, Cluster oder Qluster hat Roedelius ein unüberschaubares Werk angehäuft, in dem sich elektronische Pioniertaten ebenso finden lassen wie Platten, in denen er mit dem Klavier meditiert. Schon Mitte der Achtziger begann der Pianist Roedelius Klangwelten zu entwerfen, die vorwegnahmen, was heute unter dem Begriff Neo-Klassik von Musikern wie Nils Frahm oder Chilly Gonzales bei Hipstern populär ist.

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Roedelius‘ autodidaktisch erlerntes Klavierspiel prägt auch – nomen est omen – Tasten, das neue Album unter dem Projektnamen Qluster. Diesmal spielt der mittlerweile in der Nähe von Wien lebende, 80-Jährige zusammen mit den beiden jungen Musikern Onnen Bock und Armin Metz. Doch für „Tasten“ haben Keyboarder Bock und Bassist Metz nicht nur ihre Stamminstrumente ausgepackt, sondern sich ebenfalls an einen Steinway-Flügel gesetzt. Da improvisieren nun also drei, die das eigentlich nicht beherrschen. Oder, richtiger: Die nicht von einer klassischen Ausbildung verzogen wurden.

„Traum vom Fliegen“ heißen die Stücke oder „Brandung“, „Spuren im Schnee“ oder „Abends ganz leis“. Aber so harmlos die Klangminiaturen in Titel daherkommen, so sonnig und naiv sie bisweilen klingen: Qluster reproduzieren trotzdem nicht bloß die klassischen Romantiker. Chopin und seine Kollegen sind weit weg, weil Roedelius, Bock und Metz immer wieder – vielleicht aufgrund mangelnder technischer Fertigkeiten – die Klischees brechen. Vielversprechende Melodien enden, bevor sie erwartbar werden. Richtet sich die Stimmung gar zu melancholisch ein, wird garantiert einer der Spieler aus der Harmonie fallen.

Immer aber werden die Töne transparent und luftig gesetzt. Und so sparsam, dass ein Profi-Pianist die meisten Stücke wohl auch im Alleingang spielen könnte. Aber darum geht es natürlich nicht. Es geht um die hippieske, sehr krautrockige Idee, dass Menschen, Musiker in der Musik zueinanderfinden, eins werden mit sich und der Natur. Diese Natur in seiner Musik abzubilden, das versucht Roedelius seit Jahrzehnten. Es gelingt ihm immer besser.

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Einen Bogen vom klassischen Krautrock bis in die jüngere deutsche Popgeschichte schlägt das Projekt Con-Struct. Unter diesem Titel fertigt Kurt Dahlke aus alten Aufnahmen von Conrad Schnitzler neue Kompositionen. Der 2011 verstorbene Musiker und Künstler Schnitzler studierte bei Joseph Beuys, spielte bei Tangerine Dream und zusammen mit Roedelius bei Kluster. Dahlke wiederum war unter dem Pseudonym Pyrolater eine der zentralen Figuren der Neuen deutschen Welle. Dahlke war einer der Gründer des Labels Ata Tak und Mitglied bei Der Plan und auch bei D.A.F., zumindest zeitweise. Der Pyrolator steht für den avantgardistischen, an Kunsthochschulden geschulten Teil der NdW, der dann vom kommerziellen Erfolg der Extrabreits und Fräulein Menkes überrollt wurde.

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Für Con-Struct hat er sich aus Schnitzlers auf Magnetband archivierter Klang-Bibliothek bedienen können. Die Idee ist nicht neu: Vor Dahlke durften sich 2011 bereits das Produzentenduo Borngräber & Strüver und zwei Jahre später Andreas Reihse von der Düsseldorfer Electronica-Band Kreidler an dem fremden Archivmaterial versuchen. Doch erst mit Dahlke findet nun zusammen, was zusammen gehört: Der eine Avantgardist plündert den Fundus des anderen Avantgardisten. Das Ergebnis sind, wenig überraschend, ziemlich avantgardistische, wildverwegene Tracks zwischen Club und Kunstschule. Mal pulsiert ein Dance-Beat, dann setzt der Rhythmus vollkommen aus, bevor ein böses Schaben beginnt. Fiese Geräusche wechseln sich ab mit alarmsirenenartigen Melodien, Knistern folgt auf krachenden Lärm, elektronisches Tuckern bohrt sich durch einstürzende Klanggebirge.

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Es ist Musik, die sich ein Duke Ellington wahrscheinlich in seinen kühnsten Träumen nicht hat vorstellen können. Jedenfalls nicht 1970, als die Karriere der Jazz-Legende für einen kurzen Moment mit dem Krautrock in Berührung kam. Und das kam so: Der Duke mietete während einer Deutschland-Tournee in Köln ein Studio an, um mit seiner Band ein paar Stücke fürs eigene Archiv und mögliche spätere Veröffentlichungen einzuspielen. Bei diesen Aufnahmen stand eher zufällig ein gewisser Conny Plank hinter den Reglern. Der hatte damals gerade begonnen, der einflussreichste Produzent des Krautrock zu werden.

Doch bevor Plank die Regie führen sollte bei wegweisenden Werken von Kraftwerk, Neu!, La Düsseldorf oder Ash Ra Tempel, gab er erst einmal den Toningenieur für Ellington. Wann genau die Session stattgefunden hat, am 27. April oder erst am 9. Juli, das ist zwar nicht verbürgt, aber dafür überdeutlich zu hören, dass sich der Einfluss Planks in Grenzen hielt. Auf den jeweils drei Takes der beiden Stücke „Alerado“ und „Afrique“, die nun auf The Conny Plank Session erschienen sind, kann man zwar sehr schön nachvollziehen, wie ein und dieselbe Komposition sich in unterschiedlichen Arrangements radikal verändern kann. Aber, das ist auch klar: Es ist Jazz, was Ellingtons Band da spielt, und Plank hat nur die Regler aufgezogen, aber dem Duke nicht nahegebracht, was Krautrock ist. Und ob der große alte Mann es verstanden hätte, darf sowieso bezweifelt werden. Schließlich war er ja Amerikaner und kein Brite.

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