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Adam Audio / Hoerzone

Nneka / Soul is Heavy

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 David Lynch / Crazy Clown Time

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    Arbeitete David Lynch gerade noch mit Sparklehorse und Danger Mouse an deren 2010er-Album Dark Night of the Soul, hat sich der Kult-Regisseur mit Vorliebe für Morbides, der schon einmal gern seine eigene Filmmusik komponiert, nun entschieden, sein erstes Soloalbum als Musiker herauszubringen. Vielleicht hat er sich dabei gedacht, die beiden Jungs waren mir viel zu hip, ich möchte jetzt ein amtliches Altherren-Album machen mit wabernden, extremverzerrten Gitarren, denen man meine musikalische Sozialisationszeit anhört. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Fakt ist, auf Crazy Clown Time wird nicht gekleckert, sondern geklotzt; Phil Spectors sagenhafte Wall of Sound war ein leises Zirpen dagegen, was Lynch hier auffährt.

    Das Album eröffnet irgendwo zwischen Pink Ployd, Wave und Synthie-Rock, mit einem Hang zu Achtziger-Studio54-Disco-Beats und Goth-Rock-Atmosphäre. Das ist ein bisschen viel auf einmal und definitiv nichts, was man im heimischen Wohnzimmer zur Entspannung hören möchte. Ja, eigentlich gibt es nur einen einzigen Grund, weshalb man so etwas hören wollen könnte: Es ist sehr, sehr spät. Man ist sehr, sehr betrunken. Die Band ist schon nach Hause gegangen, man selbst möchte aber noch bleiben. Da legt der DJ diese Platte auf. Man nimmt sie dann hin.

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    Wollte ich beim Hören der ersten beiden Songs schreiben. Aber dann kommt „So Glad“, was klingt, als würde Tom Waits komplett bekifft auf eine gerade mal so herumliegende Trip-Hop-Spur singen, eine Trip-Hop-Spur, die die Industrial-Wurzeln des Genres betont. Ein bisschen erinnert das auch an Playground Love vom Virgin-Suicides-Soundtrack. Und dann geht es schon Schlag auf Schlag, das Album wird besser und besser, allerdings auch zunehmend düsterer. Crazy Clown Time entfaltet ganz langsam eine unheimliche Twin-Peaks-Bedrohlichkeit, das spricht die Gothic-Ecke der Seele an, und ja: Das ist etwas, was man auch im heimischen Wohnzimmer hören möchte. An der Empfehlung der späten Stunden möchte ich allerdings festhalten, denn das Album hat ein unglaublich niedriges Energieniveau. Eigentlich kann man beim Hören nur völlig geplättet herumliegen, dafür aber den unter einer scheinbar glatten Oberfläche beunruhigend dräuenden Texten Lynchs umso genauer zuhören.

    Der Höhepunkt des Albums ist sicherlich der störgeräuschdurchsetzte Titeltrack „Crazy Clown Time“, ein getriebener Sechsachtler mit einer guten Portion Tiger-Lillies-Wahnsinn, in dem sich Suzie ihr Shirt herunterreißt und Buddy so laut schreit, dass er spuckt. Lynch gelingt das Kunststück, den Spannungsbogen hiernach nicht mehr abreißen zu lassen: Auch „These Are My Friends“, „Speed Roadster“ und „Movin' On“ sind großartige Stücke, und man muss keine ausgeprägte klinische Depression haben, um an ihnen Gefallen zu finden – einen gehörigen Hang zur dunklen Seite der Menschheit aber durchaus, denn recht eigentlich hat David Lynch da ein Dark-Wave-Album gemacht, mit verstörenden Industrial- und Ambient-Anleihen.

    Dass er ein Meister der Dramaturgie ist, zeigt sich aber erst mit dem Schlusstrack „She Rise Up“, der den Zuhörer behutsam aus der Lethargie des Albums holt und das davor Gehörte als bösen Traum dahinstellt, aus dem man gerade glücklich erwacht ist. Überflüssig zu erwähnen, dass sich beim neuerlichen Hören des Albums der Vidal-Effekt einstellt und auch die beiden ersten Stücke jetzt nicht nur gefallen, sondern zwingend genau so sein müssen, wie sie nun einmal von Lynch gewollt sind. Nicht umsonst hat der Regisseur über ein Jahr Studiozeit für die Crazy Clown Time-Songs, die er selbst als „Modern Blues“ bezeichnet, benötigt.

    James Blake / Enough Thunder

  2. 3 Nneka / Soul is Heavy

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Meshell Ndegeocello | Trio Bravo + | David Lynch | James Blake | Nneka | Florence and the Machine | Anna Ternheim | VA: Electro Swing Revolution Vol. 2

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In der Redaktion habe ich – natürlich völlig zu Unrecht, wie ich meine –, den Ruf, in erster Linie Soul-Kritikerin zu sein. Dabei ist die letzte Soul-Platte, die ich besprochen habe … ähem, okay, mit Mayer Hawthorne erst eine Ausgabe her. Ich gebe zu: Ich mag eben alles, was groovt. (Nu) Soul, R&B, Hip-Hop, Trip-Hop, Reggae, Dubstep, Drum & Bass, Downtempo … Und darum freue ich mich ganz besonders, heute wieder eine wunderbare Nu-Soul-Platte vorstellen zu können – insbesondere deshalb, weil das Genre in letzter Zeit nicht viel Anlass zur Freude gab.

Anders ausgedrückt: Seitdem Nu-Soul beliebig geworden ist und einige seiner bedeutendsten Protagonisten dem, nennen wir es: spirituellen Wahnsinn anheim gefallen sind, bin ich Fan von Nneka. Die macht da weiter, wo die angeblich nur noch in wirren Bibelzitaten sprechende Lauryn Hill oder die ebenfalls allerlei esoterisches Brimborium zelebrierende „Königin der Räucherstäbchen“ Erykah Badu aufgehört haben – wobei dieser vielbemühte Vergleich Nneka nicht gerecht wird, denn die ist in erster Linie ernst zu nehmende Aktivistin und erst in zweiter Linie Musikerin. Ihre Black-Consciousness-Botschaften haben eher Spoken-Word-Wurzeln und erinnern an die frühe Jill Scott oder an Floetry – man denke hier nur an den Nneka-Song „Unconfortable Truth“ aus ihrem 2010er-Album Concrete Jungle mit seinem großartigen Bläsersatz, den LoFi-Bässen und dem bewusstseinsfördernden Text. Allerdings: Zeilen wie „U talk about peace, put it in your mouth. The same mouth u use to declare your bombs. Ur system is a joke“ darf nur jemand mit Nnekas Schmelz in der Stimme singen. Sie allein schafft es, dabei nicht nach gut-gemeint-ist-das-Gegenteil-von-gut zu klingen, und bräsige Weltverbesserer finden sich in ihrer Musik auch nicht unbedingt wieder. Die groovt nämlich ungemein. Das war bei Concrete Jungle so, und das ist auch auf Soul is Heavy so geblieben.

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Neben ihrem Händchen für Rhythmus und Reime hat die in Hamburg lebende Tochter eines Nigerianers und einer Deutschen vor allem aber das, was so vielen ihrer Kollegen fehlt: Glaubwürdigkeit. Wenn Nneka über die Schattenseiten des Kapitalismus singt, rollen sich einem nicht die Fußnägel auf wie beim Message-Rock vieler ihrer Kollegen, die so ein bisschen Kapitalismuskritik für ganz stylish halten und deshalb unbedingt aufs Album packen müssen. Lustigerweise paart sich diese Haltung oftmals mit schlechter Musik. Bei Nneka ist es genau umgekehrt: Gute Musik, glaubwürdige Texte. Kurz: Die Dame hat Attitüde.

Gänzlich souverän singt sie sich durch alle Stile, die urbane Black Music heutzutage so zu bieten hat, vom Reggae-lastigen Opener „Lucifer (No Doubt)“ über Hip-Hop –unterstützt von der Brit-Award-Gewinnerin Ms. Dynamite sowie Black Thought von The Roots – bis hin zu Jazz und Afrobeat. Und natürlich dürfen auch reinrassige Soulstücke wie beispielsweise „Shining Star“ – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Titel von Earth, Wind & Fire – nicht fehlen. Irgendein Kollege hat die Musik von Nneka mal als „21st Century Soul“ bezeichnet, und wenn dies hier tatsächlich der Soul des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist, muss man sich um seine Zukunft, Nu-Soul hin wie her, keine Sorgen mehr machen. Vor allem aber muss man angesichts der Tatsache, dass sich weiblicher Soul aus deutschen Landen für gewöhnlich auf Joy Denalane und Cassandra Steen beschränkt, mal verdammt stolz darauf sein, dass Nnekas Musik bei uns zu Hause ist.

Florence and the Machine / Ceremonials

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Es ist ein 20-Song-Album, mit dem uns die englische Singer-Songwriterin Florence Mary Leontine Welch und ihre Band, kurz: Florence and the Machine, da erschreckt. Doch halt, das ist ja auch die Deluxe Edition, ohne die heutzutage keine Plattenveröffentlichung mehr auskommen mag. Das einfache Album enthält „nur“ zwölf Songs. Ich aber habe ungewollt die Datei der Luxusausgabe aufgerufen, die zumindest meinen VLC Media Player kurzfristig lahm legt: „Die gleichzeitige Wiedergabe von zwanzig Elementen kann eventuell eine lange Zeit dauern und verursacht, dass der Computer langsam reagiert. Möchten Sie den Vorgang fortsetzen?“ Eigentlich wollte ich die „Elemente“ ja gar nicht gleichzeitig wiedergeben. Hintereinander hätte auch gereicht. Vielleicht sollte ich doch auf den vom Kollegen Bondarenko empfohlenden foobar umsatteln.

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Wie dem auch sei, was hier mit viel Rechner-Gerödel startet, liegt auch sonst recht unverdaulich im Magen. Dabei geht es gar nicht einmal darum, dass schon mit den ersten Takten von Ceremonials die Erwartungen widerlaufen werden, die das Debütalbum Lungs (2009) aufgebaut hatte: Einsame Celli, sanfte Beats und überhaupt leise Töne sucht man jetzt vergebens. Vielmehr fährt das in den Abbey Road Studios aufgenommene Album die ganz großen Geschütze der Popkultur auf, von den breitesten Synthieflächen über eine verschwenderisch volle Orchestration bis hin zu draufgängerisch- hypnotischen Tribal-Rhythmen. Schließlich sollte der Nachfolger ja prinzipiell dasselbe bieten wie das Debüt, nur eben „mit dickeren Drums und größerem Bass“, so die Frontfrau der Band.

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Größer und dicker ist Ceremonials in der Tat geraten, und angesichts so überdrehter Titel wie „Strangeness and Charm“ fragt man sich schon mehr als einmal, ob es nicht gar etwas zu groß und zu dick geraten ist. Denn, seien wir ehrlich: Die einsamen Celli hatten durchaus Verzauberungspotenzial. Ceremonials hingegen ist am ehesten als Pathospop zu beschreiben, überproduziert und mit einem fatalen Hang zum Hall. Das ist umso bedauerlicher, als dass die Songs im Grunde gut sind. Besonders ohrenfällig wird dies – und das ist jetzt der Vorteil der Deluxe Edition – im direkten Vergleich mit ihren akustischen Zwillingen. Beispiel „Heartlines“: Die Albumversion völlig hysterisch, nervös, schwer zu ertragen, die Akustikversion einfach wunderschön und der, wie ich finde, mit Abstand beste Song des (Doppel-)Albums. Am Songwriting liegt es also nicht, dass man mit Ceremonials nicht so wirklich warm werden mag. Wo Meshell Ndegeocello mit Weather zu wenig gewollt hat, wurde hier definitiv zu viel gewollt. Schade.

Anna Ternheim / The Night Visitor

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Richtig wohltuend nimmt sich im direkten Vergleich das vierte Album der schwedischen Musikerin Anna Ternheim aus. Deren Unaufgeregtheit sei in den Umständen ihrer Geburt zu suchen, gibt sie zu Protokoll: „Am Tag meiner Geburt im Jahr 1978 gab es einen totalen Stromausfall, ich kam um drei Uhr in der Früh beim Schein von Taschenlampen zur Welt. Deshalb schreibe ich nächtliche Musik … das war schon immer so und wird wohl auch ewig so bleiben.“ Nächtlich genug jedenfalls waren ihre akustischen Independent-Balladen den Machern der Wallander-Krimis, deren Soundtrack Ternheim regelmäßig liefert. The Night Visitor schließt hier nahtlos an, verströmt aber anstatt nordischer Zurückhaltung wärmendes Country- und Folk-Flair – schließlich wurden die neuen Songs direkt in Nashville, Tennessee, mit tatkräftiger Unterstützung von Matt Sweeney, Dave Ferguson und Annas ramponierter Gibson aus den Dreißigerjahren aufgenommen. Geblieben ist die gelassene Eindringlichkeit und unprätentiöse Direktheit der Songs.

Dahin war es ein langer Weg, denn Ternheim fühlte sich nach der Tour zu ihrem dritten Album uninspiriert und leer, die Zeit verstrich, ohne dass sie große kreative Fortschritte machte. Was auf The Night Visitor so leicht und unangestrengt daherkommt, ist das Ergebnis jahrelangen Suchens, nach dem Wesen der eigenen Kreativität, die sich in musikalischem Ausdruck manifestiert, sowie des Kampfes mit den technischen Finessen des eigenen Instrumentes, dessen absolute Beherrschung so etwas wie künstlerische Freiheit überhaupt erst möglich macht. In den Nächten, in denen die Ideen der Wahl-New Yorkerin so langsam Gestalt anzunehmen begannen, entstand auch der Plan, das Begonnene in Nashville fortzusetzen. Dann aber ging alles ganz schnell: Einmal im Studio von Dave Ferguson und John Prine angekommen, hatte Ternheim schon nach nur zehn Tagen etwas in den Händen, was wie ein Album klang. Nach achtzehn Tagen dann waren die zwölf Songs für The Night Visitor tatsächlich so gut wie fertig.

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Es ist schwer, aus dieser in sich geschlossenen, dennoch luftigen Platte ein Highlight herauszuheben. Das von Pat McLaughlin geschriebene Duett „The Longer The Waiting, The Sweeter The Kiss“ aber ist ein ganz besonderer Song. Dave Ferguson sang ihn bei einem seiner ersten Studiotermine, die eigentlich eher dem gegenseitigen Kennenlernen als der konkreten Arbeit dienen sollten, für Anna. Die fiel ein, und fertig war die Aufnahme. Ohnehin verströmt The Night Visitor viel von solcher Unmittelbarkeit. Und das ist durchaus gewollt, denn zum Erreichen einer gewissen Live-Atmosphäre hat man sich strikt an die Vorgabe gehalten, Gitarren- und Vokalparts gleichzeitig aufzunehmen. Manchmal muss etwas eben fast drei Jahre lang reifen, um dann in einer Eruption von wenigen Tagen hervorzubrechen.

Various Artists / Electro Swing Revolution Vol. 2

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Zu guter Letzt möchte ich Ihnen noch einen meiner geliebten Sampler ans Herz legen. Seit Ende der Neunzigerjahre gibt es ja, ausgehend von Los Angeles, ein regelrechtes Swing Revival, welches sich einige Jahre später insbesondere in Europa nicht mehr damit begnügte, die alten Schellacks hervorzukramen und in Opas Ausgehanzug zu steigen, sondern uns ein neues Genre, den Electro Swing, geschenkt hat. Swing-Künstler der alten Garde wie beispielsweise Django Reinhard treffen hier auf Sampling, auf House- und Hip-Hop-Beats. Einer der Electro-Swing-Pioniere ist der österreichische DJ Parov Stelar, der im Internet von seinen Anhänger schon gern mal als „einfach ein Gott“ bezeichnet wird. Klar, dass er auf Electro Swing Revolution Vol. 2 nicht fehlen darf.

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Auch andere alte Bekannte begegnen uns auf diesem liebevoll aufgemachten Doppelalbum wieder, beispielsweise Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra oder der Bahama Soul Club, der hier mit der stimmgewaltigen Unterstützung Pat Appletons den „Bossa Bop“ im Minimatic Remix zum Besten gibt. Beide finden sich auf der mit „Dimonds of Electro Swing“ überschriebenen zweiten CD, die von DJ Globalution zusammengestellt wurde und mir persönlich sehr viel näher kommt als die von Gülbahar Kültür kompilierte und mit „Tempo, Tempo, Tempo“ betitelte erste. Vielleicht bin ich ja einfach nicht mehr im richtigen Alter für dreifaches Tempo – partytauglich ist es allemal. In jedem Falle sind die meisten meiner Lieblingskünstler auf CD 2 versammelt. Beispielsweise Nekta, dieses aus Sängerin Nathalie Schäfer und Produzent Gyso Hilger bestehende Nu-Jazz-Duo, die hier mit dem Song „Listen“ aus ihrem 2009er-Album Storybook vertreten sind. Wem das reduzierte Elektro-Akustik-Geschnassel von Adas „Faith“ gefallen hat, der hat gute Karten, auch Fan des Darmstädter Duos zu werden.

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All-time-Swing-Klassiker – Diamonds eben – wie die 1936er Louis-Prima-Komposition „Sing Sing Sing“ (hier in der Version von Bebo Best & The Super Lounge Orchestra) oder der „Andrew’s Break“, ein Tribut an die „Ferryboat Serenade“ (1940) der Andrews Sisters durch die franzözischen Electroswinger AlgoRythmiK finden sich hier ebenso wie „Puttin‘ On The Ritz“ in der Interpretation der spanischen Pop-Sensation Miss Kookie. Sehr cool kommt „Dixie Biscuit“ von Tape Five und Henrik Wagner daher, während „Sigaretta“ von RotFront definitiv lustig ist (auf den Reim Sigaretta, you make me feel much better muss man auch erst einmal kommen!) und klingt, als würden die Cosmontautix von einem Swing-DJ geremixt werden, obwohl tatsächlich Russendisco-Macher Yuriy Gurzhy seine Finger im Spiel hat.

!deladap!

Das liebste Stück aber ist mir „Quiero Bailar Swing“ vom Electronic Swing Orchestra, einer wunderbaren Combo aus Berlin, dicht gefolgt von „Let’s Go Inside“ meines allerliebsten Prager „Urban Gypsie“-Projektes !Deladap!, die statt des üblichen „DJ Kicks“-Albums schon mal eine „Gypsie Kicks“-Platte veröffentlichen. Close Harmony Swing wird hier balkanlastig – am beeindruckendsten aber ist die Vocal Performance von Deladap-Sängerin Melinda Stoika. Ganz großer Song! Das Beste an Electro Swing Revolution Vol. 2 aber ist, dass sie den DJ spart. Hier geht alles nahtlos in einem Non-Stop-Mix ineinander über, weshalb die Platte ganz stark danach schreit, die anstehende Silvesterparty zu beschallen: Sie groovt, ist gleichzeitig retro und modern und hat dabei auch noch jede Menge Stil. Kann man nichts falsch mit machen.

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Plattenkritik: Meshell Ndegeocello | Trio Bravo + | David Lynch | James Blake | Nneka | Florence and the Machine | Anna Ternheim | VA: Electro Swing Revolution Vol. 2

  1. 2 David Lynch / Crazy Clown Time

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    Arbeitete David Lynch gerade noch mit Sparklehorse und Danger Mouse an deren 2010er-Album Dark Night of the Soul, hat sich der Kult-Regisseur mit Vorliebe für Morbides, der schon einmal gern seine eigene Filmmusik komponiert, nun entschieden, sein erstes Soloalbum als Musiker herauszubringen. Vielleicht hat er sich dabei gedacht, die beiden Jungs waren mir viel zu hip, ich möchte jetzt ein amtliches Altherren-Album machen mit wabernden, extremverzerrten Gitarren, denen man meine musikalische Sozialisationszeit anhört. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Fakt ist, auf Crazy Clown Time wird nicht gekleckert, sondern geklotzt; Phil Spectors sagenhafte Wall of Sound war ein leises Zirpen dagegen, was Lynch hier auffährt.

    Das Album eröffnet irgendwo zwischen Pink Ployd, Wave und Synthie-Rock, mit einem Hang zu Achtziger-Studio54-Disco-Beats und Goth-Rock-Atmosphäre. Das ist ein bisschen viel auf einmal und definitiv nichts, was man im heimischen Wohnzimmer zur Entspannung hören möchte. Ja, eigentlich gibt es nur einen einzigen Grund, weshalb man so etwas hören wollen könnte: Es ist sehr, sehr spät. Man ist sehr, sehr betrunken. Die Band ist schon nach Hause gegangen, man selbst möchte aber noch bleiben. Da legt der DJ diese Platte auf. Man nimmt sie dann hin.

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    Wollte ich beim Hören der ersten beiden Songs schreiben. Aber dann kommt „So Glad“, was klingt, als würde Tom Waits komplett bekifft auf eine gerade mal so herumliegende Trip-Hop-Spur singen, eine Trip-Hop-Spur, die die Industrial-Wurzeln des Genres betont. Ein bisschen erinnert das auch an Playground Love vom Virgin-Suicides-Soundtrack. Und dann geht es schon Schlag auf Schlag, das Album wird besser und besser, allerdings auch zunehmend düsterer. Crazy Clown Time entfaltet ganz langsam eine unheimliche Twin-Peaks-Bedrohlichkeit, das spricht die Gothic-Ecke der Seele an, und ja: Das ist etwas, was man auch im heimischen Wohnzimmer hören möchte. An der Empfehlung der späten Stunden möchte ich allerdings festhalten, denn das Album hat ein unglaublich niedriges Energieniveau. Eigentlich kann man beim Hören nur völlig geplättet herumliegen, dafür aber den unter einer scheinbar glatten Oberfläche beunruhigend dräuenden Texten Lynchs umso genauer zuhören.

    Der Höhepunkt des Albums ist sicherlich der störgeräuschdurchsetzte Titeltrack „Crazy Clown Time“, ein getriebener Sechsachtler mit einer guten Portion Tiger-Lillies-Wahnsinn, in dem sich Suzie ihr Shirt herunterreißt und Buddy so laut schreit, dass er spuckt. Lynch gelingt das Kunststück, den Spannungsbogen hiernach nicht mehr abreißen zu lassen: Auch „These Are My Friends“, „Speed Roadster“ und „Movin' On“ sind großartige Stücke, und man muss keine ausgeprägte klinische Depression haben, um an ihnen Gefallen zu finden – einen gehörigen Hang zur dunklen Seite der Menschheit aber durchaus, denn recht eigentlich hat David Lynch da ein Dark-Wave-Album gemacht, mit verstörenden Industrial- und Ambient-Anleihen.

    Dass er ein Meister der Dramaturgie ist, zeigt sich aber erst mit dem Schlusstrack „She Rise Up“, der den Zuhörer behutsam aus der Lethargie des Albums holt und das davor Gehörte als bösen Traum dahinstellt, aus dem man gerade glücklich erwacht ist. Überflüssig zu erwähnen, dass sich beim neuerlichen Hören des Albums der Vidal-Effekt einstellt und auch die beiden ersten Stücke jetzt nicht nur gefallen, sondern zwingend genau so sein müssen, wie sie nun einmal von Lynch gewollt sind. Nicht umsonst hat der Regisseur über ein Jahr Studiozeit für die Crazy Clown Time-Songs, die er selbst als „Modern Blues“ bezeichnet, benötigt.

    James Blake / Enough Thunder

  2. 3 Nneka / Soul is Heavy

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