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Lambchop | Mr. M

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Lambchop | Mr. M

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Maximilian Geller | Monika Roscher Bigband | Lydie Auvray | Kari Bremnes | Movits! | Alice Francis | Lampchop | Team Ghost

Movits! | Ut Ur Min Skalle

Movits! Ut Ur Min Skalle Cover

Dort sind auch Movits! zu Hause, deren Zweitwerk Ut Ur Min Skalle (Out of My Head) während der ersten Takte mit melancholischen Akkordeonklängen antäuscht, nur um sich Sekunden später in etwas zu verwandeln, das man am ehesten mit „up-tempo Big-Band-Bläsersatz trifft Peter Fox“ bezeichnen kann. Oder auch als Swing Hop, dessen besonderer Appeal nicht zuletzt von der Tatsache ausgemacht wird, dass der Sprechgesang hier durchweg auf Schwedisch erklingt. Jazzkantine auf Schwedisch, sozusagen, und das ist auch kein Wunder, rekrutieren sich die Movits!-Gründungsmitglieder, die Brüder Johan und Anders Rensfeldt, doch aus der schwedischen HipHop-Szene, während ihr Freund Joakim Nilsson dazu sein Saxophon in höheren Swing-Sphären röhren lässt.

Ut Ur Min Skalle ist definitiv etwas zum Lauthören und vertreibt selbst den hartnäckigsten inneren Schweinehund: Wer etwa zu denjenigen gehört, die einen sportlichen Neujahrsvorsatz gefasst haben, ist hier genau richtig, denn Titel wie Na Na Nah! lassen jede gejoggte Extra-Meile und jeden Extra-Durchgang im Gewichtstemmen schaffen. Um allerdings Movits! als Partyplatte zu laufen lassen, dafür sind wir, seien wir ehrlich, schlicht zu alt. Als Sportplatte hingegen funktioniert sie für unsereins großartig, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie dank ihrer unglaublichen Bläsersätze eben keine reine HipHop-Scheibe ist, sondern mit etwas gutem Willen zum Selbstbetrug als „irgendwie Jazz“ durchgeht.

Nehmen wir nur das Sax-Solo auf „Sammy Davis Jr.“ oder den Titel „I Andrahand“, der mit seinem Kontrabass, seinem swingendem Schlagzeugbesen, seinem Honkey-Tonk-Piano und seiner überaus bezirzenden kleinen Saxophon-Melodie, die im Hintergrund durch eine gedämpfte Trompete ihren Widerhall findet, eher in eine dunkle Jazz-Spelunke gehört als an einen Ort zwischen Graffiti und Breakdance, wo die Mülltonnen brennen.

Movitspress2011

Dem Jazzbass begegnen wir auch auf „Pa Drift, Norrbotten“, dem durch Sänger/Songwriter Olle Nymans noch eine seelenvolle Gesangszeile verliehen wurde, während man bei „Marching Band?“ wieder die ganze wilde Bande à la Seeed oder Culcha Candela losgelassen hat – inklusive eines Schlagwerkaufgebotes, das auch bei der Blue Man Group spielen könnte. Selbst wenn ich abgesehen von Köttbullar & Co. kein Wort Schwedisch spreche, klingt dieses Großgeräuschaufgebot, als könnte es nichts anderes als die Aufforderung Put your hands in the air zum Inhalt haben; aber wer weiß das schon so genau – vielleicht ist „Marching Band?“ ja auch ein sozialkritischer Text im Partygewand! Dieses Nicht-Verstehen bzw. das Verstehen von nur einzelnen Schnipseln wie „New Orleans“ und „Backstage“ macht die Sache jedenfalls nicht unspannender.

Für die Jazzer unter Ihnen und all jene, die nach diesem Haudrauf-Stück einfach einmal durchatmen wollen, gibt es mit „One Take – Take One“ ein hübsches Saxophon-Vibraphon-Duett, eingebettet in eine samtweiche Rhythmusgruppe, das mit seinen 1:32 aber leider viel zu kurz geraten ist. Einen der coolsten Bigband-Grooves der letzten Zeit überhaupt hat der „Kulturarbetarblues“, wobei er schon sehr in Richtung Electro Swing geht, von dem in dieser Ausgabe von „Victoriah’s Music“ noch an späterer Stelle die Rede sein soll. Ein schönes Wiedersehen mit dem Akkordeon vom Albenbeginn beschert er uns auf jeden Fall! Und wo „Skjut Mig I Huvet“ als reiner HipHop-Track daherkommt, könnte die Kollaboration „Huvudvärken“ mit dem schwedischen HipHopper Zacke, sieht man vom Sprechgesang ab, in ihrer Eigenschaft als Stakkato-Piano-Ballade auch direkt von einer Price-Platte stammen, wobei das sich langsam entfernende Saxophongeschwurbel auch an den Vorspann der Simpsons mit der des Schulproberaums verwiesenen Lisa Simpson erinnert.

Der „Balaclavaboogie“ lässt das Album mit seinem Electro Swing-Beat dann wieder in der Jetztzeit ankommen; und hier wird es dann auch endlich für uns Über-Dreißiger, Über-Vierziger und Über-Fünfziger zur Partyplatte, bei der kein Hintern auf den Stühlen bleibt. Umso erstaunlicher, dass Movits! für Ut Ur Min Skalle ohne ein einziges Sample ausgekommen sind und wir es de facto mit einer reinen Akustikplatte zu tun haben.

Alice Francis | St. James Ballroom

Alice Francis St. James Ballroom Cover

Wen Movits! noch nicht zum Tanzen gebracht hat, dem hilft vielleicht Alice Francis mit St. James Ballroom auf die Sprünge (und wem das nicht hilft, dem ist nicht mehr zu helfen!), denn schließlich ist der Januar nicht nur die Zeit der Ski-Ferien, sondern auch die der Ballsaison. Gut, dass ein Ende der seit einigen Jahren grassierenden Electro-Swing-Welle nicht abzusehen ist, auf die das bei Universal erschienene Album voll abhebt.

Routiniert produziert swingt der St. James Ballroom dann auch trotz seines durchgängig clubbigen Beats angenehm relaxt vor sich hin. Hier könnte nicht nur die New Orleanser Marching Band von Movits! am Start gewesen sein, sondern es gibt auch noch Dixieland satt und viel angezerrten Gesang im Stil der Dreißiger bzw. Vierziger – zuletzt gehört auf MisSiss’ „Diva“ –, gepaart mit durchgedrehten DJ-Spins. Als „Neo-Charleston“ bezeichnet die Wahlberlinerin ihren Sound, der die Jungs zu Fliege und Hosenträgern greifen, die Mädchen in Flapper-Kleider und Netzstrümpfe schlüpfen lässt. Das Motto des Albums könnte, wie im Titeltrack postuliert, dann auch folgerichtig „Now hit the trumpets back“ sein: Lindy Hop möchte man da tanzen können, und Bilder von Männern in ihren scharfen Zoot Suits und Frauen in knappen Seidenkleidchen drängen sich nachgerade auf!

Alice Francis 8.1

Gibt es eigentlich immer noch Menschen, die die Legitimation des Genres hinterfragen? Solange es dazu angetan ist, eine weitere Generation an die Klassiker heranzuführen, finde ich es nämlich völlig in Ordnung. Ich stelle mir immer vor, dass Leute, die in ihrem Leben noch nie eine Ella-Fitzgerald-Platte zwischen die Finger, geschweige denn auf die Ohren, bekommen haben, zu Platten wie der von Alice Francis grooven und darüber die Originale für sich (wieder-)entdecken. So gesehen ist Electro Swing – oder meinetwegen auch „Neo Charleston“ – gelebte Geschmacksbildung, die nach dem subversiven Motto „Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, muss der Berg eben zum Propheten kommen“, funktioniert.

Da stört es auch nicht, dass nicht jeder Titel von St. James Ballroom uneingeschränkt entdeckenswert ist: „French Affair“ beispielsweise finde ich dämlich, aber selbst hier muss man Francis für ihre Souveränität bewundern, die das Liedchen nicht völlig albern werden lässt. Die Interlude „The Funeral“ wiederum klingt zunächst wie eine pompöse Boxereinmarschmelodie, mündet aber schon bald in das ziemlich coole „Gangsterlove“, dessen kitschige Geige ich ebenso mag wie diese schwer fassbare, immer leicht verruchte Atmosphäre, in der verbotenes Glücksspiel im Hinterzimmer, Prohibition und jede Menge Rauch mitschwingt, ein einziges „Uah-uah“ mit seinen gedämpften Dixie-Trompeten, zu denen schon der Große Gatsby auf einer seiner dekadenten Parties getanzt hat.

Alice Francis mit Katze

Ein weiterer ziemlich cooler Track ist „Sister“ – die Warnung an die Schwester, sich nicht ins lockende Unglück zu stürzen, wobei diese natürlich, Warnung hin wie her, die rauschenden Nächte vorzieht, selbst wenn sie Verderben verheißen mögen. Auch „Cakes & Applepies“, der mit seiner halb gehauchten Gesangsperformance besticht, gefällt, ebenso der Beat von „Get A Wiggle On“, das (mir) trotz Puttin’ On The Ritz-Einlage aber insgesamt zu sehr Beyoncé und zu wenig Ella ist, was auch für die Gangster-Hymne „I Pimp You“ gilt.

Dagegen scheinen mir die Interlude „Chillin’ With Niegl“ und das Folgestück „A Flapper’s Diary“ trotz ihrer grandiosen Titel verzichtbar, aber gerade denn, wenn man denkt, dass jetzt nichts mehr kommt, fängt sich das Album wieder mit einem grandiosen „Kiss My Ass“, das aufgrund der beschwingten Unschuld des Vortrags umso lustiger ist! Springt man über das ebenfalls etwas einfallslose Hau-drauf-beatige „Please, Love Me Too“ weg, landet man schon beim Closer „Sandman“, und der verzichtet zur Abwechslung mal auf jedes Electroswinggeschnassel, ja in Gänze auf einen Beat: Akustikgitarre und Alice Francis’ Stimme, mehr braucht dieses wirklich schöne, dabei aber nicht auf das Genre-immanente Augenzwinkern verzichtende Schlaflied nicht, das sicherlich auch nach Abschluss der Schreibarbeiten zu dieser Ausgabe von „Victoriah’s Music“ in meiner privaten Playlist weiterspielen wird.

Lambchop Mr. M Cover

Nicht mehr ganz neu, aber das beste Gegenmittel, um nicht zu sagen, ein krasses Kontrastprogramm zu Movits! und Alice Francis ist Mr. M von Lambchop. Wer der Party – ich möchte nicht sagen: des Lebens – überdrüssig ist, findet hier seinen Frieden.

Erst einmal aber fängt Mr. M ziemlich großmäulig an: Die Eingangszeile Don’t know what the fuck they talk about ist nicht nur klares Statement, sondern macht den Opener „If Not I’ll Just Die“ zur regelrechten Hymne aller Verpeiler dieser Welt. Die wissen schließlich auch nie, was zum Teufel die Leute da reden und was in aller Welt überhaupt los ist. Kontrastiert wird der Text durch eine fünfzigerjahrekreuzfahrtunterhaltungsbandverdächtige Untermalung mit perlendem Piano, zuckernden Streichern und butterweichem Bass, die dann aber wieder doch so gut zu der ganzen Laissez-faire-Atmosphäre passt, dass man sich schon ganz entspannt zurücklehnen möchte. Auch der zweite Titel „2B2“ – obgleich durch seinen dezenten Schlagzeugeinsatz schon etwas mehr in der heutigen Popmusik zu verorten – , bleibt mit seinem dezenten Country-Feeling dieser überaus lässigen Stimmung treu, als hätte Lambchop-Mastermind Kurt Wagner eine Wette mit sich selbst laufen, welcher der Tracks von Mr. M das Rennen um den Titel des entspanntesten Stückes des Jahrzehnts macht.

Kurt Wagner

Tatsächlich aber deutet sich bereits hier die das Album prägende Düsternis an, und dann kommt es auch schon ganz dicke: „Ich habe die Weihnachtbeleuchtung überm Eingang abgehängt“, singt er in einer Zeile, womit er seinen Umgang mit dem Freitod seines Freundes und Mentors Vic Chesnutt verklausuliert, dem er sich lange nicht stellen mochte. Es war Weihnachten 2009, als ihn die Nachricht erreichte. Verarbeitet hat er sie drei Jahre später, und das gleich über die gesamte Albumlänge, denn auch die restlichen Songs von Mr. M umkreisen den Themenkosmos Verlust, Trauer und Tod. Aber auch der melancholiegeprägte Hörer, der mit dem Abnehmen der Weihnachtsbeleuchtung keine große menschliche Tragödie verbindet, sondern schlicht die Leere, die Ernüchterung, die sich unweigerlich einstellt, wenn die letzten Weihnachtsgeschenke ausgepackt und umgetauscht, der letzte Silvestersekt ausgetrunken und der Neujahrskater kuriert ist, wird sich in Mr. M wiederfinden. Das Album ist der klanggewordene Horror vor dem Januar: Während es im Dezember mit allerlei Weihnachtsvorbereitungen mal hektisch, mal besinnlich zugeht und der Februar schon mit sonnigen Tagen, gar Frühlingsahnung lockt, ist der Januar einfach nur eine einzige große Öde.

Lambchop 5.2

Da verwundert es kaum, dass Mr. M. auch musikalisch von ruhigen Tönen dominiert wird, wobei Gitarren, anders als auf dem Vorgängeralbum, nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Vielmehr wartet Wagner mit einem mal schwelgerischen, mal klimpernden Piano und immer elegischen Streichern auf, die seiner unaufgeregten Stimme eine seltsam eindringliche Präsenz verschaffen, deren erzählerischer Gestus von fern an Johnny Cashs „American Recordings“ erinnern. Americana goes Folk-Melancho-Pop. Da knistert das Kaminfeuer, da weint die Mundharmonika, und überhaupt scheint alles belebt. Das muss es sein, wenn man von „organischem Klang“ spricht, der wie natürlich gewachsen wirkt und nur so und nicht anders sein kann. Die Instrumente scheinen im selben Rhythmus zu atmen wie Wagners Stimme, der sich nur als weiteres Instrument begreift und sogar soweit zurücknimmt, das er auf Mr. M zwei reinen Instrumentalstücken Platz einräumt.

Lieblingsstück: „Nice Without Mercy“, wie geschaffen den Winter jenseits seiner glitzernden Fassade aus Festball, Neujahrsempfang und Après Ski, dort, wo der Glitter weggefegt ist und sich der Januar in seiner ganzen Trostlosigkeit, Trübe, Gräue und Nässe über die abgasschwangere, kohlengeschwärzte Stadt legt.

Team Ghost | Dead Film Star (EP)

Team Ghost Dead Film Star (EP) Cover

Und wo wir schon einmal beim Thema Tod und Trauer sind, soll auch die neue EP der französischen Alternativ-Elektroniker um Ex-M83-Gründer Nicolas Fromageau nicht unerwähnt bleiben. Bereits deren 2010er-EP You Did Anything Wrong To Me fand in der alternativen Szene solchen Anklang, dass man für ihre Musik eigens das aus Shoegaze, Postpunk und Electronica zusammengesetzte Genrekompositum „Coldgaze“ erfand. Diesem bleiben sie auch mit Dead Film Star treu, werden hier doch scheinbar mühelos die diversen Welten des Indie-Rocks mit allerlei aktuellen Electronica vermischt, dass es nur so eine Freude ist.

Den titelgebenden Song, der neben einer alles überlagernden Verzerrung durch seine wabernden Gitarren und dazu seltsam kontrastierenden synthetischen Beats besticht, gibt es auf Dead Film Star gleich dreimal zu hören – neben der Albumversion in Remixen von Para One & Tacteel und TEPR. Abgerundet wird die EP durch „Away“, einen weiteren Song des kommenden Albums, der mit einem die melancholische Gitarrenlinie konterkarierenden, ewig-repetitiven Hochton ebenfalls an den Hörernerven zerrt. Allein die beiden Albumversionen zeigen das erstaunliche stilistische Spektrum von Team Ghost; doch erst die Dead Film Star-Remixe verdeutlichen die vielen Facetten, die in ihren Stücken zu stecken vermögen.

Team Ghost 2

Während der Para One & Tacteel Mix mit seinen UK-Bass-Anleihen die Kälte und auch Dirtyness des Tracks erst so richtig herausstellt, ihn durch das Herausnehmen von Tempo und Hinzufügen eines relaxten HipHop-Beats aber gleichzeitig zum launig-trippigen Kopfnicker macht, präsentiert die mir persönlich am besten gefallende, sich weit vom Original entfernende Bearbeitung durch TEPR eine ganz andere Seite des Tracks und legt den Fokus mehr auf die düsteren Lyrics, die ihre musikalische Entsprechung in einer Bhangra-inspirierten Produktion mit leicht trancigem, dem Einsatz von Tribal Drums geschuldeten Drum&Bass-Touch findet.

Das Album zur EP folgt am 15. März 2013.

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