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Maïa Vidal – God Is My Bike

November 2011 / Victoriah Szirmai

Mancher kennt vielleicht die Anzeigen einer überregionalen Berliner Tageszeitung, in denen es sinngemäß heißt: „Marlene Dietrich studierte in Berlin zunächst Geige“ oder „Kurt Tucholsky war in Berlin zuerst Volontär bei einer Bank“, um dann auf den eigenen Stellenmarkt hinzuweisen: Wer gleich die richtige Entscheidung treffen will, der liest unsere Anzeigen, will einem Berliner Morgenpost damit sagen. Gut, dass Maïa Vidal nicht die Mopo liest: In ihrem Fall wäre es nämlich geradezu eine fatale Entscheidung gewesen, hätte sie sich gleich dem Musikstudium verschrieben.

Aber von vorn: Die in New York geborene Franko-Amerikanerin, die mal in Paris und mal in Barcelona lebt, wuchs in einem musikalischen Umfeld auf und stand schon im Alter von fünfzehn Jahren mit der Mädchen-Punk-Band Kiev – mit einigem Erfolg – auf der Bühne. Sie hatte Glück: Anstatt von der Industrie verheizt zu werden, erhielt sie einen in der Musikbranche seltenen Rat: Trotz ihres immensen Talents solle sie jetzt sofort aufhören, da sie viel zu jung sei. Später könne sie immer noch zurück ins Haifischbecken kommen.

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Maïa Vidal hörte auf den Ratschlag und ging nach Montreal, um Visuelle Kommunikation zu studieren. Ein Schwerpunkt ihres Studiums war Animation – Vidal sollte ein animiertes Video erstellen. Und hier packte es sie wieder: Anstatt auf bereits existierende Konservenmusik zurückzugreifen, lieferte sie den Soundtrack zu ihrem Video kurzerhand selbst. Was dann kam, ist, wie man so schön sagt, Geschichte: Das selbst produzierte Video wurde von den Youtube-Nutzern rauf und runter gespielt – in Folge produzierte Vidal weitere Songs und Videos …

Um sich aber nicht angreif- und verletzbar zu machen, schrieb sie keine eigenen, auf persönlichen Erfahrungen beruhenden Songs mehr, sondern griff auf das Liedgut der kalifornischen Ska-Punker Rancid zurück, das sie komplett neu arrangierte und gewissermaßen im Alleingang aufnahm. Auch ein Alter Ego legte sich Vidal für ihr Rancid-Projekt zu: Your Kid Sister, denn sie interpretiere die Songs so wie „deine kleine Schwester, die zwar die Punk-Mucke, die du hörst, unglaublich cool findet, deren Wesen aber im Prinzip noch nicht versteht“. Die Your-Kid-Sister-EP Poison (2009) wurde ein großer Erfolg, und endlich wagte sich Vidal auch wieder an eigene, sehr persönliche Songs.

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Und genau da geschah es: In einem Moment auf der Bühne sei sie gewissermaßen neben sich getreten und habe sich gefragt, weshalb sie eigentlich noch ihren Alias nutze. Und so hat Maïa Vidal zu ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag ihr Alter Ego abgestreift und ihr – ursprünglich als Your-Kid-Sister-Platte geplantes – Debütalbum God Is My Bike unter ihrem bürgerlichen Namen herausgebracht. Soviel sei vorweggenommen: Wenn Sie dieses Jahr nur noch eine Platte kaufen können – dann diese!

God Is My Bike ist ein Album, in das der Hörer nur langsam hineinkommt. Wo der erste Track „The Waltz of the Tick Tock of Time“ noch befremdlich – im Sinne einer Mischung aus nervig und belanglos – erscheinen mag und der zweite („The Alphabet of My Phobias“), dritte („God Is My Bike“) und vierte („La Jaula Dorada“) noch unter „naja, geht so“ laufen, packt es einen mit dem fünften. Das in Barbershopmanier fingerschnippend-mehrstimmig-schwingende „Follow Me“ ist zwar nicht typisch für Vidal, aber ideal, um in den Sog ihrer Stimme zu geraten. Wenn Sie Maïa Vidal nicht kennen, starten Sie mit diesem Song in die Platte!

Track sechs dann, das noch aus Your Kid Sister-Zeiten stammende „Le Tango de la Femme Abandonnée“, ist der absolute Höhepunkt des Albums, der als nahezu klassische Tango-Gitarrennummer beginnt, sich dann aber schon bald als reinrassiges Chanson entpuppt, ohne mit Chanson Nouveau etwas am Hut zu haben, also eher Piaf als Biolay. Übrigens mit einem grandiosen Marc Ribot an der Gitarre, den nicht nur eingefleischte Avantgarde-Jazz-Heads von seiner Zusammenarbeit mit Elliott Sharp oder John Zorn kennen, sondern auch Liebhaber von eingänglicherem Liedgut à la Tom Waits, Elvis Costello oder Lounge Lizards. Ab diesem Stück jedenfalls darf diese CD und mit ihr Vidal alles, und das tut sie auch: Spielt Geige, Akkordeon, Flöte, Percussion und allerlei Kinderinstrumente wie Toy Piano; das ist alles ein bisschen „zauberhafte Welt der Amélie“, vor allem aber ist es ihre hochemotionale Stimme, die den Hörer berührt und nicht mehr loslässt. Ab Track sechs ist diese Platte einfach nur noch, äh: zauberhaft.

Zum Beispiel „Lovesong“, der nicht nur eine spannende innerliedliche Entwicklung von Akustik- zu E-Gitarre durchläuft, sondern auch mit der mit Abstand coolsten Textzeile des Albums aufwartet: „this is my lovesong/cause I thought I should have one“. So einfach ist das eben manchmal, und so banal.

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Ohnehin ist es Maïa Vidals Bestreben, dem Banalen einen sakralen Moment abzugewinnen – und umgekehrt das Heilige zu erden. Im Schmerz einen ironischen Moment aufzuspüren und inmitten praller Lebensfreude einen besinnlichen. Auch ihrem großen Vorbild Billie Holiday – im Interview bezeichnet Vidal sie als „general soundtrack in my life“ – sei es immer gelungen, selbst im allertraurigsten Lied zumindest ein Halblächeln mitzusingen und es somit davor zu bewahren, ins Pathetische abzugleiten. Es sei wie das Leben selbst, so Vidal: Auch hier ist nichts nur traurig oder nur fröhlich. Diese Zwischentöne in ihrer Interpretation herauszuarbeiten ist es, was sie als schlicht ehrlich empfindet, gegenüber sich selbst und gegenüber ihrem Publikum. Damit macht sie sich verletzlich, und ich glaube auch nicht, dass Billie Holiday so klänge, würde sie heute leben, aber vom Anspruch her an das, was man am ehesten mit Wahrhaftigkeit bezeichnen kann, steht Vidal der Jazzgöttin nur wenig nach.

Erst das Ende von Track elf, „Je Suis Tranquille“ mit seinem Ausflug ins tendenziell Atonale wirkt wieder leicht bemüht – Kunststudenten neigen ja gern dazu, zu zeigen, dass sie es und was sie können. Doch schon der nächste (und letzte) Track „The Waltz“, der als Spielzeuginstrumenten-Instrumental mit Xylophon & Co. gänzlich unbemüht und charmant daherkommt, versöhnt den Hörer wieder. Hier schließt sich der Kreis zum Albumbeginn, der beim zweiten Hören mit einem Mal auch keineswegs mehr belanglos, sondern schlicht großartig ist und God Is My Bike zu einer Platte macht, die nicht per Single-Auskopplung in Einzeltracks zerlegt werden sollte – die Songs bedingen einander und brauchen den Kontext des Albums. Allein mit der Peace & Harmony-Nummer „The Alphabet of My Phobias“ werde ich auch bei mehrmaligem Hören nicht warm; schlimm, das volle Orchester, das hier zum Schluss aufgefahren wird! Der eingangs noch als „so la la“ geschmähte dritte Track hingegen entfaltet nach mehrfachem Hören tatsächlich ein ObelSundfør-artiges Flair (und da hat ja auch immer nur Beth Gibbons Patin gestanden): Wenn man heutzutage eine ernstzunehmende junge Sängerin sein will, macht man eben solche Musik.

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