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Lyambiko – Muse

April 2015 / Victoriah Szirmai

NuSoul-Ikone Jill Scott erfreut sich als Referenz aktueller Pop-Jazz-Grenzgänger einiger Hipness. So war sie nicht nur gerade erst auf Nils Wülkers Up zu hören – sie dient auch Lymbiko auf ihrem gleichnamigen Album als Muse, nimmt sich die Thüringer Sängerin mit ihrem Quartett hier doch ihres Stückes „Do You Remember Me“ an. Als weitere Musen dieses Konzeptalbums, dessen Songs ausschließlich von Frauen stammen, müssen Künstlerinnen wie Stevie Nicks, Joni Mitchell, Aki Takase oder Abby Lincoln herhalten, und ich höre den Leser schon seufzen: Wieder mal eine Platte mit Interpretationen, muss das denn sein?

Lyambiko | Muse Cover

Es muss, denn wenn Lyambiko sich durch die Klassiker der Jazz- und Popgeschichte singt, ist das zum einen etwas ganz anderes, als wenn sich eine nostalgiebeseelte Annie Lennox daran versucht und kläglich scheitert, zum anderen kann ich Ihnen versichern: Seien Sie mir ewig dankbar, dass ich Sie vor der Fahrstuhlmucke auf Essentials II, dem aktuellen Cover-Album Karen Souzas, bewahrt habe. Da hätten Sie allen Grund zum Seufzen gehabt! Was nicht heißt, dass es an Muse nicht auch das eine oder andere auszusetzen gibt, aber wir reden hier von einer anderen Klasse, um nicht zu sagen: Jammern mal wieder auf recht hohem Niveau – das allerdings etwas auf sich warten lässt.

Lyambiko | Muse 1

Muse beginnt in angenehmer Jazzbaratmosphäre, wobei das Piano akzentuiert genug ist, dass das Ganze nicht in Beliebigkeit abgleitet. Schwerer tut sich da der Gesang, der seinen Einstand eher poppig, mit sich überlagernden Tonspuren gibt, was die Live-Stimmung dann doch deutlich beeinträchtigt. Ohnehin, der Gesang! Dem fällt hier nicht nur die Intonation schwer, der wirkt auch sonst seltsam verhalten – und das nicht im Sinne von zurückgenommen, sondern im Sinne von nicht richtig da. Das ändert sich aber schon mit der Julia-Hülsmann-Komposition „I Went To Heaven“. Hier passt die Stimme zum Stück und ist endlich so präsent, wie man sich das wünscht. Leider aber ist auch auf dem folgenden Stevie-Nicks-Klassiker „Landslide“ das Intonationsproblem noch nicht vollends überwunden, während sich die aus Marque Lowenthal am Piano, Robin Draganic am Bass und Heinrich Köbberling am Schlagzeug zusammensetzende Band aufs Schönste in den Vordergrund spielt – eine Freude, dieser Groove!

Muse steht und fällt, das ist bereits hier offensichtlich, mit der Auswahl der Stücke. Der Jazzstandard „Willow Weep for Me“ passt perfekt zur spröden Stimme Lyambikos, allein: Mit knapp sechs Minuten gerät er hier leider etwas langatmig. Ich wiederhole gern: Nur, weil eine CD die Möglichkeit von vierundsiebzig Minuten Musik bietet, muss diese Spieldauer längst nicht ausgeschöpft werden! Man ertappt sich dabei, auf die Tracklist zu schielen und zu denken, uff, noch zehn weitere davon … Auf „Do You Remember Me“ begegnet uns wieder das leidige Spiel mit verschiedenen Vokal-Spuren, die hier dialogisch gegeneinander gesetzt werden. Aber es ist ein gutes Stück – und wäre noch besser, hätte man es im NuSoul-Idiom Jill Scotts belassen, denn hier passen die Tastenakzente des ansonsten so herausragenden Lowenthal nicht. Dafür umso mehr auf dem 1929er Kay-Swift-&-Paul-James-Evergreen „Can’t We Be Friends“, der vielen noch als Duett zwischen Ella Fitzgerald und Frank Sinatra im Ohr sein dürfte. Auch Lyambikos Stimme ist am stärksten, wenn sie die Jazzklassiker intoniert – wer hätte das nach dem eher unausgegorenen Nina-Simone-Tribut gedacht? Selbst die Interpretation von Superbolero „Bésame Mucho“ wird derart bravourös gelöst, dass man sich fragt, ob nicht das Mitt-Album-Phänomen gnadenlos zugeschlagen hat: Entweder die Platte ist mittlerweile wirklich um Klassen besser geworden, als der laue Anfang erwarten ließ, oder man hat sich einfach eingehört.

Lyambiko | Muse 2

In jedem Falle geht es gut weiter: Mit „Goodbye Pork Pie Hat“, das ursprünglich 1959 von Charles Mingus und seinem Sextett aufgenommen und 1979 von Joni Mitchell mit Text versehen wurde. Nicht nur der schleichende „My Funny Valentine“-Groove macht den Song zum coolsten Stück des Albums – hier zeigt sich auch, wie großartig der sich bislang elegant zurückhaltende Bass ist! Als hätte das Quartett die Spielfreude gepackt, dreht das Album dann mit Jutta Hipps „Horacio“, das diesmal Lyambiko herself nachträglich betextet hat, voll auf uns reißt mit. Jazz-Jazz at it’s best! Jetzt geht dann sogar ein NuSoul-Stück im Jazzidiom, um nicht zu sagen, das NuSoul-Stück schlechthin: Erykah Badus „On & On“. Natürlich ist der Gesang der Badu nuancierter, geht ihr eindringliches Hohepriestertum hier verloren. Doch auch Lyambikos herb-unnahbare Vocals fangen sich wieder, sobald sie aufhören, das Timing gewollt gegen den Strich zu bürsten und sich stattdessen ganz dem Song hingeben. Die Band ist sowieso geil.

Lyambiko | Muse 3

Albumdramaturgisch so gar nicht will jetzt die Eigenkomposition „Spring“ passen, so zahm, so easy, so dreißigerjahremusicalesk kommt sie federnden Schrittes angetanzt. Umso mehr passt sie zur Jahreszeit! Das Stück an sich gehört ohnehin zu den guten. Doch gerade, wo man sich an Knospen und Singvögelein und Übergangsjäckchen gewöhnt hat, bekommt der Frühlingszauber mit Aki Takases exotisch anmutendem „Looking For Love“ einen ziemlichen Dämpfer verpasst – ein gar seltsames Ding, dieses sperrige Stück, das aber Raum für ein minimalistisches Bass-Solo schafft, welches wiederum den Wunsch nach einer Solo-CD von Draganic aufkommen lässt. Kann ich bitte eine haben?

Dem coolen, sehr coolen, exzessiv coolen „Exit Ahead“ der Schweizer Songwriterin Gabriela Krapf dann gelingt das Kunststück, Muse mit einem Mal gar nicht mehr zu lang erscheinen zu lassen. Mit leichtem Bedauern stellt man jetzt vielmehr fest, dass das Album schon fast durch ist. Befriedet wird der Hörer mit Abby Lincolns „And I Hoped For Your Love“ entlassen. Auch wenn hier wieder die leichte Muse Oberhand gewonnen haben mag: Die Häme, mit der dieser Platte begegnet wurde, hat sie nicht verdient.

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