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Lamb – Backspace Unwind

November 2014 / Victoriah Szirmai

1996 war für mich ein Jahr der musikalischen Weichenstellung. Ich hatte gerade das Abi in der Tasche und dilettierte singend und songwritend im Studio herum, bis ich mich, leidlich motiviert, aufmachte in die weite Welt der Musikwissenschaften, wo ich erstmals mit Popmusikforschung in Berührung kam. Was war das doch famos: Hier scherte man sich nicht um Beethoven, dafür aber umso mehr um die Beatles!

Lamb Cover

Und mit einem Mal verwandelten sich Dinge, die mir bis dahin als nerdiger, ja: unnützer Zeitvertreib vorgehalten wurden, zum Gegenstand hochwissenschaftlichen Interesses. Du weißt, wer der Regisseur von Michael Jacksons bahnbrechendem „Thriller“-Video ist? Das ist ab sofort kein verschrobenes Hobbykellerwissen mehr, dafür gibt’s jetzt Punkte! Ich fühlte mich auf Anhieb zu Hause. Hier bin ich richtig, dachte ich, und: Hier bleibe ich.

Gleichzeitig eröffneten sich mir 1996 bis dahin ungekannte Klanghorizonte. Hatte ich bis dato jenseits klassischer Musik vor allem für Souliges, HipHopiges und Reggae Beats geschwärmt, stand jetzt auch immer öfter Elektronisches vielerlei Provenienz auf meinem Spielplan. Wie beispielsweise Lamb. Als das Duo aus Manchester 1995 bei Mercury unterschrieb, hatte es nur drei Songs vorzuweisen – aber schon da wusste man, dass seine Musik etwas ganz Besonderes, etwas Neues war. Zeitgenössische Drum&Bass- bzw. TripHop-Beats reicherte Lamb-Elektroniker Andy Barlow mit wärmenden Elementen aus Jazz, Klassik, Blues & Co. an, wobei aber immer die Melodien im Vordergrund standen – und die hochemotionale Stimme von Lou(ise) Rhodes, die sich direkt in die Hörereingeweide wühlte.

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Und was für das Lamb-Debüt galt, hat auch für die aktuelle Veröffentlichung Bestand: Komplexe Klangfrickelei trifft auf menschliche Melancholie, zieht sie an, stößt sie wieder ab und umklammert sie dabei, als wären beide die letzten Überlebenden da draußen im All. Überhaupt: Das All! Wie ein roter Faden ziehen sich Planetenmetaphern durch die zehn Songs von Backspace Unwind und verbinden sie miteinander zu einem größeren, ich möchte fast sagen: höheren Ganzen. Dabei beginnt die Platte erst einmal recht unsphärisch. Auf „In Binary“ britzelt die Elektronik so richtig schön bratzig – wäre da nicht der ätherische Gesang von Lou Rhodes, der sich zwischen Zeit und Raum verliert, könnte man sich durchaus in einer kühlen Achtzigerjahre-Reminiszenz wähnen. Major Tom trifft Schwarzlichtdisco.

Aber schon das sphärische „We Fall In Love“ kommt mit seinen Klingglöckchen so zart daher, dass man – überhörte man den darunter liegenden, dezent angehousten Minimaltechnobeat – meinen könnte, es mit einer alten Aufnahme der Cocteau Twins zu tun zu haben. Zumindest, bis das rumpelige Schlagzeug einsetzt, welches „We Fall In Love“ eher zur Collage denn zum Song macht, zusammengesetzt aus Einzelteilen, die so gar nicht zueinander passen wollen und dennoch eine untrennbare Einheit ergeben, mit selten einprägsamen Strophen, konterkariert nur von allerlei Geräusch, das den – wie immer sehr präsenten, sehr in den Vordergrund gemixten – Gesang hier fast zur Nebensache werden lässt. Wenn Verlieben so geht, dann immer her damit!

Tief in die Mollklavierakkord-Kiste greifen Lamb auf „As Satellites Go By“, das zu allem Überfluss auch noch den klebrigen Streicherzuckerguss von Arrangeur Tom Trapp auffährt. Wäre das alles nicht so dermaßen – Achtung, Lieblingswort! – sphärisch, wäre es schlicht ein No-Go, oder, besser noch, ein „Och nö“. Erfreulicherweise haben Lamb die Kitschkurve hier gerade noch einmal gekriegt. Selbst wenn es ab Minute 2:40 so richtig opulent wird – stellen Sie sich einfach vor, dass Rachmaninow auf Bombast-Rock trifft –, gelingt es Lamb, abrupt die Notbremse zu ziehen und das Ganze als Piano-Vocal-Nummer ebenso akustisch ausklingen lassen, wie es begonnen hat. Ganz im Gegensatz zum zappelig-nervösen Titeltrack, diesem reverbgetränkten Kinderabzählreim mit ADHS, der seinem Hörer Herzstolpern, Herzrasen, Herzkammerflimmern und umgekehrt und noch einmal und wieder von vorn beschert, um ihn schließlich mit Geräuschen irgendwo zwischen Weltraumfähren und Echoloten schier um den Verstand zu bringen.

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Da kommt der a-cappella Harmoniegesang auf „Shines Like This“ gerade recht – zumindest solange, bis auch hier die bedrohliche Soundkulisse einsetzt, wobei die stark hallenden Beats an dieser Stelle weniger Weltraumeinsamkeit versprühen, sondern vielmehr einem geheimnisvoll-schaurigen, nachgerade voodooesken Stammesritual entlehnt zu sein scheinen. Und weil es gerade so schön spooky ist, packt „What Makes Us Human“ auch wieder das Sade-artige Vocals. Alles in allem wieder eines dieser Stücke, die ich den Café del Mar-Machern gern mal mit ins Trainingslager geben würde. Gerade erst habe ich mich der – passenderweise, weil schlichtweg gruselig! – zu Halloween erscheinenden Café del Mar Jazz 2 ausgesetzt. Und fragen Sie einfach nicht, was dort wieder verbrochen wurde, ich muss mich sonst zu sehr aufregen, das wäre nicht gut für die Schreibergesundheit! Danken Sie mir einfach auf Knien dafür, dass ich Ihnen Details erspare. Was ich sagen will: Wenn man schon Chill-out, Downtempo und Ambient Lounge macht, dann doch bitte so wie auf Lambs „What Makes Us Human“!

Sicherlich hilft die nuancierte Stimme von Lou Rhodes dabei, die ein echtes Alleinstellungsmerkmal in der heutigen Radiolandschaft ist, denn würden alle so singen wie sie, müsste man ja, Gott bewahre, zuhören und könnte die Musik nicht mehr zur bloßen Hintergrundbeschallung degradieren, mit der man die Angst vor der Stille, die ja im Grunde nichts anderes ist als eine Angst vor dem Mit-Sich-Selbst-Allein-Sein, zu maskieren sucht. Allein der Sechsachtler „Nobody Else“, bei dem es sich recht eigentlich um ein pechschwarzes Stück Rhythm&Blues handelt, beweist, wozu Ambient-Sängerinnen in der Lage sind, in der Lage sein sollten. Da klingen moderne Bond-Sängerinnen wie Amy Winehouse oder Adele durch – nur sind Lamb, Andy Barlow sei Dank, musikalisch weitaus spannender als diese. Die soeben angeführten Referenzen finden Sie noch zu konventionell? Für Sie gibt es auf „Seven Sails“ wieder Störgeräusche satt, und in der Tat ist das Stück unter allen Songs der Platte wohl am ehesten im experimentellen Bereich zu verorten, allenfalls leichte Post-Dub- (oder was-auch-immer-)Step Referenzen machen eine Konzession an den Zeitgeist.

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„Doves & Ravens“, das vom Loslassen und der damit verbundenen Hoffnung auf freiwillige Widerkehr erzählt, erhebt den Hörer in die Lüfte, während die Streicher zuckern und das Piano perlt, was das Zeug hält. Dank des mittels vocoderartigem Distortion-Effekt verfremdeten Gesangs wissen Lamb sich (und uns) aber auch hier einmal mehr vor dem Kitsch zu bewahren. Ein bisschen erinnert mich das an die „Liquified Days“ der Cultured Pearls, auch hier ist alles im Fluss, doch nein, eigentlich fließt es nicht, es nutzt die Thermik und schwebt. „Only Our Skin“ holt mit immer gleicher Leier, einer mediävalen Moritat nicht unähnlich, zurück auf den Boden und macht Backspace Unwind rückwirkend zu einer Zeitreise aus der Zukunft ins Mittelalter. Doch was heißt schon Reise! Es ist vielmehr ein unsanftes Fallen, das diese ansonsten so atmosphärische Platte ebenso exzentrisch, intensiv und nachhaltig beendet, wie man in sie hineinkatapultiert wurde. Toll!

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