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Joyce – Slow Music

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  1. 2 Joyce - Slow Music

Joyce - Slow Music

Downtempo ist auch das Stichwort, wenn es um die jüngste Veröffentlichung von Joyce Moreno geht. Die Künstlerin vorzustellen, erübrigt sich an dieser Stelle wohl, ist die brasilianische Sängerin, Gitarristin und Songwriterin doch seit Beginn ihrer Karriere in den späten 1960er-Jahren eine nicht mehr wegzudenkende Konstante in den Wiedergabelisten der Jazzradios gewesen. Slow Music nun ist das, was Joyce Moreno ihr Traumprojekt nennt. Dieser Traum nahm bereits vor zehn Jahren seinen Anfang, als Joyce auf das Manifest Folco Portinaris stieß, welches die Slow-Food-Bewegung begründete. Dort heißt es unter anderem:

Joyce - Slow MusicDie Industriegesellschaft hat zuerst die Maschine erfunden und nach ihr das Leben modelliert. Mechanische Geschwindigkeit und rasende Beschleunigung werden zur Fessel des Lebens. Wir sind alle von einem Virus befallen: „Fast Life!“ Unsere Lebensformen sind umgestürzt, unser häusliches Dasein betroffen – nichts kann sich der „Fastfood-Bewegung“ entziehen. Aber der Homo sapiens muss sich von einer ihn vernichtenden Beschleunigung befreien und zu einer ihm gemäßen Lebensführung zurückkehren. Es geht darum, das Geruhsame, Sinnliche gegen die universelle Bedrohung durch das „Fast Life“ zu verteidigen.

Bezaubert von diesem Gedanken sei sie gewesen, erklärt die Künstlerin rückblickend. Denn genau dieselbe Problematik hätte sie auch seit langem in der Musik empfunden: „Über Jahre hinweg wurden unsereJoyce - Slow MusicOhren ‚Junk-Musik‘ ausgesetzt. Dabei ist Musik Nahrung der Seele. Sie ist der beste Übertrager unserer Gefühle.“ Slow Music ist die bezwingende Quintessenz dieser Analogie. Nicht nur eigens für das Album geschaffene Kompositionen, sondern auch ausgewählte und der Thematik bedingungslos angemessene Coverversionen mehr oder weniger bekannter Brasilianischer Songs und Jazz-Standards finden sich hier, getragen von der gelassenen Präsenz einer in sich ruhenden Vokalistin, die ein langes und beständiges musikalisches Leben verbracht hat. Solch ein Album kann man als junger Künstler nicht machen.

Keine Musik ohne Stille

Slow Music basiert auf Stille und Pausen, ist die Pause Joyce zufolge doch „ein wichtiges Moment in der Musik. Ohne Stille existiert kein Klang.“ Ohne Dunkelheit kein Licht. Um die Stimmung dieses leisen, sich subtil an- und langsam einschleichenden Albums noch besser zu verdeutlichen, wirft die Sängerin Namen wie Shirley Horn, Bill Evans und João Gilberto in den Raum, denen sie die Songs widmet. Ihre Intention war, eine Reflektion über die Liebe entstehen zu lassen, jedoch nicht nur über jene verzweifelte Gloomy Sunday-Art der Liebe, die bisweilen den eigenen Verstand unterminiert.

Joyce - Slow Music
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Vielmehr wollte sie auch den Zweifeln, den Fragen und nicht zuletzt der Ironie der Liebe den ihnen zustehenden Raum geben – ein Unterfangen, das wirklich nur aus einer lebenserfahrenen, um nicht zu sagen: abgeklärten Perspektive möglich ist. So erfolgte die Auswahl der Songs nicht nur aufgrund ihrer Schönheit, sondern vor allem anhand der Leichtigkeit, mit der sie sich der wohl ältesten Emotion dieser Welt nähern. Joyce trägt sie mit großer Gemütsruhe – jedoch weit entfernt von Gleichmut – vor. „Man braucht einen gewissen kritischen Abstand, wenn man so etwas singt. Die Möglichkeit zur wehmütig-zarten Rückbesinnung, gepaart mit einem Anflug von Weisheit. Auch die Stimme Joyce - Slow Musichat ja eine Art Patina bekommen und an jugendlicher Brillanz verloren“, sinniert die Sängerin.

Unerlässlich sind auch die richtigen Mitstreiter. Joyce hat sie in Drummer Tutty Moreno, der sein Schlagzeug als Harmonieinstrument behandelt, Hélio Alves, einem exzellenten Jazzpianisten, der ebenfalls in der brasilianischen Musik zu Hause ist, und Jorge Helder am Bass gefunden. Gemeinsam geben sie der Musik Raum und lassen die stillen Augenblicke zu ihrem Recht kommen, die sich alsbald in lichte Momente wandeln. Und gemeinsam werden Wandlung und allmähliche Entfaltung gemäß dem Slow Food-Manifest erfahrbar gemacht: „In der Entwicklung des Geschmacks, und nicht in seiner Verarmung liegt die wahre Kultur.“ Man kann es aber auch schlicht und ergreifend Würde nennen.

Plattenkritik: Morcheeba | Joyce

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