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Kleiner, Meisenzahl, Höhn

November 2016 / Victoriah Szirmai

Der Titel hält, was er verspricht: Good Times ist ein Album zum Wohlfühlen. Aufgenommen in der Absicht, den warmen, beschwingten Sound der Pianotrios der Sechzigerjahre wieder auferstehen zu lassen, ist es zur Hommage an die Eltern der drei Musiker geraten, die ihre Kinder mit Platten von Oscar Peterson & Co. schon früh an einen eingängigen Jazz jener Provenienz heranführten, den diese nun selbst zum Besten geben.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times Cover

Die Kinder, das sind Ulf Kleiner am Piano, David Meisenzahl am Schlagzeug und Hanns Höhn am Bass – eine Art All-Star-Band, kennen langjährige fairaudio-Leser die Protagonisten doch aus anderen Zusammenhängen, Kleiner etwa durch Spaniol4 oder „HerrnContraBass“, Höhn von Tango Transit, wobei beide schon 2011 auf Meisenzahl stießen, als sie gemeinsam im Mainzer Quintett Jazzteam (wiederum mit Frank Spaniol am Tenorsaxophon und Daniel Stelter an der Gitarre) musizierten. Nun kommen die Drei wieder zusammen, um mit ihrem neuen Album, dessen Cover im Übrigen Kleiners Mutter zeigt, ihren Eltern Danke zu sagen für all jene „Trioplatten, die wir schon beim Lego-Spielen hören durften“, wie der Pianist es ausdrückt.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times Backcover

Nach einem selbstvergessenen Solopianoauftakt entführt das Trio seine Hörer mit leibesanimierendem Mitwipp-Groove auf Vincent Youmans‘ „Carioca“ in lateinamerikanische Gefilde, die trotz Kleiners virtuosen Eskapaden stets tanzbar bleiben. Weiter geht’s mit der glasklaren, sich hie und da sich im Verminderten ergehenden Phil-Bodner-Ballade „Amanha“, bei der sich auch Höhn und Meisenzahl von Kleiners Selbstvergessenheit mitreißen lassen, ganz, als machten sie ihre Musik ausschließlich für sich selbst, während dem Zuhörer das Glück zuteilwird, heimlicher Ohrenzeuge sein zu dürfen.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times 1.3

Mit swingendem Wohlfühl-Groove wacht das Trio auf Kleiners Eigenkomposition, dem titelgebenden „Good Times“, aus seiner Traumverlorenheit auf. Zum ersten Mal sorgen auch Höhn und Meisenzahl im Wechsel dafür, nicht als bloße Rhythmusgruppe wahrgenommen zu werden, sondern als gleichberechtigte Partner Kleiners. Diesen Beweis führen sie auf „The Groove Of Love“, einer weiteren Kleiner-Komposition, fort, die mit einem irgendwie gefährlich anmutenden Groove daherkommt, der solange von Kleiners munterem Tastenspiel konterkariert wird, bis feststeht, dass das Stück weniger gefährlich denn gefährlich gut ist!

Das gilt auch für die mit Solobassauftakt bestechende Michel-Legrand-Ballade „You Must Believe In Spring“, die sich zum in sich gekehrten Zwiegesang von Bass und Piano entspinnt, bevor sich nach knapp zwei Minuten dezent das Schlagwerk hinzugesellt und das Ganze an Fahrt aufnimmt, bis so gar nichts in sich Gekehrtes mehr bleibt und das Trio, Blue Notes hin wie her, in seinen diese Platte dominierenden Feel-Good-Groove zurückfindet. Die Kleiner/Höhn/Mulens-Nummer „Cuban Jam“ hingegen ist angetreten, die Meisterschaften der schnellen Bassläufe zu gewinnen, forciert von einem nervös galoppierenden Schlagzeug, gebremst von einem sich in Klangflächen verlierenden Piano, bevor auch dieses sich aufmacht, seine Mitstreiter mit direkt auf die Atemfrequenz wirkenden Läufen einzuholen.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times 1.4

Die Richard-A.-Whiting-Komposition „My Ideal” dagegen böte sich zur Eröffnung einer Matinee an, wenn das Publikum noch mit einem Bein und den Gedanken sowieso im heimischen Bett liegt: Da schmeichelt das Schlagzeug, perlt das Piano, schnurrt der Bass, während dem Hörer ein aufrichtig empfundenes „Hach!“ entfährt. Kleiner, Höhn und Meisenzahl wissen eben, wie man Menschen glücklich macht. Mehr auf intellektuelle Tiefe zielt der Burt-Bacharach-Klassiker „The Look Of Love“ ab, ohne aber den Wohlfühlmodus gänzlich aufzugeben. Auch dieses Stück geht dem Trio leicht von der Hand, gelingt nahezu mühelos, unaufgeregt. Ohnehin kann als bezeichnend für Good Times festgehalten werden, dass es das kleine Kunststück vollbringt, trotz eines allumfassend hervorgerufenen Wohlbefindens nie in allzu seichte Kreuzfahrtgewässer abzugleiten.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times 1.5

Branford Marsalis‘ „Mo‘ Better Blues” besticht mit einem Groove, in den man sich hineinfallen lassen kann wie in ein frisch aufgeschütteltes Federbett. Zum Aufhorchen angetan sind die kurzen Basssoli, die hier als exquisite Betthupferl kredenzt werden. Dagegen nimmt sich Vincent Youmans‘ „Without A Song” wie eingeschoben aus, ein Fremdkörper oder allenfalls ein neckisches Zwischenspiel, das nicht allzu lange nachhallt.

Zugegeben: Das tut das ganze Album nicht. Es lebt für den Moment, bietet genau darum aber genügend leichte Kost auch für jenen Besuch, der Jazz „eigentlich nicht mag“. Good Times fordert nicht, will nicht wehtun, geschweige denn Grenzen verschieben. Damit verhält es sich wie mit dem Anschauen von Fernsehserien aus der eigenen Kindheit, angesichts derer man sich sofort geborgen fühlt, gut aufgehoben, froh – und auch ein bisschen wehmütig.

Kleiner/Meisenzahl/Höhn | Good Times 1.6

Genau diese Stimmung zeichnen Kleiner, Höhn und Meisenzahl auf dem als stimmigen Schlusspunkt gewählten Johnny-Mandel-Klassiker „The Shadow Of Your Smile“, der erstmals realisieren lässt, dass man es hier mit drei ausgemachten Solisten zu tun hat. Ganz weh wird einem hier ums Herz, heißt es doch Abschied nehmen von einem Album, das auch ein wenig am Gartentor der eigenen Kindheit gerüttelt hat.

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