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KaraSol – In Your Wild Garden | Lottchen – Quiet Storm

März 2016 / Victoriah Szirmai

Duos sind etwas ganz Besonderes. Ob Beady Belle, Goldfrapp, Mara & David, Veronika Harcsa & Bálint Gyémánt oder Egopusher – so unterschiedlich ihre Musik ist, eint sie alle diese ganz spezielle Paardynamik, die von keiner anderen Formation reproduziert werden kann. Vielleicht liegt es daran, dass erst mit der Konzentration auf nur ein und der Spiegelung in nur einem Gegenüber ein unerreicht intensiver menschlicher (und ergo künstlerischer) Austausch möglich wird.

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So zumindest bei KaraSol, dem 2011 von der polnischen Sängerin Karolina Trybala und dem Görlitzer Gitarristen Silvio Schneider gegründeten Zwiegespann. Nachdem die beiden über Jahre mit den „mondscheintrunk´nen Sehnsuchtsliedern“ ihres Programms Twelve Moons – Lieder von der Sehnsucht die Klangroute zwischen Osteuropa, Orient und Okzident souverän bereisten, gibt es das Ganze mit In Your Wild Garden nun auch für den heimischen Lauschgenuss. Den Auftakt macht der Duke-Ellington-Klassiker „Caravan“, bei dem Trybalas orientalisch anmutender Gesang über den prägnanten, flamencoesken Rhythmen Schneiders … nein, nicht schwebt, sondern eher erdige Verwurzelung findet, selbst, wenn er sich zu Scat-Kaskaden emporhebt. Das Traditional „Desto Fez Santa Maria“ mit seinem Bordunton und dem zunehmend hypnotischer werdenden Takt dagegen weckt Assoziationen an Mediävales, Keltisches, Archaisches, kurz: seit Jahrhunderten im musikalischen Menschheitsgedächtnis Verankertes, das den entwicklungsgeschichtlich ältesten Teil des Hirns anspricht und sakrale Gefühle zu wecken versteht, ohne dass sich rational erklären lässt, weshalb.

Chick Coreas sich mehr wehmütig denn sonnig präsentierendes „Spain“ wird gefolgt von einer nicht minder sehnsuchtsvollen, dem Album seinen Titel gebenden Eigenkomposition Trybalas, die mich atmosphärisch an die slowenischen Experimental-TripHopper Melodrom erinnert, während es beim Traditional „Amaramalaya“ orientalisch-balkanesk zugeht. Überraschend nahtlos fügt sich hier Stings „La Belle Dame ein, ebenso das Shakespeare-Rezital „Beauteous Niggard“, mit der mal mehr ihre spanischen, mal mehr ihre orientalischen Wurzeln betonenden, immer aber wehmutsvollen Tonalität der sextilingualen Musik KaraSols.

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Die einzige Schneider-Komposition des Albums, das Instrumental „Crossroads“, bringt Ruhe in die Genrevielfalt, bevor KoraSol einmal mehr mit der Wahl ihres Materials überraschen, wenn sie eines der wohl schönsten gesungenen Kleinode Monteverdis – die mit ihrem melancholisch absteigenden Duktus bestechende Solomadrigale „Sì dolce è il tormento“ – für sich rearrangieren. Ganz persönlich wäre mir hier ein dramatischer Sopran lieber, doch geht Trybalas erdig-warmem Organ jeglicher Hang zu Drama und Exzess ab. Umso geeigneter für sie das von Filmmusiker Zygmunt Koniecznys vertonte, im Repertoire etlicher Klezmer-Gruppen verankerte „Chwalmy Pana“, dem KaraSol südliches Flair verleihen.

In Your Wild Garden schließt mit der zunächst in fernöstliche Wellness-Welten, dann in die Weiten Afrikas entführenden Trybala-Komposition „Yali’s Longing“, die einzig nicht zum Ambiente des restlichen Albums passen will, aber nichtsdestoweniger sehr sehr schön ist. Nicht zu Unrecht ist das Debüt von KaraSol, das sich von anderen Gitarrenvokalduos durch seine in einem grandiosen rhythmischen Verständnis manifestierende musikalische Intelligenz und die Qualität des Vortrags abhebt, auf dem bei der Auswahl seiner Künstler (u.a. Quadro Nuevo, Esther Kaiser, Martin Kälberer) stets viel Feinsinn beweisenden Münchner Label GLM erschienen.

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KaraSol – In Your Wild Garden

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Ins GLM-Kollektiv reihen sich überdies Sängerin Eva Buchmann und Vibraphonspielerin Sonja Huber von Lottchen ein, deren Zusammenarbeit mit Quiet Storm auch sieben Jahre nach ihrem Debüt noch Früchte trägt. Und das trotz einer für Duos eher ungewöhnlichen Fernbeziehung, denn wie beim doppelten Lottchen leben die Protagonistinnen an zwei verschiedenen Orten – Buchmann im rheinischen Köln und Huber im Schweizerischen Aargau.

Quiet Storm legt mit dem brasilianischen Choro „Aguenta seu Fulgêncio“ einen leichtfüßig-lässigen Start hin: Buchmanns helle Vocals und Hubers metallene Vibra- bzw. klare Marimbaphonklänge umtänzeln sich inniglich, wobei mal die einen, mal die anderen die Führung übernehmen. Auch die Huber-Buchmann-Komposition „Two Birds“ lässt diese schlafwandlerisch stilsichere Symbiose hochleben. „The Box“, eine Solokomposition Buchmanns, besticht dagegen mit Vocals, die stellenweise an die Zerbrechlichkeit einer Beth Gibbons denken lassen. Lieblingsstück!

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Dem an die Loop Songs erinnernden „Poles Apart“ mit seinen skizzenhaften, quasi-acapella Vokaltupfern folgt mit dem schwerer verdaulichen „9/11“ ein Stück aus der Feder des belgischen Jazzkomponisten Chris Joris, dem Lottchen mit lateinamerikanischer Rhythmik und dem immer irgendwie beschwingt wirkenden Vibraphonklang eine gewisse Leichtigkeit zu verleihen wissen. „Back And Forward“ eine weitere der tollen Solonummern Buchmanns, hat den wohl größten Pop-Appeal, lies: Suchtfaktor des Albums, nicht jedoch ohne sich mitten im Stück in derart komplexen, das Vorspulen einer Audiokassette imitierenden Chören zu ergehen, dass man es wohl nie im Radioprogramm hören wird. Traumschön die Zeitlupenklage „India“, die einmal mehr zeigt, dass der einzige Daseinszweck von Hubers Vibraphonklängen darin liegt, Buchmanns Stimme zu umarmen. Schön, das!

Klingt Buchmann auf den Duo-Kompositionen oft verträumt-melancholisch oder gibt die mit allen Jazz-Wassern gewaschene Scat-Vokalistin, ist sie auf ihren überwältigende Pop-Aura verströmenden Eigenkompositionen wie „Cottonwool“ derart präsent, dass man ob der Unmittelbarkeit ihrer Stimme fast schon erschrecken kann, während die anschließende Huber-Komposition „Calle Villegas“ wieder mit südamerikanischer Leichtigkeit aufwartet. In chansoneske Gefilde wagt man sich mit dem 1931 ursprünglich für Josephine Baker geschriebenen, seither vielgecoverten „J’ai deux amours“ vor, nachgerade zärtlich wird es dann mit der Buchmann-Komposition „Unknown“.

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Eine von drei kurzen Interludes schließt dieses helle, transparente, klare und überaus harmonische Album, das für Liebhaber von Happy Ends indessen nicht geeignet ist, lässt der offene Schluss doch alle Fragen auch aufs Weitere unbeantwortet und fordert zu eigenen Reflektionen heraus. Bei aller strukturellen Klarheit nämlich ist Lottchen mit Quiet Storm ein Album gelungen, dessen Tiefgründigkeit sich vordergründig als Leichtigkeit tarnt. Stiller Sturm? Eher stilles Wasser.

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Lottchen – Quiet Storm

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