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French For Rabbits – Spirits

November 2014 / Victoriah Szirmai

Vermutlich habe ich mich zu diesem Thema bereits an anderer Stelle ausgiebig ereifert – aber das scheint derart lange her zu sein, dass selbst ich nicht mehr weiß, wo genau. Zudem kann es nicht oft genug gesagt werden: Nur, weil auf eine CD exakt vierundsiebzig Minuten Musik passen – eine hartnäckig kolportierte Legende will wissen, dass bei der Spieldauer-Festlegung Beethovens Neunte als Richtschnur diente –, muss man diese nicht ausschöpfen und Platten mit vierzehn oder fünfzehn Songs sowie diversen Intro-, Inter- und Outroludes unter die Menschen bringen.

French For Rabbits | Spirits Cover

Die goutieren dann doch wohl eher klassische Neun-, Zehn- oder allenfalls noch Elf-Track-Alben, denn bei allem, was darüber hinausgeht, fällt es schwer, einen Albumcharakter auszumachen. Eine Vierzehn-Track-Platte ist zumindest für mich eher Playlist denn Album, was daran liegt, dass die zusammenhaltende Klammer umso weniger wahrnehmbar wird, je mehr Inhalt man ihr zumutet.

Umso schöner, wenn sich eine junge Band schon bei ihrem Debüt des klassischen Formats besinnt. Das Neuseeländer Duo French For Rabbits, das seine Musik selbst als „whispering dream-pop sad songs“ beschreibt, hat sich seit 2012 via virtueller Mund-zu-Mund-Propaganda einen wachsenden Ruf erarbeitet, der im Release seiner „Claimes by the Sea“-EP mündete. Diese wiederum brachte ihm vom Fleck weg die Nominierung für das beste Folk-Album 2013 auf den New Zealand Music Awards ein. Danach tourten die Sängerin Brooke Singer und ihr Duo-Partner John Fitzgerald über sämtliche Festivals in Europa, bis sie vom in Oxford, Mississippi ansässigen Blueslabel Fat Possum, auf dem auch Singer/Songwriter Adam Green veröffentlicht, gesignt wurden und die zehn Stücke von Spirits, umwölkt von gespenstischer Instrumentierung und meeresgetrübter Lyrik, das Licht der Welt erblickten.

French For Rabbits | Spirits 1.1

Habe ich nicht gerade erst im Zusammenhang mit einem Stück von Lamb geschrieben, man könnte meinen, in eine alte Aufnahme der Cocteau Twins hineingeraten zu sein? Dies gilt für den Dreampop, besser noch: Indie-Dreampop von French For Rabbits umso mehr. Der Opener „Spirits“, der gleichzeitig Pate für den Albumtitel steht, beschwört ätherisch-wolkig-folkig die Geister herauf. Aber wie das so ist mit den Geistern, die man rief: Man wird sie so schnell nicht wieder los. In diesem Falle über die gesamte Albumlänge nicht, was konkret heißt: Spirits ist ein dann doch recht homogener Sound zu eigen. Galt für das Lamb-Album die Parole „sphärisch“, lautet sie bei French For Rabbits „ätherisch“ – und das durchgängig.

„Woke Up To A Storm“, das sich unter all seinen flüchtig-leichten Schichten als klassischer Piano-Popsong entpuppt, klingt derart bekannt, als hätten sich die Rabbits hier an einem Cover von James Blake oder Feist versucht, ist aber eine Originalkomposition des Duos. Das ist offensichtlich davon überzeugt, dass ein am rechten Ort platziertes Flüstern ebenso effektvoll, wenn nicht gar effektvoller sein kann als ein lautes Schmettern, wenn es sich selbstvergessen in Naturmetaphern à la „I could see it in your eyes/you’re letting in the clouds“ ergeht, um die zerbrechliche Bindung zwischen Ich und Du zu fassen. Eher belanglos geht es dann mit „Cold“ weiter, dessen Melodie mich anfänglich an Madonnas „True Blue“ erinnert und das ziemlich medioker vor sich hin dreamguitarpoppt, während das ebenfalls gitarrenlastige „Goat“, und sei es nur wegen der dunklen Molltonart, locker mit melancholischen All-Time-Favorites wie etwa „Come Wander With Me“ von Jeff Alexander bzw. Bonnie Beecher – ein absoluter Übersong, obwohl er einer TV-Serie, genauer: der 154. Episode von The Twilight Zone aus dem Jahr 1964, entstammt – mithalten kann. Ein toller Song!

French For Rabbits | Spirits 1.2Etwas opulenter wird es mit „Lean“, aber auch hier bleibt der French For Rabbits-Sound seltsam lofi, ja: dumpf, was aber einen ganz eigenen anachronistischen Charme hat. Die folgenden „Hard Luck Stories“ kommen im Flattergewand Americana-getränkter, countryesker Hippiekinder daher. Da fließt der Whiskey in Strömen, natürlich in einer Spelunke, um vergessen zu machen, dass man ein schlechter Glücksbewahrer ist. Und all das in einem derart leichtfüßigen Tonfall, dass beim Hörer Gefühle von Düsternis gar nicht erst aufkommen, sondern eher welche von schmerzlicher Schönheit. Was will man mehr? Nun, vielleicht allen Norah-Jones-Hörern dieses Stück an die Hand geben, damit sie erkennen und lernen und sich bessern.

French For Rabbits | Spirits 1.5

„Gone Gone Gone“ – trotz seines Titels ein nachgerade munteres Stück – weckt Erinnerungen an „Party“ von El Perro del Mar, da dachte man 2006 ja auch, alles sei so locker-flockig, bis es einen, wämm, in die Magengrube traf und man daraufhin süchtig wurde. Sind Franzosenhasen die neuen Meereshunde? Ich entschließe mich, diesen Gedankensplitter nicht weiter zu verfolgen, denn da kommt mit den „Nursery Rhymes“ auch schon ein hübscher Spieldosenwalzer um die Ecke gebogen, der sich zum rührtrommelgeschwängerten Stehbluesgeschrubber auswachsen soll. Apropos hübsch: „The Other Side“ kann man jetzt hübsch finden, aber auch belanglos. Wie bei vielen Stücken auf Spirits kommt es drauf an, in welcher Stimmung es einen erwischt, ob man der Welt (und damit ihm) milde gestimmt ist oder eher streng. Bei bester Stimmung lässt sich „The Other Side“ als Pophymne hören. Bei mieser geht es einem auf die Nerven. Ein Dualismus, der im Grunde die Essenz von Pop ist, denn, seien wir ehrlich: Dort ist vieles eine schlichte Zumutung, die lediglich durch die Aufladung mit höchst subjektiven Konnotationen erträglich wird.

Der Schlusstrack „Seafarer“ aber ist unbestritten eines jener Stücke, die man ganz bedingungslos gut, mehr noch: schlichtweg schön finden darf und sich nicht einmal dafür schämen muss, trotz oder gerade wegen der tausendfach bemühten Fahrensmannmetapher. Und rückblickend gilt das für die ganze Platte: Es ist ein schönes Album. Mit einer erfreulich überschaubaren Anzahl an Stücken.

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