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Francesca Belmonte – Anima

Juni 2015 / Victoriah Szirmai

Spätestens seit Martina Topley-Birds bezirzendem Solodebüt weiß man, dass das Werk von TripHop-Guru Tricky zu einem guten Teil durch die Frauen, die er sich an seine Seite zu holen versteht, geprägt ist. Das sind neben der Topley-Bird, von der man munkelt, sie habe gar einen Großteil von Trickys 1995er-Debüt Maxinquaye in Eigenregie zu verantworten, vor allem Kioka Williams, Costanza Francavilla, Veronika Coassolo – und Francesca Belmonte, die seit 2008 als „Tricky’s Leading Lady“ gilt. Darüber hinaus gebührt der irisch-italienischen Sängerin auch die Ehre, der erste Act zu sein, der je von Trickys Plattenfirma False Idols Records gesignt wurde. Unter dem Dach des renommierten Electro-Labels k7 bringt sie dort mit ihrem ersten, von Tricky co-produzierten Longplayer Anima eine Mischung aus Pop Noir, R’n’B und Electronica zu Gehör.

Francesca Belmonte Anima Cover

Doch wer nun sperrig-schöne Eigenwilligkeiten erwartet, wird enttäuscht. Anima verspricht allein vom phantasieanregenden Titel mehr als es hält und eignet sich vor allem für jene Hörer, die im Nebenberuf Besitzer einer Strandbar oder einer dreizehnjährigen Nichte sind. Ähnlich wie Darkswing von Ndidi ist die Musik Francesca Belmontes zu verspielt, um ihren mondänen Anspruch einzulösen – und ähnlich wie dort gibt es auch hier den einen oder anderen cinematischen Übersong, für den sich das Ganze dann doch lohnt.

Aber von vorn. Bei den ersten Gitarrentakten vom „Intro“ fühlt man sich an „Under The Bridge“ der Red Hot Chilli Peppers erinnert und stutzt: Das soll eine Platte aus Trickys TripHop-Labor sein? Doch bald schon wabert das Ganze dunkleren (Ab-)Gründen entgegen und man lehnt sich entspannt zurück: So hat man sich das vorgestellt. Mit brachialem Industrie-Charme führt „Hiding In The Rushes“ das Spiel mit den Erwartungen weiter, auch der kühle, lässige, fast schon nachlässige Gesang, der die irgendwie unangenehme Spuk-Atmosphäre verstärkt, passt. Zwar sucht der Beat allzusehr die Nähe von Konsens-R&B Beyoncé’scher Provenienz, doch ist er derart gekonnt mit der düsteren Produktion verwoben, dass man nicht umhin kommt festzustellen: Wenn schon bootyshakender Kleinmädchen-R&B, dann so.

Francesca Belmonte 03

Etwas vertrackter, will da heißen: erwachsener wird es mit „Stole“, einer burlesquen Singer/Songwriternummer. Nach wie vor toll: Dieser beiläufige Gesang! Das electrobeepende „Keep Moving“ wird vom ebenfalls nicht unbedingt für sein heiteres Wesen bekannten US-Rapper Mykki Blanco eröffnet, doch kaum will man sich der grande tristesse hingeben, entfaltet auch dieses Stück einen Beyoncé-artigen Dance-Beat, den Dreizehnjährige sicher ganz toll finden, der aber den hohen Erwartungen, die man an das Haus Tricky hegt, nicht gerecht wird. Merke: Ein paar Störgeräusche machen aus einem R&B-Beat noch längst keine avantgardistische Elektrokunst!

Stattdessen wird bei Francesca Belmonte, die eine Obsession für Sängerinnen vom Kaliber einer Nina Simone oder einer Shirley Bassey einräumt, mit Referenzen nicht gegeizt. So erinnert „Walk With You“ zunächst an den Doo do doo, doo do doo, doo do doo-Klassiker „Take A Walk On The Wildside“ von Lou Reed. Was dann folgt, lässt einen zwar nicht unbedingt davonlaufen, gehört aber definitiv ins Fach leichte Muse: In einer Strandbar erträglich, würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, diese Break-Beat-Ballade zu Hause abzuspielen. Mehr Substanz hat da schon „Lying On The Moon“. Wenn ein angehouster Future-Soul-Beat je sinnlich war, dann hier! Belmonte haucht ganz allerliebst, und gepaart mit einer weiteren Einlage von Mykki Blanco wird ein hochmoderner Schuh daraus. So kann es gern weitergehen.

Francesca Belmonte 07

Und es geht! „Joker“ lässt sich wie das orgellastige Cover eines Sixties-Soul-Stücks an, wobei auch immer ein bisschen „I Comitted Murder“ von Macy Grey mitschwingt. Zum ersten Mal hat man das Gefühl: Ja, ganz genau so und nicht anders. Das ist der TripHop der 2010er-Jahre: elegant und ein bisschen zwielichtig, dabei aber immer cool wie Hundeschnauze, irgendwo wischen James Bond und Kosher Nostra. Zudem hält sich Francesca Belmonte hier nicht mehr vornehm-verhaucht zurück, sondern beweist, dass sie richtig singen kann. Was will man mehr? Da klappt es dann auch mit den trickreich verschachtelten Beats, die auf „Strange Beat“ nicht mehr nach Pyjamapartysoundtrack klingen, sondern nach etwas weitaus Gefährlicherem im Dunstkreis von Prohibition, Glücksspiel und Clubhinterzimmern. Elektronischer Stolperbeat trifft Akustikgitarren. Warum denn nicht gleich so?

Francesca Belmonte 06

Leider ist es symptomatisch für dieses Album, dass es sich immer dann, wenn es gerade zu gefallen anfängt, wieder zu seinem Nachteil verwandelt. So kann ich „Brothers & Sisters“, einem trotz Haudraufbeat seltsam zahmen Stück, so rein gar nichts abgewinnen. Glücklicherweise gilt auch umgekehrt: Immer dann, wenn man dieses Album endgültig abschreiben will, berappelt es sich wieder. Hier mit dem gar feinen Duett „Come Take“, das Tag-am-Meer-Stimmung aufkommen lässt und wohl auf jeder Beach-Edition von Blue Note Trip gut aufgehoben wäre, hat es doch mehr Tiefe als das, was so von den Café del Mar-DJs kommt, entfaltet aber trotzdem die volle Ladung Meer, mit einem selten anrührenden, maritimen Gitarrenlick, der an die Piedras y Rosas-Remixe erinnert. So muss eine Sommerplatte sein! Auch der beatgewordene Kinderreim auf „Daisy“, vorgetragen von Belmontes 10-jähriger Cousine, ist gar nicht mal so nervig, wie man annehmen könnte – vielmehr gelingt das Kunststück, die Tiefenentspannung vom Vorgängertrack rüberzuretten.

Francesca Belmonte 05

Von Entspannung kann auf „Driving“ keine Rede sein. Schmutziger Electroclash schmerzt im Gehörgang, macht wacher als gewollt, wäre da nicht Belmontes Engelsstimme, die wie Balsam auf die gereizten, beataufgeschürften Gehörgänge wirkt, zähflüssiger Tropfen für zähflüssiger Tropfen. Klangspielereien machen gar Schmunzeln. Sollte diese Platte etwa Humor haben? Erst einmal aber muss man durch „Fast“ durch, der als Beatgodzilla im Kleidchen ein Rebelliönchen anzetteln will. Ach, seufzt man, wäre auf dieser Platte doch alles wie auf „Your Sons“, dieser Indieelectrosingersongwriteritalowesternballade mit Orienteinschlag und gutem Bass. Gut ist auch das Anima abschließende Pop Noir-Stück „Are You“, das seinen Effekt aus einem nervös-pulsierendem Herzschlagbeat mit Drum&Bass-Reminiszenzen bezieht, aus Handclaps und einer auf kindlich-naiv getrimmten Vocalline im Refrain, die angetan ist, die unterschwellig gruselige Twin Peaks-Atmo weiter zu verstärken. So habe ich mir die Platte vorgestellt, bevor ich sie zum ersten Mal hörte.

Francesca Belmonte 04

Bleibt zu sagen: Es hätten keine fünfzehn Tracks sein müssen. Gut, ziehen wir das Intro ab, bleiben immer noch vierzehn. Trotzdem! Hätte Francesca Belmonte davon die Hälfte ihrer kleinen Nichte und uns den Rest vermacht, Anima wäre eine tolle EP geworden. So aber kann ich, obgleich es mir als vehementer Verfechter des Albumkonzepts im Herzensgrunde widerstrebt, hier nur zum Rosinenpicken raten. Auf der Playlist macht sich die Belmonte fabelhaft. Auf einem ganzen Album nicht.

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