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Chilly Gonzales | Solo Piano II

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Chilly Gonzales | Solo Piano II

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Esther Kaiser und Claus-Dieter Bandorf | Erika Stucky | Lasse Matthiessen | Josete Ordoñez | Malia | Sophie B. Hawkins | Chilly Gonzales | VA: Electrospective

Malia | Black Orchid

Malia Black Orchid

Black Orchid, das vierte und dabei erste selbstproduzierte Album der aus Malawi stammenden und mittlerweile in London lebenden Sängerin Malia, versucht sich als klassische Jazz-Platte an Nina Simone-Interpretationen – und reiht sich dabei ein in eine Riege ungezählter Künstlerinnen, etwa Lyambiko oder Kira. Was bei Ersterer grenzwertig war und bei Letzterer eine große Freude, gelingt hier, dies sei vorweggenommen, nicht.

Malia Black Orchid

Zwar hat Malia eine überragende Stimme, singt aber leider „zu viele Noten“ – im Sinne von: ist zu sehr auf Hochglanz und Perfektionismus getrimmt, als auf echte Emotionen, die auch mal einen Ton vergeigen können und ihn damit nicht trotzdessen, sondern genau deshalb besser klingen lassen als sein glasklares, aber kaltes Pendant. Als Unterhaltung im Hintergrund bei Starbucks taugt das allemal, oder auch, um einer Hotelbar einen eleganten Anstrich zu geben, denn Malia kommt auf Black Orchid eher wie eine – zugegebenermaßen stimmgewaltige – Barsängerin rüber. Besonders ohrenfällig wird das bei Stücken wie etwa „That’s All I Want From You“. Vom eindringlichen Don’t-Let-Me-Down-Flehen einer Nina Simone ist Malia hier meilenweit entfernt. Von den politischen Songs der Simone reden wir hier schon gar nicht mehr: Die Emotionen, die die Simone hier aufs Intensivste durchkämpfte und durchlitt, findet man auf Black Orchid nicht – dabei liegt doch genau darin der Quantensprung vom Musiker zum Künstler, von der Sängerin zur Interpretin. Auch Improvisation sucht man hier vergeblich – und immerhin reden wir von einer Jazzplatte! Malias Phrasierungen wirken stattdessen seltsam unengagiert und gehen keinerlei Wagnis ein; das ganze Album plätschert irgendwo an der Schnittmenge von belanglos und ärgerlich vor sich hin. Da hilft es auch nichts, dass es das gehypte Werk für Analog-Fans auf Vinyl gibt.

Im Netz habe ich ein passendes zehn-Worte-Fazit für Black Orchid gefunden: Diese Platte sei gut zum „Musik hören, wenn man von gar nichts überrascht werden will.“ Dem habe ich wenig hinzuzufügen, außer: Hören Sie lieber eines der drei Vorgängeralben, beispielsweise Young Bones (2011) oder Echoes of Dreams (2004). Denn Malia hat eine wirklich tolle Stimme. Für federleichten Cool Jazz französischer Provenienz und staubtrockenen Soulrock, garniert mit einem Häubchen Jacques Brel, abgerundet von einem Spritzer Amy Winehouse. Aber nicht für die Songs von Nina Simone.

Sophie B. Hawkins | The Crossing

Sophie B. Hawkins | The Crossing

1992 war ein gutes Jahr. Seit vier Jahren hörte ich, nahezu ausschließlich mit klassischer Musik groß geworden, Popmusik, und endlich war ich „live“ bei der wöchentlichen TV-Hitparade dabei, als eine Michael-Jackson-Single nach der anderen die Charts enterte. Die Charts und ich waren damals noch keine Feinde. Vielmehr boten sie mir einen groben Überblick über das, was es so gibt – und wirkten dabei gleichzeitig geschmacksbildend. Ich mochte beispielsweise Shakespeare’s Sister mit „Stay“, Guns ’n’ Roses mit „Knockin’ On Heaven’s Door“ und Madonna mit „This Used To Be My Playground“, ich stand auf Charles & Eddie (das tue ich bis heute!), Shanice und Boys II Men, während ich mit Nirvana, Snap, Inner Circle, Army of Lovers oder Captain Hollywood überhaupt nichts anfangen konnte. Pop ging für mich gerade erst los – und ich war denkbar naiv und leicht zu beeindrucken. Denn da war diese junge, lockige Frau mit dem Song „Damn, I Wish I Was Your Lover“, und nicht nur, dass sie im Liedtitel fluchte, nein, sie ging auch barfuß auf die Bühne! Das beeindruckte mich. Von den Erben der Hippies hatte ich bis dahin noch nichts gehört, und jetzt stand einer vor mir.

Auch wenn ihre zweite Single „California Here I Come“ die eigentlich weitaus coolere Nummer ist, mag ich das synthielastige „Damn, I Wish I Was Your Lover“ bis heute, gebe aber zu, die letzten zwanzig Jahre nicht groß über Sophie B. Hawkins nachgedacht zu haben oder lediglich in dem Zusammenhang, wenn es darum ging, ohne Schuhe aufzutreten. Trotzdem habe ich mich sehr gefreut, als ich The Crossing im Briefkasten entdeckte. Wie um die Erinnerung aufzufrischen, wurde diesem eine Akustik-Version von „Damn, I Wish I Was Your Lover“ als Bonus-Material zugefügt.

Sophie B. Hawkins | The Crossing

Doch auch ohne diese Gedächtnisstütze fällt gleich beim ersten Hören auf, dass sich Hawkins, die übrigens auf ihrem letzten Studioalbum „Wilderness“ (2004) im Gegensatz zu Malia eine ziemlich gute Cover-Version des Nina-Simone-Klassikers „Feelin‘ Good“ herausgebracht hat, den Blumenkind-Charme bis heute bewahrt hat – und auch ihrem Synthrockpop à la Harriet Roberts treu geblieben ist, der zwischen Verletzlichkeit und Stärke oszilliert. Im Grunde geht es auf diesem Album um das Überwinden der eigenen Schwäche, um Aussöhnung und das Erlangen von Charakterfestigkeit, vergleichbar mit dem letzten Kapitel eines Initiationsromans. The Crossing ist eine musikgewordene Chronik der letzten Jahre in Hawkins‘ Leben, was es zu ihrem bislang persönlichsten Album werden lässt. Die Songs, die sie lange niemandem vorspielen mochte, handeln von den äußersten Enden des menschlichen Gefühlsspektrums; sie verarbeitet hier die Geburt ihres Sohnes ebenso wie den Tod ihres Vaters.

Die Songs auf diesem von in-akustik auch als Vinylversion veröffentlichten Album wirken nicht sofort, sondern entfalten ihr Potenzial erst mit der Zeit – dann aber umso nachhaltiger. Da ist beispielsweise der gitarrengesättigte Opener „Betchya Got A Cure For Me“, den man zunächst glatt überhört, der aber in der „Long Version“ am Ende der CD seine ganze Kraft entfaltet – die ideale Power-Single mit einem Refrain, den man nicht mehr los wird. Grandios auch „Sinner Man“, ein traditionelles Spiritual, das alles an Inspiration und vor allem Intensität hat, was bei Malia fehlt. Dafür nimmt man dann auch All-American-Girl-Nummern wie „The Land, The Sea And The Sky“ in Kauf.

Sophie B. Hawkins | The Crossing

Schön auch: Emotional heißt bei Hawkins nicht gleich schwerbeladen mit Gefühligkeit und Empfindelei – und schon gar nicht mit Betroffenheit. Ihre selbstproduzierten, -arrangierten und -gemixten Songs, bei denen sie nicht nur singt, sondern auch Klavier, Percussions, Schlagzeug und alle Streicher spielt, kommen vielmehr ganz spontan und manchmal sogar dank Textzeilen wie „Georgia … you’re sexier than Brad and Angelina Jolie“ richtiggehend erheiternd rüber.

Chilly Gonzales Solo Piano II

Aufs Erheitern versteht sich auch Chilly Gonzales ganz ausgezeichnet. Schließlich weiß man bei dem als Jason Charles Beck in Kanada geborenen Musiker nie so ganz genau, ob er gerade ernst meint, was er da tut – hat er es doch mit seinen recht satirischen Raps als „The Worst MC“ zu Bekanntheit gebracht. Dann waren da noch etliche Grammy-nominierte Elektro-Produktionen und nicht zu vergessen der Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde, den das selbsternannte musikalische Genie mit einem 27-stündigen Dauerkonzert erzielte.

Chilly Gonzales Solo Piano II

Dass der studierte Jazz-Pianist mit dem unverkennbar komödiantischen Talent, der mit Künstlern wie Drake, Daft Punk oder Feist ebenso zusammengearbeitet hat wie mit Helge Schneider, aber auch jenseits von Pop und Pose bestehen kann, hat er mit dem Album Solo Piano (2004) bewiesen. Dessen zwischen Klassik und Jazz angesiedelten Stücken – von Songs lässt sich hier nur noch schwerlich sprechen – beschrieb der Stern als „die bezauberndsten 41 Minuten und zwei Sekunden Klaviermusik, die in diesem Jahr erschienen sind“. Nicht zuletzt sollten sie Gonzales eine Einladung zum Berliner Glenn-Gould-Festival einbringen; und nach neuerlichen Ausflügen in Hip-Hop- und Pop-Gefilde präsentiert uns der schillernde Musiker nun weitere Klavierwerke: Solo Piano II.

Chilly Gonzales Solo Piano II

Aufgenommen innerhalb von nur zehn Tagen in Paris, wiederholte er die Stücke, die er in den letzten acht Jahren im Kopf mit sich herumtrug, so lange hintereinander, bis er ihre Essenz gefunden hatte. Herausgekommen sind vierzehn Kompositionen, anmutig und leicht, nicht fordernd, aber auch keine Fahrstuhlmusik, oder, anders ausgedrückt, eher Satie denn Rachmaninoff. Das gilt selbst für ausgewiesen melodramatische Stücke wie etwa „Minor Fantasy“. Aber wer sagt denn, dass es immer schwere Kost sein muss? Freunde des nordischen Jazz, beispielsweise der Klanglandschaften eines Johan Johansson, werden Solo Piano II zu goutieren wissen – und Gleiches gilt für Filmmusik-Aficionados, denn das Album stößt eine wahre Bilderflut im Kopf an.

Für mich der perfekte Soundtrack für geistige Arbeiten, bei denen kein Text und kein fordernder Klang für Ablenkung sorgen soll. Einen anderen schönen Verwendungszweck für diese Gebrauchsmusik habe ich im Netz gefunden und will sie Ihnen nicht vorenthalten: „Perfekte Musik, wenn man nach dem Nachtdienst dösig an der ersten Tasse Kaffee nippt“.

Various Artists | Electrospective. Electronic Music since 1958

Various Artists Electrospective Electronic Music since 1958

Es gibt ja Musikrichtungen, von denen man seit Jahren glaubt, sie sich irgendwann einmal gründlich erarbeiten zu sollen, um sie vollständig zu erfassen und dann besser genießen zu können. Leider steckt in erarbeiten aber das Wörtchen Arbeit, und davor schreckt man in seiner Freizeit dann doch eher zurück. Das Tutorial mit sich selbst rückt in weite Ferne, und man hört die Musik weiterhin von jeglicher Kenntnis unbeleckt. Das kann zwar funktionieren, aber irgendwann regt sich der Wunsch, mehr zu wissen und Zusammenhänge zu verstehen. Mir geht es seit Jahren mit elektronischer Musik so, von der ich teils fasziniert, teils abgestoßen bin.

Brian Eno

Das theoretische Interesse ist da, aber das Fleisch ist, das gebe ich zu, schwach. So liegt der von der Redaktion gesponserte Wälzer Elektroschock: Die Geschichte der elektronischen Tanzmusik seit geraumer Zeit ungelesen auf dem Nachttisch beziehungsweise dient, da er doch ein recht dicker Klotz ist, als Nachttischersatz; und wahrscheinlich würde ich in Bezug auf elektronische Musik dumm sterben, hätte EMI jetzt nicht den Electrospective-Sampler herausgebracht, an dem man sich ganz en passant beibringen lassen kann, dass Electro keine Erfindung der Neunzigerjahre ist, sondern – zumindest auf diesem Album – 1958 mit dem legendären BBC Radiophonic Workshop und dessen „Doctor Who Theme“ seinen Anfang nahm. Einen Ausflug in weiter zurückliegende Zeiten, beispielsweise in die musique concrète eines Pierre Schaeffer oder die Arbeiten von Stockhausen, erspart der Sampler dem Pop-geprägten Hörer und handelt stattdessen Klassiker der elektronischen Musik von Roxy Music und Brian Eno über Can und Ultravox bis hin zu Giorgio Moroder und den Pet Shop Boys ab – und das ist erst CD Nummer 1! Vom Einzug des Korg und der Einführung des Moog in die elektronische Tanzmusik über die repetitiven Sequenzläufe der Electronic Body Music bis zum Achtzigerjahre- Synthie-Pop und New Wave ist hier alles dabei.

Ultravox

In – mir persönlich – vertrautere Gefilde führt CD 2, deren Repertoire in den späten Achtzigerjahren mit Künstlern wie Soul II Soul startet, und dann geht es schon Schlag auf Schlag mitten hinein in das, was wir an zeitgenössischer elektronischer Musik kennen und lieben: Ambient, Symphonic TripHop und Electro-Funk, zum Beispiel, vertreten von Künstlern wie etwa meinem immerwährenden Helden Massive Attack, von Daft Punk, Air, St Germain (bis heute ungeschlagen), Radiohead (dito), Goldfrapp oder den Gorillaz – aber auch DJ-Jüngelchen David Guetta darf nicht fehlen, was der Vollständigkeit der Geschichte halber aber zu ertragen ist. So ungern man es zugibt: Auch dessen DJ-Pop gehört zu den Schlüsselmomenten der elektronischen Musik, über die man sich mit diesem schönen Sampler den perfekten Überblick verschaffen kann, der vor allem anregt, in die jeweils bevorzugte Richtung tiefer vorzudringen. In diesem Sinne lässt sich der Electrospective-Sampler als Ausgangspunkt für weiterführende Entdeckungen auf eigene Faust betrachten; und mehr kann man von einer geschichtsbetonten Kompilation ja kaum erwarten! Doch, eines vielleicht: Dass nun auch der Jazz- oder sonstwie Akustikmusik-geprägte Hörer mit elektronischer (Tanz-)Musik kaum noch fremdelt.

Massive Attack

Und wenn man erst einmal Blut geleckt hat, kann er sich gleich noch an Electrospective – The Remix Album. A Collection of Rare Electronic Mixes versuchen, denn anderes als auf dem schwarz gestylten Electrospective-Sampler, wo es um einen Überblick über wichtige Vertreter der elektronischen Musik geht, gibt sich auf dieser ganz in Weiß gehaltenen Scheibe das Who-is-Who der Remix-Szene die Klinke, äh, die Tracks, in die Hand, vom französischen Studio 54-DJ, Labeleigner und House-Pionier Francois Kervorkian bis zum Detroiter Techno-Produzenten Carl Craig. Auch das Spektrum der Originalsongs ist vielfältig und erstreckt sich Heaven 17 und O.M.D. über Neneh Cherry und Depeche Mode zu William Orbit und Everything But The Girl, sodass sowohl Electro-Novizen wie auch Eingeweihte auf ihre Kosten kommen.

Electrospective The Remix Album

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