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Auf seiner ersten Soloplatte lässt Daniel Cavanagh in der allseits beschworenen Düsternis Glühwürmchen leuchten und Alastair Greene erfüllt sich einen Traum, womit ihm gleichzeitig mit traumwandlerischer Sicherheit ein zündendes, stimmungsreiches Album gelingt. Und Samantha Fish erschließt sich mit gebrochen-widerspenstigem Folk neues Terrain; da können ihre jüngst hinzugewonnenen Stimmfarben hintergründig leuchten.

Daniel Cavanagh – Monochrome

Daniel Cavanagh Monochrome

 

Für Daniel Cavanagh, Lead-Gitarrist und hauptsächlicher Songwriter der Band Anathema, war 2017 ein bewegtes Jahr. The Optimist seiner Hauptband führte bei den britischen Prog Awards 2017 zum Sieg, noch entscheidender für ihn dürfte allerdings sein erstes ‚richtiges‘ Soloalbum Monochrome gewesen sein. Im Gegensatz zu den Sounderkundungen von Anathema, die vor allem durch die Arrangements seines Bruders Vincent so vielschichtig ausfallen, zeigt sich Dannys Soloplatte ganz zurückgenommen und schlicht: Der Multiinstrumentalist räumt den Klangraum für Klavier und Gitarre frei. Dass Daniel Cavanagh ein großartiger Songwriter ist, hat er oftmals bewiesen. Aber haben die acht auf Monochrome zusammengefassten Songs, die bis ins Jahr 2000 zurückgehen, ohne die kunstvolle Einkleidung, die klangliche Fülle übereinander getürmter Schichtungen und Klangschattierungen genügend Substanz? Kurz und gut: Ist das Soloalbum – auf den Titel anspielend – einfarbig und eintönig geraten? – Jein.

Einerseits schafft Cavanagh mit sparsamen Mittel sehr dichte melancholische, düstere, nebelverhangene Stimmungen. Das ist Musik zur inneren Einkehr, wenn es draußen stürmt. Cavanagh wendet den Blick nach innen zu persönlichen Seelenerkundungen. Ganz entspannt breitet er ausgehend von sich ambientartig wiederholenden Pattern fahl schimmernde, gewohnt schöne Melodiebögen mit Sogkraft aus. Aber letztlich wirkt die klangliche Schlankheitskur doch etwas dürr und knöchern, zumal die Erinnerung an den Luxussound von Anathema fast durchweg wachgehalten wird: in den atmosphärischen Bereichen der Songs von Liebe und Verlust, in der zeitweise hinzutretenden Frauenstimme (hier: Duettpartnerin Anneke van Giersbergen) oder den Steigerungsverläufen, denen dann letzten Endes hier doch die klangliche Kraft fehlt.

Daniel Cavanagh Monochrome

 

So wirkt etwa der rasche Spannungsabbau des ursprünglich für ein Anathema-Album vorgesehenen Einstiegssongs „The Exorcist“ eigenartig abrupt. Bis zu seinem Höhepunkt entwickelt sich der Song über Synthie-Glühwürmchen-Flimmern und machtvolle Assoziationen freisetzende Textpartikel zielgerichtet: eine stetige Steigerung der emotionalen Intensität, bis Danny Cavanaghs zerbrechlich wirkende Stimme in einem melodisch aufstrebenden E-Gitarrensolo seine natürliche Fortsetzung erfährt. Nach dem mit kreisenden melodischen Figuren sakral anmutenden „This Music“, das Anneke van Giersbergen mit metallischem Organ unterstützt, erweist sich „Soho“ als Überraschungspaket. Etwa zur Hälfte beginnt ein Synthesizer feenhaft zu zittern und läutet eine Phase völliger Gelöstheit ein. Das ausgedehnte „The Silent Flight of the Raven Winged Hours“ arbeitet, obgleich im Aufbau eher zusammengestückt wirkend, mit den für sich genommen spannenderen Klangelementen:

Filmmusikalische Elemente und fast rituell wirkende Schamanengesang-Anklänge treffen da auf eine mit Synthie-Elementen angereicherte psychedelische Atmosphäre, während eine Klimax mit verzerrtem Gesang und Gitarren-Tremolo ins schwarze Loch des Abgrunds führt. Das ist spannend zu hören, hat aber keinen großen Bogen. Im pastoralen „Dawn“ entfaltet vor allem die Violine (Anna Phoebe) mit tänzerischem Groove und Cavanaghs klangtechnisch glasklar eingefangenes Fingerpicking eine folkige Atmosphäre. Das auflockernde Intermezzo ist eines der Höhepunkte des Albums, ehe in „Oceans of Time“ die Stimmung mit affirmativer Lebensbejahung nach oben gebogen wird. Das hat etwas Befreiendes, unterstützt durch Naturstimmungen, wie der am Ende hörbaren Meeresbrandung. Der letzte Song führt das weiter, ist aber leider nicht mehr als ein mit seichten Klavier-Ostinati dahin plätschernder Epilog, der sich mit Babylachen und Möwengeschrei am Ende komplett im Kitsch verliert. Dieses so schlichte, aber gerade dadurch eindringlich wirkende Album hätte mit anderen Mitteln überzeugender abgeschlossen werden können.

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Alastair Greene – Dream Train

Alastair Greene Dream Train

 

Da zeigt sich das Soloalbum von Alastair Greene weitaus ausgeglichener. Mit Dream Train, erschienen Ende 2017 bei in-akustik, ist dem 1971 in Santa Barbara geborenen Gitarristen ein wirkliches Glanzstück geglückt. Offenbar wirkten die sieben Jahre, die er zuletzt mit Alan Parsons auf Tour war, so inspirierend, dass er im Powertrio-Format mit Kim Rankin (Bass) und Austin Beede (Drums) nun ein Album der Sonderklasse vom Stapel lassen konnte. Greene hat schon mit zahlreichen Genregrößen auf der Bühne gestanden, und einige davon veredeln nun ihrerseits als Gäste Greenes sechstes Soloalbum. Das ist ganz typisch für die Bluesgemeinde – man hilft sich gegenseitig, ganz ohne Dünkel. Neben dem Hansdampf Mike Zito sind Dennies Gruenling, Mike Finnigan sowie Debbie Davies mit von der Partie. Und nicht zu vergessen: Walter Trout, dessen kraftvolles und knorriges Gitarrenspiel in „Another Lie“ wie ein hinzu geschalteter Turbo wirkt, der das ohnehin schon furios wirbelnde Powertrio zusätzlich befeuert.

Alastair Greene – Dream Train

 

Alastair Greene, der seine Wurzeln im Blues sowie Southern Rock hat und Jamband-Einflüsse verarbeitet, ist bekannt für sein melodiöses Bluesgitarrenspiel und vor allem für seine Slide-Künste. Davon gibt er auch auf Dream Train Kostproben am laufenden Band. Das Album ist mit Texas Blues, traditionsorientiertem Chicago Blues und allerlei anderen Hot’n’Spicy-Gewürzen angereichert, darunter Uptempo-Shuffle, Folkiges und deftiger Hardrock. Seine Solokarriere nun ins Zentrum stellen zu können, bedeutet für Greene die Erfüllung eines Traums. Genau diese überschwängliche Freude vermittelt Dream Train, das auch klanglich wunderbar differenziert und glasklar daherkommt. Da ist bis zum dezentesten Hi-Hat-Schlag oder der dynamischen Gewichtung zwischen Bluesharp im Dialog mit dem sich emanzipierenden Bass in dem herrlich abgedrehten Shuffle „DareDevil“ alles blitzsauber abgemischt ist – die pure Freude in jeder Hinsicht.

Alastair Greene – Dream Train

 

Mit dem Titelsong „Dream Train“ geht Greene gleich in die Vollen und bietet einen mit Slide-Elementen verfeinerten mächtig druckvollen Einstieg. Sofort teilt sich mit, dass man es hier nicht mit einem eitlen Gitarrenvirtuosen, sondern mit einem Powertrio zu tun hat, das den Namen vollauf verdient. Denn Jim Rankins bollernder Bass, der untenrum seine Runden dreht, ist ebenso präsent wie das vielseitige Schlagzeugspiel von Austin Beede, dessen feurige Fills im abschließenden „Lucky“ wie Minisolos daherkommen. Mit dieser Rhythmussektion im Rücken kann sich Alastair Greene voll austoben, ob das nun ein zündendes synkopiertes Riff ist wie in „Big Bad Wolf“ oder das von ZZ Tops Resterampe übernommene und veredelte „Nome Zayne“, das wie ein Faustschlag beginnt und den eisernen Würgegriff bis zum letzten Ton nicht mehr lockert. Einer der Höhepunkte und gleichzeitig der längste Song ist der langsame Blues „Another Lie“, bei dem Greene und Walter Trout im Wechsel funkensprühende Soli zu den herzzerreißenden Lyrics hinlegen. Natürlich ist nicht jeder der 13 Songs von solchem Kaliber, es gibt auch einige eher solide Nummern wie „Down To Memphis“, aber insgesamt ist das Album im Rahmen des Powertrio-Formats so abwechslungsreich, dass man Ende gleich wieder auf ‚Start‘ drücken kann.

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Samantha Fish – Belle of the West

Samantha Fish Belle of the West

 

Ebenso vielschichtig ist das neue Album von Samantha Fish. Seit ihrem bejubelten Debut 2009 hat die in Kansas City geborene Sängerin und Gitarristin mit Platten im Zweijahresabstand ihren Status als feste Größe in der Welt des Bluesrock etabliert. 2017 allerdings hatte sie einen kräftigen Kreativitätsschub und legte gleich zwei Alben vor – eine im Frühjahr und eine Spätherbst. Noch überraschender ist, dass beiden Platten verschiedenartiger kaum sein könnten – und gleichzeitig sind sie meilenweit von dem Bluesrock-Tornado entfernt, den Fish mit den ersten Alben entfachte.

Während das frühere Chills & Fever durchgängig Coversongs der Goldenen Zeit des Soul und R&B in großartiger Anverwandlung präsentiert, geht die Sängerin mit der jüngeren, ebenfalls bei Ruf Records erschienenen Scheibe Belle of the West stilistisch ganz andere (und neue!) Wege: Statt röhrender Bläser finden sich auf der größtenteils mit eigenen Songs bestückten Platte Anklänge an Folk, Country und ‚rootsy‘ Americana in der Spielart der Südstaaten, allerdings fast durchweg auf eigentümliche Weise gebrochen: Einschmeichelnde Melodien und bestärkende Wohlfühlklänge findet man hier nirgends. Samantha Fish hat auf Chills & Fever ihrer Stimme mehr Raum gegeben als auf den früheren Alben, bei denen ihre Gitarrenkünste im Rampenlicht standen. Davon profitiert auch Belle of the West. Ihre Stimme hat wesentlich mehr Farben und wird nicht immer mit emotionalem Druck am Anschlag geführt, vielmehr spürt Fish den erdigen Stimmungen und Ausdruckswelten der bluesigen Musiktradition der Mississippi-Region sowie ihrer Herkunft im mittleren Westen nach.

Samantha Fish – Belle of the West

 

Samantha Fish hat eine Reihe von Gastmusikern in die Zebra Ranch Studios im Norden von Mississippi eingeladen, allesamt verströmen sie den Geist des Delta-Blues mit jedem musikalischen Atemzug. Mit nur wenigen elektrisch aufgeladenen Songs bleibt das Album vor allem im akustischen Bereich und schafft mit Pfeife, Violine, weiblichem Harmoniegesang und einem beeindruckend präsenten und metallisch-direkt wirkenden Schlagzeug eine erdige, ungekünstelte Atmosphäre. Absolut bezwingend ist neben der Lockerheit des Musizierens aller Beteiligter und der fulminanten Produktion (Luther Dickinson) jedoch die Abgründigkeit, die Songs wie „Blood In the Water“ oder „American Dream“ mit geisterhaft hohen Frauenstimmen und unbequemen Dissonanzen so faszinierend macht. Ob sie in „Need You More“ mit Kargheit eine schauderhafte, triste Leere herbeiführt oder in „Don’t Say You Love Me“ bissige Stärke entwickelt – das ganze Album ist ungemein vielschichtig. Nicht zuletzt deswegen, weil Samantha Fish sich nicht zu schade ist, mehrmals als Sängerin zugunsten anderer in den Hintergrund zu treten. Und gerade dadurch tritt sie in die vorderste Front der interessantesten Bluessängerinnen der Gegenwart.

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