Cameron Winter – Heavy Metal
Das Debütalbum von Cameron Winter, Frontmann der New Yorker Kultband Geese, kam „heimlich“ im von Weihnachtssongs belagerten Dezember 2024 heraus. Da kaum Werbung dafür gemacht wurde, ging das Album fast unter – doch gute Kunst wirkt langsam und beständig: Letztes Jahr sprach sich immer lauter herum, dass Heavy Metal ein zeitloses Kunstwerk mit einem Musikmix aus Singer-Songwriter, Folk und Rock ist. Besonders Winters unvergleichliche Stimme, die mal im tiefen Bass brummt, mal im hohen Falsett schwingt und trotz seiner jungen 23 Jahre so erwachsen und weise klingt, trägt das Album.
Es beginnt mit drei Hits: „The Rolling Stones“, einer folkigen Nummer aus Akustikgitarre, wenigen Synthie-Klängen, einem minimalistischen Bass und kaum Schlagwerk, in der Winters tiefer Gesang die Musik definiert. Danach folgt „Nausicaä (Love Will Be Revealed)“, das durch den Orgelsound und dem simplen Schlagzeugbeat hitverdächtiger anmutet, aber trotz poppigem Chorus nie zum Klischee wird. Winters geheimnisvolle Musikformel aus unkonventioneller Songstruktur und seinem außergewöhnlichen Gesangsstil, der improvisiert und gefühlsbasiert klingt, geht hier wieder voll auf und macht aus den Melodien etwas Besonderes. Auch im nächsten Song überrascht die Struktur: „Love Takes Miles“ beginnt mit einer energetischen Strophe, die fast nebenbei in einen catchy Chorus rutscht, bei dem die hohen Klaviertöne Winters Gesang perfekt kontrastieren und anreichern. Neben Drums, Bass, Gitarre und Klavier setzt Winter hier auch Streicher ein. Das musikalische Zusammenspiel überzeugt, weil es gleichzeitig locker und unglaublich präzise klingt.
Andere Songs wie „Drinking Age“ sind simpel gehalten. In der Ballade steht Winters tiefer Gesang im Vordergrund und wird durch Akkorde am Klavier begleitet. Dass zur Mitte des Songs auch eine Gruppe aus Hörnern zum Einsatz kommt, setzt dem schlichten Lied das i-Tüpfelchen auf. Nach einem langen Crescendo und dem gewaltigen vokalen Einsatz des Sängers, endet der Song schließlich mit einem tiefen Klavierton. Dass Winter diesen Song Monate nach der Veröffentlichung des Albums bei Jimmy Fallon aufführte und auch die Presse auf ihn aufmerksam wurde, zeugt davon, dass seine Musik noch lange wirken wird.
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Anika – Abyss
Ihr Post-Punk-Kraut-Mix hat Anika sowohl in ihrer Home-Base Berlin als auch weltweit Aufmerksamkeit gebracht. Die frühere Journalistin veröffentlichte 2010 ihr Debütalbum, das sie mit den Mitgliedern von Portishead in England aufnahm. Anschließend ließ sie sich immer ein paar Jahre zwischen ihren insgesamt drei Albumveröffentlichungen Zeit, sodass ihre subtilen musikalischen Entwicklungen umso deutlicher wurden. Letztes Jahr kam ihr drittes Album Abyss heraus, das im Gegensatz zu ihren Vorgängern mehr Gitarren- und Noise-Elemente aufweist. Weil das zu Anikas eigensinnigem und repetitiven Gesangsmelodien passt, überzeugt die Platte und erinnert an 90er-Jahre-Gitarrenmusik und an Künstlerinnen wie PJ Harvey oder Nico.
Songs mit dröhnenden Gitarren und einem wirbelnden Schlagzeug gibt es hier en masse – wie zum Beispiel „Honey“, bei dem Anikas distanzierter Gesang einen interessanten Kontrast zum Noise in der Musik aufbaut. Die Bass- und Gitarrenmotive wiederholen sich, und so entsteht eine gewisse musikalische Sogwirkung, bei der das Energielevel stets weit oben ist. Andere Songs wie etwa „Hearsay“, dem ersten Track auf dem Album, gehen mit einem krautigen Bass in der Strophe und simpleren Gitarrenakkorden im Chorus (und später dann auch in der Strophe) mehr in Richtung Rock. Anikas Gesang ist repetitiv und baut Melodien auf, die zwar simpel, aber effektvoll sind.
Auch der Titelsong des Albums „Abyss“ hat einen markanten Bass in der Strophe, der von Anikas kühlen Gesang begleitet wird. Die kreischende Gitarre, die am Anfang kurz einen Solo-Moment hatte, kommt im Chorus wieder zum Einsatz und baut mit dem Blech vom Schlagzeug ordentlich Druck auf. Die düstere Atmosphäre, die dieses Album vermittelt, passt nicht nur gut in die aktuelle Zeit – auch auf der Bühne wirken Anikas Messages.
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HAIM – I quit
Das Westcoast-Schwestern-Trio HAIM hat mit I quit sein viertes Album herausgebracht. Der demonstrative Titel spiegelt sich in den 15 Songs wider, die vom Schlussmachen, Weggehen und Aufhören handeln. Alana (Gitarre), Este (Bass) und Sängerin Danielle erkunden hier – fernab vom Fleetwood-Mac-Sound, der sie 2013 auf ihrem Debütalbum bekannt machte – ihre musikalischen Vorlieben. Dass sie dabei mit dem Alten brechen, machen sie schon auf dem pop-rockigen Eröffnungstrack klar, in dem sie Samples verwenden.
„Gone“ ist ein Song, der sich über die Strophen immer weiter aufbaut. Hier singen HAIM am Anfang „Can I have your attention, please? For the last time before I leave“ und läuten mit lässiger Akustik-Gitarren-Untermalung ein Plädoyer des Verschwindens ein. Dass man durch die Instrumentierung und den Funk des Gitarrenspiels an George Michaels „Faith“ erinnert wird, kann kein Zufall sein. Denn im Chorus des Songs erklingt der berühmte Gesang Michaels von „Freedom“, was jeweils die Antwort auf Danielles Ausrufe wie „Now I’m free“, „Finally“ oder „Now I’m gone“ ist.
In anderen Songs, wie der Single „Relationships“, sticht Estes markantes Bassspiel hervor. Die poppige Nummer beginnt mit Vinyl-Scratching und unternimmt so einen Ausflug in Richtung Hip-Hop. Ansonsten erzeugt der Song durch Drum-Machine-Beat und Synthie-Untermalung eher R&B-Atmosphäre. Hier kommt der funkige Bass immer wieder durch, was einen interessanten Kontrast zu den säuseligen Sopran-Gesängen der Frauen aufbaut und den Song ausbalanciert.
Mit schreddernden Gitarrenriffs zeigen HAIM in anderen Stücken wie „Take Me Back“, dass sie zwar immer noch eine Rockband sind, aber eben auch neugierige Musikerinnen. Das zeigt sich beispielsweise in der noisigen Bläsereinlage des Songs, aber auch in anderen Liedern, in denen sich die Schwestern von allen Vorsätzen befreien und einen neuen Sound definieren, der ihnen unglaublich gut steht.
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