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Buika | Gorillaz | Peter Gabriel

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März 2010 / Victoriah Szirmai

Tage gibt’s, die dürfte es eigentlich gar nicht geben, und das vorzugsweise zum Quartalsende: Die nächste Gehaltszahlung lässt auf sich warten, ein weiterer Auftraggeber ist abgesprungen – und man kann es ihm nicht einmal verübeln, hat doch auch ihn die Quartalsendkrise ereilt -, völlig unerwartete (oder vielmehr: ungeplante, erwarten hätte man sie schon können) Abbuchungen tauchen auf dem Konto auf, was die Pläne für die nächste Zeit komplett auf Eis legt … und so fort. Die Stimmung sinkt, statt ihrer kommen Blues und Weltschmerz um die Ecke, und das nicht nur, um „Hallo“ zu sagen, sondern um sich häuslich einzurichten. Ach, sich so ein bisschen in Selbstmitleid zu suhlen, das muss manchmal eben sein.

Buika – El Último Trago

Buika - El Último Trago

Passend dazu steht man dann vor dem Regal mit den CD-Neuheiten, den Kopf schräg geneigt, und wählt aus: El último trago, der letzte Drink, ja, das dürfte passen! Glücklicherweise haben Spanier im Allgemeinen, Flamenco-Sängerinnen im Besonderen und speziell Buika eine andere Auffassung über den letzten Drink als schwermütige Mittel-Nord-Europäer. Zwar beginnt die CD stilecht mit einem langgezogenen soledad, aber gleichzeitig packt der südländische Rhythmus die Schwermut am Kragen und lässt ihr keine Chance.

Buika

El último trago, das nach Buika (2005), Mi niña lola (2006) und Niña de fuego (2009) mittlerweile vierte Album der erst 33-jährigen Musikerin, widmet sich ganz dem musikalischen Vermächtnis der legendären mexikanischen Ranchera-Sängerin (siehe Wikipedia: Ranchera) Chavela Vargas Lizano. Einige der wohl schönsten Kompositionen des hispanoiden Liedgutes wie Las ciudades, Sombras oder Luz de kamen in der Interpretation der inzwischen 90-jährigen zu Weltruhm und dürfen jetzt eine Neuauflage erfahren, die sich hinter den Originalen nicht zu verstecken braucht. Nicht umsonst ist Buika das, was die aficionados eine „lange Sängerin“ nennen – sie kann jeden Stil singen und klingt dabei doch einzigartig und bewegend. Trotz ihres verhältnismäßig geringen Alters gilt Buika schon als eine der außergewöhnlichsten Sängerinnen Spaniens. Als Tochter Buikaeiner Familie mit Wurzeln in Äquatorialguinea auf Mallorca geboren, unternahm Buika schon früh erste musikalische Schritte, sang in Bars und Clubs, spielte einige House-Tracks ein und gab das Tina Turner- und Diana-Ross-Double in Los Angeles. Zurück in Madrid, brachte ihr ihr zweites Studioalbum zwar zwei Spanish Music Awards ein, der internationale Durchbruch gelang aber erst mit dem ebenfalls von Javier Limón produzierten Drittwerk. Gleich in zwei Kategorien wurde es 2009 für die Latin Grammys nominiert.

Seither tourte Buika ausgiebig durch Europa und Südamerika, begleitet von jenen Musikern, mit denen sie auch El último trago eingespielt hat, allen voran dem Pianisten und Arrangeur Jésus „Chucho“ Valdés, seines Zeichens einer der bekanntesten Latin und Modern Jazz-Musiker Kubas. Des Weiteren mit von der Partie sind Kontrabassist Lazaro Rivero Alarcón, Percussionist Yaroldy Abreu Robles und Schlagzeuger Juan Carlos Rojas Catro. Verstärkt wird das Live-Ensemble auf dem Album durch Produzent und Flamenco-Gitarrist Javier Limón sowie den Trompeter Carlos Sarduy.

Buika

Der Spagat zwischen knisternder Live-Stimmung und steriler Studio-Ästhetik ist auf El último trago mehr als gelungen, die alten Songs, die Musiker und vor allem die warme Stimme Buikas zaubern eine intime Club-Atmosphäre ins heimische Wohnzimmer. Dieser ist wohl auch der spanische Regisseur Pedro Almodóvar verfallen, wenn er in den Liner-Notes der Platte schreibt, dass es Buika, wie zuvor schon Chavela, gelänge, „dass ihre Zuhörer sich vollkommen offenbart fühlen. Ihre Lieder bringen uns an Orte, an denen wir mit unserer eigenen Geschichte der Liebe konfrontiert werden, eine Geschichte, in der unsere Fehler am deutlichsten vor uns stehen.“ Gewissermaßen ein spanisches Killing Me Softly. Hier gelingt es dem Sänger, seinem Publikum direkt ins Herz zu schauen und dessen geheimste Gedanken auf der Bühne zu offenbaren. „Und mehr noch, nachdem man sie hat singen hören, ist man bereit, immer wieder dieselben Fehler aufs Neue zu begehen, denn hier gibt es keine Regeln, keinen gesunden Menschenverstand und kein Bedauern der Leidenschaft. Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, um Chavela Vargas Tribut zu zollen, als diese Afro-Mallorkinische Sängerin mit ihrem El último trago – dem letzten Drink, der zugleich der letzte Atemzug ist.“

Buika

Spanier haben, zweifelsohne, einen stärkeren Hang zur großen Geste, zum Drama, ja: Pathos. Aber manchmal ist das ja genau das, was man braucht.

Plattenkritik: Buika | Gorillaz | Peter Gabriel

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