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Big Thief – Dragon New Warm Mountain I Believe in You

Nach und nach veröffentlichte das Indie-Phänomen Big Thief seit letztem Jahr Singles, die sich nun auf ihrem neuen Album Dragon New Warm Mountain I Believe in You geballt versammeln. Das neue Album kündigte sich also schon länger an, was dessen Relevanz freilich keinen Abbruch tut: Die Band um Gitarristin und Sängerin Adrianne Lenker schafft es nicht zuletzt durch eine gewisse Detailverliebtheit, ihren Indie-Pop-Rock besonders und eigenständig wirken zu lassen

Big Thief - Dragon New Warm Mountain I Believe in You

So heult etwa in „Simulation Swarm“ im Hintergrund ein Bass auf Tönen, die durch Slides verbunden werden – das bricht die sanfte Atmosphäre der gezupften Gitarren und des zurückgenommenen Schlagzeug auf. Lenkers unvergleichliche, mal kindliche, mal gepresste Stimme trägt mit ihrer Rätselhaftigkeit zum typischen Sound von Big Thief bei. In den Lyrics zu „Simulation Swarm“ kreiert Lenker zwischenmenschliche Szenen, der Song beginnt mit „I tried to tell you, I didn’t know how to stay“. Das berührt, obwohl die Musikerin im Verlauf nicht viel mehr preisgibt und die Situationen lediglich lyrisch komplexer werden.

In „Change“ geht sie auf die sich stets wandelnde Zeit ein und erinnert sich an die Momente mit einer Person, die sie nun in einer neuen Beziehung beobachtet. Die Musik ist mit den angeschlagenen Akkorden einer Akustik-Gitarre und einem einfachen Drum-Beat ganz auf Lenkers Gesang und ihre Lyrics zugeschnitten, so wie viele der 20 Songs auf dem Album. Mit 1 Stunde und 20 Minuten Musik bekommt man auf dem Album viel Material zu hören – bei den interessanten Themen, Kompositionen und der Atmosphäre, die das Album verströmt, verfliegt die Zeit jedoch.

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Pan Daijing – Tissues

Pan Daijing Tissues

Die in Berlin lebende Künstlerin und Komponistin Pan Daijing führte ihr Stück Tissues 2019 im Londoner Tate Modern auf. Jetzt erschien ein Teil der zwei-stündigen musikalischen Performance als Sound Piece auf den Streaming-Plattformen. Laut Daijing vermöge „Tissues“ Musik, Architektur, Performance und Bildende Kunst zu verbinden. Diese Assoziationen kann man beim Hören, obwohl man das im YouTube-Trailer nur angedeutete Bühnenbild nicht sieht, gut nachvollziehen.

Das knapp 55-minütige Stück beginnt mit einem Aufwabern von elektrischen Sounds. Nach einer halben Minute gesellt sich dazu der langgezogene Gesang eines Soprans, der von einem Chor begleitet wird. Das lässt eine sakrale Stimmung aufkommen. „Tissues“ wurde als experimentelle Oper konzipiert und obwohl der Ansatz von Daijing experimentell ist, übernimmt sie hier klassische Elemente einer Art Gesangs, der aus dem Mittelalter stammen könnte. Die flankierenden tiefen und hohen Töne formen dazu ein brennendes Klang-Muster, das zunehmend spitzer wird und die Verbindung zu Architektur erklärt. Hier bauen Sounds im Stil von Ambient und Drone ganze Welten auf und schwirren einem mal flatternd, mal gradlinig um die Ohren.

„Tissues“ wurde mit 13 SängerInnen aufgeführt und nach der hohen Sopran-Einlage übernehmen männliche Gesänge das Ruder. Seien es eingeworfene Sätze oder längere Gesangspassagen – die Stimmen sind downgepitcht und stark verfremdet, was die Klangwelt von „Tissues“ zusätzlich erweitert. Zeitweise ist man sich nicht sicher, ob die Schreie im Background tatsächlich menschlich oder doch synthetisch sind.

Insgesamt ist das Stück in vier Akten komponiert und so ändert sich die Stimmung von „Tissues“ fortlaufend. Der erste Wechsel passiert um die neunte Minute herum, als sich plötzlich unerwartet warm anfühlende Sounds in die Komposition mischen und die Atmosphäre ändern. Die schnellen Wechsel, die signifikanten Stimmungen, die dabei entstehen, die unendliche Weite der Synth-Texturen und menschlichen Stimmen, die Daijing mit „Tissues“ präsentiert, machen das Stück wahrhaftig zu einem experimentellen Klang-Erlebnis, für das man sich Zeit nehmen sollte.

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Earl Sweatshirt – Sick!

Earl - Sweatshirt Sick!

Nach seinem endgültigen Durchbruch in der Musik-Welt vor vier Jahren, bringt Earl Sweatshirt sein neues Album Sick! heraus. Earl Sweatshirt, der 2018 mit seinem Release Some Rap Songs von einer Underground-Hoffnung zu einem, so verschiedene KritikerInnen, der besten lebenden Rapper avancierte, zeigt sich auf Sick! sowohl von der Pandemie als auch der Geburt seines Kindes beeinflusst.

Nach dem einminütigen Intro „Old Friend“ mit seinem schlängelnden Synthesizer folgt der Song „2010“. Hier baut Sweatshirt in einem langen Vers lyrisch Verbindungen zu alten Tagen auf, in denen Verzweiflung und Armut dominierten. Dabei sinniert er über Freundschaften, die auseinanderbrachen und sein persönliches Wachstum symbolisieren. Der Beat ist zurückhaltend: Das einfache Rhythmusgerüst einer Drum-Machine baut die Struktur für blubbernde Synthie-Sounds, die nach oben streben. Obwohl sich die Vocals aufnahmeseitig nicht allzu laut in der Vordergrund schieben, stehen Sweatshirts Raps im Zentrum.

Der Titel-Song ist musikalisch ebenso unspektakulär und besteht aus einem verrauschten, abstrakt anmutenden Beat, der sich durch ruckartige 808-Ryhtmen kennzeichnet. Die Klavier-Melodie geht in der Lo-Fi-Aura des Beats fast unter. Wichtiger in dem 1:51 Minuten andauernden Track sind die Worte: Sweatshirt beginnt seinen langen Vers mit „somethin‘ gotta give“, erinnert sich an alte Tage, Drogen und Misere und besteht mit „I won’t let the devil in“ darauf, stark und positiv zu bleiben. Am Ende zitiert er Fela Kuti, den nigerianischen Musiker, Aktivisten und Begründer des Afrobeat. Dass Earl Sweatshirt auf andere Größen zurückgreift, wäre, obwohl es perfekt in den Song passt, gar nicht nötig gewesen, beweist er mit dem Album doch auch so sein lyrisches Gespür. Er erzählt Geschichten, die geprägt sind vom Afroamerikanismus in den USA – und die zugleich persönlich und universell erscheinen. Die Komplexität seiner Worte, Metaphern und Verbindungen, die sich dabei aufbauen, lassen Raum für Interpretation. Auch wenn man nicht alles sofort versteht, ist man sich beim Hören seines neuen Albums stets bewusst, dass man hier große Kunst genießt.

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