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Berlin Music Week 2014

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Berlin Music Week 2014

Oktober 2014 / Victoriah Szirmai

Nachdem die Berlin Music Week in den ersten vier Jahren ihres Bestehens erfolglos an ihren nachgeburtlichen Komplikationen und vor allem an ihrem durch die 2012 kurzerhand aus dem Repertoire geworfene Popkomm bedingten Phantomschmerz herumlaborierte, bis sie zum Inbegriff absoluter Konzeptlosigkeit (gepaart mit einem erstaunlich selbstbewussten Dilettantismus) verkommen war, ist in Jahr Nummer fünf, man kann es nur mit geistlichem Vokabular ausdrücken, ein Wunder geschehen. Ein echtes, wahres Wunder. Die Berlin Music Week hat ihre postnatalen Depressionen endlich überwunden und präsentiert sich heuer unter dem Wahlspruch „Music Released“ so vital wie nie zuvor. Totgesagte leben eben doch länger.

postbahnhof

Das Headquarter der Berlin Music Week: Der Postbahnhof am Ostbahnhof im Stadteil Friedrichshain

Grob vereinfacht hat die diesjährige Berlin Music Week drei Hauptstränge. Erstens die Konferenz „Word!“, der sich auch die VUT Indie Days samt ihrem B2B Product Market (dem letzten Überbleibsel seliger Messezeiten), ihren Workshops und der Verleihung der VUT Indie Awards anschließen. Zweitens das Club- und Newcomer-fokussierte Showcase-Festival „First We Take Berlin“, das einen kleinen Vorgeschmack auf andere Festivals mit einschließt und heuer zudem mit der Premiere des niederschwelligen „First We Take The Streets“ aufwartet. Drittens das Berlin Festival, das in der Treptower Arena ganz auf bekannte Namen wie Editors, Neneh Cherry, Sven Väth oder Ghostpoet setzt, weshalb man hier nur mit separaten (und deutlich teureren) Tickets reinkommt.

Berlin Music Week 2014

Erstes Warm-up

Animiert durch die positiven Erfahrungen mit jungen Bands beim XJAZZ-Festival im Frühjahr, interessieren mich auch bei der Berlin Music Week vor allem die Showcases der Newcomer. Die „First We Take Berlin“-Künstler sind sogar noch so frisch, dass manche von ihnen noch nicht einmal ihr Debütalbum vorgelegt haben beziehungsweise gerade mal eine EP vorweisen können. Das verspricht doch spannend zu werden!

Berlin Music Week 2014
Auch eine Warm-up-Technik

Der Auftakt noch vor der offiziellen Eröffnungsgala der Berlin Music Week wird von Nordic by Nature, dem „deutschlandweit wichtigsten Tastemaker für neue skandinavische Musik“, zelebriert. Wie schon im letzten Jahr kuratiert er hier die nach der lokalen Spirituosenmarke „Our/Berlin Vodka“ benannte Reihe „Our/Berlin Music Week“, die auf dem Gelände der Oberhafenkantine drei Tage lang skandinavisches Flair verbreitet.

oberhafen kantine

Setlist von Nordic by Nature

Bei Waffeln und Wodka lässt sich vortrefflich in den folkigen Klängen der Malmöer Band Hey Elbow oder ihrer dänischen Kollegen The White Album schwelgen. Höhepunkt des ersten Umsonst&Draußen-Abends in familiärer, kinder- und hundefreundlicher Atmosphäre jedoch ist sicherlich der Auftritt der Schwedin Alice Boman, deren Stimme in ihrer Heimat mit der von Nina Simone verglichen wird. Das ist zwar, mit Verlaub, ausgemachter Blödsinn, aber der sakrale Charme ihrer posaunenbegleiteten Songs gefällt mir immerhin so sehr, dass ich beschließe, sie mir noch ein zweites, wenn nicht gar ein drittes Mal anzusehen. Die Berlin Music Week macht’s möglich, denn die unter ihrem Dach zusammengefassten Sub-Veranstaltungsreihen tauschen gern mal die Künstler untereinander aus. So etwa spielt Boman noch bei der „Nordic Playlist“ und ist sich auch nicht zu schade, die an der o2 World Spree Bar aufgebaute, von Mighty Oaks gehostete Main Stage von „First We Take The Streets“ zu entern.

Berlin Music Week 2014

First We Take The Streets …

Ohnehin „First We Take The Streets“! Überall rund um den Postbahnhof, der sich auch dieses Jahr wieder ins Headquarter der Berlin Music Week verwandelt hat, wurden Halbkreise auf die Bürgersteige geklebt, die den Straßenmusikern als Bühne dienen. Wer Glück hat, ist auserkoren, vor der Kulisse der Oberbaumbrücke und der wabenartigen Fassade von Universal Music zu spielen – vielleicht mischt sich ja der eine oder andere Schallplattenboss unters Volk? Ein wohlwollendes Publikum ist den auftretenden Künstlern in jedem Fall sicher.

Berlin Music Week 2014 Oberbaumbrücke

Im Hintergrund die Oberbaumbrücke, auf der auch sonst, unabhängig von offiziellen Veranstaltungen, regelmäßig „straßenmusiziert“ wird

Besonders gefallen hat mir persönlich der direkt vor dem Haupteingang des Postbahnhofs spielende Redvers Bailey, der ursprünglich aus einer kleinen Stadt in England stammt, die niemand auf der Landkarte lokalisieren, geschweige denn korrekt aussprechen kann. Seinen schwarzhumorigen Singer/Songwriter-Pop irgendwo zwischen Rufus Wainwright und Elliot Smith gibt es auf seinem neuen Album „Misty History“ zu hören, das obendrein durch das entzückende Artwork Anne Malewskis besticht. Ich musste es vom Fleck weg kaufen. „First We Take The Streets“ ermöglicht, Musik analog und ganz ohne pseudogeschmacksbildenden Wenn-Ihnen-X-gefällt-könnte-Ihnen-auch-Y-gefallen-Algorithmus zu entdecken und nicht zuletzt auch erwerben. So soll es sein!

Berlin Music Week 2014 Redvers Bailey

Vom Fleck weg gekauft: Singer/Songwriter Redvers Bailey aus England

Event: Berlin Music Week 2014

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