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Benjamin Lackner – Last Decade

Jeder Fisch braucht sein Wasser, um sich wohlzufühlen. Der Pianist Benjamin Lackner hat seines nun im Teich von ECM gefunden. Sein Labeldebüt Last Decade fügt sich in die Ästhetik von ECM harmonisch ein – und ergänzt den reichhaltigen Labelkatalog um eine weitere Perle. Denn dieses feinsinnige Album ist nichts weiter als eine Sensation in leisen Tönen. Der Name des Pianisten steht auf dem Cover zwar ganz oben, die neun Instrumentalnummern präsentieren ihn aber als Teil seines Quartetts. Seinen Mitmusikern gibt Lackner in diesem auch klanglich wunderbar fein austarierten Gleichgewicht viel Raum. Zurückhaltend tritt Lackner auf, vollkommen ohne auftrumpfende Eitelkeit oder virtuoses Gehabe. Seine ganze Intensität zieht dieses verführerisch intime, durch und durch lyrische Album aus der dichten Interaktion der Musiker.

Benjamin Lackner Last Decade

Bei dieser ohne Härten und Kanten auskommenden Musik muss man schon genau hinhören und sich Zeit nehmen. Wer das tut, wird reich belohnt. Die Stücke aus der Feder Benjamin Lackners entfalten einen melodischen Zauber, bei dem sich Assoziationen zu Naturbildern aufdrängen. In unentwegter Metamorphose pflanzen sich wellenartig die Melodien fort, entwickeln sich weiter, um später wieder in ihre Grundgestalt zurückzufinden. Wesentlichen Anteil an dieser Überfülle melancholischer Melodik hat der norwegische Trompeter Mathias Eick. Dessen samtweicher Trompetenton drückt dem Album seinen Stempel auf. Eick gelingt aus, eine schlichte melodische Aufhellung von Moll nach Dur zum Ereignis werden zu lassen. Seine träumerischen Girlanden umranken Lackners bittersüße Harmonien wie in einem innigen Dialog („Circular Confidence“). „Camino Cielo“ zeigt die Stärken des Quartetts exemplarisch: Bassist Jérôme Regard nimmt Motive der Trompete auf und formt sie subtil um, Benjamin Lackner treibt die organische Entfaltung der melodischen Bögen voran und Groove-Guru Manu Katché setzt ganz ensembledienlich aus dem Hintergrund heraus Duftmarken mit sanften, aber markanten Akzenten.

Benjamin Lackner Last Decade

© Sam Harfouche

Last Decade suhlt sich zum Glück nicht in elegischen Tönen. Benjamin Lackner scheint zwar viel Inspiration aus romantischen Charakterstücken zu ziehen, doch nicht alles auf dieser Platte ist ins Dämmerlicht einer Nocturne getaucht. Aus einer kantablen Linie, von dem Pianisten in schön freiem Rubato angelegt, lässt er plötzlich perlende Läufe aufblitzen oder tupft schwebende Harmonien morseartig unters melodische Geschehen. „Open Minds Lost“ präsentiert das Quartett etwas kerniger in der Klanggebung, Regards Bass-Solo „Émile“ kehrt nach melodischen Ausflügen immer wieder zum Zentralton zurück und gleicht darin den mäandernden Soli von Mathias Eick. Zur zurückhaltenden, nebelverhangenen Grundhaltung von Last Decade passen die harmonisch häufig offenen Enden der Stücke. Bleibt nur eine Frage offen: Wann findet dieses in seinem Feinschliff so bezaubernde Album mit den drei Musikern um Benjamin Lackner eine Fortsetzung?

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Claus Fischer – Downland

 Claus Fischer Downland

Wenn schon Solo-Debüt, dann richtig. Das mag sich der vielbeschäftigte Bassist Claus Fischer gedacht haben, der neben mehr als 800 Auftritten bei TV-Shows in Bands bei „TV Total“ oder „Anke Late Light“ und gut 300 Gastauftritten auf CDs bislang nie dazu kam, auf Solopfaden zu wandeln. Die Corona-Zwangspause hat es möglich gemacht – und wie! Claus Fischer hat für seinen Einstand als Solokünstler einen Freifahrtschein für gleich drei Platten bekommen, die alle eine seiner besonderen Stilvorlieben in den Mittelpunkt stellen. Die erste ist nun bei Leopard erschienen und huldigt vor allem Jazzrock, dazu etwas Americana und Country mit bluesigen Tönen. Durchpulst ist der Großteil allerdings von einer guten Portion Funk, den Fischer leichtfüßig aus dem slappenden Daumen schüttelt.

Claus Fischer Downland

© Lena Semmelroggen

Downland, der erste Teil von Claus Fischers Debüt-Trilogie, treibt den Begriff Soloalbum auf die Spitze. Denn der Multiinstrumentalist Fischer ist hier nicht nur am Bass zu hören, sondern hat seine Fähigkeiten an Gitarre(n) und Schlagzeug ausgepackt. Die geplanten Gäste konnten coronabedingt nicht hinzukommen, da hat er eben fast alles selbst übernommen. Das Ergebnis: umwerfend gut. Denn Fischer ist nicht nur ein Könner am Viersaiter, sondern ein Gitarrist, der rockige Soli raushauen kann („Walking Dave Part 1“) und auch hinter der Schießbude eine glänzende Figur macht (etwa wenn er filigran mit der Hi-Hat den Groove vorantreibt wie in „Criminal“). Ganz allein ist Fischer allerdings nicht. Er hat sich unter anderem an den Tasten Unterstützung von Don Grusin, Florian Ross und Szene-Überflieger Simon Oslender geholt, die sich mit viel Verve und samtig warmen Farben an Fender Rhodes, Hammond-Orgel und Klavier einbringen. Die Balance zwischen den Gästen und Fischer ist auch klanglich erste Sahne.

Claus Fischer Downland

© Lena Semmelroggen

Dass Claus Fischer ein ausgebuffter Musiker ist, wird hier in jeder Sekunde deutlich. Da ist keine Note zu viel und bei aller Groove-Energie („Mats Dance“) findet er in jedem Song gekonnt eingebundene Ruhephasen, in denen er ganz relaxt die Blicke schweifen lässt. Seine Basslinien atmen Frische und Gelenkigkeit ohne jede Kraftmeierei und die stilistischen Farbtupfer mit Folk-Violine im Titelsong „Downland“ oder die Dobro im Einstiegssong fügen sich geschmackvoll ein. Eine Ballade bringt Fischers Bass zum Singen und am Ende hat er noch einen gemächlichen Blues-Shuffle im Gepäck. Die Wartezeit auf Claus Fischers Debüt war lange. Aber nach diesem ersten Wurf ist klar: Die Vorfreude auf die Fortsetzung ist ebenso hoch wie die Erwartung.

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Helge Lien & Knut Hem – Villingsberg

Helge Lien & Knut Hem Villingsberg

Akustische Gitarre und Klavier – eine Kombination mit Tücken. Wie Nylonsaiten mit dem Flügel schlüssig harmonieren, haben vor nicht allzu langer Zeit Walter Lang und Philipp Schiepek vorgemacht. Helge Lien und Knut Hem führen nun schon zum zweiten Mal vor, dass Klavier und der Sound der auf den Knien gespielten Weissenborn-Gitarre eine reizvolle Mischung ergeben. Den norwegischen Jazzpianisten Helge Lien und den ebenfalls im hohen Norden gebürtigen Weissenborn-Anhänger Knut Hem verbindet eine gemeinsame Liebe zu Volksweisen ihrer Heimat – und zur melodischen Schlichtheit des Country. Beides fließt in ihrer neuen Platte Villingsberg zusammen, die mit kristallklaren Klangfarben von silbriger Gitarre und warmem, volltönendem Flügel aufwartet.

Helge Lien & Knut Hem Villingsberg

© Helge Lien

Die meisten der instrumentalen Songs stammen von Gitarrist Knut Hem, einem Melodiker par excellence. Das Duo ist nicht um pure Schönheit verlegen und zelebriert, mal eher abwechselnd („Lost In The Market“), mal im innigen Dialog („Konkylien“) die anrührende Wirkung unkomplizierter, zeitloser Melodien. Die Musik zeigt Weite und Großzügigkeit, doch sie bewegt sich keineswegs nur im Schildkrötentempo. Entspannt musizieren geht auch in höherem Tempo. Knut Hem und Helge Lien präsentieren sich als zuhörende Musiker: Der Pianist schafft Raum, damit Knut Hems Slide-Klänge flirren können. Dazwischen untermalt der Gitarrist auch mal perkussiv die jazzig abgeschmeckt gedrehten Solorunden von Helge Lien. Diese beiden Musiker haben sich gefunden. Schön, dass sie an einer weiteren Kostprobe ihrer musikalischen Zwiesprache teilhaben lassen.

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