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Die Isländerin Anna Gréta bezaubert mit Songs voller Naturmetaphern, bei Mathias Eick strömen die elegischen Trompetenmelodien und Bluesrocker Danny Bryant lässt seinen Emotionen ungeschminkt ihren Lauf.

Anna Gréta – Nightjar in the Northern Sky

Anna Gréta Nightjar in the Northern Sky

Die Natur und insbesondere die Weite der Landschaft sind für die Musik Nordeuropas seit jeher wesentliche Inspirationsquellen. Gleichzeitig müssen häufig Naturmetaphern herhalten, wenn Mitteleuropäer die Musik ihrer nördlichen Nachbarn sprachlich in den Griff bekommen wollen. Das ist bei dem bestrickenden Debüt der isländischen Jazzpianistin und Sängerin Anna Gréta bei ACT nicht anders. Nightjar in the Northern Sky ist diese verführerische, poetische Platte überschrieben. Die im Titel auftauchende Nachtschwalbe ist ein Vogel, den man nur selten entdecken kann. Genauso rar ist eine so betörende Debütplatte, die mit ihrer Delikatesse musikalisch wie klanglich nichts zu wünschen übriglässt.

Die in Stockholm lebende Jazzmusikerin Anna Gréta hat in den letzten Jahren als Pianistin eine steile Karriere in ihrer neuen Heimat hingelegt. Doch jetzt tritt sie zum ersten Mal als Sängerin in Erscheinung. Die Tochter eines Jazzsaxofonisten, der hier ihr Ensemble unterstützt, hat eine musikalische Barke geschnitzt, die meist in gemächlichem Tempo übers nebelverhangene Meer zieht und sich mal mehr zum Jazz, mal mehr zum Singer-Songwriting hinneigt. In der Sprachmelodie des isländisch eingefärbten Englisch werden Erinnerungen an Björk wach, musikalisch finden sich Anklänge an Norah Jones, Brooke Miller oder Kari Bremnes.

Anna Greta

© Birna Ketilsdóttir Schram

Doch alle Vergleiche hinken, denn Anna Gréta gelingt es, mit lyrischen Naturbildern durchwirkte Texte mit träumerischen, schwerelosen Melodien zu verbinden. Unterstützt wird die geheimnisvoll kühle Stimmung der zwölf Songs durch eine etwas hauchige, dabei ganz fein, klar und hell geführte Stimme von großer Sensibilität. Anna Grétas musikalische Begleiter unterstützen die Atmosphäre mit sparsamen, aber zielsicher geführten Pinselstrichen. Dem leicht jazzigen Pop von „Ray of Sun“ geben Skúli Sverrisson (Bass) und Einar Scheving (Drums) eine sogartige Drum’n’Bass-Unterströmung, und Gitarrist Hilmar Jensson unterstreicht mit hingetupften Halleffekten die Nebelatmosphäre, durch die Anna Grétas Stimme wie blinzelnde Sonnenstrahlen schimmert.

Die in der Albummitte angesiedelten Songs „The Tunnel“, „Blue Streams“ und „Mountain“ verdeutlichen beispielhaft das weite musikalische Spektrum dieser Platte. Die Melodien von „The Tunnel“ entfalten sich in gemessenem Schritt, doch darüber tänzelt ein vitaler Schlagzeugrhythmus (der Gedanken an E.S.T. weckt). Sangliche Linien abseits jeglicher Klischees und voller jazziger Verspieltheit tragen „Blue Streams“, das Anna Gréta mit einem fein gesponnenen Klaviersolo ausstattet. Naturbilder eines mächtigen Bergs verbindet sie in Mountain mit einem zu Herzen gehenden Balladenton – mächtig, kristallklar, gefühlsintensiv und von überwältigender Ruhe. Mit diesen Worten lässt sich Nightjar in the Northern Sky, eines der fulminanten Sängerinnenalben im Portfolio des Labels, insgesamt umschreiben. Wie aus dem Nichts kommt dieses Debüt von seltener Intensität, in das man sich einfach fallen lassen kann.

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Danny Bryant – The Rage to Survive

Danny Bryant – The Rage to Survive

Zurückgenommen, kleine Besetzung, Blick nach innen: So wirken viele Produktionen, denen derzeit das Etikett „Pandemieplatte“ anhaftet. Ganz anders fällt dagegen das neue Album The Rage To Survive von Danny Bryant aus. Auch bei seinem zwölften Streich, den er zusammen mit seiner großartigen Band live im Studio eingespielt hat, geht der englischen Blueser kraftvoll zupackend zu Werke und begeistert mit der rohen Energie seines harten Gitarrenanschlags.

Danny Bryant

© by Rob Blackham

Bryant verwandelt seine Emotionen während des Lockdowns und der pandemiebedingt erzwungenen Tourpause in zehn robuste Bluesrock-Songs. Sie profitieren davon, dass er zu der kleinen Schar an Bluesgitarristen gehört, deren Stimme dem bezwingenden Gitarrenspiel nicht nachsteht. So sind auch diesmal seine Songs gehalten: Nie überfrachtet mit ausufernden Gitarrensoli, sondern kompakt, straff, fokussiert auf die Emotionalität der Texte. Und die ist wieder einmal gewaltig und ungeschönt. Verzweiflung, Sehnsucht und vor allem das Zurückziehen in die eigene Seele („Invisible Me“), das in den letzten Monaten das Gefühlsleben vieler Menschen geprägt hat, stehen hier im Vordergrund. Wie aus einem Guss bringt Danny Bryant seine Gefühle mit gewohnt aufgekratzter Stimme und harten Riffs auf den Punkt. Immer wieder bricht seine Stimme an Strophenenden in bester Rock’n’Roll-Manier nach oben aus – ein Markenzeichen, das den Ausdruck der Lyrics noch steigert.

Aber natürlich hält Danny Bryant auch mit seinem scharfkantigen Gitarrenspiel nicht hinterm Berg, etwa in Rock-Bulldozern wie dem Titelstück oder „Trouble With Love“. Wirkliche Juwelen sind die eindringlichen Downbeat-Songs „Invisible Me“, „Rain Stopped Play“ oder die abschließende Ballade „Westport“, die ganz ohne Klischees auskommt. Bryant schraubt die Spannung in seinen Soli stetig nach oben, gibt Raum für Solospots seiner virtuosen Mitstreiter und phrasiert auf der Gitarre, als ob er gerade verzweifelt und tränenüberströmt stammeln würde – das ist große Blueskunst abseits aller eitlen Großspurigkeit. Zwischen polterndem Bluesrock, traditionellem Shuffle, funkigen Tönen, gebremstem Rock’n’Roll („Make Me Pay“) und einem Instrumental sind die langsamen Songs die ungeschliffenen Diamanten, die The Rage To Survive zu einem großen Album machen.

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Mathias Eick – When We Leave

 Mathias Eick – When We Leave

Der Ton des norwegischen Trompeters Mathias Eick hat einiges gemeinsam mit der Stimme Anna Grétas. Sein hauchig-luftiger, wattig-weicher Trompetenklang, der die elegischen Melodien sanft kleidet, weiß gar nichts mehr von der Vergangenheit der Trompete als Signalinstrument. Was hier, auf seinem neuen Album When We Leave im Vordergrund steht, ist die Melodie. Und die entfaltet Mathias Eick als einer der profiliertesten Solisten Norwegens mit in sich kreisenden, tänzelnden Formeln und entwickelt damit eine zarte, aber unheimlich starke Sogkraft. Weit weg scheinen seine Anfänge bei der norwegischen Jazzrockband Jaga Jazzist mit ihrem zappaesken Spleen zu sein. Stattdessen nimmt sich Eick nun Zeit und Raum, um als primus inter pares mit seiner Band, die schon bei seinem letzten Album mit von der Partie war, Ideen zu entfalten. Die wellenartigen Steigerungsverläufe der sieben Titel wirken wie Ein- und Ausatmen, natürlich, organisch.

Mathias Eick

Das funktioniert auf diesem Album noch eindrücklicher als auf dem vorherigen, denn When We Leave klingt ebenso sparsam wie zielgerichtet. Eine klare Dramaturgie durchzieht das Album. Anfangs stehen die melodischen Soli seines Gegenparts Håkon Aase (Violine) mit ihrem folkloristischen Kolorit noch in Kontrast zu den groovenden Wiederholungsschleifen von Eick, der meditativ, ja mantraartig seine melodischen Kreise zieht. Doch nach dem Umsturzpunkt in der Albummitte mit „Flying“, das in diese melancholische Schneelandschaft ganz freie, quirlige Bewegung bringt, fügen sich die einzelnen Stimmen immer mehr zu einem harmonischen Ganzen, das alle Elemente vereint und zusammenfasst. Auch die Pedal-Steel-Gitarre von Stian Carstensen und natürlich die beiden Schlagzeuger (ihr fein gesponnener Grooveteppich ist unwiderstehlich) sind Farben, die in diesem zarten Klanggebilde ihren festen Platz haben. Die im Osloer Rainbow Studio aufgenommene Platte reiht sich in die klanglichen Großtaten von ECM ein. Wunderbar natürlich wirken der Raum um jedes Instrument herum und die Balance zwischen den sieben Musikern.

Eicks Musik entwickelt durch stetige Umspielungen kleiner melodischer Zellen eine hypnotische Wirkung. Sie ist mitunter der Kunstmusik von Arvo Pärt nicht fern. Nicht umsonst heißt einer der Titel „Arvo“. „Playing“ bringt dann die Essenz der Platte nochmal in fünfeinhalb Minuten zusammen: beginnend in fast sakralem Tonfall geht es Richtung ritueller Tanz, um sich dann wieder zu beruhigen. Das melodisch mit feinem Faden gesponnene „Begging“ bringt die Platte zu einem sehnsuchtsvollen Abschluss. Sehnsucht ist das Stichwort: Die nächste Platte von Mathias Eick darf man heiß ersehnen.

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