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Andreas Schaerer – Anthem For No Man’s Land

Dass alle Rollen einer imaginären hochdramatischen Opern-Sterbeszene einer einzigen Gurgel entströmen können, ist schwer vorstellbar – bis man den Schweizer Sänger Andreas Schaerer gehört hat. Dem Vokalartisten, der mit seiner Band Hildegard Lernt Fliegen für Furore in der Jazzszene gesorgt hat, gelingt das mühelos. Schaerers glockenreine Stimme verfügt über einen riesigen Ambitus und unzählige Farben. So kann er seine Stimme mit perfekter Kontrolle wie ein Instrument einsetzen. Schaerers Tonproduktion wirkt so, als wäre das, was er an Kunststücken vollzieht, ein Leichtes.

Andreas Schaerer - Anthem For No Man's Land

Nun hat das Schweizer Stimmchamäleon bei ACT seine zweite Scheibe im Quartett mit Luciano Biondini (Akkordeon), Kalle Kalima (Gitarre) und Lucas Niggli (Schlagzeug) herausgebracht. Anthem For No Man’s Land ist eine schlichtweg faszinierende Platte, die zu den Highlights dieses Jahres gehören wird – so viel ist sicher. Stilistisch ist sie gar nicht so leicht einzuordnen. Aber wozu Schubladen für ein Ensemble, das die künstlerische Größe und dessen Musik ästhetisch so viel Gewicht hat, einfach ein eigenes Genre zu definieren?

Besonders ist an diesem Quartett vieles, nicht nur die beteiligten Instrumente. Andreas Schaerers Stimme ist in diesem kammermusikalisch enorm dicht gedachten und gemachten Miteinander eine gleichberechtigte Stimme. Damit das im Zusammenspiel mit den anderen ohne die unweigerlich erdrückende Qualität einer Textsemantik gelingt, steuert Schaerer Laute, Mouthpercussion, Vokalisen und Texte in einer frei erfundenen Sprache bei. Sprache ist bei ihm Klang, Lautung, Rhythmus, Melodie – und vor allem eines: purer Ausdruck. Das gibt jedem der zehn Stücke (die neben dem Bandkopf Schaerer auch seine Bandkollegen beigesteuert haben) einen vollkommen eigenen, unverwechselbaren Charakter und lässt die gut 50 Minuten wie im Flug vergehen.

Andreas Schaerer Trio

© Tamara Janes

Für das Eingangsstück „St. John’s Passion“ mit seinen bittersüßen melodischen Wendungen und dem sich stetig mit sägender Intensität steigernden Gitarrensolo dürfte man das Genre Doom-Folk-Jazz erfinden. Manches hier wie auch bei anderen Stücken erinnert an die zarte Melancholie italienischer Volksweisen, doch mit den rasenden Akkordeonarpeggi von „Tandem“ ist alles Elegische verflogen. Rhythmisch flirrendes Vorwärtsdrängen steht hier im Vordergrund, auch die Stimme bebt vor rhythmischer Spannkraft. Neben einem virtuosen Solo von Luciano Biondini entströmen Schaerers Kehle hier Melodien, die gleichzeitig höchst ungewöhnlich und doch sehr einprägsam sind – von der schieren Schönheit der glockenhellen Stimme ganz zu schweigen. Schaerers Falsett verschwimmt, als Instrument ins Ensemble aufs Feinste eingebunden, gekonnt mit dem Akkordeon („Laki Penan“) oder entfesselt wild-alpine Jodelanklänge, die mit Progrock-Groove so zwingend zusammengeführt werden, dass man nur staunen kann.

Die Musik von Andreas Schaerer und seinem Quartett ist voller Überraschungen. „Egalised By The Moon“ führt das ehemals beliebte Genre des Melodrams (Poesierezitation zu eigens dafür komponierter Musik) in die Gegenwart. Schaerer wirkt wie ein beschwörend Rezitierender (in einer hier sehr konsonantenreichen Fantasiesprache) und findet dazwischen sogar noch Gelegenheit, vokal ein Flügelhornsolo einzuflechten. Wer die Quintessenz dieses Albums sucht, wird im Titelstück fündig. Zunächst schwingt Schaerers Stimme in weiten, melodischen Bögen aus – wie eine langsame Einleitung im Sinfoniesatz. Über düsterem Pulsieren entwickelt sich eine Melodie, die nach gebrochenem Herzen klingt und sich wie eine Naturgewalt zu einer großen Steigerung aufschwingt. Das ist hochintensiv und so eigen wie das gesamte Album. Anthem For No Man’s Land ist eine Wundertüte. Egal wo man hineingreift, man erhält eine faszinierende Kostbarkeit, die einen umhaut.

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Joe Lovano – Homage

Joe Lovano befindet sich offenbar in einem goldenen Herbst. Der US-amerikanische Saxofonist zaubert seit einigen Jahren ein musikalisches Schmuckstück nach dem anderen aus dem Hut, ob mit seinem Trio Tapestry oder in anderen Formationen. Auch seine zweite Platte mit dem polnischen Trio um den Pianisten Marcin Wasilewski ist, erfüllt von improvisatorischer Inspiration, aus dem Moment heraus geboren – wird aber Zeiten überdauern. Homage heißt dieses Album. Es könnte auch gut „Meditation“ heißen, denn was dieses Quartett hier bietet, wirkt wie Klanggoldschmiedekunst, bei jeder noch so kleinen Nuance in Zusammenspiel und Farbgebung große Bedeutung zukommt. Die bewährte ECM-Klangästhetik transportiert feinste Klangschattierungen, die zu Joe Lovanos subtiler Ausdruckskunst gehören, wunderbar transparent und fein abgestuft an den Hörer.

Joe Lovano - Homage

Joe Lovano ist mit dem Marcin Wasilewski Trio nach einer Intensivwoche mit allabendlichen Gigs ins Studio gegangen. Zahlreiche gemeinsame Konzerte davor führten zu einer Art blindem Verständnis der vier Musiker. Das Ergebnis ist ein hörendes Musizieren, das Gesten, musikalische Charaktere, Melodien und Harmonien aufgreift, weitertreibt und sogleich in den improvisatorischen Freiraum im Quartett entlässt. Alles passiert äußerst subtil, geradezu behutsam. Dieses Quartett prescht nicht voran, sondern lauscht aufeinander.

Der Einstieg gelingt mit „Love In The Garden“ des polnischen Violinisten Zbigniew Seifert betont lyrisch und voll zarter Melancholie. Lovano umspielt mit freier Poesie die melodische Grundgestalt und modelliert die langen Töne mit Luft oder Geräuschen, um sie mit Ausdruck anzureichern. Die lyrische Grundhaltung unterstreichen Pianist Marcin Wasilewski, Slawomir Kurkiewicz am Bass und der diskrete, für Klangtupfer sorgende Schlagzeuger Michal Miskiewicz. „Golden Horn“, dessen von Bass und Schlagzeug initiiertes Grundriff auf nichts weniger als John Coltranes „A Love Supreme“ verweist, gerät mit seinem dichten Zusammenspiel und den windungsreichen Steigerungen zu einem der Höhepunkte. Vor allem Wasilewski am Klavier und Lovano werfen sich mit immer neuen Einfällen, harmonischen Ausflügen und virtuosen Läufen die Bälle zu.

Joe Lovano

© Jimmy Katz

„Homage“ erinnert in der Freiheit der melodischen Erfindung zunächst an ein schnatterndes Vogelkonzert, um dann auch etwas bedächtigere lyrische Elemente zu erkunden. Noch schwebender, ganz aus dem Moment heraus erschaffen gerät das zerbrechliche „This Side – Catville“. Ein Saxofonsolo und ein reines Percussionstück, bei dem Lovano mit einer Reihe von Gongs die filigranen Tupfer von Michal Miskiewicz erweitert, runden den Improvisationsreigen ab. Nur schade, dass dieses Klangvergnügen schon nach rund 35 Minuten zu Ende ist. Dem feinnervigen Austausch der vier Musiker könnte man viel länger gebannt lauschen.

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Nils Kugelmann – Life Score

Nils Kugelmann ist der Bassist der Stunde. Der junge Bayer mit den fetten Goldkettchen hat seine Finger derzeit in zahlreichen Formationen mit im Spiel, einige davon hochdekoriert, andere als Geheimtipp gehandelt. Mit seinem Trio mit ihm als Leader hat er nun bei ACT seine zweite Platte herausgebracht. Schon das Debüt Stormy Beauty (2023) sorgte für Zungenschnalzen. Der Nachfolger Life Score nimmt den frischen Wind des Erstlings auf und untermauert den Ruf dieses Trios als bockstarke junge Formation.

Nils Kugelmann - Life Score

Schon der Erstling überraschte neben dichter Triointeraktion vor allem durch rhythmisch-metrisch Ausgeklügeltes, das seine Nähe zum Prog Rock nicht verheimlichte. Das quirlige, gewitzte Spiel mit Rhythmen treibt das Trio mit dem Bassisten Nils Kugelmann, Luca Zambito an den Tasten sowie Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug hier nochmals voran, bewegt die Musik mit melodienseligen Einfällen in ihrem Gestus aber mehr in Richtung Fusion Jazz – allerdings ohne jemals die Klischees des Genres zu bedienen. Nils Kugelmanns Trio ist dafür viel zu frisch, zu hungrig, zu einfallsreich.

Nils Kugelmann

© Ulli Neumann-Cosel

Die neun Titel von Life Score entfalten eine seltene Wucht. Sie rührt daher, dass der harmonische Puls sich häufig recht langsam bewegt, wie eine unaufhaltsame Unterströmung. Doch darüber geht es mit rhythmischen Spielereien in rasendem Tempo hochpräzise („The Unspoken Dreams of a Dragon“) und energisch zur Sache. Ein Musterbeispiel neben dem hinreißenden Einstieg mit „A Good Day“ ist „Coffee in the Rain“. Das Trio variiert den Chorus dieser absoluten Ohrwurmnummer mit seinen 80er-Jahre-Anklängen ständig. Die Melodie hat hymnische Qualität, doch bei jedem Mal legt das Trio im Chorus noch eine Schippe drauf und Sebastian Wolfgruber lässt hinter seine Schießbude die Becken zischen und krachen. Das macht auch deshalb richtig Spaß, weil die Aufnahme mit mächtig Druck das eindringliche Interplay dieses Trios direkt, aber schön differenziert an die Hörer weitergibt. Kugelmann hat sich auch einige einfühlsame langsame Nummern ausgedacht, die diese zündende Platte wunderschön abrunden. In Erinnerung bleibt allerdings die unbändige Energie dieses Trios.

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