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Dass die Bluesgitarristin Ana Popovic sich auf der Bühne pudelwohl fühlt und die Liveenergie sie über musikalische Grenzen hinausträgt, macht das glühend heiße Live for Live deutlich. Nicht weniger energisch geht Philip Sayce auf Spirit Rising zu Werke, dessen Energielevel nur selten den oberen Anschlag verlässt.

Ana Popovic – Live for Live

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Die urwüchsige Kraft des Blues liegt in den starken, elementaren Gefühlen, die sich in den Geschichten der Songs ausdrücken. Diese wirken umso bezwingender, je eindringlicher Musiker*innen die Emotionen vermitteln. Ihre ganz eigene, persönliche Geschichte erzählt die Gitarristin und Sängerin Ana Popovic in ihrer Musik, vor allem auf ihrer jüngsten Studioplatte „Like It On Top“ (2019). Die Geschichte handelt davon, sich durchzusetzen: als in Belgrad geborene Serbin zunächst in der europäischen, anschließend vor allem in der US-amerikanischen Musiklandschaft, wo die mittlerweile in Los Angeles lebende Künstlerin längst Fuß gefasst hat. Ihre Geschichte erzählt aber vor allem davon, sich als virtuose Bluesgitarristin in einem von Männern geprägten Genre zu behaupten, ohne je Klischees und Etiketten zu bedienen, die andere ihr anheften wollen. Wie glänzend und mit Verve Ana Popovic das seit den frühen 2000er-Jahren gelungen ist, macht ihre unschwer als Liveaufnahme zu erahnende Neuerscheinung Live for Live deutlich. Ihr jüngster Streich (erhältlich als CD oder DVD) vibriert vor Energie und brillanter Musikalität. Die Liveaufnahme portraitiert die Künstlerin auf der Höhe ihres Könnens – und macht von Anfang bis Ende riesigen Spaß beim Hören.

Wie im Blues und bluesnahen Stilen üblich, zeigen sich (erst) in der Liveumsetzung der ganze musikalische Reichtum und die Klasse der Musiker. Wenn in Soli die instrumentale Virtuosität aufblitzt, die Stimme den Emotionen mit Mut zum Risiko noch mehr Tiefe gibt, die Energie des Moments das ganze Bandgefüge und auch das Publikum zusammenwachsen lässt, dann ist der Blues lebendig. Bei Konzerten sei ihr Geist richtig frei, sagt Ana Popovic von sich. Genau das ist bei diesem Konzertmitschnitt aus dem Centre Culturel Albert Camus im französischen Issoudun der Fall. Allerdings pulsiert hier nicht nur der Blues. Begleitet von einer fulminant spielenden Band mit Bläsern und virtuosen Musikern, die nebenbei auch noch mehrstimmige Background-Vocals ergänzen, steht hier vor allem eine heiße Mischung aus Funk, Soul und R’n’B im Vordergrund. Die Bluesgrundlage ist immer vorhanden, aber mit so viel Groove und vorwärtstreibender Energie ausgestattet lädt die Platte eher zum Tanzen ein.

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Foto: Michael Roud

Ana Popovics Studioalben erscheinen an manchen Stellen zuweilen etwas glatt und gediegen. Hier aber fegt ein musikalischer Wirbelsturm über die Bühne, wobei die Lorbeeren neben der großartigen, charismatischen Frontfrau Ana Popovic an die gesamte Band gehen. Gemeinsam zünden sie ein funkelndes, funkiges Feuerwerk. Von Anfang an steht die Band unter Strom. Im funkigen „Intro“ ziehen die Bandmitglieder mit kurzen Soli einzeln ihren Hut und machen klar, dass man hier eine musikalische Party erwarten darf. Wenn dann beim zweiten Teil mit „Ana’s Shuffle“ die Solistin in die Saiten greift, geht es mit voller Kraft voraus.

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Allerdings bleibt bei aller feurigen Energie, die mit den scharfen, blitzsauberen Bläserklängen weiter angeheizt wird, genug Freiraum in den Arrangements. In „Object of Obsession“ begeistert Jerry Kelley, der neben druckvollen Grooves immer wieder auch seine verspielte Seite zeigt, mit filigranem, punktgenauem Hi-Hat-Spiel. Der Bass von Buthel hüpft leichtfüßig, wenn er nicht gerade mit rhythmischer Power hart mit dem Daumen traktiert wird, die Bläser krönen die Arrangements. Und immer wieder begeistert Tastenmann Michele Papadia mit jazzigen Anklängen, wie im vielschichtigen „Train“, einem der absoluten Highlights. Im Zentrum aber steht eine furiose Ana Popovic, die in jeder Sekunde ihre Freude und Begeisterung fühlbar macht. Ob sie ganz sanft und verführerisch klingt wie in „Love You Tonight“ oder „Lasting Kind of Love“ oder in ihrem über jeden Zweifel erhabenen Gitarrenspiel und mit rauer Stimmfärbung heftiger zupackt wie in „Can’t You See What You’re Doing to Me“ – sie verfügt über eine große Spannbreite mit all den Nuancen zwischendrin und heizt dem Publikum mächtig ein. Diese Liveplatte zum Mittanzen fängt die Energie des fulminanten Auftritts von Ana Popovic ganz direkt ein und gibt sie ebenso direkt weiter. Mehr lässt sich von einem Konzertmitschnitt nicht erwarten.

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Philip Sayce – Spirit Rising

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Einiges von dieser mitreißenden Liveenergie ist auch auf Spirit Rising des Bluesrock-Gitarristen Philip Sayce eingefangen, gleichwohl es sich um ein Studioalbum handelt. Sechs Jahre nach dem Erfolg mit „Influence“ und einer zwischenzeitlich erschienenen Livescheibe legt der Saitenvirtuose, der seine Brötchen ehemals in der Band von Jeff Healey und später bei Melissa Etheridge verdiente, einen echten Kracher vor, dessen Energielevel den oberen Anschlag nur selten verlässt. Der in Wales geborene und in Toronto aufgewachsene Sayce, der nach Erfolgen als Support von ZZ Top und Deep Purple eine begeisterte Fangemeinde in Europa hat, macht Spirit Rising zu einem Fest der verzerrten Klänge. Eingefasst durch zwei kurze, instrumentale Nummern als Intro und Epilog sind elf Songs, die dem Bluesrock frönen. Durchweg sind sie dem Hardrock deutlich näher als dem traditionellen Blues.

Schon das Intro „Warning Shot“ gibt den Takt vor und hat Signalwirkung: Das Fuzzpedal ist in dieser wie eine lockere Improvisation daherkommenden Skizze mit jaulender Sirenenimitation gegen Ende ebenso tief durchgedrückt wie das Gaspedal. Die unbändige Energie, die sich hier Bahn bricht, bekommt der Jimi-Hendrix-Fan Philip Sayce so schnell auch nicht mehr eingefangen. Bis etwa zur Hälfte des Albums jagt eine mächtig voranstürmende Songrakete die nächste. Selbst in einem langsameren Stücken wie dem souligen „Once“ kommt Sayce von der unbändigen, etwas aggressiven Energie nicht weg und baut ein aufgekratztes Solo ein. Ohne Mühe schüttelt er funkelnde Riffs aus dem Ärmel und bietet in seinen (nie ausufernden) Soli eine Achterbahnfahrt voller Energie und Virtuosität. Man sieht vor dem inneren Auge das Griffbrett qualmen. Und auch wenn in der ächzenden, sägenden und aufheulenden Gitarre sowie in der Produktion der Vocals Verzerrungen im Mittelpunkt stehen: Wie differenziert Sayce die Effektgeräte einsetzt und damit die Klangfarben heraushebt, ist mehr als beachtlich und macht – mehr noch als die Substanz der Songs – die außerordentliche Qualität des Albums aus. Der dreckige, raue Sound, der das Album durchzieht, hat bei Sayce ungeahnte Abstufungen.

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Foto: Matt Barnes

Sinnbildlich für das gesamte Album steht der Song „Wild“. Er ist in jeder Hinsicht wild und bewegt sich zwischen Extremen: Ein erdiger Gitarrensound und schleppende Grooves lassen Assoziationen an die Sümpfe im Süden der USA aufkommen, doch dann zündet Sayce mit seinem Solo ein Leuchtfeuer. Ähnlich kontrastreich gerät „Once“ mit wunderschöner Gitarrenmelodie in einem wie ausgelaugt klingenden Gitarrensound, um dann unerwartet (und nicht ganz schlüssig) in ein Hochgeschwindigkeitssolo zu münden. Erst in der zweiten Albumhälfte wird das Energielevel mit „Give Me Time“, einem von drei Coversongs, etwas heruntergefahren; doch die treibende Unruhe bleibt auch in den Nummern, die an Soul, R’n’B und mit akustischen Einsprengseln an Rootsrock kratzen, stets untergründig brodelnd vorhanden. Unterstützt von den Songwritern Richard Marx, dem Gespann Distant Cousins, Gavin Brown und Maia Davies hat Philip Sayce mit Spirit Rising ein Bluesrockalbum von niedermähender Energie und funkelnder Gitarrenkunst geschaffen. Er durchmisst die ganze Bandbreite schmutziger, ungehobelter Gitarrensounds und hinterlässt damit ein dickes Ausrufezeichen.

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