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CocoRosie / Grey Oceans

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  1. 2 CocoRosie / Grey Oceans

Neue Lieder singt auch das Mädchen-Duo CocoRosie. Der Hinweis auf dessen jüngst erschienenes Album Grey Oceans kam mal wieder aus der Redaktion – eigentlich ein Qualitätsgarant.

CocoRoise / Grey Oceans

Und tatsächlich bin ich mal wieder äußerst angenehm überrascht. Allerdings finde ich die Musik der eigenwilligen Schwestern Sierra und Bianca Casady, für die extra der Begriff „Weird Folk“ geprägt wurde, bei weitem nicht so sonder- und unhörbar wie sich aus der landläufigen Kritikermeinung schließen ließe. Ganz im Gegenteil: Ich halte CocoRosies diesjährige Veröffentlichung für sehr angenehm, fast zahm, sie gefällt, ist aber dennoch nie gefällig, aber eben auch überhaupt nicht anstrengend, wie das häufig der Fall ist, wenn Künstler unbedingt etwas „anders“ machen wollen. Grey Oceans klingt nicht gewollt, sondern sehr erdig, sehr natürlich.

Und wenn da nunmal ein ausgebildeter Sopran – nun, sagen wir: eine sehr moderne, sehr verhauchte und leicht verkaterte Opernsängerin – in Form der am Pariser Konservatorium geschulten Sierra auf Biancas Kinderstimme à la Macy Gray trifft, deren Reime fließen wie bei Floetry – na und? Ist das jetzt so ungewöhnlich? Edler R&B-HipHop trifft Oper – das hatten wir schon vor fast zwanzig Jahren, als Janet Jackson mit Kathleen Battle den Song This Time für ihr Album janet. aufnahm. CocoRosie zweckentfremden Dinge des Alltags wie Föhn, Spielzeug oder Popcornmaschine zu ungewöhnlichen Musikinstrumente? Das tun professionelle Geräuschemacher seit langem; singende Sägeblätter hört man in jeder Fußgängerzone, während es Harfengezupfe – Sierras Instrument der Wahl – sogar in eine Show wie Deutschland sucht den Superstar geschafft hat. Das ist alles fürchterlich ungewöhnlich? Nö, auch nicht. Grey Oceans, das ist, als ob Loreena McKennitts mythisch-spirituelle Folk-Welten auf Linas vokoderverzerrten, doch mädchenhaften Rhythm and Blues auf warmen Kammerpop treffen. Das ist Musik zum sehr sehr Wohlfühlen.

CocoRosie

Natürlich ist das alles hochgradig subjektiv. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin kein Mensch, der morgens gern Musik hört. Mehr noch, ich leide sogar an der Berufskrankheit all jener, die mit Musik zu tun haben: Privat höre ich so gut wie gar keine Musik (mehr). Und gerade morgens muss ich erst einmal in Ruhe zu mir kommen. Da gilt es zunächst, die essenziellen Fragen zu beantworten: Wo bin ich? Wer bin ich? Eine Antwort auf Ersteres findet sich meist recht schnell (wenn nicht, sollte man sich wohl mal ernsthaft Gedanken über den eigenen Lebenswandel machen), Letzteres habe ich bis heute nicht befriedigend klären können. Aber das ist ein anderes Thema. In jedem Falle sind mir Menschen, die den Tag damit beginnen, das Radio einzuschalten, noch dazu einen Sender aus dem Dunstkreis der großen Privaten, der „Musik“ von Phil Collins und Konsorten spielt, extrem suspekt und machen mich ebenso nervös. CocoRosies neues Album allerdings ist ideal geeignet, selbst Morgenmuffel wie mich sanft vom Halbschlaf in den Wachzustand zu befördern; und auch umgekehrt lässt es einen abends friedlich aus der Hyperaktivität ins Traumland gleiten.

Es fiept zwar und zirpt auch, es gibt allerlei Störgeräusch, doch nie aufdringlich, sondern immer angenehm. Die Lieder, die wenig mit dem klassischen Liedformat gemein haben, sondern mal so beginnen, um nach einer abrupten Zäsur ganz anders weiterzugehen – ein Umstand, der normalerweise nervt wenn nicht gar stört –, finden sich zu einem organischen Reigen voll mythischer (Natur-)Symbolik, ähnlich den einzelnen, streng reglementierten Bestandteilen einer Messe oder den Perlen einer Gebetskette, die für die Einfassung, eben das Große Ganze, jeweils unerlässlich sind. Es gibt Alben, da ist alles am richtigen Platz, nichts könnte ergänzt oder weggenommen werden, ohne das zu zerstören, was man gemeinhin als – und dies große Wort darf in vorliegendem Falle ruhig bemüht werden – „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet, man kann es aber auch ganz profan „rund“ nennen. Da hat sich jemand Gedanken gemacht und diese auch konsequent umgesetzt, ohne faule Kompromisse. Das freut das Herz. Und natürlich das Ohr, das bislang noch keine irreparablen Schäden durch oben erwähnte Privatsender fortgetragen hat.

CocoRosie

Die Strukturiertheit von Grey Oceans mag Gaël Rakotondrabe zu verdanken sein, einem Pariser Jazzpianisten, der die Soundeskapaden der Casady-Girls in geordnete Bahnen lenkt und ihnen Boden wie Rahmen bereitet.

Gaël Rakotondrabe

Auf der Bühne hat er die störrischen Schwestern schon so manches Mal unterstützt, diesmal durfte er auch an der Entwicklung der Songs mitwirken. Und tatsächlich mag es Einfacheres geben, als mit den beiden selbstbewussten Künstlerinnen zusammenzuarbeiten, sind sie doch verrufen dafür, keinerlei Kompromisse einzugehen, wenn es um ihre Ideen geht. Gaël Rakotondrabe hingegen zeigte sich, was blieb ihm auch anderes übrig, offen für Experimente, bewahrte aber gleichzeitig das Album vor dem Abdriften ins Experimentell-Unhörbare. Kein Wunder, dass ihn die Schwestern als Boden der neuen Songs preisen, auf dem sie ihre musikalischen Wildblumen ziehen können. Der Einfluss Rakotondrabes tut der Unbändigkeit CocoRosies hörbar gut; es gibt kaum einen Moment auf Grey Oceans, wo ihr Kontakt zu seinem Piano abreißt.

CocoRosie

Aufgenommen wurde Grey Oceans in Buenos Aires, Melbourne, Berlin, New York und Paris; und immer wieder trafen die nomadisierenden Schwestern auf erstaunliche Gastmusiker, die ihren Weg aufs Album fanden. Für Liebhaber des knisternden Vinyl-Klanges wurde ein eigenes LP-Cover designt, auf das CD-Käufer leider verzichten müssen. Auch hier beweisen CocoRosie ein Herz für diejenigen jenseits des Mainstreams.

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Plattenkritik: Absinto Orkestra | CocoRosie

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