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Térez Montcalm / Connection

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Térez Montcalm / Connection

Wie geschaffen, sich von dieser Überdosis an Elektronika zu erholen, ist das neue Album von Térez Montcalm. Hier gibt es durch und durch handgemachte Musik – und zwar jener Machart, bei der man sich als Hörer gut aufgehoben, ja gewissermaßen „zu Hause“ fühlt. Gleich das trockene Gitarrenriff des Openers Connection erinnert an eine Mischung aus Prince’ Musicology, Zascha Moktans Gimme Luv, John Lennons Come Together in der Version von Michael Jackson, Mick Jaggers Sweet Thing … und irgendwo bei Lenny Kravitz gibt es dieses Riff auch, ich komme nur gerade nicht darauf, wo. Klar dürfte indessen geworden sein, worauf ich hinaus will: Es geht rockig und gern auch mal ein bisschen funky zur Sache auf diesem Album.

Térez Montcalm

Deutlich ruhiger dann das Gezupfe des zweiten Tracks. „Kommt jetzt etwa Rod Stewards Sailing?“, fragt sich der Hörer bang. Mitnichten, handelt es sich hier doch um ein – und zwar äußerst gelungenes – Cover von Where The Streets Have No Name der irischen Stadion-Rocker U2. Der dritte Track Le Requin Danse wiederum ist ein alter Bekannter, der schon auf dem diesjährigen Überblick über das aktuelle Programm der Labels Verve, Emarcy und Jazzland, der alljährlichen Budget-Compilation Verve Today, mit seiner großartigen Jazzfiedel für Aufsehen sorgte. Die nämlich klingt genauso heiser wie die Stimme Térez Montcalms und trägt dazu bei, dass der rockige Einstieg sanft, aber bestimmt, mehr und mehr dem Jazz weicht. So gemahnt Le Requin Danse dann auch eher an Quincy Jones’ Birdland und den alten Bebop-Song Salt Peanuts, an Django Reinhardt und Charles Aznavour, denn an die eingangs zitierten Rock-Veteranen. Und so geht es munter immer weiter. Alles auf Connection hat man irgendwo schon einmal gehört, alles weckt Erinnerungen an Klassiker quer durch die Musikgeschichte, von Swing über Rock zu Singer-Songwriter, etwas Jazz hier, ein bisschen Chanson da.

Térez Montcalm

Eine gewisse Anzahl der Songs sind dann ja auch Klassiker der Musikgeschichte, ob das Nina Simone-Cover My Baby Just Cares For Me, das ganz der klassischen Form verhaftet bleibt, oder Léo Ferrés C’est extra, das sich in aufregend neuem Gewande präsentiert. Purer Eklektizismus, könnte man meinen. Aber weit gefehlt. Was bei anderen bemüht wirken würde, gelingt Térez Montcalm anscheinend mit Leichtigkeit: die Gratwanderung zwischen Standards von beiden Seiten des Atlantiks einerseits und Eigenkompositionen andererseits sowie jene zwischen Jazz und Rock.

Und tatsächlich hat es Seltenheitswert, ein dermaßen weit gefächertes Repertoire derart authentisch zu präsentieren. Nicht umsonst hat die Sängerin für diese Platte das „Verbindende“ als alles umfassendes Motto gewählt, sie vereint die verschiedenen Stile ebenso miteinander wie Eigenkompositionen mit Coverversionen; selbst vor den verschiedenen Sprachen macht der Wille zum Zusammenführen nicht halt: Das Album jongliert mit dem Englischen und Französischen – und mit den Sprachen wechselt die kanadische Künstlerin ihre musikalischen Identitäten, ganz so, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie nun lieber Edith Piaf oder Ella Fitzgerald sein möchte. Doch seltsamerweise fühlt man sich nicht genötigt, die Montcalm des Retroklauertums zu bezichtigen, ganz im Gegenteil verleitet Connection dazu, in den Tiefen alter Plattenkisten zu wühlen und nachzuhören, ob „klingt wie“ denn auch wirklich klingt, wie.

Térez Montcalm

Connection wird seinem Namen gerecht und setzt konsequent fort, was Térez Montcalm auf dem vor drei Jahren erschienenen Album Voodoo begann. Auch dort arbeitete sie bei der Produktion eng mit dem Gitarristen und Pianisten Michel Cusson zusammen, der seit den Siebzigerjahren bis Anfang der Neunziger festes Mitglied der kanadischen Fusion-Formation UZEB war. Vielleicht ist Fusion – gemeinhin auch als Jazzrock bekannt – ja auch die Formel für Montcalms eigene ausgewogene Mischung.

Die Künstlerin selbst, die durch ihre älteren Geschwister und die Plattensammlung ihres Vaters seit frühester Kindheit musikalisch auf die enorme Bandbreite zwischen Frank Zappa und Sarah Vaughan, Jimi Hendrix und Frank Sinatra, Jaques Brel und Nat King Cole geprägt wurde, hat allerdings eine einfachere – und, wie ich finde, weitaus schönere – Erklärung parat: „Es wäre für mich frustrierend, wenn ich mich darauf beschränken müsste, Rock zu singen. Ich brauche das Jazzrepertoire einfach zum Glücklichsein.“ Und ist die Sängerin erst einmal glücklich, freut es den Hörer.

Plattenkritik: 2Raumwohnung | Térez Montcalm

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