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Fragwürdige Naturgesetze in der „Hifi-Welt“

11. April 2023 / Uwe Rudol

Sehr geehrte fairaudio-Redaktion,

ich möchte ein Zitat voranstellen, das meine Haltung gut zum Ausdruck bringt: „Mein Hörraum ist mein Wohnzimmer. Und da muss sich irgendwie noch eine Anlage reinquetschen lassen.“ (frei nach Jürgen Egger – leider unerreicht).

Der Leserbrief von Herrn Ralph Müller spricht mir in mancher Hinsicht voll aus dem Herzen. Als „die HiFi-Welt“ (jedenfalls meine …) noch „in Ordnung“ war, spielte sich das Hauptgeschehen in deutlich moderateren Preisregionen ab: Tests von Verstärkern der Klasse unter 1000 DM (!) waren die Regel, die Mehrzahl der Lautsprechertests bewegten sich im Bereich bis 2000 DM. Natürlich gab es schon damals kühlschrankgroße Krell-Endstufen, Backes & Müller-Boxentürme oder die Infinity Reference Standard, bei der der Leser sich verwundert fragte, für welche Säle in welchen Palästen so etwas überhaupt gebaut wird. Einen praktischen Nutzen hatte so etwas nur für die Allerwenigsten – und denen gönne ich es neidlos von ganzem Herzen.

Irgendwann lief es dann preislich völlig aus dem Ruder, und vor einigen Jahren habe ich aufgehört, HiFi-Zeitschriften zu kaufen (und ich hatte sie ALLE gelesen!), weil ich in ihnen nicht mehr vorkam. Mein letztes Heft war eine Ausgabe der „Image-HiFi“ mit einem Durchschnitts-Komponentenpreis von ca. 25.000 Euro (Fünfundzwanzig! Tausend! Euro! – ich hatte aus Fassungslosigkeit nachgerechnet).

Natürlich wurden und werden immer wieder mal bezahlbare („bodenständig bepreiste“) Komponenten getestet – dann gerne empfohlen als „Zweitanlage für das Arbeitszimmer“ oder für die Kinder von Freunden (speziell so etwas was liest man als HiFi-begeisterter Mensch mit normalem Budget natürlich besonders gerne …).

fairaudio stellt vor allem in Bezug auf den letzten Punkt eine Ausnahme dar: Hier gibt es tatsächlich immer wieder Tests von Geräten in erschwinglichen Regionen, und diese werden dann auch nachvollziehbar und fair besprochen – das kann nicht hoch genug geschätzt werden, und solange das so ist, bleibe ich treuer Leser.

Aber manchmal ärgere ich mich richtiggehend über einen Test – wie jüngst im Fall der Rogers LS3/5a. Ich kenne und liebe diese Lautsprecher seit Ende der 80er Jahre – mein Schwager betreibt sie seitdem mit einem Jadis-Röhrenverstärker in einem Raum von ca. 16 qm Größe – bis heute ohne jeden Wechselwunsch. Warum auch? Die Boxen operieren in ihrer natürlichen Umgebung (kleiner Raum, Zimmerlautstärke), dazu sind sie gemacht, da hat sie keine mir bekannten „Fressfeinde“. Damals kostete das Rogers-Paar unter 2000 DM. Wie Sie in Ihrem Test erwähnen: zu diesem Preis bekommt man eine LS3/5a heute nur noch als Bausatz. Eine Version von Falcon wird für knapp 3000 angeboten. Die Tests, die ich dazu gelesen habe, decken sich in allen wesentlichen Punkten mit meinen Eindrücken von den alten Rogers und im Übrigen auch mit dem fairaudio-Test von der neuen Hyper-Super-Version. Warum, liebe fairaudio-Redaktion, wird ausgerechnet die teuerste Variante besprochen? Und wenn schon, warum werden dann zum Vergleich nicht die anderen Versionen herangezogen?

Ist es eigentlich ein Naturgesetz, dass HiFi-Preise explodieren müssen? Auch bei fairaudio weisen ungefähr die Hälfte der getesteten Komponenten einen Einzelpreis von über 3000 Euro auf, und das bringt mich ins Grübeln: wer kann und will sich das leisten? Und warum?  Und: geht es hier nur vordergründig noch um Musik?

In meinem nicht gerade kleinen Bekanntenkreis – mehrheitlich musikbegeisterte Menschen, einige davon selbst Musiker – besitze ich die zweitteuerste Anlage (Zeug von Creek und Linn, ca. 8000 Euro Gesamtpreis. Ein gutes Stück kann auch begeistern, wenn es aus einem Kofferradio kommt – bei Jugendlichen reicht schon das Handy. Es wäre ja auch seltsam, wenn sich jemand vor seine Anlage setzt und dann ständig auf „Fehler“ achtet – das wäre „Fehler hören“ und nicht „Musik hören“.

Ich denke, dass es vielen Lesern ähnlich geht … dass sie ein normal großes Wohnzimmer haben … dass ihr Budget den Kauf von Lautsprechern für 10.000 Euro einfach nicht hergibt … dass sie – genau wie ich – ihre Lektüre oft nach dem Blick auf das Preisschild beenden. Ich kann mich natürlich auch irren … vielleicht brauche ich ja doch dringend das Telos „Grounding Monster“ in der Reinsilbervariante für 65990 Euro und weiß es nur nicht, weil ich es ja noch nicht gehört habe???

Mich stört massiv, dass es mittlerweile üblich geworden ist, Geräte ohne Rücksicht auf Kosten zu entwickeln – wenn Geld keine Rolle spielt, kann das jeder.

Wenn es etwas gibt, was ich an fairaudio kritisieren könnte, dann wäre es, dass diese irrwitzigen Preisentwicklungen nicht kritisch genug dargestellt werden – auch in den jeweiligen Tests. Abgesehen davon möchte ich nicht schließen, ohne der Arbeit von fairaudio ansonsten meine höchste Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen – das journalistische Niveau bewegt sich auf sehr hohem Level, inhaltlich ist alles nachvollziehbar und hilfreich. Das Ganze auch noch kostenlos als Web-Magazin (für das ich durchaus auch eine angemessene Abo-Gebühr bezahlen würde). Chapeau!

Liebe Grüße
Uwe Rudol

 

Lieber Herr Rudol,

vielen Dank für Ihre ausführliche Zuschrift und Kritik. Die ich nachvollziehen kann – aber freilich auch etwas sehr Subjektives hat. Denn jeder Leser und Hörer hat wohl seinen eignen Qualitätsanspruch und seine eigene Preisklasse, die er als adäquat fürs Hifi-Hobby ansieht. Was dem einen teuer erscheint, ist dem anderen gerade recht – und umgekehrt.

Was ich objektiv und sicher zur Entwicklung im Hifi- und Highend-Bereich sagen kann: Die Qualität ist über die Jahre kontinuierlich gestiegen, sogar bei der vermeintlich gut abgehangenen Lautsprechertechnologie. Und das sowohl in unteren Preisbereichen - es ist geradezu erstaunlich, wie schlagseitenfrei es hier heutzutage oft zugeht - als auch in den höheren. Gleichwohl gilt nach wie vor die schlichte Tatsache, dass man für mehr Geld auch mehr Qualität bekommt. Und dass diese Qualität – logisch, das gilt anderswo ja auch – so etwas wie einem abnehmenden Grenznutzen auf die jeweiligen zusätzlichen Euros unterliegt.

Ich wäre als Student oder Berufsanfänger jedenfalls froh gewesen, hätte ich mit meinen damaligen beschränkten Mitteln solche Klangqualität, wie sie derzeit möglich ist, einkaufen können – und freue mich heute über die Fortschritte bei highendigen Lösungen.

Schöne Grüße
Jörg Dames

Billboard
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