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Vinyl-Pressung bei Pallas (Teil 1)

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Vinyl-Pressung bei Pallas (Teil 1)

Das Pallas-Werk
Das Pallas-Werk in Diepholz

Ein Schallplattenpresswerk ist kein Hochglanz-Küchenstudio, sondern eine Fabrik. Aus den Rohstoffen Vinylgranulat und ein paar durchaus bedeutenden weiteren Zutaten wie bedrucktem Papier und Musik wird dort das erstellt, was wir so lieben: die Schallplatte. Die Maschinen, in denen die Platten gepresst werden, sind viele Jahrzehnte alt – dementsprechend kann man sich vorstellen, wie schwer es ist, sie in Schuss zu halten und Ersatzteile aufzutun. Holger Neumann, seines Zeichens Geschäftsführer bei Pallas (www.pallas-group.de), weiß davon ein Lied zu singen, und zwar in voller Albumlänge.

Hier passiert die Magie: Halle mit den Vinylpressen
Hier passiert die Magie: Halle mit den Vinylpressen

Doch in weiser Voraussicht war man bei Pallas mit Aufkommen der CD nicht mit wehenden Fahnen in Richtung Digitaltechnik gerannt, sondern hatte die alten Vinyl-Produktionssysteme eingemottet, ja sogar von anderen Werken Maschinen gekauft. Die Galvanikabteilung, in der die Druck-Matrizen hergestellt werden, stammt zu Teilen beispielsweise von der niederländischen EMI. Angesichts des aktuellen Vinyl-Booms und der gut vier Monate im Voraus komplett ausgebuchten Produktion hat man offensichtlich unternehmerisch richtig gehandelt. Hilfreich für ein reibungsloses Funktionieren des Produktionsprozesses ist auch, dass sich Werkzeuge und Vorgehensweisen seit einem halben Jahrhundert so gut wie nicht verändert haben und dass es ehemalige Beschäftigte gibt, die als klassische „Unruheständler“ gerne mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Diese Pressmatritze kann in die Machinen eingespannt werden
Diese Pressmatritze kann in die Maschine eingespannt werden

Nach der Anlieferung der Kupferscheiben aus dem DMM-Schnitt werden in der Galvanikabteilung Negativabdrucke der auf der Maschine geschnittenen Metallplatte erstellt, welche in einem nächsten Arbeitsschritt in einem Elektrolysebad sehr fein vernickelt werden. Diese Negativabdrucke kommen später in der Presse mit dem warmen Vinyl in Berührung, also der letztendlichen Platte. Wird statt der DMM-Kupferplatte eine Lackfolie angeliefert, sind zwei weitere Schritte notwendig, nämlich die Anfertigung einer Negativform „Vater“, wovon wiederum galvanisch bis zu zwanzig „Mutter“-Platten erstellt werden – abspielbare Positivformen. Davon wiederum werden „Söhne“ gefertigt: die Pressmatrizen für die Vervielfältigung.

Hier wird die Mutter kontrolliert und bei Bedarf bearbeitet
Hier wird die Mutter kontrolliert und bei Bedarf bearbeitet

Herr Neumann stellt mir den „Mutterstecher“ vor – keine Maschine, sondern eine Person! Diese Bezeichnung ist tatsächlich korrekt: Der Herr sitzt in einem separaten Raum und wird den lieben langen Tag „fürs Musikhören bezahlt“, so Neumann. Damit hat der Geschäftsführer auf eine gewisse Art natürlich recht, doch er wird schon wissen, warum er ihm für seine Tätigkeit Geld gibt. Tatsächlich hört der Mitarbeiter sämtliche Vorlagen durch, doch mit einem rein technischen Gehör – musikalische oder gar geschmackliche Aspekte werden ignoriert. Fällt ihm ein Knackser auf, markiert er den Bereich und betrachtet ihn unter dem Mikroskop. In den meisten Fällen entfernt ein geschulter Handgriff mit dem Stichelwerkzeug die Ursache.

Werkzeug zur „analogen Knackserentfernung“
Werkzeug zur „analogen Knackserentfernung“

Die Pressvorlagen direkt in die Maschine einzuspannen, ist keine gute Idee, da erst noch weitere Schritte nötig sind. Daher werden alle Negative von der Galvanik zunächst einmal von überschüssigem Metall befreit, der Rand wird zu einem Wulst gefalzt, um später die warme Vinylmasse kontrolliert austreten lassen zu können. Anstelle des kleinen Mittenlochs wird ein großer Ring ausgeschnitten, ähnlich dem, den man bei manchen Jukebox-tauglichen Singles findet.

Hier sieht man den warmen Vinylpuck zwischen den Etiketten und den beiden Pressmatritzen ...
Hier sieht man den warmen Vinylpuck zwischen den Etiketten und den beiden Pressmatritzen, …

..., eine Sekunde später wirken 200 Bar auf die Masse ein
… eine Sekunde später wirken 200 Bar auf die Masse ein

Sind die letztendlichen Pressnegative fertiggestellt und können oben und unten in die Pressen installiert werden, fehlt neben dem Ausgangsstoff Vinylgranulat noch eine weitere Komponente, die zur Produktion dringend benötigt wird: die Etiketten. Einfach nur ein rundes Stück Papier? Mitnichten! Es handelt sich bei den Etiketten um eine Drucksache auf Spezialpapier mit bestimmter Faserrichtung; schließlich muss es dem enormen Druck und der Temperatur von etwa 150 °C in der Presse standhalten, ohne zu reißen oder Farben und Konturen zu verlieren. Was viele nicht wissen: Damit beim Pressvorgang nicht zu große Temperaturunterschiede herrschen, sie elastisch sind und ein wenig Feuchtigkeit verlieren, müssen die Etiketten auf Spindeln einen Tag lang in Wärmeschränken vorgewärmt werden.

Behaglich: Die Etiketten werden einen Tag lang im Ofen durchgewärmt
Behaglich: Die Etiketten werden einen Tag lang im Ofen durchgewärmt

Wie alle anderen Drucksachen auch werden die Runddrucke bei Pallas von einem anderen Unternehmen angeliefert – eine eigene Druckerei würde sich schlicht nicht rechnen, außerdem hat man bei Pallas mit einem langjährigen Zulieferer beste Erfahrungen hinsichtlich Qualität und Terminplanung gemacht.

Etikettenspender: Die Maschine zieht die Etiketten automatisch ein
Die Maschine zieht die Etiketten automatisch ein

Musikproduktion: Pallas Group

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