Messebericht: Norddeutsche Hifi-Tage 2026
Kalte Tage, warme Ohren
von Andreas Guenther
Eisige Atmosphäre draußen. Drinnen die womöglich besten Norddeutschen HiFi-Tage ihrer Geschichte: viel zu erleben, schlaue Kombinationen, große Gedecke, echte Helden. Eine Hotelmesse wie ein Fixstern für Zukünftiges.
Wir verzichten in diesem Messereport auf eine schöne Nebensache: allzu viele Außenaufnahmen. Es war bitterkalt in Hamburg am vergangenen Wochenende. Offiziell minus sechs Grad, aber der Wind peitschte und selbst die Raucher standen nur sehr vereinzelt vor der Tür des Le Méridien an der Alster. Polemisch gedacht: Das Hotel war in diesem Sinne auch so etwas wie eine audiophile Wärmestube.

Im vergangenen Jahr spielten sich hier zwar keine tumultartigen Szenen ab, aber es war voll, übervoll, unangenehm: Ab 11 Uhr öffnete man eine Tür und blickte nur auf Männerrücken – kein Hereinkommen. In diesem Jahr hat die Veranstalterin Ivonne Borchert-Lima ein Eintrittsgeld verlangt. Nichts Großes, 15 Euro pro Tag, aber ein wichtiger und effektiver Filter – die Profis von Printmagazinen würden es eher „Schutzgebühr“ nennen. Was eine dramatisch bessere Stimmung brachte, bessere Atmosphäre. Schlicht bessere Arbeitsbedingungen.


Wer Punkt zehn Uhr vor dem Eingang stand, unkte, dass das Konzept eher wenige Besucher lockte. Keine Schlangen, keine überforderten Fahrstühle. Um 10.15 Uhr änderte sich die Szene komplett: Die ersten Busse fuhren vor. Ivonne Borchert-Lima hatte einen Shuttle-Service eingerichtet. „Die Busse fahren zur halben und vollen Stunde ab Heiligengeistfeld zum Veranstaltungsort.“ Schlaue Entscheidung. Gestern erreichten uns die offiziellen Besucherzahlen: 3248 Fans waren gekommen.
Good Vibes schon hinter der Drehtür: ein großer Stand mit Schallplatten – zum Anheizen. Dann wurde es trickreich: Die Nummer des Stockwerks ist nicht identisch mit der Nummer des „Levels“, und über den linken Trakt mit den großen Hörräumen führt eine verwinkelte Kombination von Halbtreppen zu den Gängen mit den normalsterblichen Hotelzimmern. Egal, man konnte doch den Ohren folgen.
Die Hersteller und Vertriebe werden jährlich immer besser – sie kennen ihre Kundschaft (Maßanzug eins) und die Chancen wie Grenzen der Räume (Maßanzug zwei). Echte Disproportionen von Raum zu Equipment haben wir nicht erlebt.


Den größten Raum mit repräsentativem Blick über die Alster hatte – abermals – Audio Reference gebucht. Nicht ein Set-up stand dort, nicht zwei, sondern deren drei. Ein Heimkino mit Perlisten-Lautsprechern inklusive. Mansour Mamaghani lässt es gern krachen. Nicht in den puren Lautstärken, nicht mit Actionfilmen. Das würde auch nicht zu seiner Erscheinung und seinem Geschäftsmodell passen. Aber es war schlicht die teuerste Versammlung des High-End aus weiten Teilen der Welt.

Die klassische Stereo-Selektion wurde mit Wilson Audio am Ende der Kette ausgestellt. Links die große Alexx V (um 215.000 Euro), rechts die bescheidenere Sabrina V (Test in der Mache). Links die ganz großen Röhren-Monos von VTL (125.000 Euro), genannt „Lohengrin“ (plötzliche Halluzination: Sehen wir da einen Schwan und einen Ritter auf der Alster?). Rechts der neue „Pendulum“-Vollverstärker von Dan D’Agostino (23.600 Euro). Spannend sind auch die Quellen. Klar musste das die „Hausmarke“ dCS bei allem Digitalen sein. Aber analog rotierten die LPs auf Plattenspielern von SME – ganz neu bei Audio Reference im Vertrieb, die vielleicht größte firmenpolitische Überraschung auf der Messe. Noch in diesem Frühjahr werden auch die Reibradantriebe von Garrad folgen.


Mansour Mamaghani lächelte. Auch wegen des Ansturms – es wurden Platzkarten und Tickets für Zeitfenster vergeben, alle ausgebucht. Etablierte, legendäre Marken. Da brauchte es auch einen wissenden, weisen Präsentator. Audio Reference hatte Lothar Brandt, den langjährigen Chefredakteur des Magazins Audio, eingekauft. Die Fans hingen an seinen Lippen. An seinen Lippen wiederum hingen Energy-Drinks. Wichtiger: Lothar Brandt brachte mehrere Flightcases seiner Lieblingsplatten mit. In der Kombination aller Werte und Verlockungen sicherlich der stärkste Auftritt auf der Messe.

Geld allein schießt keine Tore (am Messe-Sonntag hatte der HSV ein 2:2 gegen den FC Bayern gewonnen). Deshalb gleich die Gegenfrage: Was war unser Favorit bei den kleinen, feinen Aufbauten? Schlagen wir uns auf die Seite von GGNTKT. Kann man nicht aussprechen. Weil die Vokale fehlen: Einfach zwei E und ein A hinzudenken – „Gegentakt“ ist der geheime Claim. Ein Wortspiel, das den Takt der Musik mit einem „Dagegen“ vereint. Also die Robin Hoods, die Grunge-Band, die Punks. Nein, nicht wirklich. Gegentakt ist auch Schaltungstechnik und sind vor allem nette Menschen mit eigenständig designten Lautsprechern. Die sind vollaktiv, schlank, dünn fast. Beim Model M3 ein Woofer im Fuß (ab 29.950 Euro), daneben der kleine Model M1 (8.450 Euro, Test GGNTKT Model M1). Wirklich liebenswert auf den ersten Blick. Wo ist das namentliche „Dagegen“? Ein Class-D-Amp mit vierstelligen Watt-Zahlen ist nett, aber kein Gamechanger. Es ist die Kombination und insbesondere der Ringmembran-Kompressionstreiber in der Höhe. Der ist groß, spielt mit seiner Rückseite (!) in eine definierte Hornvertiefung und könnte uns mit 125 Dezibel hörunfähig machen. Wenn er wollte, aber alles sehr freundlich, elegant vorgeführt vom Firmenchef Roland Schäfer.

Echte Neuheiten? Wenige, sehr wenige. Weil wir blind sind. Wir haben viele Produkte schon in anderen Städten erlebt, einiges vorab in unsere Hörräume bekommen – da verliert man den Blick auf das wirklich Neue. Für die Norddeutschen war das aber in der Summe ein starker Aufschlag an Produkten, die noch längst nicht die Händler der Region erreicht haben.



Das haben auch die direkten Mitbewerber von Acapella umgesetzt. Ein neuer Chef, Richard Rudolph, der Sohn des Firmengründers, und ein schlankes Hornmodell, die La Campanella 2. Der Preis ist nicht schlank – 31.000 Euro für das Paar. Mit der hauseigenen Elektronik werden wir sechsstellig. Die komprimierteste Geldversammlung in einem Raum – aber wieder: hochgradig spannend und auch für kleine Räume geschaffen, sauber eingemessen. Starke Überraschung, die La Campanella 2 schafft durchaus ein neues Bild des Hornlautsprechers.

Backes und Müller dachte vergleichbar – aber mit fünffach so großem Konferenzsaal und einer Premiere, die neue BMLine 35 (ab 80.000 Euro) sollte sich einfinden. Dem war aber nicht so. Auf dem Weg vom Saarland entschwunden. Ein Running Gag in der Branche, kommt erstaunlich häufig vor (sollte Ihnen ein Pärchen BMLine 35 zu einem überraschend günstigen Preis von einer dunklen Laderampe angeboten werden, seien Sie kritisch).

Im Ernst: Backes & Müller hatte einen „Fallschirm“ dabei, die große Jubilé (48.000). Vollaktiv natürlich, aber vor allem perfekt eingemessen auf den Vorführraum. Das schrie mitunter nach hohen Pegeln. Erstaunlich, diese elegante, fast überschlanke Box, doch mit neun Chassis zur Front, darunter ein Zylinderwellenstrahler, 12-Zöller zu den Seiten. Hier es trifft das Wort „Aufschlag“ am besten. Auch hochfrequentiert dieser Raum. Auch diesmal von einem ehemaligen Print-Chefredakteur vorgestellt, Malte Ruhnke, lange Jahre Kapitän bei Stereoplay (sorry, in Hamburg zwingt sich das Wort Kapitän unvermeidbar auf).

Noch ein Kapitän, großes Schiff, kleine Bauformen dieses Mal – und in Geburtstagslaune: Udo Besser stellte die Sonderedition zum 40. Firmengeburtstag von AVM vor. Die Profis aus Malsch (siehe unser Firmenbericht AVM in Malsch) fertigen unter anderem starke, aber kostenintensive All-in-Ones. Nun die „Bronze“-Serie – der Name ist Programm: ein feiner, gedeckter Edelmetall-Schimmer für einen Plattenspieler, einen Streaming-Amp und zwei Kompaktmonitore. Wird mit Sicherheit ein Sammler-Trio, im erschwinglichen Preisbereich, um neue AVM-Fans anzulocken. Obwohl, nicht übertreiben: Mit gesammelten 14.970 Euro rangiert AVM nicht in der Studentenklasse. Die Technik ist etabliert, wie bei den Inspiration-Modellen – also komprimierter Edelstoff, der Streaming-Amp CS 2.3 stemmt in den groben Werten doppelte 140 Watt und in den feinen Werten gibt es PCM 32Bit/384kHz, DSD256, MM und MC. Full House nach Firmenphilosophie. Nebenbei: AVM hat sich ein weltweites Trademark gesichert. Bislang gab es nur ein Gentlemen-Agreement mit dem bekannten Router-Hersteller aus Berlin, der sich jetzt aber auf den Produktnamen „Fritz!“ konzentriert. Bahn frei für AVM in der Rolle des Highlanders – es kann nur einen geben.

Es kann nur einen geben, die gar nicht geplante Überleitung: Wer war einer der Helden der Messe? Der Mann, der den Preis für sein Lebenswerk verdient hätte. Ein Kämpfer, ein mitunter Unbequemer. Ingo Hansen von Phonosophie erfüllt natürlich die Rolle der Instanz in seiner Heimatstadt Hamburg. Ein toller Raum. Ein toller Klang. Ein Cellokasten an der Wand, viele abgeschrabte Gitarren. Welche Präsenz ist größer? Die der orangenen Großhörner von Avantgarde Acoustic (Duo SD) oder die von Ingo Hansen himself?
Das reibt sich interessant: die mächtigen Lautsprecher und das kleine Elektronikgedeck am Fenster. Marantz trifft hier Thorens mit dem kleinen „Phonosophie“-Aufkleber unter deren Logo. Ingo Hansen fertigt nicht primär selbst, er legt den Finger in die Wunde, wie es besser gehen kann. Nicht den Finger, eher den Schraubenzieher, das Messequipment und die CNC-Fräse. Kleine Kniffe, schlau, scheinbar simpel (ein Plug für den offenen Kopfhörerausgang!). Die Besucher staunten, fielen vom Glauben ab oder dem Glauben zu. Der Mann ist ein Portrait wert, wir planen einmal (wird lang und intensive Arbeit)



Welche Musik wurde gespielt? Klar, gab es die Klassiker, aber die Hamburger sind gar nicht so sehr auf wippende Füße im audiophilen Jazz-Keller aus. Es durfte krachen. Je später der Tag, desto höher die Pegel. Die Aussteller, gerade im nördlichen Hotel-Bereich der Konferenzräume, hatten sich abgesprochen – eine halbe Stunde Wir, die nächste halbe Stunde Ihr. Die Zeiten der feindlichen Dynamik-Salven sind vorbei unter erwachsenen Menschen.
Es wurde progressiv, Elektro-Pop, viele Live-Stadion-Mitschnitte. Die Bassmembranen waren nicht nur zum Streicheln da. Ich habe ein sehr schönes St.-Pauli-Tattoo auf einem Unterarm gesehen und im Nachbarraum die Toten Hosen grölen gehört – „Früher war alles besser“. War es nicht, das war die beste Messe im Norden, mit Strahlkraft weit in die Zukunft.


Leserbrief
