Messebericht: Norddeutsche Hifi-Tage 2025
The Sound of Alster
von Andreas Guenther
Ein „zarter Schleier“ sieht anders aus. Tatsächlich lag am ersten Februar-Wochenende eine dicke Nebelsuppe über Hamburg. Immerhin kein Regen in der deutschen Hauptstadt des Schietwetters. Des einen Leid, des anderen Freud: Nichts lockte nach draußen, alle wollten in das schöne Hotel an der Alster. Ein Besucherrekord für die Norddeutschen HiFi-Tage – über 5.000 Interessierte kamen. Von Platzangst zu reden, wäre nur ein Stück weit übertrieben.

Das könnte man ganz schnöde-formal als Erfolgsgeschichte lesen. Tatsächlich ist es auch und eher die schlaue Taktik und Lebenserfahrung von Ivonne Borchert-Lima, der Chefin des Events. Die Anfangszeiten der Norddeutschen HiFi-Tage bestritt man über zehn Jahre lang in einem charmereduzierten Hotel an einer vielspurigen Zufahrtsstraße. Wer dabei war, spricht noch heute von einer Handelsvertreter-Vorhölle. Dann der Aufstieg in ein Golfhotel mit Luxuscharme – aber weit, weit draußen im Nordosten, dennoch gute Jahre nach der Pandemie. Jetzt Bingo: Ein Etablissement gleich neben dem legendären Atlantik-Hotel, 2003 gebaut, renoviert und mit klanglich perfekten Räumen. Dazu später, erst zu den praktischen Tipps – denn die Chancen stehen gut, dass Ivonne Borchert-Lima das Hotel Le Méridien auch für die nächsten Jahre bucht. Wer mit dem Auto kommt, ist im Kopf falsch abgebogen – es gibt wenig Parkplätze, ein paar Tiefgaragenstellplätze zwar, und der Porsche könnte im ruppigen St.Georg-Viertel abhandenkommen. Der Shuttle-Service vom Heiligengeistfeld ist nett, kostenlos dazu, vollelektrisch – aber überlastet. Also die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, ein Spaziergang ab dem Hauptbahnhof, das ist zwar nicht der schönste Fleck Hamburgs, aber alles andere wäre unpraktisch. Einzige Alternative: Wer mit seiner Privat-Jacht käme, könnte auch den Anlegesteg nutzen.
Das war ein Seitenhieb. Aber angemessen. Wir sind in der Stadt der Hanse-Kaufleute, das dezente Geld ist da, also sollten auch die Aussteller auf der Messe das dezente Geld anlocken. Nein, es wurde üppig, laut, großformatig, mitunter super-teuer. Die Branche zeigte Muskeln. Was gerade uns als Journalisten herausfordert – auch das Feine suchen, die schlauen Upgrades, das Geheimtipp- Erschwingliche. Es war da.

Suchen musste man es vor allem, weil die Jäger des verlorenen Schatzes schlichtweg nicht allein im Urwald waren: Menschen über Menschen – am ersten Tag war ab 12 Uhr kein Durchkommen mehr in den Gängen, von dem Zutritt zu den Ausstellungsräumen ganz zu schweigen. Es wurden Zeitkarten vergeben, nette Damen und echte Türsteher organisierten Zu- und Abfluss.
In diesem Sinne mussten auch wir Kämpferqualitäten zeigen. Und tricksen: Mit Presseausweis durfte man sich eine Stunde vorher in das Gebäude schleichen, zudem hatten manche Hersteller und Vertriebe auch zu externen Pressekonferenzen eingeladen.
Also die erfolgreiche Gegenmesse zu Wien, von der wir kürzlich berichtet haben? Das wäre zu einfach. Äpfel, Birnen, verschiedene Konzepte.

In Wien wird die international ausgerichtete Messe der High-End-Society ab 2026 gastieren. Im November war Generalprobe – in einem riesigen Areal, in dem sich die interessierten Besucher verlaufen und klein fühlen durften (siehe Messebericht Finest Audio Show Vienna 2024). Die Norddeutschen HiFi-Tage sind eine regionale Messe, mit lebensnahen Kaufimpulsen – und eben im besten Sinne eine Old-Fashion-Hotel-Messe. Bedeutet: Enge Gänge, wenig Konferenz-Säle, aber viele, viele Zimmer, hier und da auch eine Suite. Der doppelte Vorteil ist schnell benannt: Gute Hotels liegen zentral, gute Hotels sind heutzutage schalloptimiert, weil die schnarchenden Gäste einander nicht sägen hören wollen. Also: viel Teppich, dicke Wände, schalldichte Fenster und noch allerlei mehr an Klangoptimierung. Die meisten Hersteller und Vertriebe reisten mit eigenen passiven Sound-Elementen an, die wurden aber nicht zwingend gebraucht. Botschaft bis hierhin: schlaue Wahl, guter Ort, alles richtig gemacht, liebes Messe-Team.
Nur ein winziger Haken, vielmehr zwei. Auf der nördlichen Seite liegen die Konferenzräume – nur über den langen Weg im Erdgeschoss kommt man zu den kleineren Ausstellern im Südteil. Und die Hotelleitung schien beschlossen zu haben, dass hier nur gebrechliche Messebesucher und „echte“ Hotelgäste die Aufzüge benutzen sollten. Alle anderen wurden vor den Aufzügen lächelnd-freundlich vom Personal in kahle Treppenhäuser verwiesen. Fühlte sich wie eine Zwei-Klassen-Lösung an, da tickt Handlungsbedarf.

Machen wir Station!
Best Sound of the Show? Schwierig – zu viele Räume, zu viele Ambitionen, zu unterschiedliche Preise. Schön für das Lebensgefühl ist aber der Fakt, dass in Hamburg alles sehr fokussiert wirkte: Geld allein schießt keine Tore. Das Superteure tendierte klanglich mal wieder zur Hochanalyse, mitunter leicht hart und schwer beweglich. Ganz subjektiv und als Stellvertreter für den Trend zum Guten und Erschwinglichen: Frank Urban und sein Berliner Vertrieb von Audium (https://vertrieb.audium.com/). Die hatten natürlich ihre hauseigenen Audium-Punktschallquellen mitgebracht, aber auch die neue Marke im Vertrieb – Pylon. Die kommt aus Polen, ist mit den bekannten skandinavischen Weltmarkt-Chassis bestückt, aber wunderbar agil abgestimmt. Dazu als Antrieb ein neuer Vollverstärker von Fezz Audio – es glimmt und musiziert ebenso souverän wie lustvoll. In dieser Kombi wäre man mit 11.500 Euro dabei und hätte wahrscheinlich alles richtig gemacht.

Unübertroffen und unnachahmlich gönnte Mansour Mamaghani von Audio Reference (https://www.audio-reference.de/) sich und seinen Kunden den größten Loft mit Blick auf das Wasser. Dazu gleich zwei Großaufbauten – das geht so langsam in die Richtung der „teuersten Anlage der Welt“, wie sie auf der IFA tausende Berliner anlockte. Damals, alte Zeiten, aber auch in Hamburg der Hotspot des Interesses. Die Security musste die Besucherströme zähmen und die Schätze bewachen.
Das war ein Set-up weit über einer Million Euro. Die Lautsprecher wurden aus Salt Lake City herbeigeschafft, die kleine WATT Puppy von Wilson Audio plus die Chronosonic XVX 4 Seasons limited Edition im „Winter“-Finish. Schlicht unfassbar in den Ausmaßen und den Ansprüchen. Auch bei den Verstärkern. Audio Reference stapelte die Elektronik von Dan D’Agostino mit allen Optionen, dazu Stromaufbereiter – das war nicht nur finanziell, sondern auch energietechnisch überbordend. Nur für das Lebensgefühl: Die Verkabelung mit Nordost lag mit 500.000 Euro auf dem gleichen Preisniveau wie die großen Wilsons. Klanglich? Wow –einschüchternd vielleicht, aber da lebte eben der besondere Moment, an dem man fühlen durfte, dass hier alles, wirklich alles einer guten Aufnahme die Ohren erreichte.


Wer sich nach dieser Hörsession noch bewegen konnte, schlenderte links im Raum an einem weiteren Superlativ vorbei: Thorens (https://www.thorens.com/de/) hat sehr schlau seinen Superplattenspieler „New Reference“ (ab 220.000 Euro) an die größte Kombi gesellt. Ultimativ trifft ultimativ. Auf der anderen Seite des Hotels lag der eigentliche Showroom von Thorens – mit der Gegenwelt. Praktische Plattenspieler, fein gestaffelt in Preisen und Ansprüchen. Der Chef Gunter Kürten nahm mich zur Seite und zeigte „Something Completely Different“: Den portablen Plattenspieler „Coturn“ – sicher der kleinste Plattenspieler in der Geschichte der 142 Jahre alten Company. Aber weit entfernt von Plastik und Spielzeug. Für unter 500 Euro soll hier die Jugend gelockt werden. Das ist schönste Feinmechanik, volles Aluminium, ein stabiles Audio-Technica-System an der Spitze und natürlich mit Bluetooth und Kopfhörerausgang. Ich glaube, ich kaufe es mir – allein, weil es so mutig, seltsam, bewundernswert ist. Sicherlich ein Sammlerstück, mit der Chance auf eine Glasvitrine im Museum of Modern Art in New York.

Noch ein Aspekt, an dem man sich in Hamburg erfreuen konnte: Das war – Entschuldigung für den Kraftausdruck – eine weitgehend Bullshit-freie-Zone. Selbst die kleinsten Hersteller und Vertriebe versuchten es mit Sinn, definierten Werten in der Verarbeitung und klanglichen Ausrichtung sowie der Wahl der vorgeführten Musik. „Hotel California“, „Brothers in Arms“? Ist mir nur in einem Raum begegnet und hat den Fluchtimpuls ausgelöst. Dagegen viel sittlich korrekte Lautstärken, im Gegensatz zur Messe in München versuchten sich die Konkurrenten nicht in Dezibel-Grabenkämpfen. Sehr fein in diesem Sinne agierte Lyravox (https://lyravox.com/) – die hatten als Nordlichter ein Heimspiel. Deren Fertigung liegt im Süden Hamburgs mit eigenem Wasserzugang, Dr. Götz von Laffert hätte auch mit dem Boot kommen können. Er hatte seinen etablierten „Karlos“ dabei, aber mit erneuerter Elektronik. Zwei weiße Quader im abgedunkelten Raum, in der Mitte der ebenfalls weiße Kubus mit aller Quell-Elektronik. Das ist Lebensstil, fettfrei, aufgeräumt, klanglich jedoch mit Schub und einer wirklich guten Software, über die der Raum umfassend mitberücksichtigt werden kann.

Ein Trend im Trend: Das bekannte, „normale“, dynamische Chassis ist nett, aber in Hamburg wurden auch die Exoten mit offenen Ohren empfangen. Voxativ (https://voxativ.berlin/) hatte im Vorfeld heftig die Werbetrommel gerührt und den Riesenlautsprecher „Alberich Array“ mitgebracht. War das nicht eigentlich der Zwerg aus Wagners „Ring“-Tetralogie? Ja, aber Schwamm über Spitzfindigkeiten. Hier saß man vor einem Turm aus drei Breitband-Gehäusen plus Bassmodul bei insgesamt 180 Zentimetern Höhe. Erstaunlich in der Energieausbeute. Allenfalls konstruktionsbedingt getoppt von Hörnern. Die auch auf der Messe ihre Präsenz zeigten – die Fans der Bauweise pilgerten von Acapella zu Avantgarde Acoustic und zurück.

Dazu ein Großaufgebot an Bändchen, Air-Motion-Transformern – und Flächenstrahlern. Eine Marke schien verschwunden, feierte in Hamburg aber fröhliche Wiederauferstehung mit Fanpotential. Magnepan (https://www.reichmann-audiosysteme.de/) wird seit kurzem von Jürgen Reichmann wieder von Minneapolis über den Atlantik nach Deutschland gebracht. Legendäre Technik, gar nicht so teuer – was der neue deutsche Vertrieb aber vor allem zeigen wollte: gar nicht so kritisch und divenhaft, wie die Vorurteile raunen. Die neue 2.7i hing an einer klassischen Kombi von Musical Fidelity, die aber mit den Nu-Vista-Röhren den feinen Swing zu inszenieren verstand. Optisch eher unaufgeregt. Zumal noch ein echter Blickfang im Raum seine Runden drehte: ein Platine-Verdier-Vinyl-Laufwerk. Ist es ein Bindfaden oder gar ein Damenhaar, das die Rotation vom externen Motor an den 16 Kilo-Plattenteller überträgt? Ein ganz starker Haben-Wollen-Effekt.


Irgendetwas, irgendwen vergessen? Leider viel zu viel. Aber ein bisschen Fotostrecke haben wir noch. Die mehr sagt als aller Fließtext. Auf das Fazit können wir verzichten, das sollte eigentlich in den vorangegangenen Zeilen offensichtlich gewesen sein: die beste Messe jemals in Hamburg, Aufbruch in eine neue Zeit, über 5.000 Besucher haben mit den Füßen abgestimmt. Und wahrscheinlich mit leichtem Delay auch bei den nun brütenden Kaufimpulsen in den Tagträumen.













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