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Der Tontechniker und die Recording-Session

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Der Tontechniker und die Recording-Session

Stellen Sie sich vor: Die beste Leinwand, das schönste Licht, die teuersten Ölfarben, die größtmögliche Variation von Pinseln, ein sagenhaft schönes Modell – all das ergibt so ganz von alleine bestimmt kein gelungenes Bild. Auch eine hervorragende Anlage im akustisch sorgsam hergerichteten Hörraum kann grottenschlecht klingen: Fürchterliche Musik, grauenvoll gemischt, macht es möglich! So ist auch die gesamte Tontechnik nur Mittel zum Zweck und vermag den musikalischen Prozess zu unterstützen, kann vielleicht sogar inspirieren, mehr aber auch nicht.

Somit fällt dem Tontechniker eine weit größere Aufgabe zu, als nur seine Werkzeuge zu bedienen, wenngleich man zugeben muss, dass es sie tatsächlich gibt, diese vertechnisierten, scheuklappigen „Gear Heads“, von denen die introvertierten beim Gespräch auf die eigenen Schuhe schauen und die extrovertierten immerhin auf die Schuhe ihres Gesprächspartners.

Allerdings sind sie deutlich in der Unterzahl, denn die Hauptaufgabe von Studiopersonal ist es nicht, in seinen Werkzeugen zu versinken und den Blick auf Mikrofone, Bedienpanels und in Computermonitore zu richten und technische Zusammenhänge zu murmeln, sondern mit daran zu arbeiten, dass Musiker Höchstleistungen vollbringen, um diese möglichst optimal einzufangen. Es ist eher selten geworden, dass Produktionen von Tontechniker, Assistent, Produzent, diversen Instrumententechnikern, Vocal-Coaches und einigen Personen mehr betreut werden. Bis zu einer gewissen Größe einer Produktion ist der Tontechniker für viele dieser Aufgaben zuständig.

Es gibt natürlich auch die komplette Personalunion von Komponist, Texter, Musiker, Sänger und Techniker. In manchen Fällen ist ein großartiges Album sogar eine „Bedroom Production“, die hauptsächlich in Wohnungen und Proberäumen aufgenommen und manchmal sogar dort gemischt wurde – dass ordentliche Technik mittlerweile bezahlbar und zum Massenmarkt geworden ist, trägt durchaus Früchte! Dennoch bleibt die qualitative Speerspitze nach wie vor den „erwachsenen“ Tonstudios vorbehalten.

Eine Recording-Session stellt hohe Ansprüche an die Musiker, die sich oftmals einer besonderen Situation ausgesetzt sehen, denn in Übungsräumen und selbst auf Bühnen befinden sie sich gemeinhin häufiger als in Studios – in denen gerne zudem die Zeit knapp und teuer ist.

studio atmosphäre

Blick aus einem Aufnahmeraum im SAE Institute Köln in den großen Regieraum. Im Vordergrund ist eine Konstruktion mit drei Scheiben zu erkennen

Eine Grundvoraussetzung für eine gute Performance ist natürlich eine entsprechende Stimmung. Ich sage bewusst nicht „gute Stimmung“, denn je nach Musik sind – eigentlich im übertragenen Sinne gemeint, aber manchmal auch ganz handfest – Duftkerzen und Poster von fernöstlichen Tempeln oder Spinnennetze und Totenköpfe angesagt. Das sieht man ja alles glücklicherweise später auf dem Tonträger nicht. Gutes Recording-Personal sollte schnell, gut und sicher bewerten können sowie versuchen, passend zu agieren, einen guten Mittelweg zwischen Lob und Kritik zu finden, ermutigen können – einfach viel Menschenkenntnis, Erfahrung und weitere Soft Skills besitzen, damit aus einer gewöhnlichen Aufnahme das wird, was uns als Musikkonsument am meisten fesselt: etwas Magisches, Perfektes, Einzigartiges. Und selbstverständlich ist das Spektrum an Charakteren in der Tontechnik genauso groß wie unter den Musikern.

Oft gilt es auch abzuwägen, ob die technische Ungenauigkeit oder die grandiose Performance einer Aufnahme überwiegt. Der sagenumwobene „Golden Take“ eines Musikers ist nämlich dadurch definiert, dass er eben nicht wiederholbar ist. Natürlich gibt es auch sehr bodenständige Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Performance. Eine sehr unterschätzte ist die des Monitorings: Ob im Playbackverfahren oder live eingespielt, es ist unabdingbar, dass der jeweilige Musiker oder Vokalist sich und die anderen notwendigen Signale gut hört. Mit „gut hören“ ist mehr gemeint als eine ausreichende Lautstärke. So lässt sich beispielsweise mit dem Verhältnis von Stimme zu Hauptinstrumenten und mit der Gesamtlautstärke bestimmen, wie ein Sänger oder eine Sängerin später auf dem Medium zu hören ist: Ist die Stimme recht leise zu hören, wird man gegen die anderen Signale „anbrüllen“, ist die Stimme eher leise, wird man verhaltener singen, bis hin zur säuselnden, ja brüchigen Stimme.

virtuelle instrumente

Sie sehen, es ist ein mühsamer Prozess und bedarf umfangreicher Kenntnisse, ein wenig Musik einzufangen – und damit alleine ist es ja noch lange nicht getan. Wir schreiben das Jahr 2014, und heute ist in der Musikproduktion eine Möglichkeit der Einflussnahme möglich, die man vor wenigen Jahren noch als Alchemie bezeichnet oder womöglich als utopische Spinnerei abgetan hätte. In vielen Musikrichtungen – auch in solchen, in denen man es eher nicht erwartet – ist es Gang und Gäbe, dass umfangreich editiert wird. Das Ziel ist Perfektion des letztendlichen Produkts, oder zumindest das, was manche dafür halten.

Doch wenn man sich vor Augen führt, bei welchen Timing- oder Intonationsungenauigkeiten, die man auf Klassikern der Beatles, vielleicht besonders der Rolling Stones und The Who, aber auch auf Pink Floyds HiFi-Vorzeigeplatte „The Dark Side Of The Moon“ finden kann, kann man sich fast sicher sein, dass alle Beteiligten sofort nach Editierungen verlangen würden, wenn das Recording 2014 stattgefunden hätte. Editierungen beschränkten sich lange auf das Aneinanderkleben gelungener Songteile, wobei die Klebe hier nicht nur als Begriff, sondern wirklich in Form eines Klebestreifens zum Einsatz kommt. Geschnitten wurde das Tonband mit Hilfe einer handelsüblichen Rasierklinge.

Musikproduktion: Musikproduktion heute, Teil 2: Recording und Editing

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