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Mikrofonierung: wichtige Stereoprinzipien

Inhaltsverzeichnis

  1. 4 Mikrofonierung: wichtige Stereoprinzipien

Eine Besonderheit in der Mikrofonierung stellen übrigens Klassikaufnahmen dar. Zwar sind auch hier aktuelle Aufzeichnungen ausschließlich mit einem Stereomikrofonsystem rar geworden, doch gibt es nicht selten zwei möglichst ideal aufgestellte Mikrofone, die den größten Signalanteil liefern und auch wichtige Aufgaben für die Ortung von Signalen erfüllen. Die Tontechnik kann sich dabei einer weiten Reihe von Stereoprinzipien bedienen.

Eines der einfachsten Systeme ist es, zwei Mikrofone gleicher Bauart an einem Punkt aufzubauen und etwas gegeneinander zu verdrehen. Dieses „XY“ genannte Stereoverfahren arbeitet mit Pegel-Intensitätsunterschieden.

XY-Mikrofonierung
XY-Mikrofonierung

Benutzt man wie so oft Kleinmembran-Nierenmikrofone, besitzt der frontal eintreffende Schall natürlich den höchsten Pegel. „Zeigt“ das Mikrofon, welches später der linken Lautsprecherbox zugeordnet wird, beispielsweise im Orchester auf die ersten Streicher, werden diese Streicher-Signalanteile vom linken Mikro sehr laut, vom rechten Mikrofon nur schwach aufgezeichnet. Der Vorteil dieses Systems ist, dass man mit nur einem Mikrofonort arbeiten muss; im Ergebnis können derartige Aufnahmen eine extreme Ortungsschärfe besitzen, lassen im Gegenzug jedoch etwas räumliche Tiefe vermissen. Der Tonmeister kann neben dem Mikrofonort sehr viele Parameter bestimmen, darunter die Richtcharakteristik und den Typen des Mikrofonpärchens, sowie – besonders wichtig – den „Öffnungswinkel“ der beiden Schallwandler, also den Umfang der Verdrehung der beiden Mikros zueinander, mit welchem er die Breite der Stereobasis seiner Aufnahme bestimmt.

Unser Gehör wertet zur Richtungsbestimmung aber nicht nur Lautstärkeunterschiede von einem Ohr zum anderen aus, sondern auch die Laufzeitdifferenzen – Schall benötigt zur Fortpflanzung im Medium Luft immerhin einige Zeit. Anstatt ein Signal auf einer Lautsprecherbox leiser zu machen, kann man es auch schlicht und einfach verzögern, was ungefähr den gleichen Effekt hat! Soll eine Stereomikrofonierung diese Laufzeitunterschiede aufzeichnen, müssen sich die Mikrofone in gewissem Abstand zueinander befinden. Die Bezeichnung für ein derartiges System lautet ganz banal „AB“.

AB-Mikrofonierung
AB-Mikrofonierung

Ganz besonders wichtig ist hier der Abstand der Mikros, welcher von einigen Zentimetern bis zu wenigen Metern reichen kann. Gerade bei großen Klangkörpern in gut klingenden Räumen wird AB gerne eingesetzt. Zwar ist die Ortungsschärfe eher schlecht, doch erreicht man mit anderen Systemen nicht das „Volumen“ wie mit einem AB. Im AB kommen meist Kugelmikrofone zum Einsatz, die bei ihrer idealen Bauform besonders mit einem sehr linearen Frequenzgang glänzen und auch tiefste Bässe sehr gut aufzeichnen können.

Neben XY und AB gibt es noch eine Reihe an Mischformen der beiden Prinzipien, etwa das verbreitete „ORTF“ mit festgelegten Parametern bezüglich Richtcharakteristik, Abstand und Winkel. Zudem gibt es weitere Möglichkeiten, ein Stereobild zu erzeugen, darunter das zunächst recht komplizierte „MS“ mit einem Mikrofon für das Mono-/Mittensignal und einem, welches ausschließlich die Stereoinformation beinhaltet, der „Decca-Tree“, welcher mit drei Mikrofonen arbeitet, das „Blumlein“ mit zwei Achten im Winkel von 90°, Mikrofonsysteme mit Trennscheiben in der Mitte, die Nachbildung des menschlichen Kopfes als Stereomikrofon (der sogenannte „Kunstkopf“) und einige mehr. Natürlich gibt es auch für die Surround-Aufzeichnung verschiedene Systeme, etwa den Fukada-Tree, das IRT-Kreuz oder die INA5. Genug davon!

Das Hauptmikrofonsystem der Wahl wird oftmals erweitert um sogenannte Stützmikrofone, die helfen, bestimmte Instrumente oder Instrumentengruppen gezielter zu bearbeiten, und sei es nur, um sie in manchen Passagen etwas präsenter zu machen. Sind Harfen, Holzbläser, der Solist oder etwa die Bratschen zu leise auf dem Hauptmikrosystem (was bei Bratschen kaum vorstellbar erscheint), dann können die einzelnen Instrumente oder gar Gruppen mikrofoniert werden. Der Vorteil ist neben dem reinen Pegelzuwachs, dass diese Instrumente einzeln bearbeitet werden können, also etwa die Höhen etwas abgesenkt oder angehoben werden können. Im späteren Mix muss dabei darauf geachtet werden, dass das Hauptmikrofon weiterhin die Hauptrolle spielt. Erreicht wird das nicht nur dadurch, dass die zusätzlichen Mikrofone nicht zu laut geregelt werden, sondern auch dadurch, dass deren Signale zeitlich nicht vor dem Hauptmikrofon auftreten, da unser Gehör das zuerst kommende Signal als Referenz für viele Klangparameter nutzt. Weil die Stützmikros sich jedoch näher an den Instrumenten befinden als das Hauptinstrument, werden sie mit Delays verzögert.

Mikrofonvorverstärker
Mikrofonvorverstärker

Mikrofonsignale müssen enorm hochverstärkt werden, um auf einem angemessenen Pegelniveau zu sein, vergleichbar mit Schallplattensystemen, deren Ausgangspegel ja ebenfalls winzig sind. Die Aufgabe des Verstärkens übernehmen Mikrofon-Vorverstärker, die auch in andere Geräte – etwa Mischpulte oder Computer-Audiointerfaces – eingebaut sein können. Auch hier gibt es eine hohe Vielfalt, von äußerst billig bis schmerzlich teuer, von puristischen, äußerst sauber und transparent arbeitenden Varianten bis hin zu den Klang stark beeinflussenden Preamps, die gerne mit Röhren und Übertragern eine klangliche Duftmarke hinterlassen. Hier gilt aber wie bei Mikrofonen, dass alleine die Verwendung bestimmter Bauteile über den tatsächlichen Klangcharakter noch nicht viel aussagen muss, so gibt es etwa sehr, sehr helle, feine Röhrenmikrofonvorverstärker. Oft sind Preamps mit einer Reihe von Zusatzfunktionen ausgestattet, welche beispielsweise das Entfernen von Tiefbassanteilen aus dem Signal erlauben, die Phasenlage invertieren oder schon „To-tape“-Bearbeitungen vornehmen können, die sonst eher im Mixdown getätigt werden. Wichtig ist hier natürlich, wie bei den Mikrofonen, dass der Tontechniker seine Werkzeuge kennt und in Kombination mit anderen (vor allem Mikrofonen) klanglich einzuschätzen weiß – und die passende Wahl trifft.

Sie sehen, es ist ein mühsamer Prozess und bedarf umfangreicher Kenntnisse, ein wenig Musik mit Mikrofonen einzufangen – und damit alleine ist es ja noch lange nicht getan. Wir schreiben das Jahr 2014, und heute ist in der Musikproduktion eine Möglichkeit der Einflussnahme möglich, die man vor wenigen Jahren noch als utopische Spinnerei abgetan hätte – darum soll es im zweiten Teil dieser Serie gehen …

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Musikproduktion: Musikproduktion heute, Teil 1: Mikrofon und Mikrofonierung

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Über den Autor

Equipment

Analoge Quellen: Laufwerk: Thorens TD-316 MkII mit Nagaoka MP-110 Sonstiges: Rega Radio, Moog Sub 37

Digitale Quellen: D/A-Wandler: Lavry DA-11, Merging Technologies HAPI (AD/DA-Wandler) CD-Player: Rega Apollo Sonstiges: Apple iPad Mini 2, Apple MacBook Air Mid 2013, Focusrite Scarlett 6i6 USB, Sony BDP-S490

Vollverstärker: Rega Mira

Lautsprecher: Auratone 5C, JBL Control 1C, Genelec 8010A, Piega TMicro 5, Vogel Custom Blue & White

Kopfhörer: Stax SRS-2170, Audio-Technica ATH-R70x, Ultrasone ProLine 2500, AKG D-240DF, Beyerdynamic DT150, Beyerdynamic Custom One, KOSS Porta Pro, Apple Earbuds, Panasonic RP-HJE120-PPK, Audio-Technica ATH-ANC40BT

Kopfhörerverstärker: Rupert Neve Designs RNHP , iFi iDSD nano

Mobiles HiFi: Apple iPhone 5s, iFi iDSD nano

All-In-One: Arcam Solo Mini DAB+

Kabel: Lautsprecherkabel: Oehlbach Ultrastream NF-Kabel: Vovox Link, Vovox Sonorus

Größe des Hörraumes: Grundfläche: 51 m² und 12 m² Höhe: 2,3 m und 2,1-2,6 m

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