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Linn – Kultur und Wissenschaft

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Linn – Kultur und Wissenschaft

Kultur und Wissenschaft machen heute also einen Großteil des Charmes der Stadt aus, und eine Firma wie Linn, die beide Aspekte so trefflich vereint, passt hervorragend ebendort hin. Linn tut sich nicht nur in Sachen innovativer Technologien und Fertigungsmethoden hervor, sondern betreibt auch ein eigenes Musiklabel, unter dem hochklassige Künstler wie Claire Martin, Carol Kidd oder das Dunedin Consort in schöner Regelmäßigkeit hervorragend klingende Aufnahmen herausbringen. Diese sind oft auch auf 180-Gramm-Vinyl erhältlich, fast immer jedoch als Download in Studio-Master-Qualität – also mit bis zu 192 kHz/24 Bit als FLAC oder ALAC (Apple Lossless Coding) oder in (SA)CD-Qualität. Zudem ist Linn einer der wenigen echten Vollsortimenter in der HiFi-Branche. Hier bekommt der Kunde wirklich ALLES, was in einer HiFi-Anlage benötigt wird, von der Aufnahme über den Tonabnehmer und das Verbindungskabel bis zum Lautsprecher, aus einer Hand. Alles ist aufeinander abgestimmt, alles passt, es gibt keine Unwägbarkeiten bezüglich elektrischer oder klanglicher Kompatibilität. Ich persönlich mag so was.

Kleine und größere Formteile werden in Handarbeit gebogen
Kleine und größere Formteile werden hier gebogen

Linns Anspruch an die Qualität seiner Produkte wird augenscheinlich, wenn man die Gelegenheit erhält, sich das Werk in Glasgow von innen anzusehen. Hier arbeiten derzeit etwa 150 Mitarbeiter daran, die schottischen Preziosen zu entwickeln und zusammenzubauen. Eine Besonderheit neben der Fertigungstiefe der Produkte direkt vor Ort dürfte sicher sein, dass von den besagten 150 Mitarbeitern 35 alleine im Bereich Entwicklung arbeiten – und ein nicht geringer Teil davon im Software-Engineering. Das liegt vor allem daran, dass die Schotten als einer der ersten High-End-Hersteller überhaupt massiv auf den Einsatz der SMD-Technologie (Surface Mounted Devices) gesetzt und ab 2009 sogar dem CD-Laufwerk zugunsten integrierter Streaminglösungen gänzlich abgeschworen hat. Dies nicht nur handwerklich, also in der Produktion, sondern auch schon beim Layout und der Entwicklung zur Perfektion zu bringen, das bedarf geballter Intelligenz und Entwicklerkraft.

Hier werden die zurechtgeschnittenen, geformten und sandgestrahlten Teile im Laugenbad entfettet und gesäubert
Hier werden die zurechtgeschnittenen, geformten und sandgestrahlten Gehäuseteile im Laugenbad entfettet und gesäubert

Keith Robertson, Technical Director und damit ranghöchster Ingenieur bei Linn, ist dann auch Feuer und Flamme für seinen Arbeitgeber. Eigentlich kommt er aus einer ganz anderen Branche und weiß eine sehr bestechende Geschichte über die Umstände zu erzählen, die ihn zu Linn brachten:

„Ich bin vor etlichen Jahren aus Kanada ins Vereinigte Königreich gekommen und habe mich nach meinem Studium auf einen Job in London beworben. Dummerweise habe ich am Tag meines Vorstellungsgesprächs vor lauter Nervosität den richtigen U-Bahn-Stopp verpasst und kam daher deutlich zu spät. Man muss sich das vorstellen: Als Jungspund ohne Berufserfahrung beim ersten Vorstellungsgespräch zu spät zu kommen, das ist eine Katastrophe! Als ich dann endlich am richtigen Ort war und an der Tür klingeln wollte, öffnete diese sich und heraus kam der Mann, der mich interviewen sollte. Und in dem Moment tat er das Beste, was mir in dieser Situation passieren konnte: Er sah mich an und fragte, ob wir nicht zuerst mal einen Kaffee trinken gehen sollten. Dieser Mann war Gilad Tiefenbrun, und die Firma, für die er und später dann auch ich arbeiteten, war Symbian (Anm. d. Red.: einer der ehemals bedeutendsten Hersteller von mobilen Betriebssystemen, u.a. für Nokia, Samsung und Motorola). Vier Jahre später dann fragte er mich, ob ich ihn nicht nach Glasgow begleiten wolle, wo er die HiFi-Firma seines Vaters übernehmen wollte. Ich sagte ihm, dass er verrückt geworden sei, schließlich seien wir Software-Ingenieure, und Linn sei nun mal keine Software-Firma. Er sah mich wieder nur ganz ruhig lächelnd an und sagte: ‚Noch nicht.’ Das war vor etwas über zehn Jahren, und heute entwickeln wir die vielleicht anspruchsvollsten Software-Lösungen auf dem High-End-Markt. Und mit Linn Exakt betreten wir ein Gebiet, das vor uns noch niemand so bearbeitet hat.“

Nach der Reinigung gehen die Gehäuseteile durch eine automatisierte Lackiererei und einen Trockenofen
Nach der Reinigung gehen die Gehäuseteile durch eine automatisierte Lackiererei und einen Trockenofen

State of the Art

Zu Linn Exakt werde ich später noch das ein oder andere Wörtchen verlieren, erst aber führt uns ein freundlicher Linn-Mitarbeiter durch die gesamte Produktion. Hier wird mit Ausnahme weniger Komponenten wie Rohbleche, Lautsprechergehäuse und Treiber alles in Eigenregie gebaut.

Nach der Lackierung bringt dieser Mitarbeiter die Beschriftung im Siebdruckverfahren auf
Nach der Lackierung bringt dieser Mitarbeiter die Beschriftung im Siebdruckverfahren auf

Übrigens: Die edlen, perfekt gearbeiteten Aluminium-Gehäuse für die Klimax-Serie werden ganz in der Nähe bei Castle Precision gefertigt, der von Ivors Vater gegründeten und heute von seinem Bruder geleiteten Metallverarbeitungsfirma. Dort steht die eigentlich Wiege von Linn – und man gibt frank und frei zu, dass es ohne Castle Precision und die unkomplizierte Verbindung zu dieser auch für die Luft- und Raumfahrtindustrie arbeitenden Firma nicht möglich wäre, eine solche Qualität und Präzision zu diesem Preis zu liefern. Die Rohbleche für so gut wie alle Metallteile werden jedoch hier bei Linn vor Ort lasergeschnitten, sandgestrahlt, verpresst, von Fetten und anderen Verunreinigungen gereinigt und präzisionslackiert.

Die beiden SMD-Bestückungsstraßen sind das Herz der Produktion bei Linn
Die beiden SMD-Bestückungsstraßen sind das Herz der Produktion bei Linn

All das passiert in einem erstaunlich gemächlichen Tempo, dafür aber um so gründlicher. Jeder Bearbeitungsschritt unterliegt einer strengen menschlichen und im späteren Prozess auch maschinellen Kontrolle.

Auf diesen Streifen sitzen die winzig kleinen Bauteile, die maschinell auf die Platinen aufgebracht werden
Auf diesen Streifen sitzen die winzig kleinen Bauteile, die maschinell auf die Platinen aufgebracht werden

SMD-Technologie vom Feinsten

Das Herzstück der Elektronikproduktion bei Linn bilden die beiden beeindruckenden SMD-Bestückungsstraßen. Hier werden winzig kleine elektronische Bauteile auf die Platinen aufgebracht. So spare man bei höherer Qualität Gewicht und Platz, sagen die Schotten.

Hier prüft ein Mitarbeiter als fehlerhaft gemeldete Lötstellen und arbeitet per Hand nach wo nötig
Hier prüft ein Mitarbeiter als fehlerhaft gemeldete Lötstellen und arbeitet – wo nötig – per Hand nach

Die hier fein säuberlich gelöteten Platinen finden dann ihren Weg in „Backöfen“, wo sie langsam auf 220 Grad Celsius erwärmt werden, so dass das in gerade der ausreichenden Menge aufgebrachte Lötzinn sich wieder verflüssigt und sich optimal um den Verbindungspunkt herum ohne Lufteinschlüsse verteilt. Eine neue Maschine wird dieses Erhitzen in Zukunft nicht mehr in der Wärmekammer, sondern selektiv nur an den einzelnen Lötpunkten übernehmen. Anschließend testen hochsensible Messmaschinen jeden einzelnen Lötpunkt per Laser. Weicht der tatsächliche Reflexionswinkel des Laserstrahls vom zu erwartenden ab, gibt es eine Fehlermeldung. Dann muss ein Mitarbeiter ran, der sich das Problem genau ansieht und behebt.

Gavin Morton mit einem der Roboterhubwagen im Lager
Gavin Morton mit einem der Roboterhubwagen im Lager

Doch damit noch nicht genug: Für jedes Board (derzeit über 100 verschiedene) gib es einen Testkoffer, in dem es überprüft wird. Eine Mitarbeiterin legt das Board in den Koffer und startet den spezifischen Testprozess, der je nach Größe und Komplexität bis zu vier Minuten dauern kann. Der Prüfprozess kann in Echtzeit auf einem Bildschirm beobachtet und kontrolliert werden. Die Ausfallrate liege übrigens dank all dieser extrem peniblen Prüfungen bei unter 1 %, so Linn.

Ein fertig bestücktes Ein- beziehungsweise Ausgangsboard eines Klimax DSM
Ein fertig bestücktes Ein- beziehungsweise Ausgangsboard eines Klimax DSM

Linn Platinen

Dies ist sicherlich ein Ergebnis des Produktionsprozesses, der von vorne bis hinten in der Hand von Linn ist. Automatisiert wird da, wo es von Vorteil ist – dort jedoch, wo die Intuition und die Erfahrung eines menschlichen Mitarbeiters gefragt sind, ist dessen Handarbeit unabdingbar.

Jede Platine wird mit einem eigens gefertigten „Messkoffer“ auf ihre perfekte Funktion geprüft
Jede Platine wird mit einem eigens gefertigten „Messkoffer“ auf ihre perfekte Funktion geprüft

Modernes und Altes in Eintracht nebeneinander

Unweit von diesen modernen Mess- und Prüfstationen befindet sich die Drehmaschine, in der Subteller und Teller des legendären Sondek LP12 final gedreht und poliert werden.

Innen und Außenteller des Linn Sondek LP12
Innen und Außenteller des Linn Sondek LP12

Das Lager des LP12 kommt übrigens ebenfalls von Castle Precision. Dessen Lagerspiegel aus Tungsten-Stahl wird „ewig lange“ poliert, bis er selbst höchsten Standards in Sachen Glattheit entspricht. Schaut man von oben in die Lagerbuchse, meint man, sich selbst auf der anderen Seite zu erblicken – einen derart makellosen Spiegel hatte ich zuvor noch nicht gesehen.

Das Lager des Linn Sondek LP12
Das Lager des Linn Sondek LP12

Laut Ulrich Michalik sollte das Lager immer bis zum Anschlag voll mit Lageröl gefüllt sein. Austauschen sei nicht notwendig, nur der Füllstand sollte nach Transporten oder Servicearbeiten kontrolliert werden. Alle Teile, die in der großen, lichten Halle bearbeitet und zusammengefügt werden, kommen übrigens vollautomatisch on demand und just in time per Roboterhubwagen zur jeweiligen Station gefahren. Der gesamte hintere Gebäudeteil der Fabrik ist ein automatisiertes Lager, in dem sich nur Transportbänder und Hubwagen bewegen. Wo sonst gibt es das bei einem eigentlich so kleinen Unternehmen mit einem Jahresumsatz um die 30 Millionen Euro?

Ein Stapel der Innenteller für den LP12 vor der finalen Bearbeitung
Ein Stapel der Innenteller für den LP12 vor der finalen Bearbeitung

Firmenbericht: Linn Products

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