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JaWil Audio: Fräsen, drehen, gießen, hören …

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 JaWil Audio: Fräsen, drehen, gießen, hören ...

Ich staune nicht schlecht, als mir die Firmenchefs zeigen, wie ein CNC-Fräsautomat von der Größe eines Kleintransporters die Schallwand einer Heimdall fräst. Die riesige Maschine ist für diese Aufgabe absolut überdimensioniert. Dazu kommt, dass der Automat das MDF mit vergleichsweise geringen Verfahrgeschwindigkeiten bearbeitet. Es wirkt fast, als ob die mächtige Maschine das Material besonders vorsichtig, fast zärtlich behandelt. Das läge daran, erklärt Herr Jansen, dass die CNC-Fräse für die Metallbearbeitung ausgelegt sei. Für die Holzbearbeitung benötige man normalerweise höhere Spindelgeschwindigkeiten, als die Maschine sie böte. Da die Holz-Fräser hier nun einmal langsamer liefen als in Holzbearbeitungsmaschinen, müsse der Fräser eben auch langsamer geführt werden. Mir kommt das Ganze ein wenig wie der technische Overkill vor. Herr Jansen lacht. Ja, das sei schon ein wenig übertrieben. JaWil Audio rechne sich aber nur, wenn man einfach freie Maschinenzeiten für die Produktion nutze. Und da würde man eben die Maschinen nehmen, die gerade nicht für andere Aufgaben benötigt würden. Der Aufwand, die Maschinen vom Kühlmittelkreislauf zu trennen und sie nach der Holzbearbeitung wieder zu reinigen, halte sich in Grenzen.

JaWil Audio: Fräse
Eine CNC Fräse bearbeitet die Front eines Lautsprechers

JaWil Audio
Eine Ecke der Halle ist für den Zusammenbau der Lautsprechergehäuse reserviert

JaWil Audio
Die Zierringe für die Chassis der Heimdall sind aus poliertem Edelstahl und werden ebenfalls vor Ort hergestellt. Sie dienen auch zur Stabilisierung der Chassiskörbe und beim zentralen Breitbänder, dem 2-Zoll-Chassis, zudem als Schallführung

JaWil Audio
Furniere sind in einer Metallwerkstatt eigentlich seltener zu sehen. Aber auf Kundenwunsch gibt es auch das

Auch die Bearbeitung von Schiefer erfolgt mit geeigneten Stein-Fräsern auf den großen CNC-Fräsen. Hier hat das anschließende Reinigen der Maschine noch eine ganz besondere Bedeutung: Der anfallende Schieferstaub wird gesammelt und sorgfältig aufbewahrt. Zum einen wird mit dem Staub der zum Verkleben der Schiefer-Wände eingesetzte PU-Kleber passend zum verwendeten Schiefer eingefärbt; zum anderen erhält jeder Käufer ein Tütchen mit Staub des an seinen Lautsprechern verwendeten Schiefers. Sollte ein Lautsprecher einmal einen Schaden an den Schiefer-Teilen des Gehäuses erleiden, kann das unauffällig mit Hilfe eines PU-Harzes, der mit dem Schieferstaub eingefärbt wird, repariert werden.

Und noch eine Verwendung haben die Herren von JaWil für den Schieferstaub gefunden. Im Lieferprogramm der Firma gibt es noch das Lautsprecher-Modell „Ragnarök“, das als Bausatz für die Selbstbau-Szene angeboten wird. Herz der Konstruktion ist ein selbstentwickeltes hyperbolisches Kugelwellen-Horn, das mit Hilfe eines Fünf-Zentimeter-Breitbänders den kompletten Frequenzbereich ab 500 Herz bearbeitet. Angesichts des Perfektionismus, den die Herren hier an den Tag legen, überrascht es mich kaum, dass sie den Hornverlauf eigenständig berechnet, beim Vergleich der Simulation mit den ersten Prototypen eine Abweichung gefunden und diese Abweichung zwischen Simulation und Messung gleich als Korrektur in das Simulationsmodell eingesetzt haben. Das Horn selber sollte ursprünglich aus Holz gedreht werden. Allerdings zeichneten sich bei lackierten Hörnern nach einiger Zeit die Leimfugen im Holz durch den Lack ab. Also beschloss man die Hörner zu gießen. Die benötigte zweiteilige Gießform aus Alu war schnell auf einer CNC-gesteuerten Drehmaschine gefertigt; als geeignetes Material für das Horn erwies sich wieder ein PU-Harz, dem man – richtig – Schieferstaub beimischt, da dies dem Klang, dem Aussehen und nicht zuletzt auch der Haptik der Hörner zugutekommt.

JaWil Audio Gießform fürs Horn
Überflüssig zu erwähnen, dass die Gussform für das Horn der Ragnarök auf den eigenen Drehbänken entstand

JaWil Audio
Dem PU-Harz, aus dem die Hörner gegossen werden, wird 20 % Schieferstaub beigefügt

JaWil Audio
Nachdem der Masse der Härter beigefügt wurde, bleibt wenig Zeit, um sie in die Gussform zu füllen

JaWil Audio Horn
Nach 20 Minuten ist die Masse ausgehärtet. Anschließend wird die Anschlussseite noch plan gedreht und das Horn kann zum Lackierer

Als ich frage, ob denn wenigstens bei dem aus dem Vollen gefrästen Gehäuse für den Asgard-Verstärker die Metallbearbeitungsmaschinen mal Metall bearbeiten dürfen, grinst Herr Jansen. Ja, allerdings würde der Asgard gerade eine Überarbeitung erfahren. Die gefrästen Gehäuse seien schon sehr gut und würden sowohl eine gute Wärmeabfuhr als auch einen guten Schutz gegen klangschädliche Vibrationen und Mikrofonie-Effekte bieten – allerdings hätte man inzwischen noch etwas Besseres gefunden. Die Gehäuse der neuen Asgard-Generation würden aus einer speziellen Hartzinn-Legierung gegossen, die noch günstigere Eigenschaften, etwa eine höhere Dichte und damit eine bessere Bedämpfung und eine höhere magnetische Abschirmung aufweise. Das Know-how und die technischen Einrichtungen zum Gießen habe man ja ebenfalls im Haus.

Vollverstärker JaWil Audio Asgard
Der Vollverstärker JaWil Audio Asgard

Gehäuse des aktuellen Asgard-Modells frisch aus der CNC Maschine
Gehäuse des aktuellen Asgard-Modells, frisch aus der CNC Maschine

Asgard-Gehäuse nach dem Eloxieren
Und nach dem Eloxieren, einem der wenigen Bearbeitungsschritte, die man nicht im eigenen Hause durchführt

JaWil Audio
Der äußere Teil der Gussform für das Gehäuse des neuen Asgard-Verstärkers, die Matrize, ist bereits fertig

JaWil Audio
Der Kern der Form ist gerade in Arbeit

So langsam bleibt mir die Spucke weg. Davon, was hier quasi nebenbei an Know-how und Technik in die Produktion und Entwicklung von HiFi-Komponenten einfließt, dürften andere Hersteller träumen. Auf meine Frage, ob das Ganze nicht fast schon unfair gegenüber konventionellen Herstellern am HiFi-Markt ist, müssen die beiden lachen. Nun ja, sie würden halt einfach alles im Hause machen, was man irgendwie im Hause machen könne. Natürlich wäre es ein Vorteil, dass man hierzu auf Maschinen zurückgreifen könne, deren Abschreibung man nicht in die Kalkulation einbeziehen müsse. Aber andere Hersteller würden eben nach China gehen, um dort Produktionsvorteile zu nutzen, und sie würden halt die Vorteile nutzen, die sich ihnen im eigenen Haus bieten. Auch eine Argumentation.

JaWil Audio: Plattenspielerrestaurierung
Ein restaurierter und mit einer neuen Zarge und einem Tonmarm versehener Lenco Plattenspieler

Wieder zurück im kombinierten Konferenzzimmer/Hörraum stellen mir die beiden JaWil-Macher noch ein weiteres Tätigkeitsfeld vor: Die Restaurierung alter Plattenspieler. Hier favorisieren die beiden ganz klar Laufwerke mit Reibrad-Antrieb. Plattenspieler wie Garrard 301/401, Thorens TD124 und Lenco L75 werden sorgfältig überarbeitet, Verschleißteile ersetzt und die teilweise etwas „klapprigen“ Blech-Chassis durch exakt maßgefertigte Zargen aus Aluminium und Schiefer verstärkt. Die Begeisterung für die alten Plattenspieler reicht so weit, dass sie für den Lenco L75 einen neuen Tonarm konstruiert haben, der sich optisch und technisch am Original orientiert, dessen „Probleme“ aber behebt. Klar, dass bei alledem der Wunsch nach einem eigenen Plattenspielermodell aufkam. Mitte des Jahres soll es soweit sein. Natürlich wird es ein Laufwerk mit Reibrad-Antrieb werden. Und – so viel darf ich schon verraten – es wird ein völlig neues Reibrad-Konzept mit komplett entkoppeltem Antrieb werden. Der Tonarm wird sich natürlich an den Lenco-Tonarm anlehnen, aber eine ganze Reihe technischer Neuerungen und Verbesserungen aufweisen. Und natürlich wird fast alles vor Ort produziert werden.

Bevor es zur abschließenden Hörrunde kommt, fällt mir ein, dass ich gar keinen Messraum gesehen habe. Zwar stehen in fast jeder ungenutzten Ecke der Firma Versuchsaufbauten und Protoypen von Lautsprechern, Verstärkern oder Plattenspielerteilen, aber irgendwo müssen ja auch die bei der Lautsprecher-Entwicklung erwähnten akustischen Messungen gemacht werden. Idealerweise natürlich in einem reflexionsarmen Raum. Herr Jansen lacht mal wieder: Den „Messraum“ könne ich sehen, wenn ich aus dem Fenster gucke. Mein Blick fällt auf den großen Firmenparkplatz; auf den Hügeln im Hintergrund erheben sich Wälder, davor fließt träge die Sieg. So langsam dämmert es mir: Klar, wo keine Wände sind, kann nichts reflektiert werden. Nicht umsonst redet man ja umgangssprachlich von einer Freifeldmessung. Und bei JaWil misst man halt tatsächlich auf freiem Feld – beziehungsweise auf freiem Parkplatz. Messen könne man am besten sonntags, dann werde nirgends gearbeitet und es herrsche eine himmlische Ruhe. Dann würde man einen Gabelstapler aus der Halle fahren, auf dem der Messaufbau auch noch in einen gebührenden Abstand zum Boden gebracht würde und man hätte ideale Voraussetzungen für die Messungen.

JaWil Audio Parkplatz
Der „Messraum“ von JaWil Audio – zumindest sonntags

Dann endlich darf ich auch hören, was denn so das Klangideal von JaWil ist. Die Bragis sind an einem kleinen DAC/Vollverstärker von PS Audio angeschlossen; neben dem Computer steht alternativ auch ein natürlich selbst modifizierter Lenco L75 als Quelle zur Verfügung. Und was jetzt kommt, ist Genuss – nein – Erlebnis – auch nicht – ist einfach Musik auf verdammt hohem Niveau. Ich schwärme Ihnen das jetzt nicht vor. Das spare ich mir lieber auf. Denn nachdem mir Herr Jansen versichert hat, dass die Bragi auch in kleineren Räumen hervorragend funktionieren, müssen diese Lautsprecher einfach mal nach Berlin. Auch wenn 85 kg Gewicht pro Box eine logistische Herausforderung bedeuten – ich bin mir sicher, dass der Musikgenuss mich für den Aufwand entschädigt.

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Firmenbericht: JaWil Audio

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Über den Autor

Equipment

Analoge Quellen: Laufwerk: stst Motus 2 Tonarm: stst Vertex Tonabnehmer: Zyx Yatra

Digitale Quellen: D/A-Wandler: Antelope Zodiac+, North Star Design Supremo CD-Player: North Star Design CD-Transport (Laufwerk)

Vorstufen: Hochpegel: EAR Yoshino 868 mit NOS-Röhren Phonoverstärker: Musical Fidelity MX-VYNL

Endstufen: Bryston 4B³

Lautsprecher: Valeur Audio Micropoint 4 SE, Genelec 8020

Kopfhörer: AKG K702, AudioQuest Nighthawk, Beyerdynamic T 51p, fabulous earphones Basic Dual Driver, Sennheiser HD8 DJ

Kopfhörerverstärker: Opera Consonance Cyber 20 mk2, SPL Phonitor mini

Kabel: Lautsprecherkabel: Cardas Clear Light NF-Kabel: Cardas Clear Light Digitalkabel: AudioQuest Coffee

Rack: Lovan Sovereign, Tiglon TMB-10E (Gerätebasis)

Zubehör: Stromfilter: Audioplan FineFilter S, Mehrfachsteckdose PowerStar S, Gerätefilter PowerPlant S, Netzleitungen PowerCord

Größe des Hörraumes: Grundfläche: 17 m² Höhe: 2,6 m

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