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Plattenspieler und Analoges auf der High End 2016 – fairaudio

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Plattenspieler und Analoges auf der High End 2016
mit Frank Hakopians

Bei strahlendem Sonnenschein schließen sich die Tore des Münchener MOCs am Sonntag um achtzehn Uhr, womit die dreizehnte High End in der Hauptstadt des Freistaats zu Ende geht. Überhaupt hat es der Wettergott dieses Jahr besonders gut mit den in Richtung MOC pilgernden Massen gemeint. Obwohl, so massiv war der Zustrom dann auch wieder nicht, mithin wahrscheinlich eine Folge des unverrückbar über dem Lande residierenden Hochdruckgebietes.

Eine günstige Gelegenheit also, über die Flure der Atrien zu wandeln und die Hörräume zu besuchen, ohne gleich klaustrophobischen Anwandlungen anheimzufallen. Damit nicht genug der Wohltaten, denn explizit bin ich von der Aufgabe befreit, allzu überbordend über analoge Neuigkeiten berichten zu müssen, was wegen der Vielzahl der infrage kommenden Novitäten gewiss ein rasend schwieriges Unterfangen geworden wäre. Stattdessen ist diesmal regelrechtes Rosinenpicken angesagt und die Jagd nach ebenso Verblüffendem wie Skurrilem eröffnet. Ein wenig abgemildert von der Einsicht, dass natürlich auch die ein oder andere Neuerung ob ihrer Bedeutung für die analoge Welt unbedingt Eingang in diesen Bericht finden sollte.

So bringt Einstein Audio (www.einstein-audio.de) endlich die lange erwartete Serie neuer Phonovorstufen auf den Markt. Als legitime Nachfolgerin der nicht nur von mir geschätzten The Turntables Choice darf dabei The Phonostage gelten, deren Äußeres sich im Look des neuen Designs der Einsteinverstärker präsentiert.

Einstein Audio Phonostage

Welche Änderungen im Inneren der Phonostufe erfolgt sind, ist den Bochumern leider nicht zu entlocken, wohl aber, dass man von einer nochmals gesteigerten Klangqualität ausgehen darf. Die Performance meiner eigenen TTC im Ohr, klingt das gelinde gesagt mehr als verlockend, insbesondere da sich der Preis für die unsymmetrische Phonovorstufe nur unwesentlich über dem der aktuellen Version bewegen soll. Oberhalb der The Phonostage residiert in Zukunft The Phonoamp. Dieser in der 10.000-Euro-Liga angesiedelte Phonopre ist laut Firmenchef Volker Bohlmeier Einsteins Statement in Sachen Phonovorverstärkung und soll dem im Vertrieb befindlichen Laufwerksboliden TechDas Airforce One (78.000 Euro) in jeder Beziehung ein ebenbürtiger Partner sein. Zum Beweis ist die Kombination im Nebenraum in Aktion zu bewundern. Übrigens an neuen Lautsprechern von Einstein, die sozusagen Einsteins optimierte Interpretation der AudioMaschina-Lautsprecher darstellen, welche in den letzten Jahren auf der Hifideluxe, trotz moderater Ausmaße, überraschend souverän aufspielen konnten.

Volker Bohlmeier von Einstein Audio hält den ersten Einstein-Tonarm stolz in die Kamera
Volker Bohlmeier von Einstein Audio mit dem ersten Tonarm des Unternehmes

Leider nur zu sehen gibt es ein weiteres Novum: den Einstein Tonarm. In Analogie zu Einsteins Tonabnehmer The Pickup, der ja einer Kooperation mit Ortofon entstammt, hat sich Volker Bohlmeier hier die Expertise des legendären japanischen Spezialisten Ikeda zunutze gemacht und sich den Traum vom eigenen Tonarm erfüllt.

Detail Einstein-Tonarm

Den liebevoll verarbeiteten Zehnzöller wird es mit Armrohren aus Edelstahl und alternativ aus Karbon geben. Die angepeilten Preise liegen dabei voraussichtlich zwischen 5.500 und 7.500 Euro.

In den Räumlichkeiten des High-Fidelity Studios Augsburg (www.high-fidelity-studio.de), wo man neben AMG und Aesthetix auch die Tonabnehmer von DST zeigt, laufe ich Frank Schick, dem Marketingchef und Vertriebsleiter der Augsburger über den Weg. Er richtet mein Augenmerk auf zwei eher unscheinbare Plattendreher im Nebenraum, welche ich zwischen den vielen teuren Preziosen glatt übersehen habe, und kommt aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Nun, immerhin handelt es sich um Dreher des amerikanischen Herstellers MoFi, bei uns besser bekannt als MFSL oder Mobile Fidelity Soundlab, einem der ganz großen Remastering-Studios. Nun bringen sie also ihre ersten Plattenspieler auf den Markt und man darf vermuten, dass sie sich hierbei am Klang der eigenen Aufnahmereferenzen orientieren. Für die Entwicklung hat MoFi Allen Perkins von Spiral Groove verpflichtet. Sicher eine gute Wahl.

MoFi Ultra Deck
MoFi Ultra Deck

Die Brettplattenspieler besitzen Riemenantrieb und Plattenteller aus Delrin. Sie stehen auf Geräteabsorbern von HRS(!), was in dieser Preisklasse keineswegs üblich ist. Der ebenfalls von MoFi stammende 10-Zoll-Tonarm ist inklusive. Preislich bleiben die beiden MoFiisten mit 1.199 für das Studio Deck und 1.999 Euro für das aufwendigere Ultra Deck erfreulich erschwinglich. MoFi ergänzt das Angebot mit passenden MC-Tonabnehmern und zwei günstigen Phonostufen, hinter denen niemand geringerer als EARs umtriebiger Tim de Paravicini steht. Damit schaffen es die MoFi-Plattenspieler auf meine persönliche To-Do-Liste.

Keine Messe kommt ohne Superlative aus und die High End schon gar nicht. In den Neunzigern gab es ein Laufwerk, das wie kaum ein zweites die Phantasie der analogen Gemeinde anregte, die Geister schied und letztlich zum Mythos wurde, nicht zuletzt auch, weil nur wenige je eines in Funktion erleben durften. Der Acoustical Systems Apolyt von Dietrich Brakemeier (www.arche-headshell.de), die schwergewichtige Legende kehrt nun zurück und heißt auch diesmal nur schlicht Apolyt. Doch schon das Äußere stellt klar, dass es sich hier nicht einfach nur um eine Weiterentwicklung oder gar ein schnödes Facelift handelt, sondern um eine Neuentwicklung, die sich modernste Technologien zunutze macht. Herausgekommen ist ein Monument aus Aluminium und Edelstahl von heftigen 380 kg, die sich auf eine Höhe von immerhin 1,27 Meter und eine Breite von wenig wohnraumfreundlichen 1,12 Metern verteilen. Zur Lagerung des 58 kg schweren Plattentellers kommt laut Dietrich Brakemeier ein sogenanntes biradial-aerostatisches Luftlager zum Einsatz, welches eine hochpräzise Regelung des Luftvolumens und des entsprechenden Drucks zulässt. Klar, dass auch die Zarge luftgelagert ist. Übrigens sehen die seitlichen Edelstahlrohre nicht nur hübsch aus, sondern sind in Wahrheit Druckluftbehälter, die einem Druck von 5 bar standhalten. Für den Antrieb setzt Brakemeier auf einen Gleichstrommotor der Schweizer Firma Maxon.

Dietrich Brakemeier hinter seinem gewaltigen Apolyt
Dietrich Brakemeier hinter seinem gewaltigen Apolyt

Auf die obligatorische Frage, wie viel man denn nun für den neuen Apolyt anlegen müsse, kommt die durchaus ernsthafte Antwort: soviel wie für einen Porsche 911 GT. Das können dann gut und gerne 270.000 Euro sein. Glücklicherweise sind bis zum Mittag des ersten Messetages erst sieben der zweiundzwanzig geplanten Einheiten verkauft. Ich kann es mir also noch mal durch den Kopf gehen lassen.

Doch es muss ja nicht unbedingt gleich ein Laufwerk zum Preis einer Immobilie sein, auch wenn das beim aktuellen Zinsniveau gar nicht mal so unvernünftig erscheint. Ein paar Etagen darunter zeigt Acoustic Solid (www.acoustic-solid.com), wie gediegen auch bezahlbare Dreher daherkommen können, wenn man sich das nötige Know-how über die Jahre angeeignet hat.

Acoustic Solid

Besonders hat es mir ein froschgrüner Solid 111 Custom (man beachte das Tonarmrohr!) angetan, den es laut Preisschild bereits ab 1.620 Euro gibt. Nicht minder elegant erscheint ein Solid Wood Round, dessen wirklich wunderschöne, hochglanzlackierte Zarge offensichtlich aus einem Block Multiplexholz gefräst wurde.

Acoustic Solid

Das hat auch hier seinen Preis, und der beginnt bei 4.350 Euro. Der abgebildete hauseigene Tonarm WTB 213 mit einem Armrohr aus poliertem Edelstahl geht allerdings extra.

Richtig interessant wird es dann bei Klimo (www.klimo.com), denn die ehemals in Reutlingen beheimatete Firma ist inzwischen in italienischen Händen. Traditionsgemäß war und ist man bei Klimo immer noch den analogen Werten verpflichtet und kann deshalb eine Reihe durchaus eigenständiger Laufwerke und röhrenbestückter Phonoamps aufbieten.

klimo

Der Top-Plattendreher nennt sich sinnigerweise Tafelrunde Reference und benötigt eine recht ausgedehnte Stellfläche. Das Prunkstück aus Alu und Edelstahl kann dafür aber auch vier hauseigene Tonarme des Typs Lancellotto aufweisen, die im Preis von 50.000 Euro bereits enthalten sind. Es handelt sich hierbei um selten anzutreffende 13-Zoll-Typen. Wer mit nur einem Arm glücklich wird, zahlt „lediglich“ 20.000 Euro. Die Tafelrunde verfügt über ein Öl-Magnetlager, die Spindel läuft also nicht auf einem Lagerspiegel, sondern berührungsfrei in einem Ölbad. Angetrieben wird die Tafelrunde von einem Synchronmotor und natürlich gibt es ein regelbares Netzteil.

Klimo

Etwas unterhalb der Tafelrunde hat Klimo das Laufwerk Beorde positioniert, welches sich wesentliche konstruktive Merkmale wie beispielsweise das Tellerlager mit dem großen Dreher teilt. Zusammen mit dem vom Lancellotto abstammenden Arm Bliant muss der Interessent allerdings immerhin noch 12.000 Euro aufbringen. Günstiger, nämlich 3.800 Euro, wird es mit dem Einsteigermodel Stern und einem Rega-Arm. Für diesen Kurs gibt es allerdings keine Magnetlager mehr, sondern solide konventionelle Lagertechnik.

Beim nächsten Stand ist das anders, denn erstens hat sich eine ansehnliche Menschentraube um ein Masselaufwerk gruppiert, welches nicht weniger imposant erscheint als der zuvor erwähnte Apolyt, zweitens werde ich prompt vom freundlichen Rainer Horstmann angesprochen, der als Entwickler der Dereneville-Laufwerke und Tonarme in Analogkreisen kein Unbekannter ist (www.avdesignhaus.de). Seine Kreationen bewegen sich eigentlich immer an der Grenze des technologisch Machbaren und häufig auch etwas darüber hinaus. Dereneville lautet übrigens der Mädchenname seiner Ehefrau, womit Horstmann jedenfalls seinen gesunden Familiensinn beweist.


Holger Wilhelm von Tone Tool (links) und Rainer Horstmann von Dereneville präsentierten eine Laufwerks/Tonarm-Kombination der etwas anderern Art

Dazu gesellt sich mit Holger Wilhelm eine weitere Entwicklerpersönlichkeit. Wilhelm hat sich mit seinen Tone-Tool-Laufwerken (www.tonetool.de) unter Kennern einen hervorragenden Ruf erworben. Dabei steht Tone Tool nicht nur für erstklassigen Klang, sondern auch für die Möglichkeit, durch Berücksichtigung individueller Kundenwünsche ganz besonders feine Unikate zu erschaffen. Ganz neu sind die Tone-Tool-Laufwerke mit massiver Holzzarge, demnächst ab 11.500 Euro.

Sprocket

Zusammen haben sie den Sprocket entworfen, ein analoger Traum mit 300 Kilo Gesamtgewicht. Nur zehn Einheiten sind geplant. Diesmal trägt kein Luftlager, sondern das von Tone-Tool-Laufwerken bekannte, nahezu unverwüstliche invertierte Stahl-Stahl-Lager einen 57 Kilogramm schweren Teller. Den Antrieb stellt eine von Horstmann entwickelte Motordose sicher, welche hochgenau per Tablet in allen Parametern zu steuern ist. So können neben der Drehzahl auch Hochfahrgeschwindigkeit und Verzögerungswerte genau eingestellt werden. Typisch Horstmann eben. Der Antrieb ist auch solo zu bekommen, allerdings will der Spaß mit 6.000 Euro recht fürstlich bezahlt werden. Im Preis des Sprockets von 108.900 Euro ist die Motordose natürlich enthalten.

Tangentialtonarm Dereneville DTT-02

Das gilt allerdings nicht für den ziemlich abgefahrenen, lasergesteuerten Tangentialtonarm Dereneville DTT-02, für den weitere 80.000 Euro aufgerufen werden.

Noch nicht skurril genug? Wie wäre es dann hiermit: Audio Deva (www.audiodeva.com) aus Italien stellt mit dem atmo sfera einen vollkommen plattentellerlosen Plattenspieler vor. Wobei das Lager irgendwie schon als Teller fungiert, aber eben nur die Labelfläche abdeckt.

Paolo Caviglia von Audio Deva erklärt seinen atmo sfera
Paolo Caviglia von Audio Deva erklärt seinen atmo sfera

Laut Paolo Caviglia, dem studierten Designer von Audio Deva, geht es um die Vermeidung von Massenspeichereffekten. Dass solches dem Klang abträglich ist, wurde ja schon von anderen Herstellern propagiert, man denke an Funk Firm oder auch die großen Dreher von Rega. Nur ging von diesen bisher keiner soweit, den Plattenteller komplett unter den Tisch fallen zu lassen. Übrigens lässt Caviglia den Einwand, leichteres Vinyl könne beim Aufsetzen des Tonabnehmers nachgeben und verwinden, nicht gelten. Seiner Ansicht nach tauchen auch 120 g Schallplatten unter dem Gewicht eines üblichen Tonabnehmersystems nicht ab. Freilich scheint man es mit dem audiophilen Anspruch selber nicht ganz so furchtbar ernst zu nehmen und sieht den atmo sfera in erster Linie als cooles Designstück. Eine Aufgabe, die er sicherlich voll und ganz erfüllt.

Audio Deva

Selbst preislich sprengen die Italiener keinesfalls den Rahmen: Inklusive eingebautem Phonovorverstärker und dem mit einem Tonabnehmer der 200-Euro-Klasse versehenen Tonarm soll der der atmo sfera 2.500 Euro kosten. Ohne Vorverstärker und Tonabnehmer könnte sich der Preis auf etwa 2.000 Euro reduzieren. Allerdings ist noch nicht klar, wer den Vertrieb in Deutschland übernehmen wird.

Abschließend möchte ich kurz noch zwei interessante Phonovostufen vorstellen:

Accustic Arts (www.accusticarts.de), der umtriebige Hersteller highendiger Elektronik aus Lauffen am Neckar, präsentiert seinen ersten Stand-Alone-Phonovorverstärker. Wie bei der Linevorstufe Tube Preamp II handelt es sich um eine Röhrenhybridschaltung.

Accustic Arts

Bei der sowohl MM- als auch MC-fähigen Phonostufe ist es möglich, die Widerstands- und Kapazitätsanpassung bequem über Drehregler an der Frontplatte vorzunehmen. Genau 8.998 Euro werden für den ab Juni 2016 erhältlichen Phonopreamp dann aufzubringen sein.

Ein echtes Superlativ in Sachen Phonoentzerrung stellt fraglos Dan D’Agostinos Momentum Phonostage dar (www.audio-reference.de). Fünf wählbare Schneidkennlinien, vier Eingänge (2 x MM, 2 x MM), ein vollsymmetrisches Schaltungsdesign, aufwendige Stromversorgung mit zwei Trafos, komfortable Bedienung auf der Frontplatte, hier bleiben eigentlich keine Wünsche mehr übrig. Höchstens der nach einer ordentlichen Finanzspritze, denn bei einem US-Preis von 28.000 Dollar wird der voraussichtliche Verkaufspreis in Deutschland die 30.000 Euro wohl locker überschreiten.

Dan D'Agostino

Messebericht: High End 2016

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