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Klangeindrücke auf der High End 2015 – fairaudio

Inhaltsverzeichnis

  1. 7 Klangeindrücke auf der High End 2015 - fairaudio

Klangeindrücke auf der High End 2015
mit Markus Sauer

Den Klang auf Messen zu beurteilen, ist immer heikel. Zu schwierig oder gar schlecht sind manche Räume, auch in München. Bei einigen versucht sich schon der dritte oder vierte Aussteller, und es klingt jedes Mal grauslich. Glücklich sind diejenigen, die einen einigermaßen ordentlichen Raum erwischen. Noch glücklicher sind die, die sich mit der Akustik des Raums Mühe geben; einige Vertriebe scheinen kurz davor, Raum-in-Raum-Konstruktionen mitzubringen, so wenig bleibt von den Wänden des MOC zu sehen.

Jedes Jahr finden sich Demos, die einen wenigstens halbwegs akzeptablen Klang für das in der Regel viele Geld bieten. Viel Geld bedeutet nämlich, dass die Lautsprecher gerne ernsthaft groß ausfallen können, zwar viel zu groß für die typische Innenstadt-Dreizimmerwohnung, aber angemessen für die Räume in München, die oft über das vier- bis fünffache Volumen des deutschen Durchschnittswohnzimmers verfügen und deshalb ordentlich Membranfläche verkraften können, und wahrscheinlich auch für die Villen oder Schiffe der Glücklichen, die sich die Riesendinger leisten können.

Natürlich ist die High End mittlerweile so groß, dass auch bei mehrtägigem Besuch nicht alle Hersteller angemessen besucht und gewürdigt werden können; die nachfolgende Auswahl ist deshalb keineswegs repräsentativ und durchaus von meinen persönlichen Vorlieben geprägt.

Paradigm

Ein absolutes Muss für jede Aufzählung von gut klingenden Vorführungen auf der High End 2015 war ein sich noch im Prototypenstadium befindender Lautsprecher von Paradigm (www.paradigm-audio.de), Concept 4F genannt. Dabei handelt es sich um eine interessante Konstruktion, die zunächst eher konventionell aussieht, bei näherer Betrachtung aber jede Menge interessanter Lösungen beinhaltet. Paradigm-SchnittmodellZur Verdeutlichung nebenstehend ein Schnittmodell des Herstellers.

Der Lautsprecher verfügt über vier Basstreiber, davon sitzen zwei auf der Schallwand vorne, zwei weitere sitzen im Gehäuse und strahlen nach hinten; die Anordnung soll Vibrationen entgegenwirken. Die Basstreiber werden von bordeigenen Endstufen angetrieben, es handelt sich also um teilaktive Lautsprecher. Hoch- und Mitteltöner verfügen über Beryllium-Membranen, der Mitteltöner in der meines Wissens noch nie da gewesenen Größe von rund 170 mm. Der Klang? Fantastisch, und das ist kein Adjektiv, das ich häufig verwende. Über eine Kette aus Meitner ma2 CD-Player (10.900 Euro), Pass XP-20 Vorstufe (9.750 Euro) und Anthem Statement P2 Endstufe (4.000 Euro) wurde unter anderem eine Version von „Famous Blue Raincoat“ gespielt, die nahe an die Tränen brachte. Ist mir in einem Messetrubel wie auf der High End noch nie passiert, aber die Paradigms sind tonal und dynamisch so extrem durchlässig, dass mich die Stimme der – unbekannten – Sängerin unglaublich berührte. Bei Lou Reeds „Walk on the wild side“ kamen die Phasenspielereien mit den Coloured Girls wunderbar zur Geltung, und ein anderer Track zeigte, dass die Angabe zur unteren Grenzfrequenz – 16 Hertz – eventuell sogar stimmen könnte und die vier Basstreiber sehr viel Luft sehr energisch bewegen können. Prototyp hin oder her, ich bin sicher, dass Paradigm dieses Modell in absehbarer Zeit auf den Markt bringen wird. Leider wird’s wohl eher teuer werden.

Audionet mit KEF Blade-Lautsprecher

Ein weiterer Favorit war die Vorführung von Audionet (www.audionet.de). Analoge Quelle war ein Scheu Das Laufwerk 2 mit Tacco-Arm und MC Scheu Ruby, digitale Quelle der Audionet DNP (9.990 Euro) als Wandler/Vorverstärker zum Abspielen von Digitalfiles, ein Pärchen KEF Blade (25.000 Euro) wurde im Bi-Amp-Betrieb angetrieben durch je ein Paar Audionet MAX (16.490 Euro) und AMP Monos (8.990 Euro). Der Klang war groß, gut fokussiert und sehr detailreich. Der audiophile Klassiker von Oscar Peterson, „We get requests“, zeigte einen angemessen knorrigen Bass, der ohne Pegelverlust in die untersten Etagen marschierte, ein Pop-Stück von Lana Del Rey belegte zudem, dass die Kette vor aller audiophilen Genauigkeit auch den Spaß nicht zu kurz kommen ließ. Bei einem Stück vom Buena Vista Social Club schaltete der Vorführer dann die Carma genannte digitale Raumentzerrung mehrfach an und ab; ein sehr großer Unterschied, mit Raumkorrektur war der Bass viel klarer, ohne legte sich dagegen ein unangenehmes Dröhnen auf die Ohren der Zuhörer. Auch im Mittelhochtonbereich war ein Vorteil zugunsten der entzerrten Variante deutlich hörbar, wenn auch weniger krass als im Bass. Ein Extra-Lob geht an Audionet für musikalische Pietät: Die Playlist wurde aus leider gegebenem Anlass um B.B. Kings Standard „The Thrill is Gone“ erweitert, und die Audionet-Kette ließ Lucille, des Blues-Altmeisters E-Gitarre, singen, als sei er bei der Aufnahme 40 Jahre jünger gewesen.

Living Voice
Der Chef von Living Voice, Kevin Scott

Wie oben erwähnt, ist es bei High-End-Vorführungen immer hilfreich, über viel Bassmembranfläche zu verfügen. Die dann auch noch mit einem Horn zu kombinieren, setzt dem Ganzen ein Tüpfelchen auf. Eine der besten Vorführungen kam deshalb erwartungsgemäß von Living Voice (www.bemax-audio.de), wo gigantischer Aufwand betrieben wurde (Batterie-Stromversorgung für circa 28.000 Euro, CD-Transport CEC TL O 3.0 für rund 40.000 Euro, Kondo Dac für circa 50.000 Euro, Kondo KSL M-77 für 48.000 Euro, Gakuoh Monoendstufen für circa 85.000 Euro für den Mittelhochtonbereich und Kondo Kagura Monoendstufen für um die 180.000 Euro für den Bass, das alles verbunden mit Kondo Silberkabeln für 55.000 Euro), um Vox Olympian Lautsprechern (in der gezeigten, aufwendigsten Ausführung rund 600.000 Euro teuer) sowie den Vox Elysian Subwoofer (rund 400.000 Euro) adäquat vorzuführen. Es ist dem Chef von Living Voice, Kevin Scott, hoch anzurechnen, dass er alljährlich der Versuchung widersteht, ein Audio-Spektakel zu veranstalten. Die Vorführung bei Living Voice ist vielmehr ein Paradebeispiel dafür, worum es bei gutem Hornklang geht: Es ist ein weicher, ein nicht gepresster Klang, bei dem die Musik wie selbstverständlich und frei von allen Gedanken an schnöde Mechanik im Raum entsteht.

Silbatone/Western Electric

Dasselbe Phänomen gab es an anderer Stelle bei der Silbatone-Vorführung (www.silbatoneacoustics.com) zu hören. Silbatone-Eigner M.J. Chung ließ auch in diesem Jahr eine Western-Electric-Preziose nach München verschiffen, ein WE-Kinosystem namens 4165A, bei dem ein 12-Zoll-Treiber und ein WE597 Hochtonhorn in ein großes Horngehäuse montiert waren und von einer 8-Watt-Silbatone Endstufe mit ultra-seltenen, sündhaft teuren WE252A-Röhren befeuert wurden. Einer dieser Lautsprecher reichte 1933 für die Beschallung eines Kinos mit 200 Plätzen aus. Auch diese Vorführung zeigte wieder einmal, was alles verloren geht, wenn man Lautsprecher immer kleiner macht. Die Selbstverständlichkeit der Wiedergabe, das unangestrengte Hören jedes einzelnen Luftkrümels, dafür braucht es offensichtlich Membranfläche und am liebsten einen akustischen Transformator in Form eines Horns. Dass seit 1933 Fortschritte in der Tonalität gemacht wurden – geschenkt.

Apropos Membranfläche – die gibt’s auch bei Elektrostaten in der Regel reichlich, und so wird es Sie nicht überraschen, dass mir die Silberstatic-Vorführung (http://silberstatic.de) sehr gut gefiel. Gezeigt wurde die neueste Kreation des Unternehmens, die Silberstatic Nr. 4 für im Messekontext geradezu bescheidene 7.000 Euro (wir selbst hatten einmal die Silberstatic Nr. 1 zu Gast). Damit man auf der High End ernstgenommen wird, muss die Kette für den Normalbürger aber unbedingt finanziell utopisch sein. Selbstverständlich wollte auch Silberstatic ernst genommen werden, also spielten ein Totaldac Server (4.790 Euro), ein Totaldac D1 Dual Dac/Pre (9.550 Euro) und Analog Domain Artemis Monoendstufen (120.000 Euro) nebst Kabeln von Absolue Créations aus der Signature-Serie (15.000 Euro). Die Vorführung zeichnete sich bei Tori Amos‘ „Me and a gun“ durch sehr natürliche Klangfarben und ebenso natürliche Fein- und Grobdynamik aus. In meinen Notizen steht der Satz „Den Klang bitte einpacken, den nehme ich so mit nach Hause“.

Totem
Vincent Bruzzese, Inhaber und Entwickler von Totem

Ich könnte noch mehrere gute Vorführungen erwähnen, zum Beispiel AVM/Isophon und Marantz/Triton, aber wissen Sie, was mir in München am meisten Spaß gemacht hat? Eine winzige Kombination des kanadischen Herstellers Totem (www.highendcompany.ch), bestehend aus Zweiwege-Satelliten Kin Mini und einem kleinen Subwoofer namens Kin Sub für zusammen rund 1.600 Euro. Angetrieben von einer YBA-Kette (CD-Player Heritage CD 100 für 1.229 Euro, Vorverstärker MP100 für 1.790 Euro und Endstufe A100 für 1.500 Euro) und mit Tress-Lautsprecherkabeln, die überschaubare 8 Euro für den Monometer zuzüglich Konfektion kosten, machte diese kleine Kombi deutlich, dass man nicht Millionär sein muss, um vorzüglichen Klang genießen zu können. Unverfärbt und mit einer wunderbaren Spielfreude ausgestattet, dürfte das eine richtig gute Lösung für „normale“ Räume sein.

So, jetzt ist wieder ein Jahr Zeit, die finanziellen Minderwertigkeitskomplexe abzuarbeiten und sich an für 99,9 % der Menschheit gültige Dimensionen zu gewöhnen. Trotzdem freue ich mich schon auf die High End 2016.

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Messebericht: High End 2015

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Über den Autor

Equipment

Digitale Quellen: D/A-Wandler: Linnenberg Telemann, Electrocompaniet ECD 2 CD-Player: Fonel Simplicité Streamer: SOtM sMS-200 ultra & SOtM sPS-500, Auralic Aries Computer/Mediaplayer: Laptop mit JRiver MC

Vollverstärker: Abacus Ampino

Vorstufen: Hochpegel: MTX-MONITOR.V3b-4.2.1 (Upgrade von V3b), Funk LAP-2.V3 (Upgrade von Lap-2.V2)

Endstufen: Bryston 7B³

Lautsprecher: Sehring 903, Quadral Megan VIII

Kopfhörer: Audeze LCD-2, AKG K812, AKG K712 Pro, RHA T20, Soundmagic E80, Shure SRH 1840, AAW Q

Kopfhörerverstärker: NuPrime DAC-10H, Reußenzehn Harmonie III

Mobiles HiFi: Onkyo DP-X1, iBasso DX-80

Kabel: Lautsprecherkabel: HMS Armonia, WSS Platin Line LS4, Real Cable BW OFC 400, HMS Fortissimo NF-Kabel: Straight Wire Virtuoso Digitalkabel: USB-Kabel: BMC Pure USB1, AudioQuest Carbon, Boaacoustic Silver Digital Xeno Netzkabel: Furutech FP-S022N: konfektioniert mit FI-E 50 NCF & FI 50 NCF, Tellurium Q Black, Quantum-Powerchords, Swisscables Reference Netzleiste: HMS Energia MkII

Rack: Lovan Classic II

Zubehör: Stromfilter: HMS Energia MkII Sonstiges: AudioQuest Jitterbug

Größe des Hörraumes: Grundfläche: 29 m² Höhe: 3,3 m

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Adam Audio / Hoerzone