
Firmenbericht: Besuch bei Eversolo & Luxsin in Shenzhen
Teamplay, Technik und Tee
von Stefan Gawlick
Eine Reise ins Reich der Mitte – voller Eindrücke, die nachhallen: inspirierende Begegnungen, grandiose kulinarische Entdeckungen, faszinierende Mittagspausen, eine beinahe religiöse Fokussierung auf die Wünsche der Kunden, jede Menge großartige Musik, fahrerlose Taxis und immer wieder: exzellenter Tee. Willkommen bei Eversolo und Luxsin, den beiden innovativen Streamer- und Verstärkerschmieden unter dem Dach von Zidoo in Shenzhen (deutscher Vertrieb: https://www.audiodomain.de/).
Schon die Anreise gerät zum kleinen Abenteuer. Als unbedarfter Besucher stolpert man immer wieder über die Herausforderungen, die sich aus den schieren Dimensionen dieses Landes ergeben. In der Kowloon Station in Hongkong sind das Ticket für den Hochgeschwindigkeitszug nach Shenzhen schnell gekauft und die Einreiseformalitäten zumindest halbwegs zügig erledigt. Wie oft ich dabei in Kameras lächeln und mein Ticket vorzeigen musste, habe ich schon nach wenigen Minuten aufgehört zu zählen.

Mit einer guten halben Stunde bis zur Abfahrt schlendere ich entspannt Richtung Bahnsteig – in der festen Überzeugung, reichlich Zeit zu haben. Ein Irrtum. Erst jetzt wird mir bewusst, welche Distanzen allein innerhalb des Bahnhofs zurückzulegen sind. Beim anschließenden Sprint bin ich dankbar, dass mein schwerer Koffer auf hervorragend geschmierten Rollen läuft. Freundliche Mitarbeiter, vermutlich durch die allgegenwärtige Gesichtserkennung auf mich aufmerksam geworden, fischen mich schließlich aus dem Menschenstrom, bugsieren mich kurzerhand mit einem Personalaufzug direkt zum Gleis – und kaum habe ich meinen Waggon betreten, schließen sich die Türen. Sekunden später setzt sich der Zug in Bewegung.
Keine 20 Minuten später rollt der Zug bereits in Shenzhen ein. Wieder wirkt alles größer, weiter und geschäftiger. Nach einer Woche im vergleichsweise beschaulichen Osaka komme ich mir schon etwas verloren vor.
Herzlich … und kulinarisch

Die Irritation währt jedoch nicht lange, denn vor dem Bahnhof wartet schon Zidoos PR-Chefin Eki Shaw, die mit ihrer herzlichen, ebenso zupackenden Art in wenigen Minuten alle offenen Fragen klärt: Erst noch kurz ins Unternehmen für einen kleinen Rundgang oder direkt ins Hotel? Wie viel Zeit bleibt zum Frischmachen? Und die wichtigste aller Fragen: Wann gehen wir essen – und worauf habe ich Appetit?
Wer China verstehen will, beginnt am besten genau dort: beim Essen. So ziehen sich die gemeinsamen Mahlzeiten – und der Tee, der hier weit mehr ist als ein Getränk – wie ein roter Faden durch diese Geschichte und setzen immer wieder ruhige Kontrapunkte zur Dynamik des Landes.
Der erste Abend gerät gleich zum kulinarischen Fest. Serviert wird eine bodenständige, regionale Küche – „wie zu Hause“, wie mir schmunzelnd erklärt wird. Bevor jedoch der erste Bissen auf dem Teller landet, beginnt das Essen mit einer Gong-Fu-Cha-Zeremonie. Diese traditionelle Kunst der chinesischen Teezubereitung wird mir in den kommenden Tagen immer wieder begegnen – mal feierlich inszeniert, mal ganz selbstverständlich in den Alltag integriert. Der Abend endet schließlich mit einer Verabredung für das Frühstück am nächsten Morgen. Auf dem Programm steht Dim Sum – und damit das nächste Kapitel einer kulinarischen Entdeckungsreise.

Die heiligen Hallen von Eversolo und Luxsin
Einige Essenseinladungen und etliche Kannen hervorragenden Tees später lande ich schließlich doch in den heiligen Hallen: dem Hauptquartier von Zidoo, dem 2014 von sechs Ingenieuren gegründeten Unternehmen hinter den Marken Eversolo und Luxsin. Verwaltung und Entwicklung verteilen sich auf zwei Etagen eines modernen Hochhauses im Herzen von Shenzhen, während die Fertigung außerhalb der Stadt angesiedelt ist.
Bei diesem zweiten, nun deutlich ausführlicheren Besuch – nach meiner Ankunft hatten wir uns auf einen kurzen Rundgang vor dem Abendessen beschränkt – bietet sich mir ein verblüffendes Bild. Wo am Freitag noch großzügige, nahezu leere Büroflächen zu sehen waren, auf denen neue Arbeitsplätze entstehen sollten, finden sich jetzt 40 vollständig ausgestattete Arbeitsplätze. Zwei Techniker installieren gerade noch die letzten Netzwerkanschlüsse. Ich muss zweimal hinschauen und kann meine Verwunderung nicht verbergen. Meine Gastgeber hingegen reagieren darauf mit einem erstaunten Blick, einem Schulterzucken und einem einzigen Satz: „China Speed.“

Besonders spannend wird es in den großen Entwicklungsbüros – auch wenn meine Fotowünsche dort meist mit einem freundlichen Lächeln abgelehnt werden. Die Produkte, so erklärt man mir, befänden sich noch in einem zu frühen Entwicklungsstadium. Zu gegebener Zeit werde man mich selbstverständlich mit offiziellen Produktfotos versorgen. Der Gedanke, den Lesern einen möglichst unverstellten Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, stößt hier allerdings auf eine etwas andere Gewichtung als bei europäischen Unternehmen.
Mindestens ebenso interessant wie die Geräte selbst ist die Art, wie an ihnen gearbeitet wird. Entwickler, Industriedesigner, Marketingspezialisten und Controller sitzen projektbezogen in unmittelbarer Nähe zueinander. Einmal pro Woche treffen sich alle Beteiligten, um den aktuellen Stand zu besprechen, Entscheidungen zu hinterfragen und den weiteren Kurs festzulegen.

Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie pragmatisch: Sollte sich eine Entwicklung als Sackgasse erweisen oder eine Entscheidung nicht tragfähig sein, verliert das Team im ungünstigsten Fall eine Woche – nicht mehrere Monate. Auch das ist wohl ein Baustein dessen, was meine Gastgeber zuvor mit einem Achselzucken als „China Speed“ bezeichnet haben.
Gestatten, Shenzhen – Vom Fischerdorf zur Fast-20-Millionen-Einwohner-Metropole
Kaum irgendwo lässt sich das rasante Tempo des Landes eindrucksvoller erleben als hier. Veränderungen, für die anderswo Monate vergehen, scheinen in Shenzhen innerhalb weniger Tage Realität zu werden. Diese Stadt kennt schlicht kein langsames Tempo. Vor gut 40 Jahren war Shenzhen noch ein beschaulicher Fischerort, heute ist sie mit rund 20 Millionen Einwohnern das pulsierende Technologiezentrum Chinas.
Das wird mir unmittelbar nach meiner ersten Frage an einen der Mitarbeiter bewusst. „Sind Sie eigentlich aus Shenzhen oder zugezogen?“ Seine Antwort kommt prompt – und mit einem Lächeln: In einer Stadt mit beinahe 20 Millionen Einwohnern und gefühlt 19.990.000 Zugezogenen sei die Wahrscheinlichkeit, einen echten Shenzhener zu treffen, verschwindend gering. Vor allem in der Technologiebranche, die Talente aus allen Teilen Chinas anzieht.
Zidoo – und die jungen Töchter Eversolo und Luxsin

Eversolo selbst ist ein vergleichsweise junges Unternehmen. Die Marke wurde 2022 als Tochter von Zidoo gegründet, einem Hersteller hochwertiger Mediaplayer. Ziel war es, für den wachsenden HiFi-Markt eine eigenständige Marke zu schaffen – und so wurde Eversolo aus der Taufe gehoben.
Ganz neu war das Terrain für die Entwickler allerdings nicht. Als etablierter Hersteller hochwertiger Video- und Mediaplayer verfügte Zidoo bereits über umfangreiche Erfahrung bei Audioschaltungen und Signalverarbeitung – schließlich gehört erstklassiger Klang untrennbar zu einem überzeugenden Heimkinoerlebnis. Der Schritt in die reine Audiowelt war deshalb eher eine konsequente Weiterentwicklung als ein Neuanfang. Das vorhandene Know-how wurde gezielt gebündelt, der Fokus vollständig auf HiFi gelegt und das Wachstum nach Kräften vorangetrieben.
Heute arbeiten rund 200 Menschen für das Unternehmen, allein 80 davon in Forschung und Entwicklung. Ein bemerkenswert hoher Anteil, der verdeutlicht, welchen Stellenwert Innovation und eigene Entwicklungsarbeit bei Eversolo und der Schwestermarke Luxsin einnehmen.

Tea Time mit Jeffrey Wang von Eversolo
Zu uns gesellt sich Jeffrey Wang, Product Manager von Eversolo. Doch bevor wir über Produkte oder das Unternehmen sprechen, kocht er Tee. Mehrere Minuten lang beobachte ich, wie sorgfältig jeder einzelne Handgriff ausgeführt wird: Kanne und Tassen werden zunächst gespült, die Wassertemperatur kontrolliert und die Teemenge genau dosiert. Alles geschieht ruhig, konzentriert und ohne jede Hektik. Danach kommt die Shenzhen anscheinend unvermeidbare Frage, welche Restaurants ich denn schon ausprobiert hätte.

Keine Frage: Jeffrey Wang ist kein Freund überstürzter oder schlampiger Abläufe. Kaum sind die Tassen gefüllt und ich setze zu meiner ersten Frage an, kommt er mir zuvor. Was, möchte er wissen, wünschen sich die Kunden auf dem deutschen Markt? Ob ich aus dem Feedback unserer Leser etwas mitgenommen hätte, das Eversolo bei der Entwicklung künftiger Produkte berücksichtigen sollte?
Dass ein Marketing Director ein Gespräch nicht mit einer Produktpräsentation, sondern mit einer Frage nach den Wünschen der Kunden eröffnet, überrascht. Noch bemerkenswerter ist, dass sich genau diese Haltung wie ein roter Faden durch die folgenden Tage zieht.

Immer wieder geht es darum, zuzuhören, nachzufragen und zu verstehen, was Anwender tatsächlich erwarten. Die Attitüde manch traditioneller Hersteller, die kritischen Rückfragen ihrer Kunden allenfalls mit dem Hinweis begegnen, diese hätten das Produkt eben nicht „verstanden“, wirkt auf meine Gesprächspartner wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten.
Warum, fragt Jeffrey Wang ganz selbstverständlich, sollten Kunden Eversolo kaufen, wenn das Unternehmen ihre Wünsche gar nicht kenne und an ihren Bedürfnissen vorbei entwickeln würde? Für ihn ist die Antwort offensichtlich. Wer den Dialog mit seinen Nutzern sucht, gewinnt weit mehr als einzelne Verbesserungsvorschläge. „Zu unseren 80 Entwicklern“, erklärt er, „kommen auf diese Weise Hunderttausende weitere hinzu.“ Gemeint ist die Erfahrung und das Wissen der Anwender weltweit – eine Art kollektive Intelligenz, auf die zu verzichten aus seiner Sicht schlicht keinen Sinn ergeben würde.
Ohne Fachchinesisch: Die Usability
Um diese großen Worte zu untermauern, stellt Jeffrey Wang einen neuen D/A-Wandler auf den Tisch – den Eversolo Z10. Er schließt das Gerät an, stellt die Systemsprache auf Chinesisch und bittet mich, einige Audioeinstellungen zu finden.

Ein kleiner Praxistest. Und tatsächlich: Dank eindeutiger Piktogramme und einer bestechend logisch aufgebauten Menüstruktur finde ich die gesuchten Einstellungen ohne Umwege. Auch die Wahl des richtigen Eingangs gelingt auf Anhieb. Die Sprache mag mir fremd sein – die Bedienung ist es nicht.
Usability ist bei Eversolo und Luxsin, so höre ich in nahezu jedem Gespräch, weit mehr als ein Schlagwort aus dem Marketing. Der Anspruch, Produkte intuitiv bedienbar zu machen, scheint tief in der DNA des Unternehmens verankert zu sein – und zumindest dieser spontane Selbstversuch liefert dafür ein durchaus überzeugendes Argument.
Bei jeder neuen Modellgeneration setzt Eversolo bewusst andere Entwicklungsschwerpunkte. An allen Stellschrauben gleichzeitig zu drehen, so erklärt man mir, sei weder sinnvoll noch zielführend – irgendwann gerate jedes Entwicklungsprojekt aus dem Gleichgewicht. Deshalb konzentriert sich das Team bei jeder Generation auf einige wenige Kernbereiche.
Bei den acht neuen Modellen, die nun auf den Markt kommen, lag der Fokus – neben der Benutzeroberfläche, die bei Eversolo grundsätzlich höchste Priorität genießt – vor allem auf einer weiter optimierten Taktaufbereitung (Clock) sowie einer überarbeiteten Stromversorgung.

Parallel dazu entwickelt das Unternehmen die Software kontinuierlich weiter. Neue Funktionen, Verbesserungen der Bedienoberfläche und Optimierungen im Detail werden den Kunden regelmäßig per Firmware-Update zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, dass selbst Besitzer älterer Geräte von neuen Funktionen, einer weiter verfeinerten Menüführung und – sofern dies softwareseitig möglich ist – sogar von klanglichen Verbesserungen profitieren können.
Ausflug in Elektronik-Viertel
Nachdem mir mehrfach von den großen Elektromärkten im Zentrum der Stadt erzählt wurde, werde ich wirklich neugierig und bitte um einen Ausflug. Ein Didi – Chinas Pendant zu Uber – bringt uns nach Huaqiangbei im Bezirk Futian, dem legendären Viertel der Elektronikmärkte. Von diesem Ort zu hören, ist das eine. Ihn zu erleben, etwas völlig anderes.
Die riesigen Kaufhäuser erstrecken sich über bis zu neun Etagen, und auf jeder scheint sich eine eigene Welt zu öffnen. Hier wird alles gehandelt, was irgendwie mit Elektronik zu tun hat: Im Erdgeschoss stapeln sich Kabel, Steckverbinder und Netzteile, darüber folgen Smartphones, Videokameras, Haushaltsgeräte, Computer, elektronische Bauteile und Messgeräte. Ganz oben geht es schließlich um Servertechnik und professionelle Hardware.

Menschen, Waren und Informationen bewegen sich mit einer Geschwindigkeit, die kaum zu begreifen ist. Ob die Umsätze tatsächlich so gigantisch sind, wie sie auf den ersten Blick wirken, vermag ich nicht zu beurteilen – doch es würde mich nicht überraschen, wenn eines dieser Gebäude an einem guten Tag mehr umsetzt als beispielsweise München.
Noch faszinierender sind allerdings die unscheinbaren Bürohäuser in den Seitenstraßen. Hinter zahllosen kleinen Türen sitzen Ingenieure, Entwickler und Konstrukteure, die ihre Dienste anbieten. Wer eine Idee für ein elektronisches Produkt hat, findet hier nahezu alles unter einem Dach. Ob Steuerplatine für einen Wäschetrockner, Smart-Home-Zentrale oder ein High-End-Vorverstärker im Stil einer legendären Cello Audio Suite – irgendwo gibt es den Spezialisten, der daraus einen Schaltplan macht.
Die benötigten Bauteile? Eine Etage höher. Das maßgeschneiderte Gehäuse? Zwei Stockwerke weiter. Kleinserienfertigung? Ebenfalls im Haus. Innerhalb weniger Tage kann ein funktionsfähiger Prototyp entstehen, mit individuellem Gehäuse dauert es nur wenig länger. Erst wenn größere Stückzahlen gefragt sind, wandert die Produktion in spezialisierte Fertigungsbetriebe außerhalb des Viertels. Selbst dann scheint ein Monat bis zur ersten Serie eher die Obergrenze als die Regel zu sein.

In anderen Gebäuden schlägt das Herz der HiFi-Enthusiasten. Kleine, oft unscheinbare Showrooms reihen sich aneinander – und treiben jedem ernsthaften Audiophilen unweigerlich die Schweißperlen auf die Stirn.
In einem der immerhin beachtlich großen Cubicles residiert ein Goldmund-Händler. Nicht etwa mit einer kleinen Auswahl, sondern mit nahezu dem kompletten aktuellen Programm, alles vorführbereit aufgebaut. Wirklich sprachlos macht mich jedoch die Rückwand des Raumes: Dort stehen Endstufen vom Typ Telos 4800 – Stückpreis rund 235.000 Euro – gleich dutzendfach und in unterschiedlichsten Farbvarianten. Spätestens an diesem Punkt wird klar, dass Luxus-HiFi in China in anderen Dimensionen gedacht wird.
Ein paar Türen weiter wartet ein Händler, der gefühlt alles präsentiert, was McIntosh in den vergangenen vier Jahrzehnten gebaut hat. Daneben ein Spezialist für Platine Verdier, bei dessen Laufwerken ich irgendwann bei 25 Exemplaren aufhöre zu zählen. Und schließlich ein Vintage-Händler, in dessen Ausstellungsraum gleich mehrere Cello Audio Suites, einige Thorens Reference, zwei Paare Bowers & Wilkins Nautilus und zahlreiche weitere Raritäten stehen, wie man sie in Europa allenfalls auf Messen oder in Sammlungen zu Gesicht bekommt.
An dieser Stelle spare ich Ihnen weitere Namen und Modellbezeichnungen. Sie haben vermutlich verstanden, worauf ich hinauswill: Wer glaubt, den HiFi-Markt zu kennen, sollte einmal einen Nachmittag in Huaqiangbei verbringen. Danach erscheinen selbst die größten europäischen Messen erstaunlich überschaubar.

Tea Time mit Terry Jiang von Luxsin
Zurück bei Zidoo sitze ich Terry Jiang, dem Marketing Director von Luxsin, gegenüber und sehe zu, wie er Tee kocht. Anders als Jeffrey Wang geht Terry die Zeremonie etwas spielerischer an. Er unterhält sich während der Zubereitung, lacht viel und spricht mit sichtbarer Begeisterung über „seine“ Stadt Shenzhen. Als Microsoft seinen Standort verlegte, blieb er. Seine Familie wollte er nicht aus ihrem Umfeld reißen – und Shenzhen schon gar nicht verlassen. Alleine das gute Essen hier sei in seiner Vielfalt einzigartig, weil es so viele Menschen aus allen Ecken des Landes gäbe. Und natürlich möchte er wissen, was ich denn schon probiert hätte. Mit Luxsin, erzählt er schmunzelnd, habe er ohnehin weit mehr gefunden als nur einen neuen Arbeitgeber. Für ihn sei das Unternehmen vor allem ein wunderbarer Spielplatz.
Nach einigen einleitenden Sätzen über Usability, Kundennutzen, unterschiedliche Käuferschichten und künstliche Intelligenz winkt er ab. Mit Worten allein, meint er, komme man der Sache nicht wirklich nahe. Er springt auf, kehrt wenige Augenblicke später mit einem Luxsin X8, einem Laptop und einem Hifiman HE1000se zurück – und schon beginnt die Vorführung.

Gefüttert mit HiRes-Musik von Qobuz zeigt der X8 binnen weniger Minuten, dass er in erster Linie ein exzellenter Kopfhörerverstärker ist. Die Detailauflösung überzeugt ebenso wie die Langzeittauglichkeit. Feinste Nuancen sind mühelos nachvollziehbar, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Die Bühne wirkt weit, gleichzeitig präzise strukturiert. Kurz gesagt: Der Hifiman spielt genau so, wie ich ihn von sehr guten, sauber abgestimmten Verstärkern kenne.

Anschließend widmet sich Terry den Besonderheiten des X8. Zunächst demonstriert er, wie der Verstärker die Impedanz des angeschlossenen Kopfhörers misst und seine Ausgangsstufe automatisch darauf abstimmt. Danach öffnet er die Bibliothek mit rund 2.500 hinterlegten Kopfhörerprofilen. Per Knopfdruck lässt sich das eigene Modell auswählen, woraufhin der X8 den Frequenzgang individuell auf eine Harman-Kurve korrigiert. Schon das ist beeindruckend. Noch interessanter ist allerdings die Ankündigung, dass der Verstärker künftig anhand der gemessenen elektrischen Eigenschaften den angeschlossenen Kopfhörer selbstständig erkennen und das passende Profil automatisch laden soll. Auch diese Funktion, so erklärt Terry, werde sich per Software-Update auf bereits ausgelieferte Geräte bringen lassen.
Richtig spannend wird es anschließend mit einer Funktion, die klassische Audiophile vermutlich kontrovers diskutieren werden. Über einen Dialog mit einer KI lassen sich individuelle Klangprofile erzeugen. Als Test wähle ich eine eher trocken produzierte Studioaufnahme von Johnny Cash und bitte die KI, sie so zu verändern, als säße ich nicht mehr im Aufnahmestudio, sondern in einem großen Open-Air-Stadion. Wenige Augenblicke später ist die Berechnung abgeschlossen – und das Ergebnis verblüfft. Natürlich zaubert der X8 keine zehntausend Konzertbesucher in mein Arbeitszimmer. Aber Atmosphäre, Raumgefühl und Hall verändern sich so überzeugend, dass der Eindruck eines Live-Konzerts tatsächlich entsteht. Nein, audiophil im klassischen Sinne ist das nicht. Aber es ist zweifellos ein faszinierendes Erlebnis.
Prototyping mit Logi Luo von Luxsin

Wenig später kommt sich Logi Luo, CTO von Luxsin, zu uns und lässt Tee kochen. Luo ist seit vielen Jahren begeisterter High-Ender und wirkt wie jemand, der genau den Beruf ausübt, den er sich immer gewünscht hat. Zu Hause, erzählt er, höre er wegen der begrenzten Wohnverhältnisse überwiegend über Kopfhörer. Außerdem stehe ihm jederzeit der akustisch optimierte Hörraum im Unternehmen zur Verfügung. Ob mir denn Shenzhen gefalle, fragt er, ich hätte bestimmt schon gemerkt, dass es hier eine schier unübersichtliche Zahl erstklassiger Restaurants gäbe.
Kopfhörerverstärker seien heute ein besonders spannendes Entwicklungsfeld, erklärt er. Rein aus Sicht der eigentlichen Verstärkung sei die Technik seit Jahren weitgehend ausgereizt. Natürlich könne man Netzteile weiter verbessern oder das Platinenlayout optimieren, doch die großen technischen Sprünge lägen längst hinter der Branche. Heute gehe es vielmehr darum, den Nutzern neue Erlebnisse zu ermöglichen und Produkte zu entwickeln, die sich ihren Bedürfnissen anpassen.

Als Beispiel legt er einen Prototypen auf den Tisch, der dem aktuellen X8 auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich sieht. Dann greift er an den Lautstärkeregler, zieht ihn einfach ab und legt ihn vor sich. Der Drehknopf entpuppt sich als Fernbedienung. Anschließend setzt er ihn wieder auf das Gerät, wo er von Magneten präzise in seine ursprüngliche Position gezogen wird – warum, frage ich mich, ist darauf noch niemand gekommen?
Luo holt weiter aus und spricht über Gehäusedesign und Fertigung, Zukunftssicherheit – weshalb er sich bewusst für Linux als Betriebssystembasis entschieden hat – und den sich wandelnden HiFi-Markt. Er argumentiert differenziert und mit einer bemerkenswerten Gelassenheit. Die Lösung einzelner technischer Detailprobleme überlässt er seinen Spezialisten. Seine Aufgabe, so wird schnell deutlich, ist eine andere: Er behält das große Ganze im Blick und entscheidet, wohin sich die Produkte in den kommenden Jahren entwickeln sollen. Immer wieder steht dabei das Thema Kundennutzen im Vordergrund: Wie kann man die Geräte noch mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden hinentwickeln? Wenn er und sein Team einen Punkt zur Verbesserung finden, wie beispielsweise diesen zur Fernbedienung mutierenden Lautstärkeregler, dann war es ein wirklich guter Tag.
Kleines Dessert: Soundcheck im firmeneigenen Hörraum

Anschließend nehme ich mir noch etwas Zeit für den akustisch optimierten Hörraum des Unternehmens. Neben den hauseigenen Produkten setzt man hier auf Lautsprecher von Focal – zweifellos keine schlechte Wahl. Nach den vielen Eindrücken der vergangenen Tage bin ich allerdings fast schon übersättigt. Natürlich höre ich, dass die Anlage ausgesprochen sauber, räumlich und vollkommen unangestrengt spielt. Aber hätte ich nach allem, was ich gesehen und erlebt habe, ernsthaft etwas anderes erwartet?
Zàijiàn, Zidoo!
Eki Shaw bringt mich schließlich zurück zum Bahnhof. Wir verabschieden uns herzlich, und ich werde wieder auf mich allein gestellt – ein Umstand, um den ich mich besser etwas früher gekümmert hätte. Sämtliche Hochgeschwindigkeitszüge nach Hongkong sind an diesem Abend ausgebucht. Also beginnt eine kleine Odyssee: Mit dem Taxi kämpfe ich mich im Feierabendverkehr bis in die Nähe der bald schließenden Grenze, gehe zu Fuß nach Hongkong hinüber, suche dort ein Taxi, das ausnahmsweise Kreditkarten akzeptiert, handle irgendwie noch den Fahrpreis aus und lande erst spät in der Nacht in einer kleinen Bar unweit meines Hotels.
Während ich die letzten Tage bei Live Jazz und Bier Revue passieren lasse, wird mir klar, was von dieser Reise wohl am längsten in Erinnerung bleiben wird. Nicht die schwindelerregende Geschwindigkeit, mit der in Shenzhen neue Produkte entstehen. Nicht die beeindruckenden Elektronikmärkte und auch nicht die Prototypen von morgen. Sondern die Menschen, die mir überall zunächst eine Tasse Tee angeboten haben – und erst danach über Technik sprechen wollten.

Kontakt
audioNEXT GmbH
Isenbergstraße 20
45130 Essen
Telefon: +49 (0) 201 799 39 404
E-Mail: info@audiodomain.de
Web: https://www.audiodomain.de/
PREMIUM-HÄNDLER, die Eversolo führen
Leserbrief
