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beyerdynamic Black Friday

Canjam 2014

September 2014 / Tobias Zoporowski

Bereits zum zweiten Mal fand die bislang einzige reine Kopfhörer-Messe Europas, die „CanJam“ (www.canjam.de) statt. Am neuen Veranstaltungsort, dem Kongresszentrum der Messe Essen – das dem gestiegenen Platzbedarf mit nunmehr rund 70 Ausstellern Rechnung trägt – zeigte sich, dass das Thema „Portable Audio“ regen Zuspruch genießt. Ein Trend, den auch wir bereits seit Längerem beobachten und der sich zu verfestigen scheint. Tatsache: Ein Smartphone mit eingebautem Musikplayer oder einen reinen Medienporti hat inzwischen fast jeder.

Nun scheint es an der Zeit, aus diesen Zuspielern das Bestmögliche herauszuholen. Und so gibt es kaum noch eine Fachmesse, zuletzt die Internationale Funkausstellung in Berlin, die ohne Kopfhörer und mobiles Zubehör auskommt. Alle namhaften Hersteller der HiFi-Branche, und durchaus auch einige weniger bekannte, sind auf den Zug aufgesprungen und bieten von der Taschengeldliga bis hin zu Highend-Sphären für jeden Anspruch und Geldbeutel ein passendes Produkt. Nur konnte man diese bislang nie auf einer wirklich spezialisierten Ausstellung betrachten und ausprobieren.

Canjam 2014
Angenehm gemischtes Publikum

Der gestiegenen Nachfrage trägt die „CanJam“ – organisiert und ausgerichtet von der Berliner Agentur „Kommunikation mit Strategie“ – Rechnung. Fast scheint es, als habe Agenturchefin Juliane Thümmel nur rufen müssen und alle sind sie zur großen „Silent Party“ gekommen. Und so liest sich das Ausstellerverzeichnis auch wie das Who is who der Branche: Von AKG bis WOD Audio – dem Vertrieb der vielversprechenden neuen Marke „ifi Micro“ – haben alle ihr Tischchen in Essen aufgebaut. Das ist wörtlich gemeint! Die ganze Veranstaltung wirkt auf den ersten Blick wie ein fröhliches improvisiertes Turnhallenfest. Nur, dass es trotz all der Aussteller und Besucher recht leise zugeht.

Canjam 2014
Auch Branchengrößen wie AKG saßen mit den Kunden an
einem Tisch

Man stelle sich einen großen Saal vor, bestückt mit langen Tischreihen und meterweise Stellwänden. Auf übertriebene Deko oder sonstigen Messe-Chichi ist praktisch komplett verzichtet worden. Was ausschließlich Vorteile hat: So nah wie auf der „CanJam“ können sich Anbieter und Interessierte kaum kommen – man sitzt, sprichwörtlich, an einem Tisch, kann ausgiebig Musik hören, die verschiedensten Kopfhörermodelle gern auch am eigenen Porti oder mit eigenen CDs ausprobieren und sich direkt mit den Herstellern und Vertrieben austauschen.

Canjam 2014
Direkter kann man nicht mit Herstellern und Vertrieben sprechen

Auch für die ist die Kopfhörermesse ein Gewinn: „Wir haben hier kaum Streuverluste. Die Menschen hier sind sehr zielstrebig, bereits im Vorfeld gut informiert und stellen präzise Fragen. Zudem ist der logistische Aufwand für uns sehr gering“, freut sich etwa Norbert Lehmann, Chef von Lehmann Audio aus Köln. Dem pflichtet Werner Obst von WOD Audio bei: „Es gibt keine andere Messe, bei der ich mit nur einer Pkw-Ladung anreisen muss und innerhalb kürzester Zeit auf- und wieder abgebaut habe.

Werner Obst von WOD Audio
Werner Obst von WOD Audio mit dem ifi „iDSD“

Stellt man diesem geringen Aufwand das hohe Publikumsinteresse entgegen, ist die CanJam eine tolle Sache. Obwohl es gern auch noch etwas voller sein dürfte“, ergänzt der sympathische Hesse verschmitzt.

ifi Micro

Auch Frank Gaiser vom Augsburger High Fidelity Studio – in Essen als Repräsentant der amerikanischen Kopfhörerschmiede Grado zugegen – ist sichtlich mit seinem stets umlagerten Messestand zufrieden, auf dem Grados neue Modelle der „E-Serie“ Weltpremiere feiern.

Frank Gaiser vom Augsburger High Fidelity Studio
Frank Gaiser präsentiert Grados neuen Tophörer GS 1000e

Insbesondere das neue Spitzenmodell der New Yorker, der mit Mahagonigehäusen in Handarbeit gefertigte „GS 1000e“ begeisterte die Besucher offensichtlich so, dass er die Köpfe praktisch ständig wechselte. Mit knapp 1.100 Euro ist der dynamische Ami wahrlich kein günstiges Vergnügen, generiert mit seinen optimierten Schallwandlern und Schwingspulen aus hochreinem, langkristallinem Kupfer allerdings auch eine sowohl druckvolle wie pointiert-präzise Basswiedergabe, die dem nuancierten und samtig-neutralen Mittelhochton in nichts nachstand. Dies ließ sich gar unter Messebedingungen ganz gut beurteilen und dürfte sich in ruhiger Umgebung bestätigen lassen. Die überarbeitete E-Serie startet übrigens bei moderaten 99 Euro.

Grado
Die ganze Grado-Palette stand für Hörtests bereit

Beim Bremer Vertrieb Sieveking Sound zeigte HiFiMANs jüngster Magnetostat HE-400i unter anderem mit Pink Floyds SACD „Wish you were here“, was er drauf hat. Und das ist für die geforderten knapp 500 Euro wahrlich eine ganze Menge.

HiFiMan
Magnetostat für Popfans: HIFIMAN HE-400i

Etwas „gefälliger, für ein breiteres Publikum“ sei der 400er abgestimmt, so Vertriebschef Jan Sieveking – der nebenbei noch einen Defekt an einem Kopfhörerverstärker behob, was ihm sowohl Multitasking- als auch Handwerkstalent bescheinigte – aber immer noch ein „Highend-Produkt“.

Jan Sieveking im Gespräch
Jan Sieveking (Sieveking Sound, l.) berät persönlich

Womit er ins Schwarze traf: Der in seiner überarbeiteten Form vor allem leichter und durch ein neues Kopfband bequemer gewordene HE-400i verfügt gegenüber seinem großen Bruder HE-560 über einen höheren Wirkungsgrad bei gleichzeitig etwas wärmerem und – so mein Eindruck – auch etwas druckvollerem Klangbild. Somit eignet sich der Neuling auch für Fans von Rock- und Popmusik.

Beyerdynamic hatte vergleichsweise großes Besteck aufgefahren: Gleich drei neue Modelle – die In-Ear-Hörer iDX 120 iE und iDX 160 iE und der ohraufliegende DTX 350p – zeigten sich in Essen erstmals der interessierten Öffentlichkeit. Mit zahlreichen Touchpads, auf denen die Besucher ihre Musikauswahl zur Klangprobe treffen konnten, zeigte sich Beyerdynamics Präsenz angemessen modern wie innovativ und war stets gut besucht.

Wettbewerber Sennheiser setzte dagegen auf die Anziehungskraft seines legendären Oldies „Orpheus“ aus dem Jahre 1991. Der elektrostatische Referenzhörer mit seinem weltberühmten, röhrenbestückten Speiseteil, den es seinerzeit nur in einer limitierten Auflage von 300 Stück zum Preis von 22.000 (!) D-Mark gab, konnte im Vergleich zur aktuellen Kopfhörerpalette des Hauses gehört werden.

Sennheiser Orpheus
Immer noch ein Traumgerät: Sennheiser Orpheus von 1991

Und so manchem Besucher war anzumerken, dass er sich nicht entscheiden konnte, wem er im Zweifel den Vorzug gegeben hätte. Allerdings: Keine Chance, den „Orpheus“ gibt es nun einmal nicht mehr und an einen Nachfolger denkt Sennheiser nicht. Auf entsprechende Nachfrage antwortete das Standpersonal indes ausweichend: „Gehen Sie davon aus, dass Sennheiser um die Vorzüge des Elektrostaten weiß. Mehr kann und darf ich Ihnen derzeit nicht sagen.“ Aha.

In Sachen Kopfhörerverstärker hat meiner Ansicht nach der Chord „Hugo“ das Prädikat „Star der Show“ verdient. Mehr digitale Kompetenz auf noch kleinerem Raum unterzubringen, dürfte schwer werden. So vereint „Hugo“ – dessen Name (sprich: „You go!“) Mobilität ausdrücken soll – einen Kopfhörerverstärker und einen audiophilen D/A-Wandler in einem nur 10 x 2 x 13 Zentimeter kleinen Gehäuse.

Chord Hugo
Chord Hugo: Kopfhörerverstärker/DAC für anspruchsvolles Hören

Das DAC-Modul bietet insgesamt fünf Eingänge inklusive optischer und koaxialer Buchsen sowie die Möglichkeit, via USB Datenraten bis zu 32 Bit und 384 Kilohertz zu decodieren. Zudem unterstützt er Bluetooth-Streaming mittels apt-X-Codec in CD-Qualität. Das chordtypisch sehr massiv verarbeitete Kistchen hat allerdings seinen Preis: Um 1.700 Euro wird er kosten.

Den vermutlich größten funktionierenden Kopfhörer der Welt stellte dagegen das Kölner Unternehmen Sonic Chair vor den eigentlichen Veranstaltungssaal: Der stylish designte Sessel ist mit einem kompletten Audiosystem inklusive Class-D-Verstärkern und digitalen Schnittstellen für iPod, Tablet, Notebook und Co. ausgestattet und unterhielt die Besucher mit einer durchaus eindrucksvollen Vorstellung.

Sonic Chair
Die größte Ohrmuschel der Messe: Sonic Chair (ab 12.500 Euro)

Das Berliner Unternehmen HighResAudio führte mithilfe des exklusiven Tonmöbels (Preis ab 12.500 Euro) die Qualität seiner hochauflösenden Audiodateien vor. Offenkundig zum Vergnügen des Publikums, der „Ohrensessel“ war stets besetzt.

Fazit: Die „CanJam“ hat unbedingt Potenzial! Das Interesse des Publikums – übrigens jeden Alters, wer Sorge hat, ausschließlich typischen „HiFi-Nerds“ über den Weg zu laufen, wird erfreut sein – ist groß, die Atmosphäre angenehm und die Aussteller durch die Bank aufgeschlossener als auf den meisten großen Shows. Zudem ist Essen als Austragungsort aus allen Himmelsrichtungen gut zu erreichen, die Parkplatzsituation an der Messe hervorragend. Die „CanJam 2015“, so ist vom Veranstalter zu hören, wird bereits geplant.

Kontakt: www.canjam.de

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Über den Autor

Equipment

Analoge Quellen: Laufwerk: Transrotor Insigne Tonarm: Rega RB 300 Tonabnehmer: Shelter 201 (MM) Sonstiges: Tuner Sansui T-80

Digitale Quellen: CD-Player: Lua Appassionato, Yamaha CD-S 1000 Streamer: Pioneer N-50, Marantz NA 8005

Vorstufen: Phonoverstärker: Lehmann Audio Black Cube Statement

Lautsprecher: Magnat Quantum 905, Klipsch RF-82 II

Kabel: Sonstiges: LS- und NF-Kabel durchgängig in-akustik, alternativ Eagle Cable, WireWorld

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Magnat MC100