Test Vollverstärker Thule Spirit IA75B

Wenig Knöpfe fürs Geld

Thule Spirit IA75B

August 2007 / Ralph Werner

Woran denken Sie zuerst, wenn Sie den Namen "Thule" hören? Wenn ich unsere Zielgruppe richtig einschätze - klassisch-humanistisch gebildet Leute - dann wohl an eine Insel im hohen Norden, die weiland vom Griechen Pytheas entdeckt wurde. Tja, mir gingen als erstes Dachgepäckträger durch den Kopf, auf denen ich mein Snowboard schnalle, wenn es in die Berge geht. Und natürlich Prinz Eisenherz ...

Ich hoffe, Sie rümpfen nicht allzu doll die Nase, angesichts dieser Profan-Assoziationen. Aber vielleicht ist diese Reaktion gar nicht zu vermeiden, denn irgendetwas sagt mir, dass man sich mit dem Wort Thule auch in wenig sympathischer Gesellschaft befinden kann.

Aber das ist nicht das Thema. Auch möchte ich nicht über Dachgepäckträger oder über Prinzen mit fragwürdigen Frisuren referieren müssen: Hier geht es um den Vollverstärker Thule Spirit IA75B! Und um Namens-Spekulationen endgültig zu beenden: Die dänische Firma Thule ist benannt nach ihrem Gründer - Anders Thule.

Wie es sich für skandinavisches Design zu gehören scheint, zeigt sich der Spirit IA75B sehr aufgeräumt und funktional. Ganze zwei Köpfe zieren die Frontseite: Über den großen in der Mitte wird die Lautstärke justiert, der kleine - links neben dem Display - dient zum einen dazu, den Thule Spirit IA75B aus dem Standby-Modus ins Leben zu holen - und zum anderen als Eingangswahlschalter.

Thule Spirit IA75B: Frontplatte

Der Eingänge sind sechs vorhanden: einmal Tape, vier Hochpegel und ein "PA" - mit diesem lässt sich die Endstufe des Spirit IA75B von außen ansteuern. In die umgekehrte Richtung geht es durch einen Vorstufen-Abgriff - erfreulich, da so ein Aufrüsten leicht fällt - und natürlich mit den Lautsprecherbuchsen, von denen ein Paar vorhanden ist.

Thule Spirit IA75B: Rückseite

Leider kann ich mir eine kleine Invektive hier nicht verkneifen ... wer eins-zwei für einen Vollverstärker aufruft, sollte vielleicht auch bereit sein, zehn Euro mehr für die LS-Buchsen auszugeben. Die Dinger hat der Spirit nicht verdient:

Thule Spirit IA75B: Lautsprecher-Klemmen

Thule Spirit IA75B: An/Aus-Schalter

Und wo ist der An/Aus-Schalter? Der befindet sich auf der Rückseite direkt neben der Kaltgerätebuchse. Ob das sehr praktisch ist? Nun, es steigert zumindest die Eleganz der schlichten, gebürsteten Frontplatte ...

 

Um auf die Hochpegeleingänge zurückzukommen, einer von Ihnen ist symmetrisch ausgelegt und das nicht, um optisch etwas herzumachen, im Inneren aber gleich wieder zu desymmetrieren. Nein, Thules Spirit IA75B ist vollsymmetrisch aufgebaut, daher auch das "B" am Ende des Produkt-Kürzels - Balanced. Womit wir auch schon bei dem technisch Auffälligsten dieses Verstärkers wären. Anders Thule führt im Wesentlichen drei Vorteile des symmetrischen Schaltungsdesigns an:

  • Kein durch die Stromversorgung resultierendes Rauschen oder Brummen im Signalpfad.
  • Verbesserte Leistungsfähigkeit, da zwei Verstärker pro Ausgang zur Verfügung stehen.
  • Und schließlich: Störeinflüsse lassen sich durch XLR-Kabel wesentlich besser vermeiden, als bei "konventionellen" unsymmetrischen Cinch-Strippen.

Um mit dem letzten Punkt zu beginnen: Nicht umsonst sind in der Studio-Technik XLR-Verbindungen der Standard. Da das Signal einmal "normal" und einmal "invertiert" geführt wird, ist es durch eine anschließende Differenzverstärkung möglich, Störeinflüsse vom Audiosignal wieder zu "subtrahieren" (siehe Symmetrischer Anschluss)- ein echter Vorteil. Allerdings sind im Studio- oder Recording- Bereich auch wesentlich mehr Laufmeter Kabel üblich, zudem ist es eher die Ausnahme, dass alle Geräte an der gleichen Netzphase hängen - kurz und gut: Die Störeinflüsse sind hier um ein Vielfaches größer, als daheim vor der HiFi-Anlage. Dort hängen in aller Regel die Komponenten an der gleichen Netzleiste und wenn es mal zwei Meter zwischen Quelle und Verstärker werden, dann ist das fast schon lang. Ein gutes Cinch-Kabel muss unter diesen Bedingungen einem symmetrischen nicht unterlegen sein.

 

 

Auch über Sinn und Unsinn symmetrischer Schaltungen lässt sich mit HighEndern füglich streiten. Die einen loben die massefreie Signalführung, die anderen geben zu bedenken, dass der höhere Bauteileaufwand (es sind ja zwei Verstärkungszüge pro Kanal nötig) zum einen teurer ist, zum andern auch der Philosophie "möglichst kurzen Signalwege, möglichst wenig Bauteile" nicht gerade sehr nahe kommt. Des Weiteren ist auf eine (spiegelbildlich) exakte Bauteile-Auswahl zu achten, denn "Asymmetrien" hier resultieren schließlich in Signalverzerrungen. Nun ja, verständigen wir uns darauf, was schon Alt-Kanzler Kohl wusste: "Wichtig ist, was hinten raus kommt."

Die symmetrische Schaltung legt die Verwendung vom SMD-Bauteilen (Surface Mounted Devices) nahe, denn sonst würde es in dem recht "normal" dimensionierten Gehäuse (420 x 95 x 290 mm) wahrscheinlich zu eng - schließlich wollen vier und nicht zwei Verstärkerzüge Platz finden. Dank der platzsparenden Bauweise geht es im Geräteinneren dann auch übersichtlich zu:

Thule Spirit IA75B von innen ...

Die Lautstärkeregelung ist digital ausgelegt, hier besorgen ICs den Job, den sonst ein Potentiometer erledigen müsste - konsequent, denn die Regelung der Kanäle muss bei Vollsymmetrie mit einer besonders hohen Güte bewerkstelligt werden. Der Drehknopf in der Mitte des Spirit IA75B kennt keinen Anschlag - wird bei Null gestartet, braucht es schon knapp dreieinhalb Umdrehungen, bis das Maximum von 79 erreicht ist. Der Vorteil, den das mit Thule Spirit IA75B: Displaysich bringt, ist, dass die Lautstärkeregelung gerade im unteren Bereich sehr feinfühlig geschieht. Wo bei anderen Verstärkern bei einer Vierteldrehung schon ordentlich Pegel kommt, ist hier noch reichlich Platz nach oben. Schön gemacht. Das Display zeigt den eingestellten Wert deutlich und groß an - in kräftigem Rot.

Die äußere Erscheinung des Thule Spirit lässt auf eine extreme Variante von HighEnd-Purismus schließen. Weniger Knöpfe pro Geld werden Sie kaum woanders finden ... Aber schauen Sie einmal genau auf die Fernbedienung:

Thule Spirit IA75B: Fernbedienung

Unweigerlich wird man in die Profanität irdischen Daseins zurückgeholt. So manches Ding bei Conrad-Elektronik sieht dagegen aus wie Geschmeide. Ob es die wohl zu den Lautsprecherklemmen als Rabatt dazu gab? Egal, funktionieren tut sie schon und ich wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus: Der Thule erlaubt sich einen recht unmodernen Zug - Bass, Höhen und Balance sind einstellbar! Wow, da werde ich ja gleich ganz wehmütig, so lange ist das her ... Selbstverständlich habe ich trotzdem die Finger davon gelassen ...

Kommen wir aber auf Helmut zurück ...

Was kommt hinten raus?

Björk / VoltaBei der Musikauswahl ging es ein bisschen quer durch den Garten: Eher "anstrengende", harte Sachen von Björks neuer Platte "Volta", aber auch Piano-Jazz vom Tord Gustavsen Trio. Kristallklar schwingende Harfensaiten, gezupft von der begnadeten Joanna Newsom (ja, stimmt schon, ich mag sie und höre sie oft ...), aber auch dreckig-verzerrte Gitarren vom nicht weniger begnadeten Howe Gelb. Ein Amp sollte all' das können. Ach ja - das von mir freudig wiederentdeckte Yellow Shark Album macht nicht nur Spaß, sondern zeigt auch auf, was in Sachen Raumabbildung so möglich ist. Die letzte Großtat Zappas ...

 

 

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Im Test:

Vollverstärker:
Thule Spirit IA75B

Vertrieb:
Audioconcept GmbH

www.thule-audio.dk

UVP: 1.195 EUR


 

Equipment:

Quelle:

Audiomeca Obsession II
audiolab 8000CD
Wandler: Benchmark DAC1

Verstärker:

Accuphase E-212
Classic 6.6
Dussun V8i
Lua 4040C

Lautsprecher:

Sehring S703 SE
Spendor S 3/5
Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4

Kabel:

NF: Funk BS-2, van den Hul Integration Hybrid, Zaolla Reinsilber NF

LS: Fast Audio Copact M6, Ixos 6006 Gamma, ZU Audio Libtec

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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