neuanfang

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... auf der flucht

 

 

 

 

 

 

 

die spröde schönheit des sperrigen

Portishead die Dritte

Portishead / ThirdÜber diese Platte ist schon im Vorfeld fast alles gesagt worden - Stichwort: das Rennen um die schnellste Rezension -, dass man beinahe schon Angst haben muss, sie mit jeder weiteren Kritik schlicht totzuschreiben. Weshalb dann auch wir noch? Nun, manche Antworten sind simpel. Weil es einfach eine unglaubliche Platte ist, unglaublich großartig!

 

Nachdem sie 1994 mit "Dummy" und 1997 mit "Portishead" Musikgeschichte geschrieben haben, wagen die drei Musiker Geoff Barrow, Beth Gibbons und Adrian Utley nach elf Jahren - und einer entsprechend lange gehegten Erwartungshaltung ihres Publikums - einen neuen Vorstoß. Dieser hat nur noch marginal mit dem zu tun, was zunächst im Katalog der Plattenfirma Universal etwas hilflos unter "Jazz" gelistet war, weil wohl noch niemand so recht wusste, wohin mit dieser musikalischen Avantgarde, die einen Electro-HipHop-Mix in bis dato ungehörtem Zeitlupenstil spielte, bis ein findiger Musikjournalist auf die Idee kam, das Ganze unter dem - schon damals von seinen Protagonisten abgelehnten - Genrebegriff "TripHop" zusammenzufassen.

Doch schon Ende der 1990er-Jahre, spätestens aber zum neuen Jahrtausend hin wurde, nachdem sämtliche Wiederbelebungsversuche erfolglos verliefen, der TripHop - wie kurz vor ihm der artverwandte Acid Jazz - zu Grabe getragen (oder doch zumindest ins Hospiz abgeschoben). Und so ist die Wahl für einen ehemaligen diesem Genre zugerechneten Musiker Portisheadheute einfach: Entweder ewig im Gestern verhaftet zu bleiben und das Immergleiche zu wiederholen oder etwas ganz Neues, ganz Anderes zu schaffen. Portishead begingen nicht den Fehler, ihren Meilenstein Dummy kopieren zu wollen, sondern entschieden sich für den Neuanfang.

 

 

Gleichgeblieben ist lediglich die fast schon beängstigende Intensität von Beth Gibbons verstörendem Gesang; ansonsten mäandert "Third" in spröder Zerrissenheit irgendwo zwischen Folk-Rock, Horrorfilm-Soundtrack und vor Portisheadallem Industrial - von dem es sich seine alles zermahlende Schwere, seine stampfenden Brachial-Rhythmen, seine irrlichternden Samples, seine nervösen Störgeräusche lieh. Die Songs enden abrupt, und Beth Gibbons brüchige Kettenraucherstimme scheint permanent auf der Flucht zu sein, als würde sie andauernd gehetzt über ihre Schulter blicken, während sie so schnell sie kann läuft. Egal wo hin, nur weg von dem Grauen! Doch führt das Rennen nie zum Ziel, eine (Er-)Lösung ist nicht in Sicht, das Desaster scheint unabwendbar.

"Third" steigert sich mehr und mehr in eine auswegslose Abwärtsspirale, jedes Lied eine Musik gewordene Kurzgeschichte Edgar Allan Poes: Obgleich man die Tore verrammelt hat, um die in der Stadt wütende Pest auszusperren und sich stattdessen dem Amüsement eines pompösen Maskenballes hingibt, lauert die Pest schon innerhalb der Palastmauern, und die ausschweifende Festivität wird zum Tanz mit dem Tod.

Das ist unheimlich, das ist gespenstisch, das erzeugt Beklemmungen und inneres Unbehagen. Wahn, Hypnose, Film Noir - alles da. Portishead zelebrieren in einem ebenso unberechenbaren wie längst aus dem Ruder gelaufenen Klangexperiment die spröde Schönheit des Sperrigen, manchmal bis zur Grenze des Erträglichen. Wahrlich, Mainstream ist woanders. Musikjournalisten haben aber auch hierfür schon ein neues Kunstwort parat: P-Core.  Manchmal sollte man es wohl besser mit dem Wittgenstein'schen Diktum halten, dass man über das, worüber man nicht reden kann, besser schweigen soll. Oder schlicht zugeben: Hier passiert ganz große Kunst. Und kein Schreiber wird die je totkriegen.